Tag 13: Memelland

Sveiki visi!

Heute war wettertechnisch der bisher schlechteste Tag meiner Rundreise, und ausgerechnet heute wollte ich ja auf die Kurische Nehrung. Die ist bei Regen natürlich nicht ansatzweise so schön wie bei Sonnenschein. Also frühstückte ich erst einmal in aller Ruhe und ganz gut, denn laut Wettervorhersage sollte es besser werden, und das schon bald. Es war zudem zu überlegen, ob ich mit dem Auto fahre, oder mit der Fußgängerfähre übersetze und auf der Nehrung die Buslinien nehmen sollte. Bei der Sichtung der Fahrpläne wurde mir allerdings schnell klar, dass ich mit dem Bus nicht glücklich werden würde. Also mit dem Auto hinüber; das tat ich dann gegen 10 Uhr. Ich stellte mich auf sehr hohe Kosten ein, da die Fähre 12,30 € kosten sollte und zusätzlich eine Maut von 20 € für die Insel fällig sein sollte. Erstaunlicherweise waren die 12,30 € aber für Hin- und Rückfahrt, und die Maut betrug nur 5 €. Man kann sich auf keine Internet-Informationen mehr verlassen, das hat schon der alte Goethe gewusst.

Wann kann man beim Autofahren schon mal gefahrlos ein Selfie schießen? Auf der Fähre natürlich!

Ich wollte erst einmal ganz durchfahren bis fast an die russische Grenze zum Oblast Kaliningrad. Einen kleinen Stopp machte ich in Juodkranté, als ich an Sandskulpturen vorbeifuhr. Nett. Dann nach Nidden, das ist ein sehr pittoresker Ort, selbst im grauen Gewand. Viele hergerichtete Holzhäuser, einige stehen sogar unter Denkmalschutz, alles ein bisschen aufgehübscht, alles ein bisschen trostlos. Trostlos heute, weil sich nur ganz wenige Menschen hierher verirrt haben. Hier ist richtiggehend Nachsaisonsdepression. Und dann bei diesem Wetter: ein Fest! Aber ich kann mir vorstellen, dass man im Sommer hier ganz wunderbar Zeit verbringen kann. Der Blick aufs Haff ist sehr schön, es gibt dort ein ganz besonderes Licht, dass schon viele Künstler hierher gelockt hat. Unter anderem Berühmtheiten wie Lovis Corinth.

Auch die anderen Orte auf der Kurischen Nehrung sind recht ansehnlich. Die Dinge die ich mir ansehen wollte, natürlich die Häuser, dann aber auch die für diese Gegend einzigartigen Grabtafeln, die es hier auf den Friedhöfen gibt. Der von mir besuchte Friedhof war fast schon ausschließlich deutsch. In der dazu gehörigen evangelisch-lutherische Kirche hält man auch deutsche Gottesdienste ab, es liegen sehr viele deutschstämmige Menschen auf dem Friedhof, es gibt sehr viele Inschriften auf deutsch. Wen wundert’s, war hier doch alles mal sehr deutsch. Hierzu empfehle ich den Interessierten einmal die Geschichte über Memel zu lesen, so hieß Klaipeda bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Dann habe ich natürlich die große Düne erklommen, da hat es mich fast weggeweht! Ich weiß nicht genau, wann ein Orkan anfängt, aber es fühlte sich an, als wäre es nicht mehr weit weg davon. Am Ostseeufer war ich selbstverständlich dann auch noch. Die See war heute natürlich rauh wie sonst was, aber auch hier ein toller Ausblick über kilometerlange weiße Sandstrände, hohe Dünen, Nadelwälder, die bis zum Strand stehen.

Es gibt hier außerdem einige Märchen- und Hexenwälder, aber leider ist das für mich nicht von Interesse, handelt es sich dabei doch vorrangig um eine Ansammlung dieser gruseligen „skandinavischen“ Holzfiguren, die mir ein wenig zu altbacken sind.

