Kapverden 2025 (12): Die Relativität der Zeit

Ihr Lieben,

das Frühstück gab es heute in einem Café gegenüber. Und damit ich ja nicht auf falsche Spur komme (wohlgemerkt, man sollte sich etwas von der Karte aussuchen), hier ein Gesprächsauszug:

„Was darf es sein?“ – „Joghurt mit Papaya, bitte.“ – „Papaya ist aus.“ – „Dann Maracuja.“ – „Maracuja ist aus.“ – „Banane?“ – „Keine Banane.“ – „Was gibt es denn dann?“ – „Gibt kein Obst. Die Märkte waren gestern zu.“

Immerhin gab es Affenbrotbaumfruchtsaft (calabaceira), als DIE afrikanische Superfrucht verkauft; wenn ich nach dem Genuss nicht von allen Krankheiten genesen bin, weiß ich auch nicht. Und das Ei-Sandwich war extrem lecker!

Um kurz nach 10 wurde ich zu meinem zweieinhalbstündigen Stadtrundgang abgeholt. Ich nehme es mal vorweg, um kurz nach 11 waren die zweieinhalb Stunden vorbei. Elber lief mit mir mein Gesternabend-Programm ab, nur dass die Straßen diesmal geschäftig waren. Die Kirche hatte ihre Pforten auch geöffnet, so wagte ich einen Blick hinein. Ansonsten Präsidentenpalast, Stadthaus, Kaserne, Hafen. Es ging anschließend zum größten Straßenmarkt der Kapverden, dem Sukupira, in der Unterstadt. Dort hasteten wir einmal durch. Fertig. Hm.

Ich drückte Elber einen kleinen Tipp in die Hand und kehrte in den Markt zurück. Der ist zwar nicht so überlaufen, aber man kann sich gut verirren. Alles ein bisschen durcheinander, alles in den Händen von westafrikanischen Händlern aus Ghana, dem Senegal, Guinea-Bissau. Ein ziemlicher Kontrast zu der Ansammlung chinesischer Tinneff-Stores in der Oberstadt.

Gegenüber befindet sich ein relativ neues Gebäude, das ein Möbelhaus, die Universität von Santiago und ein Shopping-Center beherbergt. Eine ziemlich trostlose Angelegenheit. Zumal sich z.B. die Toiletten schon nach 3 Jahren (abgeleitet vom Baujahr der Aufzüge) in einem desolaten Zustand befinden. Der völlig überkandidelte Foodcourt mit neonblinkenden Spielautomaten und Kinderparadies völlig verwaist.

Ich erkletterte mir den Weg auf das Plateau zurück und nahm mehrere Tassen Kaffee in der Pastelaria Vilu, weil der da so unglaublich lecker war. Ich würde ja mein Frühstück morgen dahin verlegen, wenn ich nicht schon um 8 Uhr gestiefelt und gespornt vorm Hotel auf Abholung warten müsste. Im Hintergrund lief sehr fröhliche, deutlich afrikanisch beeinflusste Musik, die sich sehr von der melancholischen Mucke auf den nördlichen Inseln unterscheidet (die ja auch sehr schön ist). Elber erklärte, wie auch andere Guides zuvor, dass Mentalität, Sprache, Auswandererziele etc. von Insel zu Insel ziemlich abweichen. Man könne aber festhalten, dass die Nordinseln eher liberal und europäisch und die Südinseln konservativ und afrikanisch orientiert seien. 96% der Kapverdianer seien übrigens erzkatholisch. Muslime seien mit 2% vertreten.

In der Oberstadt besuchte ich aus Neugierde eine Loja chinesa. Schrecklich, fast alles aus Plastik. Aber offenbar begehrt, denn der Laden war proppevoll. Ein paar Häuser weiter ein Laden der Kooperative der Kunsthandwerker auf Santiago. Was für ein Unterschied. Klar, auch preislich. Ich erstand wunderschöne Notizbücher, eigentlich zu schade zum Benutzen.

