Mein Leben am stahlseidenen Faden

Ihr Lieben,

das Frühstück war ganz okay und nach einem tränenreichen Abschied… ach, das hatten wir ja schon! Ich hatte den bopparder Sessellift auf der Agenda. Und das, obwohl ich unter Höhenangst leide. Aber wat mutt, dat mutt, sacht der Hamburger. Ich war fast der Erste vor Ort und fragte – ich wusste ja nicht, ob ich die Bergfahrt ohne psychische Störungen überstehen würde – nach einem Fußweg ins Tal. Ja, gäbe es, sehr steil und mühsam bzw. leicht und mehrere hundert Kilometer lang. Ich entschied mich für das Rückfahrticket.

Seilbahn, das muss man sich mal vorstellen. Mehrere tausend, meist übergewichtige Menschen hängen mit Tonnen von Stahl in Form von aufgehängten Sitzgelegenheiten an EINEM Seil. Und das seit 1954. Da muss das Seil doch mal müde werden. Also, ich wäre schon erschöpft. Da wäre es doch gar nicht unwahrscheinlich, dass es heute … Augen zu und durch. Manchmal die Augen aber auch wieder auf. Man hat ja für den Ausblick mitbezahlt. Und der ist spektakulär. Und gerade, wenn man denkt, oh, da ist die Bergstation, entpuppt sich das als Schwindel und es ist nur eine Kuppe vor weiteren tiefen Schluchten. Nun, wie durch ein Wunder habe ich es überstanden.

Oben gibt es dann wunderbare Aussichten. Den Gedeonseckblick über die größte Rheinschleife und den Vierseenblick, wo der Rhein durch die Hügel und Kuppen quasi in Stücke gehackt wird, so dass es wie eine Seenlandschaft anmutet. Spektakulär! Spektakulär auch das 12-jährige Kind im Sessellift vor mir, das das ganze Rheintal mit seinem hysterischen Gekreische unterhielt. Auch auf den Wanderwegen. Die Mutter so: „Lucas-Blue-Rainchild, ich habe Dir doch erklärt, dass das gerade nicht umsetzbar ist….“ Noch Fragen?

Die Talfahrt war um einiges schrecklicher als die Bergfahrt, da die Tiefen noch tiefer aussahen als tief. Ich wurde aber immerhin ein paar Minuten vom Schrecken durch ein Telefonat mit Hubsi abgelenkt, der freundlicherweise für mich verderbliche Ware aus der Packstation abholen sollte und nun den Code benötigte. Aber es lohnt sich trotz der tausend Tode.

Wieder im Tal angekommen, navigierte ich mich zum berühmten Römerkastell, einer der Topattraktionen Boppards. Was soll ich sagen? Unspektakulär, aber vielleicht habe ich da nicht den Kennerblick für. Da ich aber eine Parkbucht ergattert hatte, die zentrumsnah lag, lief ich nochmal zum Kirchplatz, wo es einen Weinladen gibt. Der dem Schwiegersohn vom Mann im Souvenirladen gehört, der aber im Fahradverleih des Bruders zu tun hatte, der sich um die Apartments der Frau kümmerte. Oder so ähnlich. Aber irgendwann wurde der Laden für mich aufgeschlossen und ich erstand ein paar örtliche Edeltropfen, zumindest der Schlussrechnung zufolge.

Das ist natürlich nicht die Fähre, das ist unser gestriges Ausflugsboot, gut besucht, wie ich meine…

Ab ging es dann zur Fähre. Das ist unter anderem deswegen abenteuerlich, weil wegen des Niedrigwassers der Steg-zum-Boot-Winkel absurd „steil“ ist. Man muss außergewöhnlich vorsichtig auf und wieder abfahren. Mir gelang es natürlich dennoch, dass Cora hinten aufsetzte. Die Strecke den Rhein lang ist wunderschön! Man wird richtig heimatbesoffen. Zwischendurch hielt ich auch mal an, um einfach nur zu staunen. Burgen, Schlösser, Kirchen, Klöster. Und die Landschaft. Ein Träumchen. Spektakulär passt auch hier.

In Rüdesheim angekommen kurvte ich erst einmal für einen freien Parkplatz herum. Hier ist doch so einiges los! Ich wurde fündig, musste aber ein Jahresgehalt an Münzen in den Parkautomaten werfen, um bis morgen dort stehen bleiben zu dürfen. Das Hotel ist weniger charmant als das in Boppard und das Zimmer ist ein… Einzelzimmer… Ich hatte kurzfristig gebucht und die Auswahl war nicht so groß. Aber ich werde auch das überleben, da es jetzt nicht winzig ist und trotz angestaubten Charmes sauber.

