Tag 2: Gotha und Erfurt

Ihr Lieben!

Was bringt Menschen dazu, auf dem Hotelflur vor andrer Leuts Zimmern zu jauchzen, zu frohlocken und die Tage zu preisen, um mal mit Johann Sebastian Bach zu sprechen? Und das auch noch vor 8 Uhr früh, eine Viertelstunde lang, voller Inbrunst! Als ich merkte, dass die Damen sich von ihrem Platz vor meiner Tür nicht trennen konnten, beschloss ich, aufzustehen. Immerhin hatte ich ja wieder einiges vor. Bin ja froh, dass die Damen keine Kesselpauken dabei hatten.

Nach dem Frühstück checkte ich aus und brach erneut auf zum Bachhaus. Das hatte ich gestern nur von außen besichtigt, heute wollte ich das Museum entern. Leider war ich zu früh da, ich hatte nicht auf die Öffnungszeiten geachtet. Immerhin gab mir das Gelegenheit, eine vor der Bach-Statue verweilende Reisegruppe zu beobachten, deren Leiterin einen sogenannten“Ich weiß auch was und zwar besser!“-Mitreisenden nicht in den Griff zu kriegen schien. Das ist die Sorte Reisegruppenmitglied, die absurde Fragen stellt, sie dann selbst beantwortet, um zu zeigen, wie wahnsinnig belesen sie ist. Die bekloppteste Frage von ihm war „Hat Bach seinen Geburtstag nach gregorianischem oder julianischem Kalender gefeiert?“. Die Reiseführern scherzte dazu, aber mit sich steigendem aggressiven Unterton und die ganze Gruppe schien außerordentlich genervt. Verständlich.

Das Bachhaus selbst ist ganz interessant, verwinkelter Fachwerkbau mit einem monströsen modernen Betonannex, der wahrscheinlich auch noch einen Architekturpreis gewonnen hat. Bild müsst Ihr Euch selbst ergoogeln, ich wollte diesen… äh… Stilbruch nicht zeigen. Viele Instrumente sind ausgestellt, viele Bilder, viele Handschriften und Bücher, und aus allen Ecken und Winkeln tönen Bachs Kompositionen. Es gibt auch Live-Vorführungen in einem kleinen Konzertzimmer, aber dafür hätte ich noch zwei Stunden warten müssen. Diese Zeit hatte ich nicht. Alles sehr schön ausgedacht, aber: Zu wandeln, wo der Meister gewandelt ist, ist natürlich das Beeindruckendste an diesem Haus.

Kurz hatte ich überlegt, bei Bad Liebenstein den Glasbachgrund zu besuchen. Dort hatte unser weiser Fürst Friedrich unseren Reformator ja schein-entführen lassen. Aber für eine Gedenkstele einen Umweg von fast 40 Minuten zu fahren, erschien mir dann doch zu überkandidelt. Die ersparte Zeit hob ich mir dann für den Ort auf, wo Martin nach eigenem Bekunden fast vom Blitz getroffen wurde. Das scheint mir mystischer als die Stätte einer eine Fake-Entführung. Daher war mein nächster Halt erst einmal Gotha.

Martin Luther wollte ja schriftlichen Äußerungen zufolge in Gotha begraben sein. Dass das nicht geklappt hat, erfahren wir später auf der Reise noch, in Wittenberg. Aber was haben er und ich hier getrieben? Nun, als Karrierist in seinem Augustiner-Orden unterstanden Martin auch die entsprechenden Klöster der Umgebung. Daher visitierte er auch jenes in Gotha. Zudem hatte er Freunde dort und predigte das ein oder andere Mal in der Augustinerkirche.

