Tag 5: Kirstenbosch und Imizamo Yethu

Ihr Lieben,

heute erklommen wir den Sightseeingbus der blauen Linie. Der fährt am Mount Nelson und dem District Six vorbei zum Kirstenbosch Botanical Garden. An dem stiegen wir aus und verlustierten uns auf dem riesig großen Areal. Es war anständig was los, aber die Besucher haben sich sehr gut verteilt. Highlights dieses botanischen Gartens, der irgendwem zufolge der siebtschönste der Welt sein soll, sind die wirklich tollen Ausblicke zu den Bergen und über das Kap sowie die schier unzählbare Menge an Planzen. Besonders interessierten mich die Proteas (Nationalpflanze Südafrikas) sowie der Fynbos, eine Vegetationsart, die es nur hier gibt. Eine Brückenkonstruktion führt durch einen Kanopenwald, es gibt weitläufige Wiesen und Themenareale. Seeeehr schön das alles. Es war übrigens mein zweiter Besuch dort und vor drei Jahren war ich schon sehr angetan.

Im Park haben wir dann auch gegessen, ich hatte einen Lammtopf aus Durban, der extrem lecker war. Die Sightseeingbusse haben inzwischen ein Livetracking, so dass man nicht mehr stundenlang tatenlos auf den nächsten warten muss, sondern weiß, wie viel Zeit man ungefähr noch zum Verplempern hat. Wir hüpften wieder rein, um erstaunt festzustellen, dass dieser Bus auch noch direkt die Weinroutentour abgraste. Und da er in Groot Constantia, dem ältesten Weingut in Südafrika, 20 Minuten Pflichhalt hatte, sind wir da auch schnell einmal übers Gelände geflitzt. Natürlich reichte die kurze Zeit nur für einen ersten Eindruck. Wir werden aber in Kürze ja ausreichend Weingüter zur Auswahl haben, die wir erstürmen können.

Unser nächster Halt war dann Imizamo Yethu, eine semi-illegale Township-Siedlung. Entstanden Anfang der 90iger, um arme Arbeiter mit ihren Familien näher an die Stadt zu bringen und heute ausgewachsen zu einem eigenen Reich mit eigenen Strukturen. Die Regierung verspricht, sich um vernünftige Unterkünfte für die weit über 30.000 Bewohner zu kümmern, aber es passiert wenig. Spender, Kirchen, karitative Organisationen sorgen zumindest für kleine Lichtblicke vor Ort, aber Alkoholismus und Drogenkonsum – 50% Arbeitslosenquote tragen dazu natürlich auch dazu bei – existieren genauso wie Kriminalität. Dies erfuhren wir bei einer geführten Tour durch das Township, begleitet von einer Bewohnerin, die dort seit über 20 Jahren lebt.

Wir durften in Behausungen reinschauen, sprachen mit ein paar Bewohnern, bekamen sanitäre Sammeleinrichtungen zu Gesicht, besuchten einen Kindergarten sowie das Community Center, wo sich um Weiterbildung, sportliche Aktivitäten und Gemeinschaftspolitk gekümmert wird. Wir wurden auch zu einem Happen Kuhinnereien eingeladen und konnten, ich schäme mich nur ein bisschen dafür, mit Verweis auf gerade zu uns genommene Mittagessen dankend ablehnen.

Er ist ein wenig merkwürdig, diese Art Slumtourismus. Ich habe mich aber dazu durchgerungen, dies einmal mitzumachen, weil das Eintrittsgeld an die Kommune geht und ich las, dass man das Interesse wertschätzt. Und meine Begleiter hatten dann auch Interesse. Am Ende der Tour sagte uns unsere Führerin auch, dass seit Covid die Zahl der Führungen stark nachgelassen habe, die eher zurückhaltenden Buchungen aber auch an Berührungsängsten lägen, schon immer. Also: die sind unberechtigt, wir wurden von vielen Menschen gegrüßt, die Kinder hatten reges Interesse an uns und wir fühlten uns nicht unangenehm unwillkommen. Im Community Center war eine Kindertanzgruppe sogar richtig froh, uns mal ihr Können zu zeigen.