Hatte ich mir jetzt schon einen Drink verdient? Hm, nicht wirklich. Also machte ich mich auf, rollte mich bergab zum Camboa-Strand und lief bis zur Ilhéu Santa María, der früheren Quarantäne-Station von Santiago. Hier mussten erst mal alle ihre exotischen Krankheiten auskurieren, um Ansteckungen der Inselbewohner zu verhindern. Der Zugang zum Inselchen ist versperrt, Hinweise auf dem Tor weisen ein geplantes Investorenprojekt aus. Vor Covid wollte ein chinesischer Moneyman ein Casino samt Hotelkomplex dort errichten. Ist irgendwie gescheitert, aber dennoch nicht mehr zugänglich. Schade, man könnte das Gelände auch sinnvoller nutzen. Charles Darwin war mit der „Beagle“ dort.

Ich ächzte mich den Berg hinauf. Mein inzwischen zur Tradition mutiertes Nickerchen musste ausfallen, das Hotel ist einfach zu laut. Durch den Innenhof hallt es. Und knallt es. Die Bedeutung von Klinken, Knäufen und Schlüsseln ist den anderen Bewohnern und dem Personal nicht geläufig. Daher besuchte erneut mein Aussichtspunktlokal. Kaum Gäste dort. Vielleicht wird das morgen anders, denn ein TUI-Schiff soll anlegen, dann stürmen über 2.500 Passagiere die Stadt. Elber war deshalb schon ganz aufgeregt. Klar, ich meine, wenn das Schiff hier für 8 Stunden liegt, dann schafft er ja knapp sieben Zweieinhalbstundenführungen.

Ich nahm ein „Wanderbier“ als Durstlöscher und dann einen Maracujacocktail. Da war dann tatsächlich Maracuja drin und der schmeckte sagenhaft gut! Ich lief anschließend zum Restaurant 5al da música, es ist ein hochgelobtes Etablissement, und wollte reservieren. Zu spät, alles belegt. Naja, gestern konnte ich nicht reservieren, da war ja geschlossen. Aber ehrlich? Das sah so nobel aus, so nach long Christmas dinner… da hätte ich mich underdressed gefühlt, egal, was ich aus dem Koffer gekramt hätte. Stattdessen nahm ich ein frühes Dinner an der Fußgängerzone. Fisch vom Tag aus dem Ofen. War absolut essbar. Der Prato del día ist hier, wie in Spanien das Menú del día, sehr preiswert, und in der Regel im Übermaß vorrätig. Nur, dass es maximal noch ein Dessert oben drauf gibt und das auch nicht immer. Hier übrigens noch ein exklusiv für Euch getesteter Profitipp: Wenn der Ausgießer der Piri-Piri-Sauce verstopft ist, kann man den lösen. Man sollte dann nur die Flasche nicht über der Tellermitte umdrehen.

So, der Tag ist rum. Was sag ich: die halbe Reise ist rum! Wo ist die Zeit geblieben? Immerhin wird es jetzt ruhiger, da zwei Strandorte vor mir liegen. Jeweils 4 Tage. Ihr wisst ja, ist genau meins. Aber tatsächlich bin ich auch ein kleines bisschen erschöpft. Sechs Unterkünfte in 11 Tagen, 2 Schiffahrten, 2 internationale und 1 Inlandsflug. Puh!

Ihr Lieben, morgen um 8 Uhr werden wir abgeholt. Praianer haben mich gefragt, wo ich war, wo es hingejt. Alle waren sich einig, dass Tarrafal „o melhor“ ist. Das Beste! Seid Ihr auch so gespannt? Na denn. Liebe Grüße, bis morgen, Euer

„Würden Sie denn bitte noch einmal für uns debil in die Kamera grinsen?“

Aber gerne doch!

P.S.: Tatsächlich mal ein vielleicht hilfreicher Tipp: Wenn Ihr Geld abhebt und die Maschine Euch fragt, ob Ihr die Abrechnung in Landeswährung wünscht, meinen sie EURE Landeswährung. Hatte ich nicht gerafft und für 20.000 Escudos vor 3 Tagen fast 6 Euro mehr bezahlt, als heute, als ich in Escudos habe abrechnen lassen. Das bezieht sich natürlich jetzt auf eine Auslandskreditkarte, mit der man gebührenfrei (seitens des ausstellenden Institutes, NICHT seitens der kapverdianischen Banken, die nehmen Gebühr!) abheben kann.

P.P.S.: Der Mann, dem das Wandbild im Kapitelfoto gewidmet ist, zeigt Amilcar Cabral, den kapverdianischen Unabhängigkeitskämpfer. Er ist quasi der Che Guevara des Archipels!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert