Kapverden 2025 (7): Wanderung durch das Vale do Paúl

No stress, Ihr Lieben!

Gott, was bin ich gestresst! Vielmehr total hinüber. Hier zu wandern, das ist nix für Feiglinge und Waschlappen.

Gestern schickte ich ja erneut eine Info an die Agentur, man möge Rücksicht darauf nehmen, dass ich alt und klapprig bin, wenn es um die Auswahl der Wanderroute ginge. Ich sollte das dann dem Tourguide sagen, er würde alles an meine Bedürfnisse anpassen.

Nach einem sehr frugalen Frühstück („gestern gab’s noch Eier und Cornflakes“ wurde sich beschwert, Eier hätte ich auch schön gefunden!) machte ich mich wanderbereit. Unklar war mir, ob mein Begleiter zur Unterkunft kommen würde, oder ob ich zu einem der Zufahrtswege laufen müsste. Nachdem ich 15 Minuten hier oben untätig rumsaß, versuchte ich, sowohl Agentur als auch Tourguide zu erreichen. Erfolglos. Also lief ich hinunter, wo Nivaldo, der Wanderführer, und Nelson, der Fahrer schon seit 8:30 Uhr auf mich warteten. Sie hätten das Hotel zweimal angerufen, dort hätte man behauptet, man hätte mich nicht gefunden. Dabei saß ich bis 9 Uhr im Zimmer und stand dann 15 Minuten direkt davor. Ich führe dieses Verhalten auf meine Kritik an der Kinderarbeit gestern zurück. Wir können also guten Gewissens festhalten, dass ich mir keine Freunde damit gemacht habe. Eigentlich ist das Hotel rein von diesen Gesichtspunkten aus ein no-go.

Nelson fuhr uns eine total malerische Straße entlang bis Chá de Padre (wenn ich das jetzt richtig nachvollziehe), von da aus waren wir auf uns allein gestellt. Ihr denkt, daß klingt dramatisch? Ja, das sollt Ihr auch! Ich schicke vorweg, dass Nivaldo sich maximal auf meine Bedürfnisse eingestellt hat, allein, er kann ja nicht verhindern, dass es mal auf- und mal abwärts geht. Das liegt irgendwie in der Natur von Bergen und Tälern begründet.

Aufwärts zu kraxeln ist bei mir inzwischen zu einer Anstrengung sondergleichen geworden, abwärts geht es und in der Waagerechten habe ich keine Probleme, aber ich durfte pausieren, so oft ich wollte (und ich wollte oft) und währenddessen erläuterte Nivaldo mir, was wir alles sahen.

Das Tal ist der Hammer, es ist die grüne Lunge der Kapverden und auch deren Speisekammer. Es gibt hier ausreichend Wasser, ich erwähnte das Levadasystem gestern, und es regnet auch mehr als im Landesdurchschnitt. Was die Fotos nicht wiederzugeben Vermögen, ist die Leistung, dieses Tal urbar zu machen, indem man Terrassen und die ganzen Wege anlegt. Was muss das für ein Knochenjob gewesen sein!

Übrigens, um mal aufs Wetter zu sprechen zu kommen: Für sportliche Aktivitäten ist die ständige Bewölkung einem strahlenden Sonnenschein natürlich deutlich vorzuziehen. Was hier alles wächst, blüht und gedeiht! Papaya, Bananen, Kohl, Maniok, Guave, Yams, Mango, Kaffee, Mandeln, Orangen und Zuckerrohr, sehr viel Zuckerrohr. Der wird hier zu Schnaps und Melasse verarbeitet. Und sogar Zimtbäume gibt es hier.

Hier auf der Insel kennt jeder jeden, daher gab es immer ein „Hallo“, an Touristen außer mir habe ich nur zwei Pärchen und zwei Einzelwanderer gesichtet. Wir machten Stopp an einem sehr schönen Aussichtspunkt, wo wir frisch gepressten Fruchtsaft bekamen, uns erholten und plauderten. Nivaldo ist in der Bergrettung und in der freiwilligen Feuerwehr engagiert, ist im Umweltschutz aktiv und hat seine eigene Agentur. Ein sehr ausgeglichener, sportlicher (Mountain-Running!) und sympathischer Mann mit genauer Ortskenntnis und einem großen Wissen über Land und Leute.

Die Wanderungen im grünen Tag sind aus meiner Sicht nur etwas für geübte Hiker. Na gut, ich habe es ja letztendlich auch geschafft. Fast jedenfalls. Aber es gibt sehr steile Passagen und hohe Stufen, geschätzt bis zu 40 Zentimeter, das ist natürlich eine Belastung für den Bewegungsapparat. So, und wieso fast? Wir hatten das Tal durchquert und hätten noch anderthalb Stunden Straße vor uns gehabt. Das war mir dann zu viel und wir ließen uns gegen einen kleinen Obolus von einem Dorfbewohner mit einem Minibus zur oberen Hotelzufahrt kutschieren. Dabei nahmen wir auch die Hälfte des Dorfes gleich noch mit; ich glaube, die haben sich gefreut (obwohl die Berge für die hier lebenden Menschen ein Klacks zu sein scheinen, so wie die uns öfter überholt haben – mit schweren Bündeln im Nacken!). Der LKW in den Bergen, auf den Trails heißt übrigens Esel. Davon sind uns auch einige begegnet.

Apropos kleine Dörfer: Ich schrieb gestern, dass ich mangels Unterhaltungsmöglichkeiten früh zu Bett ging, aber tatsächlich gibt es hier deutlich mehr Discotheken als in Poll. Gut, da gibt es gar keine, aber Ihr versteht bestimmt, was ich meine…

Irgendwann waren wir am Hotel angelangt. Auf dem letzten Teilstück kam uns ein Mann entgegen, der verzweifelt seine Frau und Kinder suchte. Sie seien vor ihm gewesen und jetzt weg. Und wir hatten – aus entgegengesetzter Richtung kommend – niemanden gesehen. Aber am Hotel trafen wir neue Gäste an, die wir fragten, ob sie einen Ehemann vermissten. So war das dann, er hat den Abzweig zum Hotel verpasst und die Frau war, im Gegensatz zu dem aufgelösten Mann, darob völlig unaufgeregt. Die Familie kommt auch aus der Schweiz und hat über die gleiche Agentur wie ich gebucht.

Beim Abendessen, natürlich gab es vorher ein ausgedehntes Nickerchen!, tauschten wir dann unsere Tageserlebnisse aus. Es ist ein ganz spezieller Touristenschlag, der hier Urlaub macht. Alle sehr offen, weitgereist, unterhaltsam. Das gemeinsame Abendessen macht schon viel Spaß! Heute übrigens Cachupa mit Hühnerbein, gefolgt von hausgemachter Maracuja-Eiscreme, sehr lecker.

Morgen gönne ich mir den Luxus, spät zum Frühstück zu gehen, ein Fahrer bringt mich erst um 11 Uhr zu meiner nächsten Unterkunft. Bin gespannt, wer (ob überhaupt jemand) sich um mein Gepäck kümmert.

Falls Ihr googeln möchtet, wo wir morgen zusammen den Tag verbringen: der Ort heißt Punta do Sol. Es wird dort auf jeden Fall touristischer. Ich hoffe, wir sehen uns. Alles Liebe, Euer

P.S.: Ich bin positiv hinüber! Selbst den König der Löwen haben wir heute gesehen!

P.P.S.: Die Flagge der Kapverden besteht aus den 10 großen Inseln (das sind die Sterne), dem Himmel und dem Ozean, den weißen Streifen für den Frieden, die das rote Blut, das bis zur Unabhängigkeit geflossen ist, umrahmen.

P.P.P.S.: Nein ich bin nicht durchgeschwitzt, es hat geregnet 🙂

Kapverden 2025 (6): Bemvindo a Santo Antão oder Der alte Mann und der Berg

Ihr Lieben,

der Mensch soll etwas über 200 Knochen besitzen. Und etwa 650 Muskeln. Ich kann Euch versichern, es sind deutlich mehr, und jeder einzelne kann schmerzen.

Leider schlief ich wieder nicht so dolle, was natürlich auch am übertrieben langen Mittagsschlaf lag. Um 5 Uhr raffte ich mich auf, packte meine Siebensachen, holte mir Frühstückspaket und einen Kaffee ab und beglich meine Restschulden. Punkt 6 Uhr stand der Fahrer vor der Tür und brachte mich zum Hafen. Ein bisschen Zweifel hatte ich ja, ob ein elektronisches Ticket ausreichte, trugen doch wirklich alle anderen Passagiere einen Ausdruck mit sich herum. Aber man ließ mich an Bord, nachdem man mir mein Gepäck entrissen hatte. Würde ich es je wiedersehen?

Die Überfahrt? Ich sag mal so, man verteilte vor der Abfahrt Kotztüten. Ich stand meistens draußen an der Reling, das ist für mich bei Seegang der optimale Platz. Etwa eine Stunde dauert die Überfahrt. Schon bei der Einfahrt in den Hafen Porto Novo war ich ganz angetan von meiner neuen Insel, sie hat eine ganz andere Anmutung.

Profitipp: Wenn man mit dem Boarding in Mindelo wartet, bekommt man sein Gepäck in Porto Novo zuerst wieder. Ich bekam meins halt zum Schluss. Ein Fahrer, Jason, wartete schon auf mich und brachte mich zu meinem Hotel im Vale do Paúl. Die einstündige Fahrt über die Insel hat mir sehr gut gefallen. So pittoresk, so grün, einfach nur schön. Küstenstraßen wechselten sich mit Canyons ab, Orte voll bunter Häuser mit Plantagen. Ein paradiesisches Stück Erde.

Am Zielort angekommen, gab es eine Überraschung, von der ich noch nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Jason hielt an einem engen Aufgang, lud mein Gepäck aus und deutete auf einen kleinen, gelben Punkt 3 Kilometer über uns: „Your hotel!“. Ich solle warten, man sende jemanden für das Gepäck. Ich wartete, trank einen Schluck Wasser, machte ein paar Fotos, wartete, trank einen Schluck Wasser, schaute auf die Uhr. Nach 30 Minuten machte ich mich beherzt auf den Weg, um nach etwa 200 Metern einen ersten Schwächeanfall zu erleiden. Nach weiteren 200 Metern kam mir eine Niederländerin entgegen, die auch im Hotel wohnt. Sie rief für mich die Rezeption an, ja, man habe jemanden geschickt, aber von „der anderen Seite“. „Soll ich wieder zur Straße zurück?“. Ich sollte. Auf der Mauer am Abzweig saßen zwei kleine Mädchen. Ich setzte mich dazu und wartete, trank einen… Ihr wisst schon. Irgendwann kam eine andere Dame aus dem Nichts und schwallerte mich auf Kreol voll. Ich schwallerte auf Portanhol zurück. Dann schwallerte sie mit den Mädchen. Es stellte sich heraus, dass eine von denen mein Gepäcktransport war. Leute, ich war vielleicht was von angepisst. Das arme Ding. Mein Koffer wiegt 22 Kilogramm! Ich hatte aber auch noch meine zwei Handgepäckstücke und war nicht in der Lage, ihr zu helfen. Oben bekam sie das fetteste Trinkgeld ever und die Hotelmanagerin eine böse Schimpftirade ab. Ob wir jetzt noch Freunde werden?

Suchbild: finde das Hotel.

Ich hatte während der Planung der Reise diverse Male erwähnt, dass ich keine Sportskanone bin. Dennoch buchte man mir ein Hotel hinter den Gipfeln von Barad-dûr, hoch in den Aschenbergen? Ich meine, der Ausblick ist bezaubernd, aber hier soll ich morgen wandern? Wo alles aussieht wie Eiger-Nordwand? Na, ich weiß ja nicht.

Ich legte mich erst einmal wieder hin. Hinlegen ist immer ein guter Plan. Nach einem kurzen Nickerchen fiel mir mein Frühstücksbeutel wieder ein. Noch nie war ein durchgeweichtes Käsesandwich sooo willkommen! Der Joghurt war zwar Kokos-Geschmack, aber erstaunlich lecker. Ich schaute mich anschließend auf dem Areal um. Das Hotel ist eines der Sorte, das man in den Alpen verklagen würde, hier aber urig findet. Ein deutliches Downgrade zu Mindelo. Aber ich habe es noch gut getroffen, es gibt Zimmer, da muss man über den Hof in sein Bad oder aufs Klo. Immerhin hat es einen „Pool“. Gut, bringt mich persönlich auch nicht weiter.

Es gibt hier viele Tiere, die machen einen Heidenlärm. Was erzählen sich Hähne, Hunde und Kühe eigentlich so den ganzen Tag? Ich kam mir vor wie auf einer Friedens-Konferenz. Laut, aber sinnlos.

Nun, ich könnte jetzt hier drei Tage angepisst rumgreinen, aber ich beschloss, noch weiter in die Berge vorzudringen. Begleitet von dem sehr zutraulichen Fernando (der blonde Hund). Ich sach mal so. Wenn für morgen 5 Stunden für die Wanderung veranschlagt sind, kommen wir 500 Meter weit. Aber es ist schon paradiesisch hier. Mangobäume, Kokospalmen, Zuckerrohr, Bananenstauden ohne Ende. Santo Antão verfügt über Quellen und – wie Madeira – über ein Levadasystem zur Wasserverteilung. Ich versuche mal, mich anzufreunden…

Ich versorgte mich nach meinem Mini-Ausflug mit Getränken aus dem Hotelkühlschrank, setzte mich unter das W-LAN-Signal und begann mein Tagebuch. Es wird ein wohl etwas beschaulicherer Reisepart, mit viel hier rumsitzen und mit Hunden und Katzen plaudern. Herrjeh, so geht es doch los, oder?

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Pause: Hier könnte IHRE Werbung stehen!

