Tag 3: Mansfeld und Eisleben

Ihr Lieben!

Bevor wir weiterreisen, muss ich noch etwas über das Hotel erzählen. Mich hat erstens gewundert, dass das Zimmer so groß war. Beim Reinspinxen in andere Zimmer bemerkte ich, das die viel kleiner waren. Die Lösung: ich hatte ein barrierefreies bekommen. Ob es an meinen schönen blauen Augen lag oder ob ich so gebrechlich wirkte… Wir werden es nie erfahren. Zum zweiten gab es beim Frühstück kein Rührei. Eigentlich eine Katastrophe! Aber dafür konnte man seinen Kaffee aus Spezialitätenautomaten ziehen und eine „Pan Cake Machine“ war die Attraktion bei den Kindern. Und alles andere stimmte auch, da sehe ich gnädig über das fehlende Rührei hinweg.

Ich fuhr aus Zeitgründen mit der Straßenbahn noch einmal zum Augustinerkloster und zahlte ein Heidengeld, um die blöde Zelle doch noch sehen zu können. Immerhin reichte es noch für einmal den Kreuzgang entlang flanieren und die Besichtigung des Renaissancehofes des Klosters. Der ist sehr hübsch.

Und dann musste ich zur Stadtführung eilen. Und Google Maps hat mich wieder so in die Irre geführt, dass ich völlig aufgelöst auf die letzte Sekunde den Treffpunkt am Till-Eulenspiegel-Denkmal erreichte. Die Stadtführerin war super, aber leider zog sich alles wegen der recht großen Gruppe wie Haferschleim und 90 % der Dinge hatte ich gestern schon gesehen. So verabschiedete ich mich vor der Zeit und holte Cora vom Hotelparkplatz ab.

Wir brachen nach Mansfeld auf, wo Luther seine Kindheit verbrachte. Damals war die Stadt wesentlich bedeutender als z.B. Eisleben, war es doch der Sitz der Grafen von Mansfeld, die durch Bergbau und Handel unverschämt reich wurden. Luther kam schon ein Jahr nach seiner Geburt hierher, besuchte die Schule, war Ministrant in der St. Georg-Kirche. Auch später kam er immer wieder, um z.B. die Grafen bei juristischen Problemen zu beraten. Wenn ich mich recht erinnere, waren die Besitzungen von Luthers Eltern irgendwann veräußert oder verloren, aber Luthers Ehefrau Katharina von Bora kaufte sie später zurück und andere Güter auch noch dazu.

Unser erster Stopp war das Schloss der Grafen. Es wirkt ein bisschen baufällig, gefällt mir aber sehr gut. Es ist eine Jakobspilgerwegherberge und eine evangelische Tagungsstätte. Der Ausblick ist schön und die leicht verfallenen Gebäude versprühen einen morbiden Charme. Mansfeld selbst hat vom Soli vielleicht nicht so viel abbekommen. Es wirkt leider nicht so erblüht, wie andere Städte, die ich sah. Ein eher trister Ort. Direkt neben dem einigermaßen aufgehübschten Rathaus verfallen die Häuser. Unter anderem – wie sinnträchtig – der ehemalige Sitz der „Futura Finanz“ mit dem Slogan „Lebens. Werte. Zukunft“. Ich umrundete den Lutherbrunnen und versuchte dann, die Georgskirche zu entern. Ohne Erfolg. In Luthers Schulgebäude haust die Tourist-Info des Ortes. Als ich sie betrat, fielen die beiden dort verweilenden Damen vor Schreck fast in Ohnmacht. Wahrscheinlich war ich schon der zweite Besucher dieses Jahr. Wie ich denn in die Kirche käme, wollte ich wissen. Montags und Donnerstags gar nicht, wurde mir beschieden. Ich guckte mir noch das Elternhaus an (gegenüber ein Luthermuseum in einem Betonalptraum, das den Bachhausannex wie das Sydney Opera House wirken lässt) und verließ Mansfeld ein wenig deprimiert.

Ich musste dringend tanken. „Google, tanken!“. „Okay – folge meinen Anweisungen!“. Angekommen stellte sich heraus, dass es eine betriebseigene Zapfsäule war, für die man eine Tankkarte brauchte. „Google, ich muss wirklich dringend tanken!“ – „Okay, hier lang!…. Shell liegt direkt vor Ihnen!“. Nein, tat es nicht. „Google, ich werde langsam sauer. Und ich lösche Dich!“. – „Da gibt es irgendwo eine Star-Tankstelle….“. Ich hatte noch eine Reserve für 10 Kilometer. Gottseidank gab es dann diese Tanke. Tipp des Tages: Immer mal wieder zwischentanken. Notiz des Tages an mich: Unbedingt eine vernünftige Navi-App kaufen! Hat jemand einen Tipp?

