Tag 4: Halle an der Saale und Wittenberg

Ihr Lieben!

Was für ein wunderbares Hotel das war. Wenn es Euch je nach Eisleben verschlägt: Graf von Mansfeld. Vorzugsweise eine der Suiten. Nur das Rührei war irgendwie… jaja, ich weiß, ich bin davon besessen. Ich hör ja schon auf.

Wittenberg! Schlosskirche! Das ist wie Amerika, das ist wie Buchdruck, das ist wie Kartoffel! Das hat unser Leben verändert. Klar, in Polen werden mehr Kartoffeln pro Kopf verzehrt als hier und es soll immer noch Katholiken geben. Und was Amerika und Bücher angeht, läuft ja auch gerade einiges nicht rund, gelle? Aber von vorne:

Leider sah es mit dem Wetter nicht besonders gut aus, die Biker hatten beim Frühstück alle ein langes Gesicht. Man beruhigte uns, es würde im Laufe des Tages besser. Und so war es dann auch. Kurz vor vor meinem ersten Stop klarte es deutlich auf.

Halle an der Saale. Was hat unser Reformator hier getrieben? Wenig eigentlich. Nicht er, sondern einer seiner mächtigsten Gegenspieler residierte hier: Kardinal Albrecht von Brandenburg. Er war einer der größten Nutznießer des Ablasshandels. Er hatte es halt gerne prächtig. Kommt ja auch in den besten Familien, z.B. am Bischofssitz in Limburg oder dem Sitz des RBB in Berlin, vor. Zudem wohnte in Halle ein Freund Luthers, Justus Jonas, in der Schmeerstraße 2. Na, wer horcht noch auf? Justus Jupiter Jonas heißt der Chef der 3 ???. Ob sich der amerikanische Autor Robert Arthur bei der Namensfindung etwa von der deutschen Reformationsgeschichte hat inspirieren lassen? Eher unwahrscheinlich, denn im Original heißt der junge Jonas nur Jupiter.
Ja, und Luther hat dann auch noch – nachdem Albrecht aus der Stadt vertrieben worden war – gegen Ende seines Lebens mehrmals hier gepredigt.

Und ich? Ich kurvte erst einmal durch Halle, das durch seine stellenweise extravagante Verkehrsführung auffällt, um am Händel-Carrée zu parken. Und dann liegt eigentlich alles in Fußweite, was man sehen möchte. Halle ist im Krieg schwerer beschädigt worden als Erfurt, das fast gänzlich von Bomben verschont blieb. Aber es gibt noch etliche interessante Gebäude. Halle wirkt auch wieder viel geschäftiger. Ich lief am Händel-Haus vorbei – DEM großen Sohn der Stadt, Hallelujah! -, bestaunte die eigenartige Architektur des Halleschen Doms (es könnte von außen, wenn die Kirchenfenster nicht wären, auch der Sitz der Halleschen Turbinen-Fabrik KG&Co. aus 1894 sein), besuchte eine sonderliche Ausstellung mit dem Namen „Weltall-Erde-Mensch“ mit sehr exzentrischen Exponaten im Hof der Neuen Residenz und beendete meinen Rundgang an der Moritzburg. Dieses Museum beherbergt u.a. moderne Kunst. Hat mich gereizt, aber die Zeit, die Zeit. Insgesamt habe ich schlicht zu viel Aktion und zu wenig Zeit geplant.

Ich lief am Wilhelm-Friedemann-Bach-Haus vorbei zum Hallmarkt und Markt, wo sich die Marktkirche befindet. In dieser viertürmigen Kirche bewahrt man die Totenmaske Luthers auf. Ich fragte die Dame am Informationsschalter danach und sie wollte mir die Sakristei dafür sogar aufschließen, damit ich nah herangehen hätte können, aber eine Schulklasse war im Weg. Ob ich Zeit hätte? Hah! Ich begnügte mich daher mit einem Blick durch das Sakristeifenster. Ein Funfact ist, dass man früher die Totenmaske dazu benutzt hat, um Luther wie in einem Wachsfigurenkabinett auszustellen. Mit Hut auf, Glasaugen und Talar. Irgendwann merkte man wohl, dass das nicht angemessen war und unterließ es. Den fünften Turm des Marktplatzensembles bildet dann der rote Turm, alles zusammen dann das Wahrzeichen Halles. Mit einem letzten Blick auf die Händel-Statue auf dem Markt, die eine Regenbogenbrillebrille trug, verabschiedete ich mich von Halle und nahm Kurs auf Wittenberg.

