Tag 1: Anreise und Ortserkundung

Ihr Lieben,

eigentlich hätte ich ja gestern schon prima packen können, aber ich war faul. Sooo faul. Daher hatte ich mir den Wecker auf drei Stunden vor Abfahrt des Zuges gestellt, um das dann nach dem morgendlichen Beautyprogramm zu erledigen. Was soll ich sagen? Ich habe 10 Minuten gebraucht. Naja, es sind auch nur zwei Nächte. Entsprechend hatte ich Zeit, noch rumzugammeln.

Es folgt ein seltenes Loblied auf die Deutsche Bahn. Ich hatte mir die Umstiege auf der Buchungsbestätigung natürlich angesehen und fand die Umsteigezeiten schon recht sportlich. Insbesondere, da mir für Bingen Hauptbahnhof ein Wechsel von Gleis 101 zu 201 und in Bingen Stadt ein weiterer von Gleis 1 auf Gleis 44 angezeigt wurde. Ähm…. Bingen? 44 Gleise? Oder sogar 201?

Tatsächlich lagen alle diese Umstiege am selben Bahnsteig, aber eben gegenüber. „Herr Bürgermeister:in, was zeichnet Ihren Bahnhof aus?“ – „Nun, wir haben 44 Gleise, nämlich 1, 2, 3 und 44!“ – „Fantastisch!“ Kann mir wer erklären, was uns Reisenden damit suggeriert werden soll?

Auf allen drei Teilstrecken war genug Platz, um allem Ungemach (müffelnden Sitznachbarn, Labertaschen, Maskenverweigerern etc.) aus dem Weg zu gehen. Ich hatte eine nette Begegnung mit einem Bundeswehrsoldaten, der mit 44 Koffern auf meinem reservierten Platz im IC saß (Koffer 1, 2, 3 und 44) und sich vor Dankbarkeit gar nicht mehr einbekam, als ich erklärte, ich setze mich dann halt woanders hin, und mit einem maximal 7 Jahre alten Bengel, der nach Einstieg in die Regionalbahn erst einmal ein Notebook vor sich auspackte, das bestimmt so groß war wie er selbst, und dann mit seinem Handy alle drei Minuten mit seiner Mutter sprach, wo er gerade sei. Als ich in Alzey ausstieg, winkte er und krähte „Tschüüüüüs“. Bemerkenswert.

Die Bahnfahrt lief einen großen Teil durch das Rheintal. Es ist eine Panoramafahrt erster Güte. Burgen, Schlösser, Villen, Fachwerkstädtchen. Und das alles am Rhein entlang, durch Weinberge und mit rheinischem Indian Summer. Ich nahm mir sofort vor, mal nach Andernach, Boppard, St. Goar, Oberwesel und Bingen zu fahren. Es ist erstaunlich, was für Perlen (möglicherweise) so nah vor der Haustür liegen.

Pünktlich landete ich in Alzey und war in Nullkommanix im Hotel, wo ich sehr nett empfangen wurde. Es ist ein hübsches Haus mit knarzenden Treppenstufen (I love it!) und liegt direkt neben dem Schloss. Natürlich ist mein Einzelzimmer recht klein, aber das ist bei EZ eben oft so. Dafür ist es scheinbar renoviert, sehr sauber und modern eingerichtet.

Alzey selbst. Nun ja. Es ist ein netter Ort. Sehr überschaubar. Die Sehenswürdigkeiten sind schnell erlaufen, es gibt einiges an Fachwerk zu bestaunen. Aber es war praktisch wie ausgestorben. Leere und augenscheinlich schon längere Zeit verrammelte Läden, kleine Bausünden, keine wirklich interessanten Shops oder Kneipen. Aber auch nicht wirklich gruselig. Für den Ententanz des Akkordeonisten, der mich minutenlang durch die Gassen verfolgte, kann der Ort ja nichts. Der Tanz, nicht der Akkordeonist verfolgte mich. Überrascht hat mich auch die Existenz zweier (!) bulgarischer Supermärkte. Und es gab vor dem wegen Renovierung geschlossenen Stadtmuseum einen französischen Markt. Mit pain, fromage, produits naturelles und Salami von allen erdenklichen Arten. Ich war fast versucht, bis ich die Fliegenschwärme in der Theke bemerkte. Puh!

Nach einem zweistündigen Rundgang, bei der ich keine Außengastronomie fand, in der ich mich wohlgefühlt hätte (fast alles hatte aber auch geschlossen), kehrte ich zum Hotel zurück, wo mir Rolf dann aus seinem Zimmerfenster winkte. Wir verabredeten uns spontan auf ein Getränk auf der Hotelterrasse, zusammen mit Otto und Uwe. Danach wollten die neu zugereisten die Stadt erkunden. Yippieh! Dank meiner ortskenntnisreichen Unterstützung war das dann in 30 Minuten abgehakt.

Erschöpft und ausgelaugt suchten wir eine Vinothek auf, in der wir eine römische Pizza „Pinsa“ aßen und uns durch verschiedene Weine probierten. Sehr nett, sehr lecker, sehr wiederbesuchenswert. Während wir dort saßen, kamen Ruth und Markus an. Sie wollten sich aber noch nicht zu uns setzen, sondern erst die Stadt erkunden. Später tranken sie dann dort noch ein Gläschen mit und nach ausgiebiger Diskussion, wann wie wo mit wem essen, beschlossen wir in ein Restaurant gegenüber einzufallen. Das war ein Glücksgriff. Wir haben sehr gut gegessen, sehr leckeren Wein bekommen und wurden gut bedient.

Und jetzt kommt es. Ich muss ja fast immer alles ausprobieren. Und man isst hier gerne Saumagen. Kanzler Kohl hat ja angeblich alle Staatsoberhäupter gezwungen, den zu essen. Ich hatte die furchtbarsten Phantasien, was da unter diesem Namen auf dem Teller landet. Aber die Chefin überredet mich, es zu probieren. Ja, was soll ich sagen. Es war sehr lecker! Gar nicht sülzig oder fett, wie in meinem Kopfkino.

Nach einem schönen Abendessen liefen wir noch einmal kurz zum Schloss und trennten uns dann, um ausreichend Kraft für die bevorstehende Weinprobe zu sammeln. Ich hatte mir noch einen Wein in der Vinothek gekauft, den ich jetzt gerade verkoste, während ich dies schreibe. Da ich ein paar Stunden Sonne hatte, zeigte sich Alzey in einem ordentlichen Licht. Aber für Begeisterung ist es hier ein klitzekleines bisschen zu dröge.

Morgen startet der Tag um 9 Uhr mit Frühstück. Um 11 Uhr soll die Weinprobe beginnen und einige Stunden dauern. Hm. Ich lasse mich überraschen. Ihr auch?

Vielleicht bis morgen! Euer Gerry

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