Tag 10: Arendal

Ihr Lieben,

heute früh legten wir nach bewegter Nacht in Arendal an. Begrüßt wurden wir von Anna und Elsa samt Hofstaat, denn die Kinder der örtlichen Tanzschule boten am Pier Ausschnitte aus dem Musical „Frozen“ dar. Das war ganz niedlich. Der Hofstaat bestand dabei zu 99,99 Prozent aus Mädchen, aber das ist in Tanzschulen wohl so.

Um halb 11 brach ich dann zu einer geführten Stadtwanderung auf. Die Reiseführerin Anne heute sprach sehr gut deutsch und sie verzettelte sich auch nicht so in Kleinigkeiten. Dazu ist Arendal eine wirklich hübsche Stadt und bei Superwetter macht das natürlich doppelt Spaß! Anne meinte, Arendal hätte ein absurd hohes Budget für Stadtbepflanzung, aber meiner Meinung nach ist das gut angelegtes Geld, denn auf Diaabenden wird die florale Pracht den ein oder anderen möglicherweise zu einem Besuch anstiften. Apropos Diaabend. Ich werde meine Fotos auf ca. 5.000 Stück reduzieren und freue mich auf Euer Kommen, es gibt Leberwurstschnittchen und zimmerwarmen Kröver Nacktarsch aus Römergläsern.

Arendal war lange eine sehr wohlhabende Stadt, das merkt man noch heute. Es gibt prächtige Häuser und über fast jedes von ihnen etwas zu erzählen. Sobald Ihr norwegisch gelernt habt, solltet Ihr im Internet die Geschichte der Kitty Kallevig nachlesen. Drama pur! Ihr Geist spukt immer noch durch das alte Rathaus. Oder der einer ihrer Nachkommen. Mein norwegisch ist etwas eingerostet. 🙂 Das Rathaus ist das höchste Holzgebäude im „Venedig des Nordens“, wie Arendal sich selbst – wie ungefähr 250 andere Städte ja auch – gerne nennt. Auch sonst hatte Anne viel zu erzählen, über reiche Witwen, über Fischer, die Häuser der Armen, die jetzt die Reichen haben wollen, über Glanz und Gloria und Aufstieg und Untergang. Wirklich toll gemacht.

Nach dem geführten Stadtspaziergang lief ich noch auf eigene Faust los. Ich besuchte Norwegens kleinste Schokoladenfabrik, wo ich einer mürrischen Dame, die mit ihrem Blick Trolle hätte versteinern lassen können (und nicht etwa, weil sie so sonnig war) die teuerste Schokolade ever abkaufte. Vielleicht war sie von der Anwesenheit des Amera-Filmteams, das zeitgleich zugegen war, nicht so angetan, wer weiß.

Danach befuhr ich mit einem Glasaufzug, der erst vor 3 Wochen eröffnet wurde, auf den Aussichtspunkt Føyheia. Die Plattform ist meiner Meinung nach aus Beton und trotzdem hat sie – auch meiner Meinung nach – geschwankt. Also, Blick super, Herzkasper inklusive.

Mittags musste ich dann unbedingt wieder aufs Schiff, denn es gab Labskaus. Als gebürtiger Hamburger konnte ich mir das nicht entgehen lassen. War auch mal wieder lecker, für sich selbst alleine macht man das ja nicht mal eben.

Danach wieder ab in den Ort, Kaffee am Hafen trinken und danach herumschlendern. Das Schöne an Dänemark und Norwegen ist, dass man alles, auch die kleinsten Beträge, mit Kreditkarte zahlt. Man muss also keine drei Geldbeutel mit den verschiedenen Arten von Kronen mit sich herumschleppen. Apropos kleine Geldbeträge: ich besuchte auch noch eine Apotheke, um dort eine Hautcreme zu erstehen, da ich meine vergessen hatte. Als die freundliche PTA die Tube über den Scanner zog, täuschte ich einen Ohnmachtsanfall vor, was sie veranlasste, einen Rabattknopf zu drücken. Das fand ich sehr freundlich. Statt 28 Euro nur noch 17 für Bepanthensalbe.