Ich machte mich auf zu einer Kurzbesichtigung des Örtchens. Es ist nett hier. Im positivsten Sinn des Wortes. Bisschen kitschig, bisschen touristisch, bisschen voll, bisschen altbacken. Die Schnitzereien über „Wein, Weib und Gesang“ und „die schönen Rüdesheimer Mädchen“ stammen aus einer anderen Welt in einer anderen Zeit. Ich suchte die Seilbahnstation und wurde schnell fündig. Rüdesheim ist nicht soooo groß.

Seilbahn? Hat der sie noch alle? Ist der Maso? Los, holt den Mückenstichbrenner! Zur Erklärung, diese hier ist viel harmloser als der Sessellift. Man sitzt in offenen Kabinen und sieht den Abgrund nicht so gut. Leider hat mir Erika erzählt, dass dort kürzlich viele Menschen viele Stunden festsaßen und durch Bergretter abgeseilt werden mussten. Heißa! Aber dennoch war mir weniger mulmig. Oben am Berg lief ich dann zur Monumentalskulptur „Niederwalddenkmal“, das an die Reichsgründung 1871 erinnert. Man hat dort spekta…. was? Wieso denn inflationär? Ich darf so oft spekta…. Nicht? Na dann: Man hat echt tolle Fernsicht den Rhein rauf und runter.

Wieder mit der Seilbahn über die wunderschönen Weinberge ins Tal. Dort suchte ich mir dann mal ein schattiges Eckchen und erlaubte mir ein Bier (waren es gar zwei?), schrieb mein Tagebuch für gestern und gab mich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Extremglotzing, hin. Das Publikum hier ist international. Pakistaner, Amerikaner, Franzosen, Chinesen, Japaner, Araber, Russen, Engländer und sehr viele Niederländer. Rüdesheim scheint ein touristischer Hot-Spot in vielen Reiseführern zu sein. Ich lief dann noch durch die berühmte Drosselgasse, eine Gasse weiter wieder hoch und gedachte, die Winzerbahn, eine Bimmelbahn zu nehmen. In glühender Hitze stand ich an der Haltstelle und die verspätete Bimmelbahn…. fuhr an mir vorbei. Ja, hätte ich mich auf die Straße werfen sollen? Hm. Sie war aber auch brechend voll.

Die gewonnene Zeit verbrachte ich mit einer Weinverkostung auf dem Marktplatz. Riesling ist ja hier die vorherrschende Traube. Nicht immer so meine. Hat sich bestätigt. „Der 2018er ist absolut säurearm!“; „Ja, ist der denn noch nicht um?“; „Nee, auf keinen Fall!“. Naja, de gustibus non est disputandum. Ich fand das Tröpfchen plörrig. Da es Zeit für die Abendplanung wurde, eilte ich in mein schnuckeliges Zimmerchen zurück und machte mich tischfein.

Meine Wahl fiel auf einen Italiener… Moment, schon wieder?… Jaja, der ist mir auf meinen Ortsrundgang aufgefallen, da er gegrillte Dorade anbot. Da hatte ich Lust drauf. War auch lecker. Statt Kartoffeln und Rahmspinat (wer lässt sich so etwas einfallen bei dieser Hitze?) aber mit Salat. Zwei Abende jetzt im heimischen Weingebiet italienische Weine. Grmpft. Gestern übrigens gegen Myriaden von Wespen gekämpft, heute Fliegen.

Jetzt sitze ich mit einem leichten roten Italiener aus dem Netto auf dem Hotelzimmer (herrjeh!), da passt lauwarm besser zu als zu weißem, und schreibe diese Ergüsse. Es ist stickig, es ist laut (oben übt jemand wandern in Holzschuhen, von der Burg schallt die Musik eines Benefizkonzerts einer Coverband herüber, auf der Straße laufen ausreichend Beschwippste mit der einhergehenden akustischen Präsenz vorbei) und ich vermisse meine Veranda. Wenigstens gibt es hier auch ausreichend Bahnverkehr. Der übertönt ein bisschen was.

Morgen geht es zurück in die Heimat, ich werde auf dem Weg aber womöglich noch ein oder zwei Stops einlegen. Bingen sieht von hier aus wenig interessant aus, aber Bacharach oder Oberwesel könnten einen Abstecher wert sein.

Vielleicht also bis morgen. Bleibt lustig. Euer Gerry

Der Autor versucht angestrengt, klug dreinzublicken. Mit Erfolg?
Rheinhessischer Frohsinn

P.S.: Gerade wird „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen…“ gekrei… äh, intoniert. Das Publikum tobt. Sach ja, ist irgendwie ein Zeitensprung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.