Tag 10: Sie will ja, sie will ja… nach Wilna

Sveiki atvykę į Lietuvą!

Nun also Litauen. 🙂

Zum Hotel heute früh gibt es noch zwei Dinge zu berichten; erstens war das Frühstück so lala, auch hier fühlte ich mich an Moskauer Zeiten erinnert, und zweitens rufe ich hiermit alle Hoteliers auf, künftig alle Turn- und Sportvereine, die nachts ihre Übungen abhalten, ins Erdgeschoss zu verbannen. Insbesondere in Gebäuden mit Holzdecken! Gleiches gilt übrigens auch für kinderreiche Familien, deren Zöglinge gerne Möbel rücken!

Natürlich habe ich von den mir gesteckten Zielen die Hälfte nicht geschafft. Das Gelände der Zarenfestung ist sehr weitläufig, das hat schon mal viel Zeit gekostet. Es gibt dort auch, oha!, ein Mark-Rothko-Zentrum. Die Fahrt nach Dinaburga war auch zeitraubend, wobei von der Burg wirklich nur noch ein paar Felsen herumliegen. Aber die Aussicht auf den Nationalpark Daugava Loki über den Fluss Düna ist wunderschön. Nur sein Mückenspray sollte man nicht vergessen. Ein winzig kleines Modell der Burg lässt erahnen, wie es früher dort einmal ausgesehen haben mag.

Ich machte mich dann auf den langen, langen Weg nach Vilnius. Ich war sehr schnell in Litauen, denn Daugavpils liegt sehr nah an der Grenze. Bisher sind die Fahrten durchs Baltikum immer sehr schön gewesen, alles ist grün, man fährt quasi durch Seen hindurch, an Flüssen vorbei, manchmal poppt ein Astrid-Lindgren-Haus auf. Und dann poppt auch mein Herz auf. Meistens aus Holz und schön bunt. Also, das Haus, nicht mein Herz. Es ist Bilderbuch, durch das Baltikum zu fahren.

Die Straßen in Litauen, zumindest die von mir benutzten auf der Strecke von Daugavpils nach Vilnius, waren aber in einem teilweise erschreckenden Zustand. So kam ich nicht besonders schnell voran. Trotzdem schaffte ich es, mit nur einer halben Stunde Verspätung um 14 Uhr in Vilnius bei meiner Gastgeberin Simona zu sein. Das Apartment ist sehr schön, mein Wagen steht in einem Innenhof, das Tor übrigens nur ein paar Millimeter breiter als der Wagen. Dann Besichtigung und Erläuterung. Und während wir so sitzen und die Wohnung besprechen, taste ich nach meinem Geldbeutel, weil ich die Übernachtung auch hier in bar bezahlen sollte, und… Er war weg.

Ich hatte 200 km zuvor an einer Tankstelle getankt und musste dort meine Kreditkarte in einen Schacht an der Zapfsäule stecken, während ein etwas unheimlicher Mensch hinter mir die ganze Zeit auf mich eingebrabbelt hat. Sollte das eine Ablenkung gewesen sein? Aber ich war mir sicher, ich habe das Portemonnaie wieder in meine Hosentasche gesteckt. Schnell zum Auto gelaufen, alles gründlich durchsucht, kein Portemonnaie. Wieder ins Apartment, Rucksack ausgekippt, kein Portemonnaie!! Panik!!! Simona bat dann darum, zusammen zum Auto gehen, wir würden das Ding schon finden. Und dann lag es im Fußraum. In meiner Aufregung habe ich es beim ersten Durchsuchen schlichtweg übersehen. Schweißperlenalarm hoch 10! Ich bin zu alt für sowas.

Ich glaube, das Apartment, das ich gebucht habe, ist ein anderes, als ich nun bekommen habe. Aber ich fühle mich bisher wohl, insofern ist das für die zwei Tage egal. Es liegt sehr zentral, ich brauchte nur ein paar Minuten bis zur Touristeninformation. Vorher habe ich noch die Skyline der Neustadt am gegenüberliegenden Ufer der Neris, dem Hauptfluss der Stadt, fotografiert, die ein bisschen an Frankfurt in Kinderschuhen erinnert.

In der Tourist-Information erkundigte ich mich nach einem Aussichtspunkt, man schickte mich auf den Gediminas-Turm. Das sei quasi Pflichtprogramm. Ich fuhr mit der Standseilbahn hoch, erkraxelte den Turm, der auch ein Museum ist und lief wieder herunter. Schöne Aussicht von da oben!

Ich begab mich dann zur St. Anne und Bernhardine-Kirche, eins der seltenen Gotikgebäude in Litauen. Dann ging es weiter zur „unabhängigen“ Republik Uzupis. Dies ist eine sehr interessante Konstruktion, ich empfehle den entsprechenden Wikipedia-Artikel dazu zu lesen. Vor allen Dingen ist die Verfassung äußerst witzig. Auf die Ausstellung eines Visums in meinem Pass habe ich verzichtet, das wäre tatsächlich möglich gewesen. Ich schlenderte dann ein wenig durch die Altstadt.

Eine Achse von drei Straßen von der Kathedrale bis zum Ausros-Vartai-Tor ist dabei die Route der meisten Haupattraktionen. Also, Vilnius ist sehr, sehr schön dort. Ein Hingucker löst den anderen ab. Viel Barock, Renaissance, Klassizismus, alles da. Und alles sehr urban und trotzdem luftig. Ich bin versucht zu sagen, dass mir diese Hauptstadt am besten von den dreien gefällt. Aber da würde ich Äpfel mit Birnen vergleichen. Es ist eben ein weiteres Highlight dieser an Highlights nicht armen Reise.

Kirchen, Palais‘, Tore… und palaisartige Kirchen im Tore. Ich konnte einen Gottesdienst im Ausros-Vartai-Tor mit ansehen. Es gibt dort eine wundertätige Ikone. Die Muttergottes im Tor der Morgenröte.

Nach etwa viereinhalb Stunden Fußmarsch besorgte ich mir dann in einem Laden etwas Fisch, in einer wunderbaren Bäckerei etwas Brot und sitze jetzt bei einem Rosé am Esstisch und schreibe dies auf.

Ich werde heute mal darauf verzichten, mir Gedanken über morgen zu machen. Denn wie heißt es schon in Brechts „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“?

Ja mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.

Also, morgen dann wieder hier in diesem Salon?

Liebe Grüße von Eurem Gerald

Schöne Reise? Ja, Schwein gehabt!
So sieht es aus, wenn ich Tagebuch schreibe. Links mittig der unabkömmliche Hagebuttentee.

2 Gedanken zu „Tag 10: Sie will ja, sie will ja… nach Wilna“

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