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Bei der Ankunft wurde ich gefragt, ob ich hier essen wolle? Ja, ich wollte. Denn man erreicht andere Speisewirtschaften hier ja nur mit alpiner Ausrüstung. Inzwischen waren andere Gäste angekommen, die mit poliglotter Zunge versuchten, zu erklären, ihr Gepäck stehe noch an der Straße unten. Sollte ich nachschauen, ob ich etwas nützliches finde? Denn die Chance, dass es umgehend geholt wird, ist gering. No Stress.

Ach, jetzt habe ich ja Muße, das kurz zu erläutern. Hier läuft alles ohne Stress. Sie möchten heute noch bestellen? Ach so, no Stress. Zuwenig Wechselgeld im Supermarkt? No Stress, man habe es nicht passend. Gepäck steht unbeaufsichtigt an der Straße? No Stress, kommt schon noch. Axt im Schädel? No Stress, wird schon wieder. Man lässt sich Zeit und macht sich die Welt, widewidewie sie ei’m gefällt. So ein bisschen mehr Entspanntheit täte uns Mitteleuropäern bestimmt gut, aber als profunde Lebenseinstellung ist das schon zuweilen anstrengend.

Freunde und Bekannte, die schon hier waren, berichteten davon, dass man hier unhöflich zu Touristen sei und dass die Kommunikation sehr steif verlaufe. Ich denke, wenn man sich ein bisschen auf die Mentalität einlässt und drei Worte Landessprache und ab und zu ein Lächeln bemüht, kommt man besser zurecht. No Stress.

Das Abendessen läuft hier so: es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Aber das war okay. Thunfisch, toter als totgebraten, dennoch essbar, dazu leckeres Gemüse: Maniok, Möhre, Kürbis.

Die Tischgesellschaft war bunt gemischt. Eine französische Familie aus den Alpen, ein Schweizer Pärchen aus Luzern, ein Niederländer aus Arnheim und zwei Belgier aus Brüssel. Man plauderte ziemlich ungezwungen miteinander.

Wieder auf dem Zimmer schrieb ich noch kurz eine WhatsApp an den Tour-Operator, dass ich es hier für eine Wanderung eindeutig zu steil fände. Beim Abendessen waren alle deutlich jünger als ich und alle waren sich einig, dass die Wanderungen hier sehr anspruchsvoll sind. Man antwortete mir, man berücksichtige das. Hömma, nachher werde ich hier noch zum Triathleten.

So, Ihr Lieben, mangels Dorfdisco lese ich jetzt mal ein bisschen in meinem Reiseführer. Ich freute mich sehr, wenn Ihr mich auch morgen wieder auf meiner Reise begleitet. Vielleicht kann der ein oder andere mich ja bei der Wanderung tragen. Liebe Grüße, Euer

P.S.: Stromschwankungen und Netzausfälle, ein Korrekturlesen entfällt. 😘

Kapverden 2025 (5): São Vicente – Parcour per Pedelec

Ihr Lieben,

manchmal bin ich ja ein bisserl verpeilt. Stand doch für heute auf dem Programm, dass ich eine geführte E-Bike-Tour unternehme. Ich weiß nicht, was ich da für eine Vorstellung von hatte. Dass ich eine Rohkostplatte bestelle und dafür ein Nudel-Gratin bekomme? Sorry, ein sehr blöder Insider-Joke (solltest Du mitlesen, R.: ich liebe Dich, meine Häsin!!). Auf deutsch: Ich glaubte, ich würde eine halbe Stunde durch Mindelo radeln, jedoch, als ich gestern noch einmal in die Reisebeschreibung schaute, war da von 5 Stunden Inselrundfahrt (5!!!) die Rede. Ach Du liebe Güte! Prompt stieg wieder mein Stresshormonlevel! Ich schwöre: mein nächster Urlaub wird 3 Wochen all-inclusive auf Djerba und ich werde die Clubanlage nicht verlassen!

Ich mache es kurz: Nach der Rückkehr ins Hotel konnte man mich eigentlich als Restmüll entsorgen. Aber Ihr wollt ja bestimmt auch virtuell mitradeln, daher ein bisschen ausführlicher.

Um 10 Uhr holte mich Marcio am Hotel ab und wir liefen ein paar Schritte zum Fahrradverleih. Marcio war wie aus einem Fitnessstudio-Prospekt entsprungen. Mir schwante übles. Ich wies ihn darauf hin, dass ich jetzt nicht die größte Sportskanone unter der Sonne sei. Als müsste ich das extra erwähnen… Naja, er versicherte mir, alles ginge nach meinem Tempo. „No Stress“, wie man dauernd hier zu hören bekommt. Das ist der tatsächlich gelebte Nationalhymnus für alle Lebenslagen. Wir kommen da noch drauf zurück.

Die Fahrräder waren jetzt nicht gerade letzter Stand von Wissenschaft und Technik, bei Marcio fiel nach einem Meter die Kette ab (das sollte noch öfter passieren) und auch die Elektrik hakelte. Bei meinem Rad schien soweit erst einmal alles okay. Los ging’s. Wir fuhren durch die Innenstadt Richtung Nordosten, unser erstes Ziel sollte das Fischerdorf Salamansa sein. Es wehte ein ausgewachsener Sturm, und das in unser Gesicht. Aber kein Problem, wir hatten ja E-Bikes. Übrigens, eine Premiere für mich, bin ich noch nie mit gefahren. Dann kam eine nicht enden wollende 10%-ige Steigung zum Sturm dazu, da half dann auch die Tritt-Unterstützung, oder wie auch immer das heißt, nicht mehr. Ich fiel deutlich zurück, hatte erste Nahtoderfahrungen, denn die Pumpe drohte zu platzen. Und das nach etwa 2 von 7246 Kilometern. Marcio kehrte um und brachte mir bei, dass es da noch einen Speed-Gashebel gibt. Achso, aha. Mit dem war es zwar auch kein Zuckerschlecken, aber ich konnte mich dann wenigstens im Schneckentempo unter viel Gestöhne fortbewegen. Wie die Band Blood, Sweat and Tears aber schon 1968 wusste: „What goes up, must come down“ und heia! rasten wir bergab. Das sollte auch der schlimmste Part der Strecke gewesen sein.

Man darf sich Fischerdörfer hier jetzt nicht so idyllisch wie auf griechischen Inseln vorstellen. Ein Mix aus bunten Häusern, Rohbauten, viel Gewusel, kein Tinnef. Die Fischer können hier nicht an der Küste Ihre Beute einholen, das Meer ist mit Plastik verseucht. Sie fahren für mehrere Tage weiter hinaus, Richtung der unbewohnten Insel Sta. Lucia, um dann hoffentlich mit reichem Fang zurückzukehren. Damit dieser nicht vergammelt, brauchen sie Tonnen von Eis, das im Ort in Kooperation mit einer japanischen Firma produziert wird. São Vicente hat kaum eigenes Wasser, daher gibt es auch nur wenig Landwirtschaft. Meerwasserentsalzungsanlagen und ein bisschen Grundwasser stellen die Versorgung sicher. Als wir ankamen, war gerade Wasserverteilungsorgie, das halbe Dorf füllte Kanister mit Trinkwasser aus dem einen Reservoir und Brauchwasser aus dem anderen.