Es gibt diverse Skulpturenparks sowohl in Klaipeda, als auch auf der Nehrung. Aber auch hier ist meine Begeisterung nicht besonders groß, alles sieht ein bisschen aus wie ein billiger Henry Moore. Und selbst den finde ich nicht besonders erwähnenswert. Man staple drei große runde Steine aufeinander, haue eine Eisenstange mittdurch und nenne das Ganze die drei Grazien (wahlweise die Musen, Nornen oder die Drei von der Tankstelle), schon ist die Kunst fertig? Nein, liebe Leute, so einfach ist das nicht. 🙂

In Nidden gehört sich natürlich auch ein Besuch des Thomas-Mann-Hauses. Der Nobelpreisträger (ich liebte die Buddenbrooks!) verbrachte hier drei Sommer hintereinander und schrieb „Joseph und seine Brüder“. Das heutige Museum ist ein bisschen schlicht. Paar Tafeln an der Wand, ein paar Installationen. Ich meine, es ist spannend, sich vorzustellen, wie der Übervater der Mann-Familie sinnierend auf der Terrasse stand und auf das Kurische Haff heruntersah. Aber man hätte hier mehr draus machen können. Was bleibt ist der Wunsch, sich noch einmal mit dieser sehr interessanten Familie auseinanderzusetzen.

Als sehenswert waren noch diverse Naturparkteile angegeben, so z.b. der Wald der Kormorane und Graureiher. Auf der Aussichtsplattform für das von diesen Vögeln bewohnte Gebiet standen 20 Touristen und schnatterten „Wo sind denn die Vögel, ja, wo sind denn die Vögel?“. Die Vögel waren natürlich nicht da, aber ich würde mich auch unter meinem Bett verkriechen, wenn lauter Touristen vor meiner Tür stehen und nach mir riefen. Aber man sah doch viele Nester und man sah doch viele weiße, tote Bäume, denn der Vogelkot bedeckt und erstickt alles. Zudem gibt es noch einen Elchbruch. Aber da ich ja vor kurzem erst Elch… habe ich mich da nicht hingetraut.

Es gibt über Kormorane übrigens einen netten Vers von Robert Gernhardt, unserem Dichter aus Tallinn. Aus seinem Tieralphabet. Ist aber nicht pc. 🙂

Nach fünf Stunden Aufenthalt hatte ich genug von wechselhaftem Wetter, Kälte, Wind und Regen, so dass ich wieder Richtung Fähre fuhr. Was soll ich sagen? Kurz bevor ich dort ankam, brach der Himmel auf und die Sonne schien durch und es wurde warm. Aber deswegen jetzt wieder zurückfahren, um den ganzen Kram noch einmal zu machen: nein danke.

Ich beschloss dann – statt wie ursprünglich geplant, ein kleines Nickerchen zu machen – mir doch noch einmal Klaipeda anzugucken. Und es gibt hier doch schöne Ecken; es gibt Fachwerkhäuser, es gibt es einen schönen Theaterplatz, es gibt den völlig überbewerteten und trotzdem netten Ännchen-von-Tharau-Brunnen, und die Altstadt ist an sich auch ganz okay. Zu diesem Brunnen, an dem ich in einem Restaurant mein Bier zu mir nahm, wurde eine Reisegruppe nach der anderen angekarrt. Alle staunten ehrfürchtig die kleine Bronzefigur an, durften sich dann um die Ecke ein Eis holen, konnten an den völlig überteuerten Ständen Souvenirs erstehen und wurden wieder in den Bus verfrachtet. Und das vier oder fünf Mal in der einen Stunde.

Heute hatte ich – glaube ich – das erste Mal ein veritables Rundreisenerschöpfungssyndrom. Ich vermute, man merkt das auch meiner mäkeligen Art der heutigen Schilderungen. Es prasselt ja doch so einiges auf einen ein. Ich wusste heute Abend nicht mehr, ob nun Richard Wagner hier am Theater eine Saison lang dirigierte (tat er) oder ob er nackt im Brunnen gebadet hat (tat er [wahrscheinlich] nicht). Ein Informationsfluss sondergleichen, dazu die langen Fahrten und die Vorbereitungen eines jeden Tages. Gleichzeitig überkommt mich aber doch Wehmut, dass ich mich morgen von Ludwig Zisch trennen muss und dann in Riga meine letzte Nacht im Baltikum verbringe.

Naja. Erstmal wieder morgen zum Ausgangspunkt der Reise, und noch ein paar kleine Dinge erleben. Ihr seid doch wieder dabei?

Pasimatysime rytoj! Euer Gerald

Scheibe. Geblitzt. Nee. Nur Spaß! 😉
Udo, das bist ja Du in 20 Jahren! Und jetzt schon ein Denkmal? Wow!

2 Gedanken zu „Tag 13: Memelland“

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