Ja, und ich war angetan von einem Internetfoto der Stadtansicht und wusste, ich MUSS das auf Tintenfassteufelkommraus in die Lutherreise packen! Man kann ja alles in eine Lutherstadt verwandeln, wenn man will. „Der Bürgermeister hat seinen Zwergpudel ‚Martin‘ genannt.“

Mein erster Halt war Schloss Friedenstein, ein riesiger Komplex, der aber auch schon bessere Tage gesehen haben muss. Immerhin hängen schon Schilder, dass das Schloss saniert wird, nur wirkliche Arbeiten sieht man im Moment noch nicht. Heute ist eigentlich Tag des offenen Denkmals! Ich als kleiner Dummerle bin daher davon ausgegangen, dass der Eintritt zum Schloss und zum herzoglichen Museum frei sei. Hustepiepen. Ich verzichtete auf eine Besichtigung, da ich mir für mich persönlich nichts interessantes im Wert von 10 Euro davon versprach.

Anschließend lief ich in Gotha kreuz und quer herum und fand auch ohne Plan alle Sehenswürdigkeiten. Das ist nicht besonders schwer, sie hängen alle ziemlich dicht auf einem Haufen. Das Augustinerkloster, das Cranach-Haus, das Rathaus im wirklich wunderschönen Altstadtzentrum, die beeindruckende Brunnenanlage. Durch Zufall stieß ich auch auf ein Mohrenhaus, ich bin gespannt wie lange das noch so heißen darf. Alles in allem eine unglaublich sehenswerte und schmucke historische Innenstadt.

Ja, und dann ging es mit der ganzen ersparten Zeit zum Ort des Blitzeinschlags, wo, wie wir alle wissen, Luther gelobte, Mönch zu werden. Erstaunlich an der ganzen Geschichte ist, dass man wusste, wo man den Gedenkstein aufstellen sollte. Heute, klar, würde man sagen 200 m hinter dem Tierfriedhof, der sich 300 m hinter der Deponie befindet. Zu Luthers Zeiten war da aber vermutlich nichts. Überhaupt nichts! Absolut nichts! Verfügte Luther womöglich über Technologien, von denen wir nichts ahnen? Eine Art Vorgänger des GPS? Heute befinden sich an diesem sehr wichtigen Ort der Geschichte nahe Stotternheim der sogenannte Lutherstein sowie ein Picknickplatz. Letzteres hätte Luther – glaube ich – sehr gefallen.

In Erfurt suchte ich zuerst das Hotel auf. Ein sogenanntes Designhotel. Ich war eine Stunde zu früh, man schenkte mir aber eine eigentlich fällig gewordene Gebühr. Nett. Das Innere ist sehr modern und sehr, sehr bunt! Aber es gefällt mir gut. Diesmal wurde ich nicht von einer Horde amerikanischer Touristen begrüßt, sondern von einer Horde wild wütender Demonstranten vor dem nahegelegenen Bahnhof, die in ihren Wellensteyn-Jacken und Levis-Jeans gegen den Kaufkraftverlust anstänkerten.

Ich lief relativ ziellos durch Erfurt, fand aber auch hier viele bekannte Sehenswürdigkeiten durch Zufall. Morgen habe ich eine professionelle Stadtführung, daher habe ich mich nicht im Einzelnen mit den ganzen Bauten beschäftigt. Aber mir gefällt alles außerordentlich gut. Eine so hübsche Stadt und an jeder Ecke etwas zu entdecken. Zudem sprüht Erfurt nach den eher beschaulichen Orten Gotha und Eisenach vor Energie, die Menschen sind auf den Straßen, die Außengastronomie ist vielfältig und voll. Hier könnte man es gut ein paar Tage am Stück aushalten.

Auf dem Domplatz findet zur Zeit ein riesiges Weinfest statt. Mir war aber eher nach Bier, deswegen gönnte ich mir eines in der pittoresken Häuserzeile gegenüber dem berühmten Kirchenensemble. Derart gestärkt erklomm ich die Zitadelle, von der aus man einen fantastischen Blick über Erfurt hat. Da ich dadurch aber wieder geschwächt war, gab es da auch erstmal ein Bier.