Wir fuhren weiter nach Baia das Gatas, Zentrum der Welsfischerei, auf portugiesisch „peixe-gatas“, catfish. Hier gibt es überdurchschnittlich warme, natürliche Schwimmbecken, daher ist der Ort auch als Badeparadies bekannt. Ein langer Steg führt ins Meer hinaus, den fuhren wir bis zum Ende, wo wir einen jungen Schweizer trafen, der auch eine geführte Inselrundfahrt, aber mit einem Auto gebucht hatte. Gott, war ich neidisch! Wir begegneten ihm dann noch ein paar Mal wieder, da sturzbachartige Regenfälle im Sommer des Jahres viel Zerstörung angerichtet hatten, unter anderem wurden Teile der Straßen weggeschwemmt. Daher kamen wir mit den Rädern fast genau so schnell voran.

Die sich anschließende Strecke nach Calhau ist ein Traum! Auf und ab, in leichten Kurven immer am Meer entlang. Wilde und unberührte Natur. Einen Zwischenstopp mchten wir in Norte 1, wo ein Künstlerkollektiv aus mehreren Ländern einige der Häuser bemalt hat. Marcio engagiert sich hier in einem Hilfsprojekt, da der Ort durch das Unwetter abgeschnitten war und einige Bewohner vieles, wenn nicht sogar alles verloren hatten. Es gibt immer noch Vermisste. In Calhau besuchten wir die Außenanlage der Schildkrötenrettungsstation. Es gab zwei sehr große Stammgäste, die zum Wiederauswildern zu verletzt waren. Daneben ein kleineres Becken mit zwei Babyschildkröten, die dort abgeliefert wurden. Die beiden großen Tartarugas lagen ganz unten im Becken, aber als ich eine Spende in den bereitgestellten Kasten warf, tauchte die armlose auf und nickte mir zu. Ich schwöre! Selbst Marcio war ganz perplex: „She seems to say Thank you!“. Schildkrötenweibchen legen zwischen 80 ud 120 Eier. Vom Nachwuchs überlebt durchschnittlich wohl nur ein Prozent, es gibt zu viele Fressfeinde. Und natürlich den Menschen.

Ab Calhau geht es dann für etwa 15 Kilometer über Kopfsteinstraßen. Leute, mich hat es dermaßen durchgeschüttelt! Inzwischen taten mir auch Schulter und Nacken weh, ich bin die für mich unnatürliche Haltung auf dem Fahrrad nicht gewohnt. Und ich schwächelte. Ich hielt an und probierte, ob der E-Schub noch funktionierte. Er tat es nur sehr mau. Marcio tauschte das Rad mit mir, er sei ja trainierter. Und boooom, ging die Post ab, sein Antrieb war viel stärker als meiner. So stellten wir fest, dass auch mein Pedelec von Anfang an nicht ganz in Ordnung war.

Nach einer ermüdenden Kopfsteinpflasterfahrt, auf der ich von Autos träumte, erreichten wir wieder die Außenbezirke Mindelos. Hier ist der riesengroße Friedhof der Stadt. Ich bat um einen Stopp, um das Grab Cesária Évoras zu besuchen. Marcio hatte etwas Probleme, es zu finden, aber ein Passant zeigte es uns dann, sie wurde wohl zwischenzeitlich umgebettet. Für eine so berühmte Künstlerin ist es ein sehr schlichtes, bescheidenes Grab. Ihre Mutter und ihre Tochter sind dort ebenfalls bestattet.

Ja, und dann waren wir endlich wieder in Mindelo. Ich weiß, für andere wäre das ein Spaziergang gewesen, aber mich konnte man dann wegschmeißen. Ich war total bematscht. Dennoch war es eine fantastische Tour. Marcio und ich tranken noch ein Bier zusammen und plauderten. Eigentlich arbeitet er an der Universität in Umweltforschungsprojekten. Ein wirklich toller Typ! Ich wobbelte dann wie so ein Slimy ins Hotel, ließ mich aufs Bett fallen und döste für zwei Stunden.

In der Stadt sollte heute ein Morna-Umzug stattfinden, Menschen versammeln sich und laufen Orte ab, an denen Musikgeschichte geschrieben wurde. Zum Start auf dem zentralen Platz kam ich wohl zu spät, aber durch Zufall stieß ich später darauf. Die Menge war ziemlich überschaubar, aber dennoch war es ein kleines Gänsehauterlebnis.

Nach Essen war mir heute überhaupt nicht (das muss man sich mal vorstellen!), daher kehrte ich erneut ins Hotel zurück, wo ich für Notfälle ja immer ein paar Kekse habe, und trank Wasser (das muss man sich mal vorstellen!).

Jetzt ist es gerade einmal mittlerer Abend und ich werde ins Bett kriechen, was aber passt, da ich um 6 Uhr für die Fährfahrt nach Santo Antão abgeholt werde. Und das mit dem No Stress? Das erzähle ich ein anderes Mal.

Bis morgen, wenn Ihr mögt, auf der zweiten Insel! Liebe Grüße, Euer

Kapverden 2025 (4): Mindelo Total!

Ihr Lieben,

„Mindelo Total“ ist eigentlich gar nicht so schwer, es ist doch alles recht überschaubar hier. Wobei… wenn man kein Netz hat und immer noch nicht von Google Maps weg ist (dabei nehme ich mir das seit Jahren vor!), kann auch das sich hinziehen.

Ich habe sehr gut geschlafen, es gibt sowohl Klimaanlage (nicht ganz so meins), als auch einen Deckenventilator (yeah!). Letzterer auf kleinster Stufe: eine Wohltat! Ich glaube, ich möchte auch einen für mein Schlafzimmer… naja, wird sich nicht mehr lohnen. Aber ggf. für das neue. Das Frühstück ist überschaubar (Kira’s hat 10 Zimmer), aber von gehobener Qualität. Der Frühstückssaft ist auf jeden Fall aus einem Fruchtcocktail püriert, sehr lecker! Das Omelett, der hausgemachte Yoghurt und der frische Obstsalat… Vielleser wissen, dass mich so etwas zu einem glücklichen Menschen macht. Zu erwähnen sind übrigens auch die hervorragenden Mitarbeiter von Kira’s. Wenn etwas nicht funktioniert oder fehlt, kommt SOFORT jemand und kümmert sich. Während ich das schreibe, habe ich Tränen der Rührung in den Augen, denn was habe ich da schon für andere Erfahrungen gemacht.

So, aber ich bin ja nicht hier, um über meine Sentimentationen zu schreiben (aber ja, natürlich gibt es dieses Wort!), sondern über Mindelo. Mein Reiseführer riet, bei schönem Wetter auf eine Erhebung zu fahren. Nun, heute lag die Stadt ganztägig unter einer dichten Wolkendecke. Daher lief ich zu einer nicht ganz so hohen, dafür aber fußläufigen Erhebung, dem „Fortim do Rei“. Dank Google Maps (Offline-Karte) brauchte ich für die 650 Meter eine Dreiviertelstunde. Dauernd stand ich in Sackgassen. Ich hasse diese App!! Irgendwann war ich aber angelangt. Tja, wirklich königlich wirkt das Fort nicht. Es ist total heruntergekommen, bietet dafür aber tatsächlich schöne Ausblicke.

