Tag 6: Reval ist nicht nur eine Zigarettenmarke

Tschüss, Pärnu!

Wenn einer keine Reise tut, dann kann er nichts erzählen.
Wenn einer keine Liebe hat, dann kann er niemand quälen.
Wenn einer keinen Hammer hat, dann hat er nichts zu klopfen.
Wenn einer keine Mäuler hat, dann hat er nichts zu stopfen.
Wenn einer keine Brüder hat, dann hat er nichts zu schwestern.
Wenn einer keine Ostern hat, dann hat er nichts zu western.
Wenn einer keine Götter hat, dann hat er nichts zu lästern.
(Robert Gernhardt, geb. 1937 in Tallinn, gest. 2006 in Frankfurt/Main)

Tach auch aus Tallinn!

Heute beginnt der Bericht mit einem Werk von Robert Gernhardt, den ich sehr schätze. Er ist in Tallinn geboren, hat tolle Gedichte geschrieben, Romane, Novellen, Berichte und Beiträge für bekannte Komiker und Satirezeitschriften. Er ist einer meiner Lieblingsautoren!

Aber nun zum Tag: Heute früh musste ich die schöne Villa Ammende am Ende doch verlassen. Nach einem erneut sehr leckeren Frühstück packte ich mein Zeug zusammen, checkte aus und fuhr zum Museum für moderne Kunst (Uue Kunsti Muuseum) in Pärnu. Dieses Museum sollte laut Google ab 9 Uhr geöffnet sein, es war inzwischen zehn. Vom Frühstückstisch aus hatte ich noch in Tallinn angerufen und meiner Vermieterin Katrin mitgeteilt, ich würde ihr um 14 Uhr die ungefähre Ankunftszeit angeben. Für das Museum hatte ich zwei Stunden eingeplant. Leider war dieses Museum nun geschlossen, genau für diese eine Woche. Ich nahm mir also vor, den Wagen noch einmal in Pärnu City zu parken, und die Stadt zu Fuß zu erkunden, aber nicht ohne vorher im Tourismusbüro gefragt zu haben, was man denn gesehen haben müsse.

Katharinenkirche in Pärnu

Der einzige Mitarbeiter dieses Tourismusbüros war aber dermaßen mit telefonieren beschäftigt, dass ich nach einer Viertelstunde die Lust verlor, ihn anzustarren und einfach so los lief. Es stellte sich heraus, dass Pärnu doch auch abseits meines Villenviertels ein paar schöne Ecken zu bieten hat. Schöne alte Häuser, Teile der alten Stadtbefestigung, wunderbare Cafés, schön geschmückte Straßenzüge. Also, ich kann Pärnu von vorne bis hinten nur wärmstens empfehlen! Und wenn ihr schon mal dahin fahren solltet, dann übernachtet in der Villa Ammende, denn sie ist ein Traum!

Der rote Turm. Schwer zu finden!

Abends im Reiseführer habe ich übrigens einen kleinen Artikel über die Villa entdeckt. Dort heißt es sinngemäß, dass man sie ansehen sollte, auch wenn man sie sich überhaupt nicht leisten kann. Ich persönlich finde 75 € für eine Übernachtung in einer Jugendstil-Villa inklusive Frühstück ist nun wirklich nicht die Welt! Aber wahrscheinlich reden die über Preise während der Hauptsaison.

Die Fahrt nach Tallinn verlief dann sehr, sehr ruhig, mit den gewohnten 90 Stundenkilometern und das über eine Strecke von ca. 130 km. Nur Tallinn hat mich dann etwas gestresst, da man beschlossen hat, alle Straßen gleichzeitig auf einmal aufzureißen. Mein Navigationsgerät akzeptierte nicht, dass ich nicht überall hinfahren konnte, und bat mich beispielsweise, in Einbahnstraßen zu wenden. Ich parkte sehr nah meiner neuen Unterkunft und rief verzweifelt Katrin an. Ich käme nicht durch. Sie versprach, sich ins Auto zu setzen, um mich abzuholen, um dann Kolonne zu fahren, sie kenne sich ja aus. In der Zwischenzeit habe ich dann auf das Navigationsgerät verzichtet und mir auf einem Straßenplan angeguckt, wo die Unterkunft liegt. So konnte ich dann unter Umgehung sämtlicher Großbaustellen doch noch vor das Apartment fahren. Ich informierte Katrin per WhatsApp, wir trafen uns, die Wohnung wurde übergeben. Das Apartment ist sehr schön, ich habe einen Blick auf den Fährhafen, von einem kleinen Balkon aus, der allerdings komplett hinter Glas liegt, ein Wintergärtchen sozusagen. Katrin hat auch schon Bier, Wasser, Kaffee und Bonbons bereitgestellt, was ich sehr aufmerksam finde. Eine glückliche Wahl. Denn diese Anmietung war bisher die schwerste Geburt. Ich brauchte ja einen Parkplatz und so gab es wenig freie Unterkünfte. Parken in der Altstadt kostet nämlich 20 Euro pro Tag.

Blick vom Balkon meiner Unterkunft

Nachdem ich alles einigermaßen verstaut hatte, begab ich mich sofort in die Altstadt von Tallinn. Sie liegt keine zehn Minuten von hier entfernt und ich muss, um zu ihr hin zu gelangen, durch das sogenannte Rotermannviertel. Dies ist zwar modern, aber auch sehr hübsch. Modern kann auch schön sein, dieses Viertel ist das beste Beispiel dafür.