Weiter ging es nach Eisleben. Geburts- und Sterbestadt Luthers. Am 10.11.1483 geboren, wurde Martin am 11.11. desselben Jahres nicht etwa auf den Namen Prinz Karneval, sondern auf den Namensheiligen des Tages, Martin von Tours, getauft. Kölner verwechseln da zuweilen mal was. Sein Todestag war der 28.02.1546 und er starb nur zufällig in seinem Geburtsort, weil er (mal wieder) bei Streitigkeiten im Hause Mansfeld schlichten sollte. Ich wohnte ja auch mal mit einer Familie gleichen Namens in einem Haus, aber ich musste keinen Streit schlichten, sondern nur ab und zu dem Sohn etwas Nachhilfe geben, ich erhielt dafür 1 Taler und 2 Groschen pro Jahr.

Wo Luther – übrigens als Martinus Luder, er änderte seinen Namen später, möglicherweise um an das griechische Wort eleutheria (Freiheit) zu erinnern und weil „Luder“ zudem damals eine noch schlimmere Bedeutung als heute hatte – geboren wurde, scheint unstrittig. Aber starb er wirklich im sogenannten Sterbehaus? Ich wohne im Hotel Graf Mansfeld und Quellen nennen diesen Ort (nicht das Haus, lange Geschichte) als Ort des Todes Luthers. Es gibt da vom MDR einen Artikel zu, der das nett erklärt. Irrtum schildbürgerhafter Qualität.

Das Hotel ist sehr schön, ich habe eine antik angehauchte Suite, es liegt super zentral (ich gucke auf das Lutherdenkmal), im Innenhof kann man prima draußen ein Lutherbier süppeln und gutbürgerliche Küche genießen. Nur zum hoteleigenen Parkplatz zu kommen, war eine Herausforderung, denn es gibt ohnehin schon viele Einbahnstraßen und davon sind etliche wegen der Vorbereitung des „größten Festes Mitteldeutschlands“, des Eisleber Wiesenmarkts, gesperrt. Zudem jährt sich dieses Event heuer zum 500sten Mal und wird entsprechend ausufernd geplant.

Eisleben an sich ist um diesen Luthergedenkplatz herum sehr nett, aber dahinter sieht es eher mau aus. Mal eben draußen sitzen, ein Bier süppeln? Fehlanzeige. In Fußweite nur in einem Eiscafé möglich. Eine schöne Altstadt zum Bestaunen? Fehlanzeige. Leider ist es hier wieder ein wenig zu leblos.Naja, das wird sich ja vielleicht am kommenden Wochenende ändern. Eine Herausforderung war es, die Lutherhäuser zu finden. Die Beschilderung ist verwirrend. Eine Handvoll Touristen irrte umher, alle mit dickem Fragezeichen im Gesicht. Mit zweien tat ich mich zusammen, um mit geballter Schwärmchenintelligenz die entsprechenden Stätten zu finden.

Ich ließ mich im Innenhof zu Lutherbier, auch Reformationsbier genannt – und das stimmt, es reformiert einen schon nach dem dritten Glas – und Würzfleisch mit Sauerkrautpuffern nieder und ließ so den Tag ausklingen. Während der Zeit kamen sehr viele Biker an, u.a. aus Dänemark und den Niederlanden. Es wird entweder fleißig geluthert oder die Landschaft hier ist für Biker sehr anziehend.

Am Abend defilierte an meinem Hotelfenster noch eine Gruppe Montagsdemonstranten vorbei, die „Wir sind das Volk“ krähte. Dazu wurde martialisch getrommelt und Russlandfahnen wurden geschwenkt. Wünscht man sich den Ostblock zurück oder was passiert hier? Eine weitere Fahne konnte ich nicht zuordnen, es würde mich aber nicht wundern, wenn es eine des Königreichs Deutschland gewesen wäre. Es wird ein heißer Herbst mit gut organisierten Schwurblern. Leider leiden Kritiker, die zurecht und in vernünftigem Ton Missstände anprangern, sehr unter solchen Schreihälsen!

Morgen geht es über Halle an der Saale weiter nach Wittenberg, wo ich plane, meinen Reisebericht an die Türen der Schlosskirche anzuschlagen. Seid Ihr wieder dabei?

Viele Grüße, Euer Gerry.

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