Tag 21: Steilige Stätten

Guten Abend aus dem bis vorhin noch sonnigen Norden, liebe Leser!

„School’s out forever“, wie schon Alice Cooper seinerzeit lautstark grölte. Trotzdem wachte ich theoretisch rechtzeitig auf. Drehte mich dann aber nochmal rum. Und forever? Hm. Wer weiß, wo ich meinen B2-Kurs mache… Vielleicht in einer Schule in Sevilla? Oder auf El Hierro? ¿Quién sabe?

Heute war Hauptprogrammpunkt der Besuch „eines der schönsten Dörfer Spaniens“, ein Prädikat, das von allerhöchsten Stellen vergeben wird und man sich schwer verdienen muss. Geschafft hat dies unter anderem das Dorf Tejeda im Inselinneren. Na, da wollen wir doch mal sehen… Die Fahrt dorthin war auf jeden Fall wieder einmal spektakulär! Ganz tolle Aussichten! Und diesmal bin ich durch Waldbrandgebiet gekommen. Der Boden grünt schon wieder, Rankzeug bemächtigt sich der toten Stämme. Aber eine Erholung wird noch dauern.

Tejeda begrüßte mich dann mit einer festlichen Hochzeit. Hui, hatte man sich da rausgeputzt! In Italien nennt man das ja „fare una bella figura“, ich nehme an, da gibt es auch einen feststehenden spanischen Ausdruck für. Da muss jedes Haar sitzen und alles glänzen, außer der Stirn. Der Ort ist bis auf eine zentrale Großbaustelle wirklich wunderschön. Alles ist so gepflegt und aufgeräumt. Es gibt keine Werbung und kein Plastik. Es gibt nur Schönes! Ich war sofort hin und weg. Und die Menschen: Die Dame im Souvenirshop, der Kellner auf der Aussichtsterrasse, die Mitarbeiter des Delikatessengeschäftes. Alle zum Liebhaben!

Auf der Aussichtsterrasse habe ich zum Kaffee ein Pan Tomate gegessen. Also, dass etwas so Simples so toll schmecken kann. Das geröstete Brot ein bisschen mit Knoblauch eingerieben und mit Olivenöl beträufelt, dann Tomatenpüree drauf und das ganze verziert mit ein paar Klecksen Honig. Ein Traum. Das Öl habe ich sofort erstanden, dazu Bienmesabe und einen Mandelkuchen, alles mit Zutaten aus der unmittelbaren Gegend. Man schenkte mir dann noch ein Glas Pflaumenmarmelade und bastelte mir eine Papierrose. Die Marmelade ist zwar schon über dem Verfallsdatum, aber wird an sich ja nicht schlecht, wenn sie noch nicht geöffnet ist. Ich habe mich auf jeden Fall gefreut.

Weiter ging es zum nahegelegenen Roque Bentayga. Eine heilige Stätte der Canarios. Man kommt mit dem Auto bis zum dazugehörigen Museum, klein und fein und Eintritt frei, und muss dann den Rest per pedes erklimmen. Was der Onkel Gerald immer wieder vergisst ist, dass der Aufstieg zwar anstrengender, der Abstieg aber immer schwieriger ist. Besonders bei Höhenangst. Oben angekommen war ich etwas aus der Puste. Unten angekommen war ich klatschnass vor Stress. Aber es hat sich gelohnt! Wenn man sich überlegt, dass die Canarios mal eben so ohne vernünftige Schuhe und ohne Hyundai Tucson auf 1414 Meter Höhe gekraxelt sind, um wem auch immer zu huldigen. Teilweise haben sie dort in Höhlen gewohnt. Der Platz ist aber auch wirklich magisch.

Artenara – nächster Punkt der Reise – zählt als das höchstgelegene Dorf der Insel. Auch hier ist es sehr schön, prima Ausblicke, alles so idyllisch! In Artenara kann mann dann nordwestlich zu einem Christus hinaufkraxeln, dann wieder ins Tal, um dort ein Höhlenmuseum zu besichtigen, um anschließend wieder einen Berg im Südosten zu erklimmen, wo sich die Ermita de la Cuevita befindet. Warum muss alles Heilige so weit oben liegen? Also, meine Waden wissen, was sie am Tag geleistet haben.

Das Höhlenmuseum war übrigens überraschend gut besucht. Es handelt sich um Höhlen, die noch aus vorhispanischer Zeit stammen und seit ihrer Wiederentdeckung als Heimatmuseum für typische Einrichtungsstücke des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts dienen. Auch hier freier Eintritt, man darf aber eine Spende hinterlassen. In der Ermita kann man einen Euro in einen Apparat schmeißen, dann geht für drei Minuten das Licht an.

Es wurde schon spät, und ich wusste, dass Sora nicht im Dunkeln die Serpentinen bergab fahren wollte. Vollstes Verständnis! Ich glaubte, ich fände den Weg auch ohne Navi, da ich mich ja jetzt so dolle auskenne. Naja, kurz vor der Küste war ich unentrinnbar in einem mir völlig unbekannten Ort gefangen, aus dem ich nicht mehr rausfand. Nachdem ich dreimal um den selben Platz herumgekurvt war, schaltete ich doch wieder das Navi an, was dieses mit einem höhnischen Kichern quittierte. Innerhalb von 6 Minuten war ich dann von dort aus zuhause.

Diesmal versammelten sich die Wolken an der Westküste.

Also, der Tag heute hat definitiv dazu beigetragen, dass meine Liebe zu dieser Insel einen Quantensprung gemacht hat. Das Inselinnere ist ein Traum!!! Leider nur nix für alte Knochen. Es ist doch alles überall sehr steil. Und man braucht Ewigkeiten, um selbst kurze Strecken zu überwinden.

Morgen geht es nach Maspalomas, ich habe eine Verabredung zum Mittagessen dort. Ich bin gespannt, ob der Süden nicht doch noch Überraschungen für mich bereithält. Ich werde gleich noch einmal den Reiseführer konsultieren.

Ich hoffe, es geht Euch allen gut und sende viele liebe Grüße!

Euer Gerald

Señor Unamuno und ich sind uns einig. Schön hier. Er hat eine sehr interessante Biographie!
Ruhestand hier oben? Man muss sich das dann so vorstellen: Das Blümchen steht in meinem Vorgarten und der Lebensmittelladen ist im Bild Mitte links.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.