Was Wittenberg mit Luther zu tun hat, muss meines Erachtens niemandem mehr erklärt werden. Er zog 1511 in das dortige Augustinerkloster und lebte quasi den Rest seines Lebens dort, selbst als das Kloster aufgelassen wurde, später auch zusammen mit seiner Frau, Katharina von Bora, die mit Leidensgefährtinnen aus einem Kloster bei Grimma mithilfe Ḷuthers nach Wittenberg floh. 1525 heirateten die beiden, ein ketzerischer Mönch und eine entlaufene Nonne. Skandal! Bild und Bunte hätten sich nicht mehr eingekriegt. Kurz, ich verweise auch auf die ausreichend vorhandene Literatur, Luther hat den zentralen Teil seines Lebens hier verbracht und mit dem Thesenversand (die Hammer- und Nagel-Geschichte am Schlosskirchentor ist fraglich) im Jahre 1517 die lutherische Reformation eingeleitet. Unwillentlich eigentlich, er suchte nur die theologische Disputation und konnte nicht ahnen, dass seine lateinischen Thesen übersetzt und gedruckt wurden und sich wie ein Lauffeuer verbreiteten.

Ich war anfangs, bei Ankunft in Wittenberg, etwas skeptisch. Aber die Stadt ist sehr weitläufig und wenn man dann in das historische Zentrum kommt… es ist einfach wunderschön! Der Rathausplatz und die Schlossstraße erstrahlen in renovierter bzw. sanierter Pracht, überall kann man sich draußen hinsetzen, die Kirchen sind mehr als sehenswert, überall schreit es Kultur, Kultur, Kultur! Heute sah ich mir die Marienkirche und die Schlosskirche an – Cranach-Altäre, Thesentür, Luthers und Melanchthons Gräber – und machte einen Rundgang durch die Altstadt. Ich liebe es hier!

Die Thesentür – nicht das Original aus 1517.

Der Schlosskirchenturm ist übrigens monströs. Er könnte gut für den Wohnsitz eines bösen Zauberers für eine Herr-der-Ringe-Fortsetzung herhalten. Es könnte aber auch eine außerirdische Rakete sein. Wie kann das eigentlich sein, dass ich weiß, wie das Tadsch-Mahal aussieht, ich aber zum ersten Mal die berühmte Schlosskirche sah?

Ich nahm übrigens Logis im Hotel Cranach-Herberge. Yep! Da wo der Meister gepinselt hat. Die Cranachs sind eine bemerkenswerte Künstlerfamilie und wenn man dann an deren Wirkstätte sein Haupt bettet, umweht einen ein gänsehauterzeugender Wind der Geschichte. Also wohne ich auch noch in einer Sehenswürdigkeit. Die Suite ist zwar keine richtige Suite, aber geschenkt.

Mein erstes Bierchen (alles nur für die Forschung!) nahm ich dann am Rathausmarkt, um dann noch am Melanchthon-Haus vorbei zur Luthereiche zu laufen. An diesem Ort hat Maddin u.a. die päpstliche Bulle „Exsurge Domine“ verbrannt, in der er unter Androhung der Exkommunikation aufgefordert wurde, seine Thesen zu widerrufen. Das Lutherhaus (und ehemaliges Kloster) hebe ich mir für morgen auf, das will ich ausgiebig besuchen.

Am Abend besuchte ich die laut Eigenwerbung einzig lokale Brauerei, um dort im Innenhof zu essen. Ein halbes Dutzend Menschen saß da ungefüttert und ungetränkt herum. Eine tapfere Dame ging dann rein, kam wieder raus und verkündete, draußen würde nicht bedient. Ich ließ mich also etwas weiter bei einem Italiener nieder, der sich als halber Grieche herausstellte, was für eine schöne Überraschung! So konnte ich einen Grillteller mit Tzatziki und Pommes bestellen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, denn mir blieb ja nichts anderes übrig. Irgendeine höhere Macht musste da ihre Finger im Spiel gehabt haben.

Also, Wittenberg hat den Punktewert der Reise enorm hochgepusht. Hatte ich an irgendeiner Stelle schon erwähnt, wie schön ich es hier finde? Wie denn der Punktewert ist, fragt ihr euch? Das verrate ich euch dann ganz am Schluss der Reise.

Sehen wir uns morgen in Torgau und in Leipzig?
Liebe Grüße, Euer Gerry

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