Ich kullerte vom Berg zurück in die Stadt, wo ich mich von Attraktion zu Attraktion hangelte. Ein paar davon hatte ich schon gestern gesichtet, ohne zu wissen, worum es sich handelt. Ein paar Mal verlief ich mich auch wieder. Höhepunkte waren der Fischmarkt, die schönen Bauten rund um die Rua de Libertad d’Africa und ein paar wirklich scheußliche Betonkästen, viele davon wahrscheinlich seit Jahren im Rohbau. Ich fürchte, man ist oder war zumindest mal mehr auf Quantität als auf Qualität aus. Wenigstens mein kleiner Reiseveranstalter hat sich Nachhaltigkeit und Öko-Tourismus auf die Fahnen geschrieben. Aber sag das mal TUI. Es gibt aber so einige, meist private Projekte zu Umwelt und Naturschutz.

Wie man sieht, gibt es hier einen Walk of Fame. Berühmte Musikerinnen und Musiker werden mit einem Fußabdruck und einer Plakette geehrt. Im Gegensatz zu den bekannten Walk of Fame-Handabdrücken in Hollywood sind die Füße der hiesigen Künstler allerdings standardisiert und bedurften keines Betonbades. Die Statue des „Entdeckers“ Alfonso Diogo, der sehnsüchtig aufs Meer hinausschaut, scheint ein beliebter Pinkelplatz zu sein. Immerhin waren die Kapverden zur Zeit der Vereinnahmung unbesiedelt.

Am Ende meines exzessiven Spaziergangs landete ich in einer Art Künstlerhof, Ecke Cabral und Sena, der gar nicht im Reiseführer steht, der ist schon sehenswert. Am afrikanischen Markt vorbei Richtung Osten gibt es tolle Wandmalereien.

Wenn man so durch die Stadt schlendert, begegnen einem natürlich auch andere Touristen. Schon beim Frühstück, da gibt es neben dem Frühstücksraum auch einen hübschen Innenhof, plauderte ich mit anderen halbwegs individuell Reisenden. Aber der Durchschnittstourist hier ist etwa 10 Jahre älter als ich, bevorzugt exzentrische Kleidung und wirkt etwas unsortiert. Vor dem Polizeigebäude stand ein älteres Ehepaar, das verzweifelt wirkte. Was dem wohl wiederfahren war? Ich sah es später noch einmal in der Stadt, sie sahen so aus, als wäre der Urlaub gelaufen.

Man warnt davor, abends oder gar nachts alleine unterwegs zu sein und dann selbst kürzeste Strecken mit dem Taxi zurückzulegen. Man soll keinen auffälligen Schmuck tragen und nicht sein ganzes Geld mitschleppen. Ja, sachma, das sind doch alles keine allzu neuen Erkenntnisse, oder?

Ich lief die ganze Küste entlang, am Hafen vorbei bis zum Laginha-Strand, wo ich in einer Strandbude zum Bier geröstetes Brot mit Kräutern bekam. So sparte ich mir das Mittagessen. Ich nahm ein Glas des besten Grogues (das ist der Nationalschnaps), der ätzte mir fast die Speiseröhre weg. Aber für Liebhaber… wer weiß. Bin ja mehr die Wein- und nicht so die Schnapsdrossel.

Auf dem Weg ins Hotel spinxte ich noch in das Centro Nacional de Artesanato e Design, das liegt quasi gegenüber. Für 500 Escudos durfte ich mich umschauen. Sehr schöne Skulpturen, der kunsthandwerkliche Teil ganz nett. Danach erledigte ich mein anderthalbstündiges 10-Minuten-Nickerchen. Seit wann ist das eigentlich bei mir eingerissen?

Das Hotelchen hat eine gemütliche Dachterrasse. Dort schrieb ich ein bisschen Tagebuch, als es plötzlich zu regnen begann. Pfui! Ich zog mich aufs Zimmer zurück und beschimpfte Airalo und Yesim per In-App-Messenger für die fehlenden Internetverbindungen. Binnen 10 Minuten funktionierten beide. Hätte ich auch mal gestern erledigen können, aber man kommt ja vor lauter Nickerchen zu nix. Ja, ich habe zwei Telefone mit. Auf einem alten musste ich auf Wunsch meines Tour-Betreuers WhatsApp installieren, da dort alle Transfers und Ausflüge gemanagt würden. Schweren Herzens tat ich das dann, allerdings auf einer neu erworbenen pre-paid Lidl-SIM-Card.

Es wurde Zeit für ein Abendessen. Nach 10 Minuten des Studiums widersprüchlicher Google-Bewertungen von Restaurants machte ich es mir einfach. Ich ging einfach ins nächstgelegene, schon wegen erneuter Regengefahr. Das hieß zwar Metalo, aber es wurde traditionelle, ruhige Musik geboten. Die Fischsuppe hätte etwas heißer sein können und ein wenig Einlage hätte ihr auch nicht geschadet. Der Burger war prima, die Fritten total lätschig. Aber eine schöne Location.

So, das war es schon wieder für heute. Morgen werde ich zu einer E-Bike-Tour abgeholt. Puh. Mal sehen, wie viele Kilometer ich schaffe.

Radelt Ihr mit? Das würde mich sehr freuen. Liebe Grüße, Euer

CSU-Mitglieder sind geschockt! Die Geschäftsstelle Unterhintertupfingen ließ verlauten, Reisen auf die kapverdischen Inseln seien „unter diesen Umständen für seriöse Mitglieder ausgeschlossen!“

Kapverden 2025 (3): Tchau Lisboa, Oi São Vicente

Ihr Lieben,

ich schrieb es gestern Abend, ich musste früh am Flughafen sein, und jeder, der mal virtuell mitgereist ist oder mich kennt, weiß, dass mich das so sehr stresst, dass ich dann die halbe Nacht wachliege, aus Sorge, ich könne verschlafen. Das merkwürdige ist, dass ich dachte, mit fortschreitendem Alter würde man diesbezüglich entspannter. Ja, drauf geschi… äh… geschimpft!

Frühstück fiel auf jeden Fall aus, das beginnt im Hotel erst um halb Acht, da erwartete man mich schon längst an der Passkontrolle. Am Vorabend habe ich noch nach Verbindungen zum Flughafen geschaut, aber irgendwie wollte das Internet mir keine entsprechenden Metros vorschlagen. Ich beschloss, mir am Morgen ein Uber zum Hotel zu bestellen. Das kam fast pünktlich und kostete nur knapp über 6 Euro. Portugal ist auch hier Schnäppchenland.

