Verfluchte Stadt Kischinjow, die Zunge wird nicht müde, Dich zu beschimpfen.
(A. Puschkin)
Ihr Lieben!
Man muss dem Herrn Puschkin seinen Unmut nachsehen, er wurde 1820 rum wegen einiger Spottgedichte über hochrangige Politiker gegen seinen Willen aus Moskau verbannt und lebte daher u.a. auch ein paar Jahre in Chisinau. Besser als Sibirien möchte man meinen, da hätte man ihn nämlich beinahe hinverfrachtet, wenn nicht hochrangige Gönner interveniert hätten. Tja, dann sehen wir uns die Stadt doch einmal gemeinsam an.
Wie immer aber gibt es zuerst Spottgedichte… äh… ein paar Bemerkungen über das Hotel. Den moldauischen Rosé musste ich warm trinken, denn der Kühlschrank brummt nur, macht aber sonst nichts anderes. Das Bett ist steinhart, die Dusche plöddert etwa 10 ml Wasser pro Minute heraus. Aber das Hotel ist sauber und das Frühstück ist auch okay. Auch wenn man für den Kaffeenachschub erst einmal auf die Suche nach dem Personal gehen muss.
Ich lief die Puschkin-Straße entlang bis zum Park, in dem mittendrin die Kathedrale thront. Schon auf dem Weg gibt es einiges zu gucken. Regierungsgebäude, kleine orthodoxe Kirchen, Plätze, Denkmäler. Hinter dem Regierungspalast, am Triumphbogen, war die große Straße gesperrt und alles war mit Schulbänken zugestellt. Tausende Menschen mit blauen Käppis saßen davor und lauschten den Rednern auf einer monumentalen Bühne. Selbst der rumänische Präsident Nicușor Dan sprach. Es stellte sich heraus, dass dies ein nationaler rumänischer Diktatwettbewerb war. Fast hätte ich mich registriert, aber dann fiel mir ein, dass ich kein Rumänisch spreche. Es hatte auf jeden Fall etwas sehr sozialistisches an sich.








Durch den Bogen lief ich dann zum Gotteshaus. Einen Blick in die Kathedrale konnte ich nicht erhaschen, es war Gottesdienst und die Gläubigen standen bis auf den Platz, so gut war der besucht. Ein Traum für einen jeden deutschen Priester. Um den Kathedralplatz herum standen ein paar Buden, die Handwerkskunst feilboten. Zumeist handgeklöppelte Strick-Häkeleien. Bin ich ja ein großer Fan von und so konnte ich mich nur schwer beherrschen, nicht zuzugreifen. So traurig. Weiter Richtung City wurde es immer netter. Fußgängerzonen, Cafés, Restaurants, Läden. Ich spazierte zum Komsomolskendenkmal, machte einen Umweg über das Nationaltheater Eugene Ionescu, um dann zur verfallenen Mühle „Moara roșie“ und weiter bis zum Puschkin-Haus zu laufen.











Die Mühle ist so dermaßen verfallen, dass sie nur noch durch Einklammerung zusammengehalten wird. Was sie zur Besucherattraktion machen soll, hat sich mir nicht recht erschlossen. Das Puschkinhaus ist heute ein Museum und soll hingegen sehr sehenswert sein. Herausfinden konnte ich das leider nicht, es war geschlossen. Möglicherweise aus Protest gegen den Tag der rumänischen Sprache, Puschkin hat ja bekanntermaßen auf russisch geschrieben. Möglicherweise ist das aber auch Unsinn. Mit mir vor dem Haus stand eine britische Touristin, die auch enttäuscht war. Wir plauderten ein bisschen über unsere Reisepläne; sie fragte, ob wir denn zusammen nach Transnistrien fahren sollten. Als ich erwiderte, ich hätte eine organisierte Fahrt, fand sie das „incredibly boring“. Sie nähme den Bus. Naja.









Wegen des bereits erwähnten Feiertages waren einige Straßen gesperrt, Bühnen aufgebaut und es gab viele Fressbuden mit Biertischgarnituren davor. Ich organisierte mir mit Händen und Füßen einen Grillspieß mit einem gemischten Salat und ließ mich nieder. Kaum saß ich, und ich muss vorweg schicken, ich war sehr erschöpft, setzte sich ein Amerikaner zu mir und begann, mich in wildem Staccato zuzutexten. Er sei ja Weltreisender, wo er überall schon gewesen sei, gerade käme er aus der Ukraine, dass da ja so gar nichts los sei… Ich gab vor, ihn nicht zu verstehen und vertiefte mich in mein Essen. Da machte er sich von dannen. Himmel.
Wieder an der Kathedrale vorbei (diesmal spinxte ich rein und platzte in eine kleine Hochzeit) lief ich zum großen Markt in der Nähe des Busbahnhofs. Was ein Gewusel! Wirklich riesig, wirklich beeindruckend! Und alles vorhanden. Obst und Gemüse zum reinlegen. Kann man gar nicht beschreiben, hier ein paar Impressionen:








Es herrschten inzwischen 35° C, meine Füße waren platt gelaufen und ich fix und foxy. Es wurde Zeit für eine Siesta im Hotel. Tatsächlich schlief ich tief und fest für fast zwei Stunden. Puh. Viel Resttag war da nicht mehr übrig. Ich beschloss, den Valea-Morilor-Park zu erkunden, der war nicht so weit weg. Der ist schon sehr schön. Man kommt zudem auf dem Weg dorthin an einigen interessanten Gebäuden vorbei, Museen, Gedenkstätten, der palastartigen OSZE, einem Schwulen-Café (naja, es hieß „Queer“, aber hatte geschlossen). Im Park klettert man mehrere hundert Stufen zu einem See hinunter. Dort wollte ich dann an einem Kiosk einen Eistee für 22 Lei kaufen. Mein Geldbeutel lag im Hotel. Aber ich hatte noch den zerknitterten 200-Lei-Schein von gestern in der Hosentasche. Den wollte man aber nicht. Man könne nicht wechseln. Grmpft. Ich lief dehydriert durch den Park bis zur wunderschönen Kaskade, wo ich wieder mehrere hundert Stufen zur Straße hinauflief. Ich konnte nicht mehr und nahm einen Bus. Als ich der Ticketverkäuferin den Schein hinhielt, verfinsterte sich ihr Gesicht. Ich bekam einen Eimer zerrupfter Geldscheine und hunderte Münzen zurück und wieder wurde meine ganze Sippe verflucht. Ehrlich, wenn Ihr keine umgerechnet 10 Euro wechseln wollt oder könnt, dann gebt keine solchen Scheine raus.










Ich nahm einen Umweg über das Hotel, steckte meinen Geldbeutel ein und begab mich zu einem authentischen, rumänischen Restaurant. Allein, das gab es nicht (mehr?), ein zerfallenes Haus stand an angegebener Adresse. Ein paar Schritte weiter dann ein Italiener mit schöner Terrasse. Ich fragte auf Englisch, ob man einen Platz für mich hätte. Ob ich bitte englisch sprechen könne? WHAT? Ich spräche englisch. Man verstünde mich nicht. Herrjeh. Ich radebrechte ein bisschen russisch. Ja, man hatte einen Platz. Der Rest lief nur mit Händen und Füßen.
Kurzer Exkurs: Moldawien/Moldau/Moldova ist noch einigermaßen untouristisch. Das hat natürlich Vorteile (Preise, Platz, Pioniertum), aber man ist schon auch noch eine Art Alien. Selbst junge Menschen sprechen oft kein Englisch, geschweige denn andere Sprachen. Die ganze Anmutung, ich deutete es an, ist noch sehr sowjetisch; man griesgramelt zuweilen immer noch so ein bisschen rum und übt sich im Grausein. Hatte ich zuletzt in Litauen, dieses Gefühl. Aber ich denke/hoffe, das ist alles rückläufig. Denn wie anders war das bisher auf dem Westbalkan!
Wo war ich? Ach ja, Abendessen. Der Markt hatte mir so Appetit gemacht, dass ich einen riesigen Salat mit Avocados und Krabben verputzte. Dazu zwei Rosé und eine große Flasche Wasser. 380 Lei, und das in einem gehobenen Etablissement. Kannste wirklich nicht meckern.





Jetzt hocke ich hier im Hotel wieder mit dem Kinn auf der Tischplatte und resümiere den Tag. War Puschkin im Recht? Nun, ich weiß ja nicht, wie es vor ziemlich genau 200 Jahren hier war, aber es ist eine nette Stadt mit vielen Gegensätzen. Mir hat mein Tag gut gefallen, aber eigentlich habe ich schon fast alles gesehen. Klar, man kann jetzt noch Aufführungen besuchen, Museen besichtigen, einfach mal im Park sitzen, auf einem Teich Tretboot fahren. Ich mag Chișinău aber. Es ist recht ruhig, aufgeräumt (wenn man von den katastrophalen Zuständen mancher Bürgersteige absieht – ich empfehle für Spaziergänge im Dunkeln eine Taschenlampe!), man kann gut und preiswert essen, die lokalen Weine sind lecker…
Morgen geht es aus der Stadt raus, packt Eure Pässe ein, die brauchen wir nämlich. Bin sehr gespannt. Bis morgen, Euer


P.S.: Die Technik spinnt hier ein bisschen, dauernd bricht das Hochladen von Bildern ab. Daher sind die jetzt, da der Autor etwas genervt ist, ein bisschen unsortiert, auch Korrekturlesen entfällt auf dieser Reise. 🙂