Tag 2: 1001 mal 1001 Schritte

Salam aleikum, meine Lieben!

Mein Tag startete bei 29 Grad Celsius um 8 Uhr mit einem Frühstück auf der Dachterrasse. Es war alles da, was ich mir wünschte, es gab Kaffee, Milch, frische Früchte, Käse und ein vielleicht marrokanisch zubereitetes Rührei, dessen zweite Hauptzutat ein aromatisches Tomatenpüree war. Ganz lecker. Vor allem der Orangensaft war die Wucht.

Nach dem Frühstück zog ich dann bewaffnet mit diversen Stadtplänen und unter Einsatz mehrerer Apps auf dem Handy los zu meinem Stadtspaziergang. Komoot hatte einen empfohlen, war aber nicht besonders routensicher, so dass ich mich ab und zu dann doch lieber auf die Papierversionen verließ. Mein erster Weg führte vom Riad aus westwärts in die Souks. Dort ließ ich mich treiben. Es war früh, es ist Ramadan, es war fast ausgestorben, jedenfalls im Vergleich zum Trubel gestern Abend.

Auch einige Geschäfte waren noch geschlossen, aber ich sah Ledermacher, Metallbearbeiter, Schuster, Kräuter- und Gewürzhändler und dergleichen mehr. Man wird hier von Geschäftsleuten in der Regel (!) noch einigermaßen dezent bedrängt, da habe ich in den Souks von Hammamet oder Sousse andere Erfahrungen gemacht. Wer hier übertrieben lästig fällt, sind junge Männer, die immer zu wissen glauben, wo man hinmöchte und einen dann führen wollen. Am Anfang redet man ja noch mit denen, aber dann hat man sie für eine gefühlte Stunde an der Backe. Irgendwann ignoriert man sie (das war übrigens der allererste Tipp des Personals aus dem Riad), aber dann reagieren sie unwirsch und verfolgen einen trotzdem. Dazu gleich beim Besuch der Mellah ein anderes Beispiel.

Irgendwann hatte ich mich durchgesoukt und stieß mehr oder weniger zufällig auf den Jardin Secret, den geheimen Garten. Eintritt incl. Turmführung bezahlt und rein. Seeeehr schön! Ich war fast alleine im Garten und ganz alleine mit einem Führer, der alles erläuterte, auf dem Turm, von dem aus man wunderbare Blicke über ganz Marrakesch hat.

Jardin Secret
Blick vom Turm des Jardin Secret auf die Ben Youssef Moschee. Unter einem der Dächer wohnt eine Berühmtheit, aber mehr darf ich nicht verraten….

Inzwischen waren es 33 Grad und ich setzte meinen Weg fort Richtung Koutoubia Moschee. Moscheen sind für Nichtgläubige in Marokko nicht zugänglich, also beschränkt sich die Besichtigung auf die äußeren Anlagen. Die Koutoubya-Moschee gilt als wegweisend für die Architektur in Marokko und den maurisch besetzten Teilen Spaniens. Als prominentestes Beispiel wird immer die Alhambra angeführt.

Ich lief weiter bis zum Tor Bab Agnaou hinter dem sich eine Kasbah und die Gräber der Saadier-Dynastie befinden. Auch hier schien der Besucherandrang eher verhalten, so dass ich eine Eintrittskarte erwarb. Es sind schon prächtige Gräber, aber man hat wirklich nur ein paar Augenblicke Zeit, sie sich anzusehen und zu fotografieren, weil die Schlange hinter einem murrt. Die Gräber sind nämlich nur durch einen Türsturz, unter den maximal zwei Personen passen, zu sehen.

Das Tor Bab Agnaou
Hier ruht die A-Prominenz der Saadier.

Zu der Grabstätte gehört eine kleine Anlage, auf der dann noch weitere Mitglieder des Geschlechts verstreut liegen, aber es handelt sich wohl um unbedeutenderes Fußvolk. Prinz Dritten Grades oder so. Aber sehenswert.

Übrigens scheint der König in der Stadt zu verweilen. Ein Marokkaner erklärte mir, das merke man an der starken Bewachung der königlichen Anlagen, von denen eine um die Ecke liegt, aber nicht zu besichtigen ist.

Inzwischen spürte ich Teile meiner Füße nicht mehr, also umrundete ich noch schnell die Moulay el Yazid-Moschee, um dann in einem Dachrestaurant gegenüber vegetarisch, antialkoholisch und glutenfrei zu speisen. Ja, wenn ich will…. äh…. muss…. dann kann ich auch das. Ich hatte die Variation von sechs typisch marrokanischen Salaten. Einer leider mit zu viel Seifenkraut, aber die anderen fünf sehr lecker. Der Hit: Kürbissalat mit Zimt und Sesam. Zum Reinknien!

Linsen mit Kreuzkümmel, Tomate-Gurke mit hocharomatischer Petersilie, Möhre mit Igitt, Kürbis, Aubergine und Kartoffeln.

