Ihr Lieben,
heute Nacht ließ ich das Heizsystem (eine sehr zickige Klimaanlage mit Heizfunktion) auf 99 Grad laufen und fröstelte dennoch ein bisschen. Mir kam der Gedanke, dass es vielleicht keine gute Idee ist, in diesem Zustand stundenlang durch Regen oder Schnee zu laufen. Daher bat ich die künstliche Intelligenz, mir ein „Innenprogramm“ für moderne Kunst und Wein zu skizzieren. Nach drei oder vier Anpassungswünschen ergab das eine sehr schöne Route. Über den Frühstückssaal berichte ich heute mal nicht, wir könnten also sofort los. Wollen wir?
Ein paar Kilometer außerhalb Bratislavas liegt auf einer Insel das Danubiana Meulensteen Art Museum, ein relativ neues, privates Projekt des gleichnamigen niederländischen Sammlers Gerard Meulensteen, der leider in diesem Januar verstarb. Quasi ein Namensvetter, vornamenstechnisch. Da kommt man mit der Buslinie 90 hin. Und auch wieder weg. Und weil es so schön passt: Ich war hin und weg! Die Busfahrt war zwar etwas eintönig, wir fuhren viel durch die Pampa und es war grau und dunstig. Ach, und es dauert fast eine Stunde, bis man da ist. Das Haus ist von Außen nicht sensationell, aber innen ein Traum. Und die Ausstellungsstücke erst. Es gibt auch einen kleinen Skulpturenpark, den guckte ich mir aber gemäß meinem heutigen Motto nur durch die Fenster an. Im Annex des Hauptgebäudes gab es noch eine Ausstellung zum Werk von Tono Stano, einem besonders für seine nudistischen Bilder bekannten Fotografen. Das war jetzt nicht so meins. Aber allein die Sammlung lohnt den weiten Weg!








Wieder in der Stadt angekommen, verschlug es mich in die Slowakische Nationalgalerie. Selten hat mich ein Museeum so irritiert. Ich bin mir sicher, dass es ein Konzept gibt, es hat sich mir nur nicht erschlossen. Alles ist irgendwie wild durcheinandergewürfelt. Möglicherweise ist das ja das Konzept. Es gibt auch beeindruckende Schaustücke, aber die Konzentration wird doch sehr in Anspruch genommen, wenn ein aufgeschlitzter Beton-Christus neben einer Pieta aus dem 18. Jahrhundert steht, links davon im Raum Designgegenstände präsentiert werden, rechts dann wieder ein kunterbuntes Leihgabensammelsurium. Ich war nach zwei Stunden mehr als erschöpft. Hervorzuheben ist aber die Architektur des Museums, die ist mehr als gelungen! Vielleicht macht man sich vorher einen Plan und nimmt sich nur kleine Teile zur Besichtigung vor, dann wird man nicht so erschlagen.








Ein kleiner, aber feiner Anlaufpunkt zum Schluss sollte die Galéria Nedbalka sein, allein, das hätte ich zeitlich und auch psychisch nicht mehr geschafft. Stattdessen konnte ich mich für sage und schreibe 30 Minuten im Hotel hinlegen, bevor es zur Weinprobe ging. Dabei fiel mir auf, dass mein „Fritzchen“, das kleine Kopfkissen, verschwunden war. Hm.
Schon beschwipst durch die vielen Eindrücke wankte ich dann zur am Vorabend gebuchten Weinprobe in den Keller des Apponyiho-Palastes. Man konnte entweder 3 oder 5 Proben mit Sommelier (also dem Weinerklärbärchen) buchen, 30 bzw. 45 Minuten lang, oder aber alle 80 vorrätigen Weine durchverkosten, ohne Sommelier dann. Innerliches Schädeltrauma ohne Anleitung halt. Ich glaube, das buchen dann aber nur ganz hartgesottene Ballermänner. Wobei das wirklich preiswert ist. Hm. Ob ich noch schnell meinen Geburtstag umplane?
Es war auf jeden Fall – Wortspielalarm! – eine nüchterne Angelegenheit. Kurze Absprache was geht und was nicht und dann drei Weißweine, einen Rosé und einen Rotwein, immer mit ein paar Erläuterungen. „Die Himbeere drängt sich rotzfrech in den Vordergrund, aber die Vanille rächt sich im Abgang.“ Sowas eben. Alle Weine mittelpreisig und trinkbar. Darunter endemische Trauben, wie Devin oder Dunaj. Am Ende kaufte ich einen Veltliner und einen Dunaj (hoffe, die gehen im Softkoffer nicht kaputt, ich muss den ja dann einchecken) sowie eine Flasche Perlwein für mein Hotelzimmer zum Abschiednehmen.