Am Flughafen begann dann der Stress, alles automatisiert, aber mit Menschenmassen an den Check-in-Automaten und alle Passagiere hoffnungslos überfordert. Für 20 oder 30 Automaten gab es zwei oder drei Helfer. Dann die Passkontrolle. 10 Stunden anstehen für die automatische EU-Kontrolle, um dann abgelehnt zu werden mit dem Hinweis, man möge zur persönlichen Kontrolle an die Schalter. Dort warteten bereits 2,4 Millionen Menschen. Es war die Pest. Mit Ach und Krach schaffte ich es zum Boarding in die halbleere Maschine. Halbleer? Wieso das denn? Tja, wir standen und standen und standen. Dann kam eine große Truppe auffällig hellhäutiger Menschen an Bord. Die verspätete Maschine aus Düsseldorf. Deutschland hält scheinbar wirklich irgendwie die ganze Welt auf.

Wieso höre ich gerade Reinhard Mey in meinem Kopf?

Der Flug verlief dann ziemlich ereignislos, es gab sogar etwas Warmes zu essen. Bin ich so auch nicht mehr gewohnt, sogar Getränke gab es umsonst. Wenn auch nur einmal. Der Flughafen São Vicente verfügt ebenfalls über eine automatische Passkontrolle, im Gegensatz zu der in Lissabon funktioniert diese aber einwandfrei. Auf das Gepäck wartete ich nur knapp 10 Minuten; kein Wunder, das Flugzeug stand 200 m von der Empfangshalle entfernt, und wir waren die einzigen Ankommenden. Der sympathische Adriano (ja, ich bemühte den Celentano, was auch sonst) holte mich mit seinem kleinen Minibus ab und brachte mich in das Boutique-Hotel Kira, wo ich ein kleines, aber feines Zimmer bezog. Das hat also alles schon einmal perfekt geklappt.

Nach einer kurzen Katzenwäsche machte ich mich zu einer ersten, kurzen Erkundung der Stadt Mindelo auf. Der Flughafen auf der Insel ist nach der berühmten Sängerin Cesária Évora, der Königin des Morna, benannt und sie ist hier allgegenwärtig. Ich denke, man kann sie, ohne respektlos zu sein, als den erfolgreichsten Exportartikel der Inseln bezeichnen. Wandbilder, Statuen, Konzerte, Souvenirs, Ihr Konterfei ist überall zu finden.

Mein erster Weg führte zur Bank, wo ich eine Nummer ziehen musste, dabei war das Display defekt und man wurde von einem jungen Mann angewiesen, wenn man dran war. Ich tauschte einen Riesenbatzen Geld, da ich nicht jeden dritten Tag in einer Bankfiliale hocken wollte. Warum überhaupt Bargeld? Weil mir zugetragen wurde, dass Kreditkarten an Automaten mit vierstelliger PIN nicht wirklich funktionieren, man brauche 6 Ziffern. Ich schrieb daher vor Wochen schon meine Hausbank an, was zu tun sei, und bekam eine völlig sinnbefreite E-Mail zurück, die mit meiner Frage nichts zu tun hatte. Ich fragte die Dame hier in der Bank interessehalber, sie meinte, mit 4 Ziffern ginge es auch. Man müsse einfach die beiden letzten ignorieren und Enter drücken.

Der erste Eindruck von hier ist ein sehr kleinstädtischer. Man wird interessiert beäugt, angebettelt und angesprochen. Da bekam ich nicht zum ersten Mal Kuba-Vibes. „Komm, ich zeige Dir alles“-Carlos mit Bruder in Hamburg und Schwester in Stuttgart brachte sich in Stellung. Ich lehnte wegen meiner Havanna-Erfahrung dankend ab. Kuba-Feeling gibt es aber auch so, z.B. wurde ich schon nach nur 200 Metern mit „Hello Darling“ angegraben, schrecklich. Dazu überall Musik, trubelige Märkte, Verfall und Glanz. Nur architektonisch nicht ganz so prunkvoll und vielfältig. Und ebenfalls sehr viele Straßenhunde.

Das orangefarbige Haus ist meine Unterkunft. Die Markthalle ist außerordentlich sehenswert und es gibt viele schöne, kitschige Souvenirs. Ich muss mich schwer beherrschen! Der Marktplatz ist – darf man das so sagen? – sehr afrikanisch. Ich musste an Mosambik oder Madagaskar denken. Auch hier könnte man sich dumm und dusselig kaufen. Aber ich denke einfach an den bevorstehenden Umzug und reiße mich zusammen.

Für Wasser und Wein stiefelte ich in den Supermarkt am Hafen. Leute, Wein hat hier seinen Preis für einen Lissabonerweinpreis-Verwöhnten! Und man muss ein bisschen aufpassen, ich griff zu einem Vinho Verde, sah aber noch rechtzeitig, dass der von 2015 war. Höre gerade innerlich die Frau von Montag, „und dann hatten wir einen Wein, wir waren danach tagelang krank, fuuuuurchtbar!“. Hach, Pfui über mich und mein lästerliches Schandmaul.

Ich lief zum Hotel, um meine Einkäufe zu verstauen, und legte mich für 15 Minuten hin. Nach 2 Stunden wachte ich wieder auf. Grmpft! Ich lief wieder zum Hafen, um ein Restaurant zu finden. Ich sah eins im netten Innenhof eines Gebäudes, ließ mich nieder und merkte erst dann, dass hier AUSSCHLIEßLICH Touristen hockten. Egal. Kapverdischen Wein bestellt, dazu das Nationalgericht Cachupa, ein Eintopf aus so ziemlich allem. Der war vielleicht was lecker! Könnte ich vorerst jeden Tag essen! Der Wein ist auch mehr als trinkbar. Und heißt witzigerweise „Cha“, also Tee.

Eine Musikertruppe drapierte sich auf einer als weihnachtlich dekoriertes Boot getarnten Bühne und gab ein Konzert. Auch die fand ich toll. Alles in allem ein sehr gelungener Abend.

Was mal wieder zickt sind die E-SIMs, was aber an dem ziemlich instabilen Netz hier liegen wird, denn ab und zu habe ich für 3 Sekunden ein Signal. Und meine Brille habe ich irgendwo zwischen Lissabon und Mindelo verloren. Schade. Gottseidank habe ich zwei Billiglesebrillen dabei.

Erster Eindruck? Der Tour-Operator existiert und hat mich auf dem Schirm, yeah! (da sehr Ihr mal, worüber ich mir alles Sorgen mache 🤪), das Wetter ist stürmisch aber warm und sonnig, Wein und Essen schmecken, das Bett ist bequem… Ach, ein schöner Start einfach.

Morgen habe ich den ganzen Tag für mich alleine. Pläne habe ich noch keine, werde mich wohl treiben lassen.

Sehen wir uns morgen? Würde mich sehr darüber freuen! Até amanhã, Euer

Kapverden 2025: Zwischenstopp in Lissabon (2)

Ihr Lieben,

ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll… es ist ein so unbeschreiblicher Tag gewesen. Aber vielleicht von vorn:

Den Frühstücksraum hatte ich für mich alleine und gestern war es ja, wie man sah, auch an den Touri-Hotspots nicht allzu voll. Was ist hier los? Wenn ich an meine Spanienrundreise letztes Jahr denke, da hat man sich in den Städten um diese Zeit fast tot getrampelt und die Frühstückssäle waren zum Bersten voll.