Die Gäste wurden übrigens hier wie auch heute Morgen beim Frühstück mit Wasser besprüht, das aus Düsen unter den Pavillons großzügig verteilt wird. Es wird aber sofort und unaufgefordert darauf hingewiesen, dass es gefiltertes Wasser ist. Das hat mich irgendwie an meinen Beruf erinnert. Wahrscheinlich haben sich schon diverse GRSler über diese, wie ich finde, sehr erfrischende Praxis mit Hinweis auf Gesundheitsgefährdung beschwert.

Der nächste Stop gehörte dem Bahia-Palast. Stellenweise musste ich an Istanbuls Topkapi denken, wobei der – soweit ich mich erinnere – noch eine Hausnummer größer ist. Aber Zimmer reiht sich an Zimmer reiht sich an Zimmer reiht sich an Hof reiht sich an…. Is klar, ne? Alles unmöbliert, aber von eleganter Schlichtheit. Ich war am Ausgang versucht, der muffeligen Kassiererin, die ununterbrochen telefonierte, zu sagen: „Ja, okay, ich nehm’s.“

Einer der gefühlten 29172 Höfe des Bahia-Palastes. Aber immerhin der größte.

Die Mellah. Das ehemalige Judenviertel, wo noch immer die Straßennamen an die Vergangenheit erinnern. Hierüber hat Canetti die längste Geschichte in seinen „Stimmen von Marrakesch“ hinterlassen. Sehr ergreifend und von morbidem Zauber und bedrohlich faszinierend sind seine Schilderungen. Es lebten einmal zehntausende Juden in diesem Ghetto. Auch, als Canetti in den 1950er Jahren dort war waren es noch tausende. Nach den arabisch-jüdischen Kriegen (Jom Kippur, 6 Tage) verließen aber fast alle Juden Marrakesch. Es existiert nur noch eine winzige Gemeinde und die Mellah ist heute von muslimischen Marrokanern bewohnt. Ich wollte trotzdem unbedingt in dieses Viertel.

Kurz hinter dem Palast bot sich sofort ein junger Mann namens Mansour an, mir die Mellah zu zeigen. Nein, er wolle kein Geld, er wolle nur sein französisch trainieren. Okay, wir parlierten. Er als Victor Hugo und ich als … naja, wie Oettinger auf englisch halt. Er erläuterte auch ein paar belanglose Dinge, erzählte etwas von Türen und Straßen und Mohammed dem Sechsten und dass er einen ganz tollen Markt kenne, der nur einmal die Woche, da würde er jetzt gerne, ich hätte doch nichts dagegen, ja? Schwups landeten wir in einem Kräuterladen, wo er mich fast zwang, alles einmal anzufassen. Huch, dann musste er auf einmal gehen, ich musste einen Tee trinken und da ich den lecker fand wurde direkt ein Tütchen für mich fertig gemacht, „nur zwei Dirham pro Gramm, ein Witz!“ und in die Hand gedrückt. „Das macht dann 28 Euro!“. Ich tat, was man unter solchen Umständen machen muss: Ich verließ fluchtartig unter arabischen und französischen Verwünschungen den Laden – kann man im Internet lernen – und ignorierte die Gegenflüche. Aber ehrlich: Für ein paar Blätter 200 Euro! pro Kilogramm? Den Rest des Tages reagierte ich auf Escort-Service-Angebote etwas ungehalten, was mir leider nicht viele Sympathien einbrachte. Aber die netten Begegnungen überwiegen deutlich!

Die schicke Mellah
Die nicht ganz so schicke Mellah

Die Synagoge war dann unprächtig und dient heute wohl eher als Museum. Ich machte mich auf zum jüdischen Friedhof. Eine triste Stätte. Leider weiß ich so gar nichts über die jüdische Begräbniskultur, aber Schmuck und Blümchen gehören wohl nicht dazu.

Der jüdische Friedhof

Inzwischen waren mein Hirn hirntot und die Füße fußtot. Zu viele Eindrücke, zu viele Schritte. Ich wankte zurück ins Riad – nicht ohne mindestens 3 weitere Begleiter abzuwimmeln, legte mich eine Stunde hin (und ich schwöre, dass es Plopp machte, als ich die Schuhe auszog!) und sitze jetzt im lauschigen Innenhof bei einem halbkalten Bier. Um 16 Uhr waren es 41 Grad Celsius.

Ob ich es heute Abend noch einmal zum Djemaa el Fna schaffe? Ich weiß es nicht.

Schaltet also morgen wieder ein, wenn dieses Rätsel gelöst wird.

Euer Gerald

P.S.: Für Elke…

Schau mal Mutti, ein Esel, ein Esel. (V.v.Bülow)

P.P.S.: In einem Fundouk war ich ja auch noch! Das ist so eine Karawanserei, die inzwischen fast alle zweckentfremdet sind. Hier hat mich zum Beispiel ein sehr netter Zeitgenosse hingelotst. Er sagte einfach, es sei sehenswert und er ließe mich in Ruhe. Und das war es auch. Und das tat er auch.

Eine zum Haus der Künstler umfunktionierte Karawanserei.

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