Ihr Lieben!
Was soll ich sagen, die Dusche funktioniert doch. Ich fragte mich heute morgen, was das wohl für Metallteile in der Duschablage seien und voila, sie gehörten nicht in den Korb, sondern an ein Absperrventil montiert. Wasser marsch!
Heute war frühes Aufstehen angesagt, wurde ich doch zu einem Ausflug der besonderen Art abgeholt, nämlich nach Transnistrien. Deren Hauptstadt Tiraspol ist lt. dem Reiseführer Lonely Planet „one of the strangest places, you’ll ever visit“, einer der merkwürdigsten Plätze, die man je besucht hat.
Transnistrien ist eines der wenigen Mitglieder der „Gemeinschaft nicht-anerkannter Staaten“ und ein seit 1990 von Moldawien abgespaltetes Gebiet. Halbwegs zur Kenntnis genommen wird die Republik „jenseits des Dnjstr“ sonst allerdings nur von Russland, das dort, zur ukrainischen Westgrenze hin, auch Soldaten stationiert hat. Ein kurzer kriegerischer innermoldawischer Konflikt von 1992 „ruht“ seit 35 Jahren.
Reiseleiter Aleks holte mich kurz nach 9 Uhr am Hotel ab. Im Wagen saßen schon Coleen und John aus New Jersey, beide Lehrer im Ruhestand. Zu uns stießen dann noch Nadja und Anna aus Lubin bzw. Warschau, zwei junge Studentinnen. Als Alleinreisender bekam ich den Beifahrersitz, yeah! Und schon ging es los Richtung Tiraspol, der Hauptstadt Pridnjestrowiens, so die Eigenbezeichnung der Region. Die Fahrt dauerte etwas über eine Stunde, auf der Aleks einiges über die Geschichte sowie Land und Leute in der Region erzählte. Der Grenzübergang, an dem wir dann unsere Pässe vorzeigen mussten und eine Einreisekarte erhielten, zählt wahrscheinlich zu den merkwürdigsten Orten der Welt. Pridnjestrowien sieht sich als Land und hat daher Einreiseformalitäten. Moldawien erkennt das Land aber nicht an und hat demnach eben keine Grenze. Skurril, gelle? Wir bekamen zwei Regeln mit auf den Weg: Sag niemals Transnistrien und fotografiere keine militärischen und/oder polizeilichen Einrichtungen und/oder Personen. „Und redet bitte nicht über Politik!“







Kurz hinter der Grenze erreichten wir Bender, eine Stadt, deren Geschichte bis mindestens in das 15. Jahrhundert zurückreicht. Der Ort war früher ein wichtiger Handelsposten auf der „Seidenstraße“ zur Krim und in den Norden. Hier brach der fünf Monate andauernde Krieg von 1992 aus. Zum Ruhme der sowjetischen Armee gibt es dort jetzt eine Gedenkstätte, die von einem kleinen Panzer überragt wird, deren acht Insassen alle bei Beschuss umkamen. In der Nähe eine weitere Gedenkstätte zu Ehren von Kriegshelden aller möglichen Epochen. Es war ein Throw-back in die CCCP. Ab hier alles auf Russisch, alles Glanz und Gloria, Lenin überall, auch ein bisschen Stalin. Fahnen, Wimpel, Ruhm und Ehre. In Tiraspol, wo wir dann hinfuhren, ein Sowjetding neben dem anderen. Haus der Sowjets. Ewiges Feuer für die Gefallenen. Helden des Krieges, Helden des Volkes. Wandmalereien für den stolzen Arbeiter, für die glückliche Mutter, für die eifrigen Bauern. Ich erwartete jeden Augenblick eine Parade.
Einer der größeren Gedenkorte war in Kategorien unterteilt. Weltkriege, Moldawienkonflikt, Afghanistan, aber auch der Toten von Tschernobyl wurde gedacht. Ein zugleich beeindruckender und gespenstischer Ort. Morgen gibt es übrigens tatsächlich eine Parade, der Unabhängigkeitstag ist der 2. September, man hat die Stadt extrem herausgeputzt und die Beflaggung vervielfacht.