Geschlafen habe ich leider nicht besonders gut, Kopfkissen und Bett sind mir zu hart, dafür wiegt die Decke etwa 50 kg, aber ohne geht es leider auch nicht, es ist zur Zeit ziemlich kalt in Lissabon. Das Frühstück war aber viel besser als erwartet, in Südeuropa stelle ich mich gerne auf in Folie verpacktes Süßgebäck und eine Tasse schwarzen Kaffee ein, hier hat man sich aber auf mich ein wenig eingestellt. Das finde ich sehr lobenswert! An den allgegenwärtigen Pasteis de nata kommt man übrigens auch beim Frühstück nicht vorbei.

Ich beschloss, den immer noch grauen und nasskalten Tag mit einer kleinen Rundfahrt der Linie 28 zu beginnen, die ich an der Festung kurz unterbrechen wollte. Perspektivwechsel: ich lebe hier und würde gerne zur Arbeit fahren, aber meine Linie 28 ist pickepackevoll mit Touristen! Ja, es ist eine Pest. Ich quetschte mich zwar noch rein, aber dann fuhr die Bahn einfach die nächsten Stationen durch. Ich neige ja etwas zu Panik, wenn es zu kuschelig wird, haute irgendwann auf den Haltewunschknopf und stieg unwissentlich unweit der Igreja de Graça aus. Von da aus hat man einen sehr schönen Blick über die Stadt. Ich zahlte auch noch für den Besuch des Konvents und des Kirchendachs, von dort hat man eine noch bessere Aussicht. Es gab eine kleine Krippenausstellung und ich zündete zwei Kerzen an, eine für mich, eine für Euch. Jaja, das reicht, Ihr seid ja nicht so fegefeuerverdächtig wie ich. Und wie weiland in Palma de Mallorca klarte draußen der Himmel noch ein wenig mehr auf. Gläubig werde ich deswegen zwar nicht, aber schön zu wissen, dass Petrus mich irgendwie mag.

Ich stieg, nachdem ich noch ein bisschen durch das hübsche Viertel streunte, erneut in eine 28, diesmal deutlich leerer und fuhr wieder in die Unterstadt, wo ich den Bus 737 zum Kastell nahm. Das Gelände ist ziemlich weitläufig, die Festung gut erhalten. Spektakuläre Aussichten, ein mäßig interessantes Museum, eine Ausgrabungsstätte und gegen Ende mehrere Tausend Kreuzfahrer. Nein, nicht die aus Jerusalem. Die zwei Riesenschiffe sah man von der Burg aus im Hafen liegen. Ich weiß ja aus Erfahrung, so ab 10 Uhr werden die Passagiere von der Leine gelassen und dann Gottes Gnade demjenigen, der unschuldig im Weg steht. Die Burg ist von mehreren Pfauen besiedelt, die insbesondere rund um das Museum umherstolzieren. Am Eingang sitzt zudem ein Mann, der mit Kaffee Bilder malt. Er wirkt in seiner ganzen Aufmachung wie ein Relikt aus alter Zeit. O Castelo: Ein Muss!

Der Bus, der mich zur Burg brachte, fuhr an der Sé vorbei, der zweitürmigen Kathedrale von Lissabon. Da ich daher wusste, dass es nur bergab geht, lief ich den Weg. Gegen Eintritt kam ich in die Schatzkammer, halbwegs nett, und in die Kirche selbst, diese sehr ansehnlich und groß. Wieder konnte man auf eine Varanda (!) mit Blick auf die Stadt kraxeln. Überhaupt, wenn ich heute eins gelernt habe, dann, dass Lissabon die Stadt der Treppen und dem aufwärts und abwärts ist. Ich habe gerade meinen Plan für die nächsten zwei Tage nicht auf dem Schirm, aber ich hoffe, es hat viel mit Sitzen und Liegen zu tun! Mir tun die Füße weh, da habt Ihr keine Vorstellung von!

Gestern hatte das Wetter mir ja den westlichen Teil der Stadt etwas verhagelt. Ich nahm die 15E und fuhr erneut nach Belem, wo ich zuerst die Única Fábrica dos Pastéis de Belém besuchte (sehr hübsch) und dann das Jerónimo-Kloster samt zugehöriger Kirche. Leute. Der Hammer, und zwar Vorschlaghammer! Selten habe ich ein schöneres, faszinierenderes Bauwerk gesehen. Jeder Quadratzentimeter ein Wunderwerk der Steinmetzkunst! Es ist irgendwie fast 500 Jahre alter Jugendstil. Man kann das nicht wirklich beschreiben. Jede Säule, jeder Pilaster, jeder Deckstein, jede Portikusumrahmung ein Unikat, die sich nahtlos ins Gesamtbild einfügen. Anhand der Fotos kann man erahnen, was ich sagen möchte:

Die Kirche ist in großen Teilen in Restaurierung befindlich, aber ebenfalls sehenswert. Vasco da Gama hat dort seine Gruft, im Kloster haben Fernando Pessoa und Alexandre Herculano ihre letzte Ruhestätte. Fernando Pessoa ist hier ohnehin sehr gegenwärtig, habt Ihr sein Bildnis gestern im Museum erkannt? Später saß ich noch neben ihm im Café A Brasileira.

Durch den Jardim da Praça do Império schlenderte ich zum Entdeckerdenkmal. Im Park selbst sind im Kopfsteinpflaster die Wappen portugiesischer Städte und Inseln eingelegt, auch von Cabo Verde, das schon geraume Zeit unabhängig ist. Portugal hat übrigens eine übertrieben entspannte Haltung bezüglich seiner Kolonisationsgeschichte, wie mir deucht. Das Denkmal ist nämlich erst 50 Jahre alt. Eigentlich ist es ja das Denkmal der Plünderer, Massenmörder und Unterdrücker. Nun ja. Ich nahm den Lift auf die oberste Plattform und hatte, Ihr ahnt es schon, Ausblicke. Diesmal hätte es mich aber fast runtergepustet, es war schon tagsüber windig, aber es wurde immer stürmischer. Gerade, wo ich dies schreibe, toben Boreas, Euros, Notos und Zephyros um die Vorherrschaft in der Stadt.

Mir war nach einem Bier, meinen Plattfüßen nach Pause. So schlug ich mich noch in das Bairro Alto durch, dem Ausgehviertel Lissabons. Tja, tagsüber ist da tote Hose. Kurz überlegte ich, mir einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt am Miradouro de São Pedro de Alcântara zu gönnen, aber es wurde zusehends ungemütlicher und begann auch, zu nieseln. Ich latschte meerwärts, und als es stärker regnete, stand ich vor besagter Büste Pessoas am Café A Brasileira. Ich flüchtete zu einem beschirmten Sitzplatz und bestellte ein Bier und dann noch eins. Das schmeckte ganz hervorragend und wurde in einem ganz tollen Glas ausgeschenkt. Intermezzo: Portugal ist wirklich noch preiswert. Intermezzo Ende. Pointe: Die zwei Biere brachten mich um 20 Euro. Pointe Ende.