Weiter ging es zum Augustinerkloster, um Luthers Zelle zu sehen. Ich war aber wohl zwei Biere zu spät, man hatte gerade abgeschlossen. Also mogelte ich mich zur Krämerbrücke durch. Nicht nur Florenz und Venedig haben bebaute Brücken, nee. Und die in Erfurt ist wohl auch die längste Europas.

Das Wetter hat sich übrigens im Laufe des Tages rapide gebessert, so dass ich alles in freundlichem Licht sehe. Aber auch bei schlechterem Wetter wäre ich von dieser Stadt mehr als beeindruckt. Wenn ich jetzt fies wäre, würde ich sagen, mein Soli ist gut angelegt worden. Wie ja viele ostdeutsche Innenstädte mit Wiederherstellung und Verschönerung glänzen dürfen. Aber auch das muss man ja erst einmal hinbekommen können. Jetzt bin ich fies und behaupte mal, dass Köln das nicht kann.

Aber was hat unser Martin hier in Erfurt eigentlich gemacht? Nun, er ging hier zu Universität. Ab 1501 nahm er hier das Vorbereitungsstudium für die Aufnahme in die Juristische Fakultät auf. Dass es nun doch eine andere Studienrichtung nehmen sollte, wissen wir ja inzwischen. Es gibt Biographen, die meinen, dass Luther den Blitzschlagsschwur nur getätigt haben soll, weil er keine Lust auf Juristerei hatte oder einer möglicherweise arrangierten Geldheirat durch seine Eltern entgehen wollte. Was ich als abgebrochene Jurist und als glücklicher Single durchaus nachvollziehen kann. Und Martin trat hier ins Kloster ein, wurde im Erfurter Dom zum Priester geweiht und stieg erstaunlich schnell in der Klosterhierarchie auf. Zeit seines Lebens kehrte Luther immer wieder hierher zurück.

Leute, warum habe ich mir eigentlich nicht meinen inzwischen wahrscheinlich verschimmelten Schrittzähler mitgenommen. Wo habe ich den überhaupt hinverräumt? Ich würde ja jeden Abend vor Stolz fast platzen! Was ich mir hier zusammenmarschiere. Zugegebenermaßen strengt mich das inzwischen zuweilen etwas an. Besonders bei bergauf. Aber ich merke auch, wie gut mir diese Bewegung tut. Ich beantrage ein Attest für Dauerreiserei mit Erlaufung der besuchten Stätten. Ich bräuchte 200 Euro pro Tag von der Kasse für Spesen (unquittiert) und gegen Nachweis dann sonstige Reisekostenerstattung.


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Am Abend hatte ich eigentlich vor, doch einmal auf das Weinfest zu gehen, aber ich war erst gegen 18 Uhr im Hotel, um mein Tagebuch zu schreiben und um 20 Uhr sollte am Domplatz Schicht im Schacht sein. Thüringen hat offensichtlich ein merkwürdiges Verhältnis zu Öffnungszeiten. Spät aufmachen, früh schließen. Hier möchte ich arbei…. Ach nee, ich will ja ein Reiserezept.

Kurzerhand beschloss ich, mir eine Thüringer Rostbratwurst auf die Hand zu holen und noch eine fürs Zimmer einpacken zu lassen. Fehlanzeige, kein entsprechender Imbissstand war geöffnet. So holte ich mir ein paar Kekse aus dem Auto. Jetzt klebt die Tastatur zwar nicht, aber hey, die Thüringer Wurst ist Weltkulturerbe oder so was. Die muss man doch auch nach 20 Uhr überall bekommen können!

Jetzt baldowere ich noch aus, wie es die nächsten Tage weitergehen soll und hoffe, Ihr seid wieder dabei.

Liebe Grüße, Euer Gerry

Der Bach, die olle Schnapsnase!

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