Wir suchten einen Souvenirshop auf. Die Autonomie hat einen eigenen Rubel, der aber nirgendwo anders etwas wert ist. So konnten wir in Lei bezahlen, Umtausch 1:1. Ich erstand – wer ahnte es – Kühlschrankmagneten. Und apropos: man hat auch einen eigenen Präsidenten, eine eigene Flagge, eine eigene Universität. Aber wenn man krank ist, so das fiese Gerücht, fährt man lieber nach Chișinău, als sich vor Ort verdoktern zu lassen.
Es wurde Zeit für einen Snack. Wir kehrten in ein russisches Restaurant mit dem Namen „Back to the USSR“ ein, wo es vor Büsten diverser kommunistischer Führer nur so strotzte, ein alter Moskwa vor der Tür stand und die Einrichtung aus den 50er Jahren stammte. Wir aßen Pelmeni und Pirogi. Beides sehr lecker und spottbillig! Eine der Polinnen wusste zu berichten, dass der Laden auf TikTok und Instagram schon eine gewisse Prominenz hat. Also, liebe Lesenden, nix wie hin, bevor es zu voll wird!





Wir hatten noch einen Stopp am Haus des Sowjets, bevor wir wieder nach Bender fuhren, um dort die im 16. Jahrhundert von Süleyman dem Prächtigen in Auftrag gegeben Festung zu besuchen. Nur der Kern ist davon erhalten und das auch nicht im Originalzustand, denn das Areal war lange Zeit ein Militärlager und man riss so einiges ab, was im Weg war. Vor ein paar Jahren wurde dann restauriert, ein Park entstand, Kinderspielplätze wurden angelegt. Wir kraxelten dann auf den Balkon des Befestigungsturms und hatten einen schönen Blick über Bender und den Dnjestr. Im Anschluss besuchten wir noch die orthodoxe Kirche, die mit einigen Besonderheiten aufweisen kann (wie z.B. einem General in Sowjetuniform als Heiligen und einem Heiligenbild der letzten Zarenfamilie) und dann ging es auch schon zurück über die Grenze nach Hause. Wieder mit massenweise Informationen über z.B. Verkehr, Weinbau, Wahlen, sowie Räuberpistolen über moldauische Verbrecher. Ob letztere wohl stimmten?






Das war ein sehr netter Ausflug mit viel Gelaufe (daher zumeist ohne die amerikanischen Mitreisenden), viel Regen (aber nur, wenn wir im Auto saßen) und vielen interessanten Infos über einen wunderlichen Flecken Erde. Auf der Rückfahrt hatten wir dann beinahe noch einen „Final Destination“-Moment, als ein LKW vor uns einen dicken Holzscheit verlor, dem Aleks gerade noch so ausweichen konnte. Zu erwähnen ist noch, dass die Amerikaner sehr offen ihre Abneigung gegen Trump formulierten (sie waren übrigens bei Land 149, mehr als doppelt so viel wie ich), zwei sehr sympathische Menschen!
Ich organisierte mir eine Flasche kaltes Bier in einem Alkohol-Shop um die Ecke und begann mein Reisetagebuch, als es auf einmal stürmte und plästerte wie irre, inklusive Blitz, Donner und Hagel! Hm, eigentlich wollte ich in ein von Aleks empfohlenes Restaurant, das konnte ich dann aber knicken, da auch Dachziegel vor dem Sturm auf den Bürgersteig flüchteten. Ich hastete zum Pastry-Shop ein paar Meter weiter und erstand gefüllte Teigtaschen für den Abend. Ja, und jetzt sitze ich hier und werde mich bei einem Film entspannen und früh zu Bett gehen.
Morgen kann ich etwas ausschlafen, bevor es um etwa 10 Uhr nach Milestii Mici geht. Wir sehen uns da, gelle? Euer

P.S.: Eigentlich bräuchte ich so eine Art Eckermann, der immer mitschreibt. Man erlebt so viel und dann vergisst man die Hälfte.
