Tag 4: Rechtsmaurisch und linksmaurisch

Bon soir, mes amis!

Also, das ist hier ein bisschen wie in Köln. Es gibt einen quasi linksrheinischen und einen quasi rechtsrheinischen Teil von Marrakesch. Im rechtsmaurischen Teil wohne ich und war hauptsächlich auch bisher dort unterwegs. Links von der Mauer befindet sich Gueliz, die Neustadt. Da wollte ich jetzt mal genauer hinschauen. Um es vorweg zu nehmen: Wie in Köln ist der rechtsseitige Teil natürlich viel interessanter und schöner!

Aber von Beginn an. Der Temperatursturz ist eingetreten. 22 Grad beim Frühstück!!! Da habe ich mir vor lauter Frost erst einmal ein Spiegelei bestellt. Und Obst gegessen wegen der Vitamine. Hoffentlich hilft das gegen die drohenden Begleiterscheinungen des nahenden Winters.

Mal so gaaaanz andere Souks!

Nach dem Frühstück machte ich mich auf in die südwestlich des Djemma el Fna gelegenen Souks. Die sehen wieder einen Tacken anders aus als die anderen. Wobei die Auswahl an Waren sich wiederum kaum unterscheidet. Ein paar sehr herausgeputzte Riads gibt es da. Ich umrundete die Koutoubia-Moschee und lief dann die Avenue Mohammed V entlang. Ganz zu Anfang liegt der sogenannte Cyber-Park. Ohne Eintritt und unspektakulär, aber sehr schön! Sponsored by Maroc Telecom. Viele der Gewächse sind beschrieben und alles ist gärtnerisch sehr nett gestaltet.

Der Cyber-Park könnte wegen des Namens den ein oder anderen Science-Fiction-Fan enttäuschen.

Weiter ging es die Avenue entlang, über den Platz der Freiheit und den Platz des 16. November, bis ich in den links gelegenen Nebenstraßen auf das Museum MACMA, Musée d’art et de culture de Marrakech, stieß. Der Name des Museums ist ein ganz kleines bisschen irreführend, da es hauptsächlich um Fotografien von ca. 1850 bis in die 1970er Jahre geht. Alles ist thematisch gut aufbereitet, die Ausstellung sehr ansprechend gestaltet. Vor allem die Porträts sind allein einen Besuch wert. Obwohl ein Kommentator bei Google hierzu von „Geiselnahme der Portraitierten in ekelhaftester Weise“ fabuliert. Gibt schon interessante Auffassungen.

Lohnt! Das 70-Dirham-MACMA.

Mein nächster Abstecher ging in das Carré Eden Einkaufszentrum. Alles da, was wir hier sonst schwer vermissen würden: H&M, Zara, Carrefour-Supermarkt uswusf. Die Preise scheinen mir hier seeeehr zivil zu sein. Wenn man drinnen ist, erinnert aber nix mehr an 1001 Nacht. Könnte so auch in Ennepetal stehen, nur dass ein Carrefour dort natürlich exotisch wirken würde. Im Carrefour kaufte ich mir eine Orangina und wurde aufgeklärt, ich könne mir umsonst noch eine zweite holen. Da haste aber mal jemand durch die Gänge flitzen sehen. Ich hatte nämlich Megadurst!!! Nicht dass mir da noch einer Sparfüchsigkeit unterstellt. Die Kassiererin hatte auf jeden Fall Spaß.

Auf dem Rückweg zur Medina besuchte ich das Ensemble Artisanal Marrakech, ein Gebäudekomplex, in dem ein paar Dutzend Kunsthandwerker und Kooperativen ihre Läden haben. Keiner bedrängt einen und an allem klebt ein Preisschild! Ich hatte Tränen der Freude in den Augen!! Aber es ging auf das Freitagsgebet zu, so schloss ein Laden nach dem anderen und die Besitzer und Angestellten strömten zur Moschee. Ich strömte einfach mal mit und setzte mich vor der Koutoubia-Moschee auf eine Bank, lauschte dem Muezzin und sah der Bevölkerung beim Strömen zu.

Kunsthandwerk zum Festpreis.

Als der Muezzin geendet hatte, lief ich weiter zum Djemma el Fna. Dort wurde die Freitagspredigt per Lautsprecher übertragen und die Budenbesitzer versammelten sich semiprovisorisch auf dem Platz und verrichten ihre Riten. Daher waren viele Stände verwaist. Ich nahm bei einem scheinbar gottlosen oder mit einer Ausnahmegenehmigung versehenen Saftverkäufer einen überteuerten Drink zu mir (die Mehrkosten wurden durch meinen Wunsch nach Ingwer im Drink gerechtfertigt) und schaute dem Spektakel zu.

Dann tauchte ich wieder in die Souks ein und besuchte erneut die Dachterrasse des Café Árabe. Diesmal gab’s zum Bier ca. 2 kg Oliven und scheinbar selbstgestrickte Grissinistangen. Sehr lecker.

Souk des teinturiers

Apropos selbstgestrickt: Nach der Erfrischung stolperte ich ohne Absicht in den Färber- und Wollsouk. Der hatte also quasi nun mich gefunden! Dort erstand ich dann einen Schal in einem Laden, der noch einen steinernen Färberbottich hatte. Dort habe ich für meinen nächsten Besuch noch eine Haartönung frei, sollte ich in den Bottich steigen wollen. Ein paar Läden weiter kaufte ich eine paar Holzschnitzereien und bekam dann in meiner Gegenwart einen Glücksbringer hergestellt. Alles mit der „Fuß-Black&Decker“.

Mein Glücksbringer wird hergestellt.

Ich guckte noch bei einem Concept-Store namens Max & Jan vorbei, aber die wirklich netten Sachen, die die hatten, waren mir ein Jota zu teuer. Daher zog es mich erst einmal wieder in mein Riad, das jetzt komplett ausgebucht zu sein scheint. Hier boxt der Papst. Aber ist ja auch nett hier. Gegen die Hellhörigkeit mussten allerdings gestern Nacht die Bilsom 3000 in die Lauscher. So heißen meine favorisierten Oropax. ?

Eigentlich wollte ich im Riad zu Abend essen, aber das hätte ich spätestens beim Frühstück ankündigen müssen. Leider vergessen. Daher begab ich mich vor Sonnenuntergang zum Café de France, das viele für eine Touristenfalle halten. Man hat halt einen guten Blick über den Djemma el Fna und kann prima Sonnenuntergangsfotos schießen. Dass man sich hier mit Service etc. keine große Mühe macht, liegt aber auch vielleicht daran, dass um jeden Tisch vier Personen sitzen, die mit 4 Strohhalmen aus einer Piccoloflasche Wasser nippen.

Als die Rufe der Muezzins den Sonnenuntergang verkündeten, steckte sich einer der Kellner sofort eine Fluppe in den Mund, an der er, begleitet von hektischen Blicken auf seine Armbanduhr, schon geraume Zeit herumnestelte.

Die Tajine mit Rind und Feige, die ich hatte, war übrigens mehr als genießbar.

Den Unterschied zwischen Tanjia und Tajine erläutere ich in meinem demnächst erscheinenden Buch zu diesem Thema.

Der Rest des Abends gehört nun der Dachterrasse des Riad Karmela.

A demain. ?

Euer Gerald

P.S.: Im Salon Jiad wird schlechten Frisuren der Krieg erklärt.

P.P.S.: Und das hätte ich in Marokko auch irgendwie nicht vermutet…

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