Tag 3: Irrungen und Wirrungen

Marhaba, Ihr Lieben!

Heute bin ich wieder durch die Stadt geirrt, Leuteleuteleute. Das war nicht mehr feierlich. Diesmal haben alle Apps versagt.

Aber gehen wir chronologisch vor: Der Temperatursturz setzte heute früh schon ein, es waren um acht Uhr nurmehr 28 Grad. Ich beschloss, im Laufe des Tages den Wollmarkt zu besuchen, um mich auf die Eiszeit vorzubereiten. Ich kürze hier aber einmal ab: Ich habe ihn nicht gefunden. 🙁
Zumindest erspart mir das jetzt den Online-Strickkurs.

Nach dem Frühstück brach ich erstmal ziellos in eine andere Richtung als gestern auf. Ich lief am Gemüsemarkt vorbei zur Medersa Ben Yousseff, der ehemaligen und auch wegen ihrer Architektur berühmten Koranschule. Zwar stand schon im Reiseführer, dass diese wegen Renovierung geschlossen ist, aber ich dachte, man sieht von außen etwas. Pustekuchen. Da beschloss ich, mal ohne Plan und Navi rumzulaufen.

Die zuene Medersa

Ich kam in immer untouristischere Gebiete, schlich durch Gassen an vielen geschlossenen Läden vorbei, an Schulen, Werkstätten und kleinen Moscheen und landete schließlich auf einer Art Wochenmarkt. Das sieht ein bisschen anderes aus als bei uns. Und es wird alles betatscht und es wird gefeilscht. Ich habe mir vorgestellt, wie meine Poller Marktfrau reagieren würde, wenn ich zuerst jede einzelne ihrer Kartoffeln quetschen würde, um ihr dann zu erklären, die seien zu teuer. 🙂 Auch Ziegenköpfe oder -füße werden wohlfeil gehalten. Auch wurde an einem Stand ein lebendiges Huhn gewogen und dann vor den Augen der Käuferin geschlachtet. Aber das hat ja was ehrliches. Da weiß man, was man isst und wo es herkommt.

Zwei Gemüsehändler spielten zwischen ihren Ständen auf einer behelfsmäßig bemalten Pappe Dame. Spieler 1 mit Karottenscheibchen, Spieler 2 mit Lauchstückchen.

Mit dieser kleinen Tour waren schon wieder zwei Stunden rum. Ich bemühte mich zurück zum Riad und trank dort – denn das muss man angeblich in Marrakesch einmal gemacht haben – einen thé à la menthe. Der hat nun so gar nichts mit unserem Pfefferminztee zu tun. Und ist gezuckert ohne Ende und schmeckt köstlich. Man muss nur aufpassen, dass man sich an der Metallkanne nicht die Pfoten verbrüht, die kommt nämlich direkt von der Herdplatte. Dazu gab es ein bisschen schmackhaftes Gebäck.

Vom Riad aus wollte ich zum Jardin Majorelle, einem Garten, den ein französischer Künstler um 1920 anlegen ließ, der aber im Laufe der Jahre verfiel (der Garten, nicht der Künstler… wobei… ) und von Yves Saint-Laurent und seinem Partner Pierre Bergé ab den 80er-Jahren wieder in Schuss gesetzt wurde. Der Weg dorthin war – gelinde gesagt – eine Katastrophe. Ich verließ mich nämlich auf die Vielzahl meiner Apps. Anstatt mit Umweg drei gerade Straßen entlang zu gehen, empfahlen mir alle eine Art Zick-Zack-Kurs, was dazu führte, dass ich mich hoffnungslos verirrte. Geh mal nach links, wenn Du in einer Sackgasse aus lauter Wänden stehst…. Statt der veranschlagten 30 Minuten brauchte ich anderthalb Stunden bis zum Garten.

Nun. Der Garten ist bestimmt sehr schön. Man bekam zumindest eine Ahnung, was für eine Oase er sein könnte. Leider war er hoffnungslos überlaufen. Und das bei den üblichen 70 Dirham Eintritt. Üblich, weil bisher alles 70 Dirham gekostet hatte. Nur fand ich es hier nicht angebracht. Ich war nach 15 Minuten wieder draußen, weil selbst im Café kein Platz war, man ständig aufgefordert wurde, mal aus dem Bild zu gehen, weil Schatzi vor dem Baum fotografiert werden sollte, wahlweise auch vor dem Teich oder dem Kaktus. Enervierend. Und es ist touristisch nicht besonders voll zur Zeit hier. Da mag man sich gar nicht vorstellen, was los ist, wenn die Stadt gut besucht ist.

Dieses Kobaltblau wird auch Majorelleblau genannt.
Lassen Sie mich durch, ich bin Tourist!

Ich ließ mich dann in der Nähe auf einer Terrasse nieder, um eine Citron pressé zu trinken. Hui. Das war sauer. Machte aber lustig. Hihi. Ich begab mich auf den Weg zu den sieben Heiligen, einer Turmkonstellation am Busbahnhof. Leider traf ich vorher auf den zahnlosen Youssuf. Der sprach sehr gut deutsch und wollte mich unbedingt den Rest des Tages begleiten. Er könne mich in eine Moschee bringen, dann dorthin oder wahlweise auch dahin. Er klebte an mir wie eine Klette. Aber ich war leider schon sehr erschöpft und wollte in meinem Tempo meine Wege gehen. Nix zu machen, alle dezenten Hinweise und später auch die weniger dezenten Hinweise versandeten ungehört. Auf einmal bekam ich einen Rippenkrampf. Das passiert mir ab und zu mal. Da quieke ich und verrenke mich dann ein bisschen, da die wirklich unangenehm sind. Das half dann. „Ohjeh, Du bist krank, dann will ich mal nicht stören…“. Das mache ich jetzt immer.