Am Abend dann ein weiteres Bord-Highlight: das reservierungspflichtige „Pichler’s“. Auf der ersten Reise waren umgehend alle Plätze für das Restaurant des Phoenix-Küchengenerals vergeben, aber ich alter Fuchs reservierte dann auf der ersten Reise für die zweite.

Ich erwähnte, dass ich nichts gegen einen weiteren Esser am Tisch hätte, da ich ja wusste, wie beliebt Plätze in diesem Restaurant sind. Aber seit gestern lebte ich dann doch in Angst. Denn ungefragt pöbelte mich ein Mann an, wie schrecklich das Schiff sei und prahlte damit, dass er wegen des widerlichen Essens eine Kellnerin zur Sau gemacht habe. Ich war leider, leider sprachlos, was mir ja nicht oft passiert. Als er erwähnte, dass wenigstens die Kabinen „ganz ordentlich“ seien, knödelte ich zumindest heraus, dass die komplette Katastrophe damit ja abgewendet sei. Abends erzählte mir ein anderer Passagier, dass er eine ähnliche Begegnung mit diesem Benimm-Alien hatte.

Aber ich war dann gottseidank alleine an einem Tisch, Myriaden von Kellnerinnen und Kellnern wuselten um die Gäste herum und das Essen war ein Traum. Ganz zum Schluss ließ ich mir einen Digestif empfehlen. Der Restaurantleiter holte die Karte und empfahl mir Vogelbeere. Die sei in diesem Zustand nicht mehr giftig. Ach so. Ich merkte an, dass ich jetzt keine ganze Flasche Schnaps schaffen würde. Oh, ich argloser Wicht, es war der Preis für ein Glas. Nun denn, her damit. Es war ein guter Schnaps, aber ich mache jetzt mal einen Haken hinter hochpreisigen und giftigen Beeren. (Erika, erinnerst Du Dich noch an den 40 Jahre alten Brandy in Lissabon?)

Im Informationsbuch auf der Kabine wurde erwähnt, dass man im Pichler’s gerne Abendgarderobe sähe. Nunja, ich quälte mich in meinen „FrackundFummel“, wäre aber auch in Jeans und T-Shirt nicht völlig aus der Rolle gefallen. Man ist hier familiär und locker und deswegen machten sich zwar alle über den Fast-Nackedei mit Prachtwampe auf dem Lidodeck heute lustig, aber man ließ ihn einfach gewähren.

Als Showprogramm stand irischer Steptanz auf dem Programm. So etwas hatte ich noch nie live gesehen und nahm es mir eigentlich vor. Aber nach dem schönen Essen und dann dem Sonnenuntergang auf dem Promenadendeck bei der Ausfahrt durch die vor Arendal versprengten Inseln – ich hatte fast Pipi inne Augen – war mir nach einem eher ruhigen Ausklang und ich verirrte mich in die Pianobar, wo das Duo aus Harry’s Bar plötzlich ganz andere Töne anschlug. Musik, die ihnen viel besser steht. Beim Ententanz, der aus unerfindlichen Gründen von allen Künstlern irgendwann gespielt wird, floh ich dann aber wieder in die Panoramabar.

Oslo, unser Hafen morgen, wird oft „größtes Dorf Skandinaviens“ genannt. Wieso? Nun, das hoffe ich morgen zu erfahren. Seid Ihr dabei?

Liebe Grüße, Euer Gerry

2 Gedanken zu „Tag 10: Arendal“

  1. Aber natürlich erinnere ich mich an den Brandy in Lissabon 🙂 Ebenso wie an das Dessert, das zum Flambieren entzündet wurde, der Kellner den Tisch verließ, und ich mit schreckgeweiteten Augen auf die lodernden Flammen starrte, die nicht mehr ausgehen wollten 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.