Rotermannviertel. Und welches Sternzeichen sind Sie?

Die Altstadt von Tallinn ist größer als die von Riga. Obwohl Riga die größere Stadt ist. Ich schrieb ja über Riga, als ich in der Nacht ankam, dass es sehr voll sei. Tagsüber hat sich das dann ja relativiert, aber in Tallinn ist es tatsächlich auch tagsüber voll. Es liegen aber, glaube ich, auch Kreuzfahrtschiffe auf Reede. Das ist natürlich für jede Stadt eine Herausforderung.

Ich musste sieben Minuten mit gezückter Kamera warten, bis kein Kopf mir vor die Linse lief 🙂

Tallinn gefällt mir sehr gut. Es gibt fast keine nicht schöne Ecke. Ich sah den Rathausplatz, stieg dort den Turm hoch, von dem man aus eine wunderbare Aussicht hat (eigentlich bin ich zu alt für – am Ende – kniehohe Stufen!), wenn auch nicht viel Platz ist, um sich zu drehen und zu wenden. Dann bimmelte die Glocke über mir auch noch dreimal und ich fiel vor Schreck fast die steile Treppe runter. Oben hatte ich auch noch ein nettes Gespräch mit einem Kanadier. Als wir uns beim Vorstellen die Hände schüttelten, erschlugen wir damit fast die nächste Touristin (sie war Filipina), die sich auf die Plattform zwängen wollte. Mich erstaunt die Vielfalt der Nationen hier, ist doch das Baltikum eher klein. Aber Lars aus Halifax erzählte, dass er gerne kleine Länder bereise. Belgien, Andorra, Estland. Immerhin sei er in Deutschland ja in Frankfurt zwischengelandet.

Blick vom Rathausturm

Ich ging anschließend hoch zur Alexander-Newski-Kathedrale (an einer Hochzeitsgesellschaft vorbei, was einer japanischen Reisegruppe Entzückensschreie und Kameras entlockte, was wiederum das Brautpaar sichtlich genoss), dann zum Dom (wo jemand wunderbar Orgel spielte, was ja, leidgeprüfte Spieler UND Hörer wissen das, nicht so einfach ist!), die Befestigungsmauern entlang und sah den „Kiek in die Kök“. Ganz ehrlich, hier habe ich zuerst an ein Restaurant gedacht. „Guck mal in die Küche“. Heißt es zwar auch, aber es handelt sich trotzdem um den Kanonenturm der alten Bastei.

Eindrücke aus Tallinn:

Nach drei Stunden Fußmarsch durch die Altstadt entschied ich mich, auf dem Rathausplatz ein Bier zu trinken. 6,50 € für ein Bier! Naja , der Blick ist halt mit bezahlt. Jetzt sitze ich wieder im Wintergarten meines Apartments, und schreibe den ersten Teil meines Tagebuchs. Es ist schon weit nach 18 Uhr, aber die Baustelle, in deren Zentrum ich quasi ja wohne, ist immer noch unglaublich betriebsam. Der estnische Bauarbeiter schmeißt seinen Helm offensichtlich nicht um 15 Uhr in die Baracke. Ich gucke auf sehr große Fährschiffe, auf die Türme der Altstadt und auf ein riesiges Einkaufszentrum direkt vor der Tür. Vorhin hat es gegen halb sechs angefangen zu nieseln. Also, wenn es morgen schütten sollte, habe ich etwas direkt vor der Nase, wo ich mich mit Schuhen von Deichmann, Klamotten von H&M und Takko, …. die Welt ist einkaufstechnisch ein Dorf.

Rimi ist hier DIE Supermarktkette

…Werbepause…

Kurzer Teil 2 des Tages: Katrin erzählte mir, dass um die Ecke eine schöne kleine Brauerei leckeres estnisches Essen bereit hielte. Ich hatte noch keine Milch, ging also runter, um welche zu kaufen und plante dann, in dieser Brauerei zu essen. Sie sieht ganz wunderbar aus, aber ich wäre neben einer griesgrämig dreinschauenden Dame der einzige Gast in einer riesigen Halle gewesen. Das wollte ich dann irgendwie nicht. Also, wieder in den Supermarkt, original lettischen Käse (die No. 1!) und lettische Wurst und lettisches Schwarzbrot gekauft und wieder in mein schönes Apartment. Was soll ich sagen? Schmeckt wie Gouda, Salami und weiches Graubrot. Morgen Abend esse ich in der Altstadt!

„Haben Sie reserviert? Nicht? Dann muss ich mal schauen!“

So, Ihr Lieben. Hier ist es gleich 22 Uhr, ich muss jetzt mal gucken, wie ich den Tag morgen verbringen möchte. Das Auto bleibt jedenfalls in der Tiefgarage!

Solltet Ihr Lust haben, dann sehen wir uns morgen Abend wieder hier.

Ar laba vēlējumiem,
Euer Gerald

Das „Vorher“-Bild habe ich nicht gefunden.
Die deutsche Rechtschreibreform macht auch vor Ländergrenzen nicht Halt!

P.S.: Rolf, das ist jetzt nur für Dich! ? ? und ?

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