Tag 6: Sind wir eigentlich in der Bretagne?

Ihr Lieben,

man soll ja immer versuchen, das Beste aus unvorhergesehenen und / oder unschönen Umständen zu machen. Aber rein urlaubstechnisch werden wir hier ganz schön auf die Probe gestellt. Heute war mir sogar mal danach, einfach einen Mittagsschlaf zu halten.Im URLAUB!!! Aber wir frieren uns hier stellenweise ’nen Ast ab, es ist trüb und grau und auch ohne Regen irgendwie nass. Puh.

Heute früh entschieden wir uns für eine weitere Wanderung. Immerhin konnte uns die Sonne nicht einen nach ihr benannten Brand in den Nacken zaubern. Der Hotelanimateur wies uns auf diese Strecke hin und wir fanden sie auch in unserem Mallorca-Wanderführer, den ich bei einem weltbekannten Discounter erstand. Okay, tolle Ausblicke, nicht zu viele Höhenmeter und in der Nähe. Also, ab dafür.

Wir fuhren zur Cala Estany d’en Mas, parkten unsere Luisa dort und irrten schon in der ersten Minute orientierungslos am Startparkplatz herum. Ich nehme es vorweg: Unsere Wander-App hatte nicht ihren besten Tag. Lissi (so heißt die nörgelige Stimme der App bei mir) hat nur rumgezickt, uns ständig in die falsche Richtung geführt und irritierende Angaben gemacht: „Gehen Sie jetzt scharf links und kehren dann um!“, „Die Route wird neu berechnet, springen Sie derweil über die Klippe!“, „Sie sind rettungslos verloren und müssen alle sterben!“ waren noch die nachvollziehbareren Ansagen. Meisten war sie aber beleidigt und hat gar nichts gesagt oder angezeigt.

Naja, wir haben die Höhepunkte der Wanderung auch ohne sie entdeckt. Einen Felsbogen inmitten gischtiger Brandung, hochlandmooranmutende Landschaften, Felszungen, Ziegenherden und einsame Buchten. Es mutete wegen der wilden Brandung, der Klippen und des neblig-salzig-eisernen Klimas an, wie an den wildesten Atlantikküsten! Wir fühlten uns wie im November in der Bretagne.

Die Wanderung wurde als nicht zu leicht ausgewiesen, was aber nicht nur an den Anforderungen an die Kondition lag. Die waren eher im machbaren Bereich angesiedelt. Mal 30 Meter eine Klippe hochkraxeln oder 20 Meter einen Felshang herunterhangeln. Was aber wirklich nachher aufs Gemüt schlug: Es war ein Haxenbrecher-Weg! Geröll, Erosions-Stalakmiten, Gestrüpp mit Fallschlingen. Wir stolperten uns den Weg entlang, das war schon Slapstick. Obwohl man quasi nur noch auf den Boden vor einem starrte, legte man sich fast alle zehn Meter flach. Das machten wir ein paar Kilometer fast ohne Murren mit, wir waren noch motiviert. Aber auf dem Rückweg… Meine Flucherei war nicht jugendfrei. Mehr als einmal schmetterte ich ein „Ich hab’s satt!“ in derberer Form über das Gestrüpp hinweg. Zusammenfassend also: Tolle Ziele, besch….. Wanderweg. Wir sind froh, dass wir uns nichts gebrochen haben, das wäre durchaus im Bereich des möglichen gewesen. Und eine Fußreflexzonenmassage brauchen wir trotz stabilen Schuhwerks auch die kommenden dreißig Jahre nicht mehr.

Wir waren froh, nach nur ein paar Stunden wieder bei Luisa zu sein. Die Bar in der Bucht hatte geschlossen, die hätten mit uns das Geschäft ihres Lebens gemacht. Also fuhren wir ins Hotel zurück und süffelten erst einmal unser schwerverdientes Wanderbier. Und dann war uns nach hinlegen. Etwas über eine Stunde habe ich dann gepennt, bis Elke anklopfte. Wir waren uns einig, dass wir uns Sonne im Glas holen mussten. Also ab in die Hotelbar zur Sangria. Und Nüsschen und Oliven und Schaumzuckerzeug. Denn das gibt es zu jedem Getränk dazu.

Nach dieser Stärkung liefen wir noch einmal die Promenade von Cala Millor entlang. Von den vielen Läden hier hatten nur sehr wenige auf. Und es blies kalt vom Meer und es war grau und das Meer brandete schon fast schwarz an, so aufgewühlt war es. Zwei Surfer ernteten unseren Respekt. Aber auch unser inneres Kopfschütteln. Wie sehr muss man seinen Sport mögen?

Wir kehrten zum Hotel zurück und tranken Elkes Geburtstagssekt. Habt Ihr den Eindruck, wir hätten heute viel getrunken? Ach, was soll’s… Ja, haben wir. Wir saßen in Winterjacken auf dem Balkon und redeten uns Mut zu. „Immerhin sind wir an keinem Tag komplett durchnässt worden!“

Im Restaurant war heute asiatischer Abend. Da hatte ich mir eigentlich nichts besonderes drunter vorgestellt. Aber es war wunderbar. Die Köche hier können was. Essen und Trinken als Therapie 🙂 Abends, zuerst auf dem Balkon, dann auf dem Zimmer, lieferten Elke und ich uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Tavli-Spiel. Sie hat schon wieder gewonnen. Ich glaube, ich möchte die Geburtstagsgeschenke zurück.

Morgen werden wir uns wahrscheinlich in Palma rumtreiben, gehört ja irgendwie bei einem Malle-Urlaub dazu. Seid Ihr dabei?

Liebe Grüße
Euer Gerry

Für jeden Haxenbruch oder Sehnenriss wird auf diesem Steinhügel ein Stein abgelegt. Er wird jeden Monat erneuert.

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