Wir fuhren dann weiter bis nach Camps Bay und setzten unsere reichen weißen Hintern dann wieder in die Barhocker einer Schicki-Micki-Sunset-Bar. Ein paar Minuten Busfahrt später halt. Es ist wirklich ein Land voller Gegensätze.

Mit einem der letzten Busse der Sightseeing-Tour fuhren wir dann zurück nach Hause. Eigentlich wollte der Fahrer an der V&A Schluss machen, brachte uns aber freundlicherweise noch in unser Stadtviertel.

Da liefen wir auch noch ein bisschen herum, weil es ja schade gewesen wäre, neben dem Bo-Kaap zu wohnen und nichts davon gesehen zu haben – abgesehen vom Balkon aus. Das Viertel ist bekannt für seine bunten Häuser. Die früheren Sklaven sollen die Häuser als Kontrast zu ihrer farblosen Pflichtkleidung so bunt angemalt haben.

Rolf suchte dann ein schönes Restaurant mit Dachterrasse aus, das Gigi, wo wir auch gut aßen. Mein Wild fiel im Vergleich recht winzig aus, was Otto und Rolf aber durch großzügige Gaben Rind von ihren Tellern wieder wettmachten.

Auf dem Rückweg vom Restaurant wurden wir fast aggressiv angebettelt. Man muss sich in Kapstadt durchaus darauf einstellen, dass einem Armband-, Brillen- und Hutverkäufer, aber auch Bettler über mehrere Blocks verfolgen. Es wird aber ausdrücklich von allen Seiten gewarnt, aus Mitleid sein Portemonnaie zu zücken, da ein Komplize hervorschießen und es klauen könnte. Ist das eine Räuberpistole? Geldautomaten werden inzwischen bewacht, es wird vor Kreditkartenmanipulation gewarnt. Es gibt viele Obdachlose oder alkoholisiert durch die Straßen torkelnde Männer.

Die Kluft zwischen reich und arm ist zwar nicht mehr nur eine zwischen schwarz und weiß, aber man merkt deutlich, dass bestimmte Mitglieder der Gemeinschaft lange auf der Strecke blieben. Nachwehen der Apartheid.

Alles in allem ein doch sehr touristischer Tag, aber mit vielen Momenten zum Nachdenken.

Morgen möchte ich eher gemütlich durch den Tag lavieren, die Jungs haben Interesse an Robben Island. Ike wird in der Stadt sein, und wir treffen uns vielleicht. Am Abend planen wir eine Sunset-Tour mit dem Bus. Aber noch ist nichts in Stein gemeißelt.

Bis morgen, Euer Gerald

2 Gedanken zu „Tag 5: Kirstenbosch und Imizamo Yethu“

    1. Liebe Iris, wie schön, dass Du wieder mitreist!
      Ja, es ist immer noch eine Klassengesellschaft hier. Wir haben zwei Wege von uns zur V&A Waterfront. Der bessere führt unter einer Brücke hindurch, wo Menschen in Kartons und unter Zeltplanen leben. Und nur mehrere hundert Meter weiter explodiert der Luxus. Ich kenne Erzählungen von Freundinnen und Freunden, die in Indien waren. Dort hat dieser sichtbare Unterschied zwischen Arm und Reich wohl noch schlimmere Dimensionen. Man fühlt sich hilflos und man fühlt sich schäbig, weil man als reicher Tourist sich gegen Bettelei wehrt. Was kann man tun? Kleinigkeiten. Für Imizamo Yethu Spenden dalassen, wie wir es getan haben. Bei Trinkgeldern nicht geizen. Auf lokale Anbieter achten. Nicht alles totverhandeln auf dem Markt. Es ist eine spezielle Situation, wenn man auf solche Unterschiede stößt. Tourismus in Ländern mit Armut ist bei vielen Menschen verpönt. Was die aber übersehen, ist, dass dies ein notwendiges Einkommen für viele Menschen schafft, die sonst nichts hätten.
      Ich freue mich sehr auf unser nächstes Treffen (vielleicht auch am 18.12.?), da kann ich dann ja mal ein bisschen mehr erzählen.
      Liebe Grüße, Gerald

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