Die sieben Heiligen.

Mein Weg führte mich zurück Richtung Souks, wo ich die Dachterrasse des Café Árabe aufsuchte. Hier bekommt man nämlich kaltes Bier, wie ich heute früh beim Frühstück herausfand. Und das auch noch mit einer wirklich tollen Aussicht.

Der Kellner baute sich, nachdem ich mein Bier hatte, breitbeinig vor mir auf und fragte mich mit angriffslustigem Ton, wie ich im Ramadan direkt vor ihm Bier trinken könne, das sei eine Unverschämtheit. Ich erwiderte, er könne sich ja umdrehen, dann täte ich es hinter seinem Rücken. Wir haben beide sehr gelacht und sind jetzt ziemlich beste Freunde. Ein wundervoller Ort.

Die Dachterrasse des Café Àrabe. Das Restaurant ist riesig.

Bevor ich zum Riad zurückkehrte, besuchte ich noch das auf dem Weg liegende Musée de Marrakech. In den Google-Bewertungen wird die Qualität dieses Ausstellungsortes sehr kontrovers diskutiert, von Hasspostings bis Nobelpreisforderungen ist alles vertreten. Nunja. Ein bisschen Fotografie, ein bisschen Keramik, ein bisschen Gebrauchskunst, ein bisschen Weberei, ein bisschen moderne Kunst und das Atelier eines Künstlers, der vor Ort seine Bilder verkauft. Alles irgendwie ein bisschen lieblos und unstrukturiert. Und der eigentlich ganz sehenswerte Palast, in dem alles untergekommen ist, ist seit seiner Renovierung vor 20 Jahren schon wieder ein bisschen verfallen. Die Lobeshymnen kommen offensichtlich von Verwandten der Kuratorin.

Und nun sitze ich wieder im Patio des Riads und beobachtete gerade das Eintreffen einer enorm großen Reisegruppe aus zehn jungen Frauen und einem jungen Mann, der der Reiseleiter zu sein scheint. Eine Dame hat das Zimmer direkt am Patio im Erdgeschoss und scheint nicht glücklich damit zu sein. Ich werde das weiter beobachten.

— W E R B U N G — (gleich geht’s weiter)

Djemaa el Fna, die Trockenfruchtabteilung

Nach einer kurzen Unterbrechung jetzt der Rest des Tages in Kurzform. Ich lief kurz vor Sonnenuntergang zur Koutoubiya-Moschee, weil ich dachte, dass sich da zum Fastenbrechen etwas spektakuläres tut. Naja. Da war aber irgendwie nix. Der Muezzin war auch kurz angebunden und dann ging schon der Lärm auf dem großen Platz los. Ich streunte ein bisschen rum, versprach den Ständen 1, 5, 97 und 114 auf jeden Fall bei ihnen zu essen, stritt mich mit einem Straßenhändler, der für ein Plastikteil 10 Euro haben wollte und entschloss mich dann, im L’Adresse zu essen, auf der Terrasse mit Blick auf den Platz. Es gab die Fastenbrechersuppe Harira mit einem Berg von Datteln sowie eine Tanjia Marrakchia, 24 Stunden im Ofen gegartes, butterzartes, aber recht fettiges Lamm mit Zitrone.

Tanjia Marrakchia

Von den Datteln muss man übrigens eine ungerade Zahl essen, denn dann ist das Energie. Eine gerade Zahl bedeutet einfach nur Zucker. Auf meine Frage, wie sich das mit Brotscheiben verhielte, wurde erwidert, da gelte so ein Unsinn natürlich nicht.

Und ich habe Berberaffendresseure gesehen und Schlangenbeschwörer und Geschichtenerzähler und Musikanten. Aber weniger als am Dienstagabend, aber da war ich ja noch viel später da. Die Tierdresseure haben es nicht mehr so leicht wie früher, es hat sich herumgesprochen, dass es den Tieren nicht allzu gut geht und viele Touristen gehen diesen Attraktionen aus dem Weg.

Und gestern noch? Nein, kein Gang mehr zum Djemaa el Fna. Die Beine waren Pudding. Dafür aber mit meinem Roman auf der Dachterrasse gesessen, hinter mir Beschallung durch arabische Schnulzen mit arabischem Rap im Wechsel. CD-Dauer 20 Minuten und auf Endlosschleife gestellt. Plötzlich unmenschliches Gekreische. Unmenschlich? Ja, unmenschlich! Weil es von Katzen kam. Drei waren beteiligt. Ich weiß nicht, ob es um Liebe oder Geld ging, aber solche Laute hatte ich bis gestern noch nicht vernommen. Und das Katzen sooo laut schreien können, ahnte ich bis dato auch noch nicht.

Wenn Ihr mögt, ich wäre dann morgen Abend wieder hier. 😉

Euer Gerald

P.S.: Die unglückliche Dame zieht gerade (Nachtrag: erster Teil des Berichtes) ins andere Riad gegenüber.

P.P.S.: Wenn Ihr mal zu viel Mumpitz übrig haben solltet, dann macht doch einfach einen Humbuger draus!

P.P.P.S: Breaking News!

Immer mehr Marrakechis – auch verschleierte – solidarisieren sich mit den Marrakech Ultras

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