Mit mir waren zwei Britinnen anwesend. Wir erkundigten uns natürlich, wer um Himmels Willen denn die 80-Weine-Probe bucht. Die Antwort: Briten. Und die machten dann kein Tasting, sondern ein 100-Minuten-Besäufnis. Der Sommelier steigerte sich immer mehr in die Thematik rein, irgendwie ignorierend, dass zwei britische Damen sich vor Scham windeten. Ich hingegen fand es, ich bin einfach ein schlechter Mensch, irgendwie lustig. Insgesamt war das dann ganz nett. Weinproben sind ja eine gesellschaftlich anerkannte Form, sich die Kante zu geben, ich mag das.
Da ich nun mal wieder im Zentrum war und die Sonne irgendwie so ein winziig kleines Bisschen durchkam, lief ich durch die Altstadt, ich hatte das Martinstor noch nicht gesehen. Es gibt in Bratislava auch wirklich schöne Läden. Eine historische Konditorei z.B., da hätte ich M. aus G., der auf sowas steht, nie wieder rausgekriegt. Ich gönnte mir noch ein Sandwich auf die Hand und schlenderte zum Hotel zurück.








An der Rezeption berichtete ich, dass ich mein kleines Kopfkissen sehr schmerzlich vermisse. Man wolle sich drum kümmern. Fünf Minuten später stand eine resolute Dame in meiner Zimmertür, die erklärte, das gebe es ja nicht. Sie stürmte rein, schaute ungefragt unters Bett, in den Schrank und in die Schubladen. What? Slowakische Flüche murmelnd übergab sie mir ein frisches Kopfkissen und entschwand.
So, Ihr Lieben, morgen geht es nach Wien. Da habe ich ja etwa 50-mal an Konferenzen teilgenommen. Dennoch kenne ich die Stadt nicht wirklich richtig. Das wird sich auch morgen nicht ändern, da ich ja nur von Bratislava aus zum Flughafen Schwechat muss. Noch bin ich unschlüssig, ob ich 5 Stunden eher aufbreche, aber die ÖBB scheinen ja nicht ganz so unzuverlässig, wie die DB. Um 17:30 Uhr sollte ich wieder in Köln sein.
Da die Reise ja quasi hier schon zuende ist, bedanke ich mich jetzt schon herzlich für Eure Begleitung, auch wenn es morgen noch einen kleinen Epilog geben wird. Ich hoffe, es hat Euch ein wenig gefallen, mir über die Schulter zu schauen. Ich kann auf jeden Fall beide Städte sehr empfehlen. Ich könnte mir halt vorstellen, dass man sich in Ferien- und Brückentagszeiten im Sommer gegenseitig tottrampelt, insofern war meine Reisezeit vom Wetter her nicht der Burner, aber dafür war es eben auch eher gemütlich.
Bis morgen, oder aber bis zum nächsten Rezept oder „Schnipsel“, macht’s gut, Euer



Lieber Gerry,
es war wie immer, eine große Freude mit dir zu reisen! Wir sehen uns dann am Freitag bei Frau B.!
gute Heimreise und ganz liebe Grüße, Petra
Schön, dass Du wieder dabei warst, meine Liebe! Bis Freitag!