Ich nahm die Metro ins Hotel, wo ich überlegen wollte, welches Restaurant in der Nähe ich aufsuchen wollte. Allein, mir wurde fast der Dutt vom Kopf geweht und ich war – wie ich finde zurecht – erschöpft. Ich kaufte mir daher im Supermarkt um die Ecke Käse, Brot und Nüsse. Während ich die mampfe, schreibe ich dies. Kurzfassung Lissabon: Einfach toll! Was für eine interessante, vielfältige, schöne und vibrierende Stadt, die dennoch etwas beschauliches ausstrahlt. Definitiv eine Reise wert und definitiv auch mal für mehr als nur zwei Nächte!

Ja, Ihr Lieben, morgen muss ich sehr früh raus, ich erhielt eine Mail, ich möge mich um 7:15 Uhr an der Passkontrolle einfinden. Keine Ahnung, wo die sein soll. Um 9:15 Uhr geht die Maschine nach São Vicente.

Sehen wir uns morgen auf den Kapverden? Das würde mich sehr freuen. Bis dahin Boa noite und angenehme Träume! Euer

P.S.: Draußen geht die Post ab, es scheppert, Sirenengeheul und Gehupe. Dazu das Pfeifen des Sturms.

P.P.S.: Die Kühlschrankmagnete von gestern waren teuer! Sie kosten sonst überall nur 1 Euro pro Stück. Aber Lissabon ist wirklich ein sehr preiswertes Pflaster, wenn man vom Bier heute absieht. Wein, Restaurants, Brot, Nahverkehr, Gemüse, Fleisch… alles deutlich billiger. Nett ist man hier auch. Man kommt immer ins Gespräch, sei es mit Verkäufern, sei es mit Menschen in der Straßenbahn. Ich hatte mich ja eigentlich schon für Spanien als Ruhesitz entschieden, aber jetzt denke ich, es ist nicht verkehrt, auch weiter portugiesisch zu lernen. 🙂

P.P.P.S.: Die Lisboa-Card, dazu wollte ich ja auch noch etwas sagen. Kosten 51,- Euro, je 10 % Nachlass in der Gnadenkirche, in der Kathedrale, in den besuchten Museen, völlig freier Eintritt ins Kloster (sonst 18 Euro mit Anstehen), die Burg (15 Euro mit Anstehen), das Entdecker-Denkmal (10 Euro), dazu drei Tagestickets Nahverkehr à (ich glaube) 7 Euro. Für mich hat es sich gelohnt. Preislich schon, aber noch mehr, nicht ständig anstehen und / oder Karten ziehen zu müssen.

P.P.P.P.S.: Und hier noch ein paar Fotos… zu jedem hätte ich einen dummen Spruch oder einen Kommentar parat, aber jetzt bin ich zu müde 🙂

Kapverden 2025: Zwischenstopp in Lissabon (1)

Ihr Lieben!

In Lissabon war ich bestimmt seit der Patentierung der Eiswaffelmaschine nicht mehr. Mit meiner Freundin Ike bin ich früher oft in Portugal gewesen, auch mit Elke oder Erika oder Tita sowie Peter… das waren immer sehr aufregende und spannende Urlaube. Meistens waren wir an der Algarve, wo Ike u.a. beruflich Hotels, Restaurants und auch Golfplätze testete. Von da aus waren wir häufig im Alentejo, in Evora, in Lissabon. Mit Erika habe ich mal eine wilde Zweitagestour in die Hauptstadt gemacht. Unvergessen die Pensao Londres mit Klo auf dem Gang. Und der brennende Apfelkuchen mit dem 30 Jahre alten Brandy… Weißte noch, Eri? Nun sind wir selbst 30 Jahre älter. Und unglaublich kostbar natürlich 🙂

Ich habe sehr positive Erinnerungen an diese schönen Urlaube und Reisen. Wir waren in Porto, Beja, Aveiro, Carvoeiro, Portimao. Es ist einfach ein sehr schönes Land mit tausend tollen Flecken. Jetzt, 25 Jahre später, weiß ich noch viele Erlebnisse von damals, aber würde mich in Lissabon nicht auf Anhieb zurechtfinden. Zumal ich noch nie mit dem Flieger dort war.

Die Anreise verlief erfreulich unkompliziert. Wenn man vom Security Check am Kölner Flughafen mal absieht, der total überlaufen war, und wo ich mich natürlich in der Schlange wiederfand, in der alle irgendwie Drogen, Waffen und Bomben im Handgepäck hatten. Es hat sich wohl noch nicht herumgesprochen, dass Molotow-Cocktails und Morgensterne nicht ins Handgepäck gehören.

Im Flieger war ich nur ein bisschen genervt von einer älteren Dame, die allen, die es nicht wissen wollten, erzählte, wo sie schon überall war. Als mein Sitznachbar, der bevorzugtes Opfer ihrer Tiraden war, verkündete, dass er plane, im Februar auf die Kapverden zu fliegen, kommentierte sie dramatisch, wie furchtbar es dort ist, fuuuuurchtbaaaar! GANZ FURCHTBAR! Ihr 2.600-Betten-Hotel hatte so schlechtes Essen, dass die gaaanze Reisegruppe taaagelang krank war. Fuuurchtbar! Naja.

Auch am Flughafen Lissabon lief alles glatt, außer, dass das Gepäck ein wenig spät kam. Schon vor einer Woche hatte ich mir die Lissabon-Card gekauft, die konnte ich dann in der Empfangshalle abholen. Für 48 Stunden kostet die 51,- Euro. Man kann damit fast alle Verkehrsmittel nutzen und die meisten Attraktionen Lissabons verbilligt besuchen. Ihr findet das teuer? Naja, bei Eintrittspreisen von bis zu 30 Euro pro Burg, Kloster oder Turm hat man das sehr schnell wieder raus.

Mit der Metro war ich in kurzer Zeit an meinem Hotel. Nett und sauber, aber das Zimmer ist winzig. Der Kühlschrank, das finde ich ja eigentlich toll, dass es überhaupt einen gibt, war leider vom Nachttisch zugebaut, da musste ich erst einmal umdekorieren. Ich machte mich katzenfrisch und stürmte in das nasskalte Wetter, um die Stadt wiederzuentdecken. Leute. Am Flughafen sagte die Wetter-App noch, es wäre bald alles überstanden, aber hustepiepen! Der Regen wurde immer schlimmer. Ich fuhr mit der Straßenbahn zum Torre de Belem, dort war dann endgültig Wolkenbruch. Ich fotografierte den eingerüsteten Turm aus der Ferne, da Montag ist, war der ohnehin geschlossen. Ich fuhr in die Gegenrichtung zurück, am teil-eingerüsteten und – weil Montag – geschlossenen Hieronymus-Kloster vorbei. Museum für moderne Kunst? Montag! Ich bekam eine leichte Krise. Was nützt einem die Lissabon-Karte, wenn alles geschlossen ist?

Die Bahn schlich die Trasse lang, der Verkehr ist bei so einem Wetter ganz schön chaotisch hier, so hatte ich Zeit, Google zu bemühen. Ein anderes Museum für moderne Kunst, das Museo de Arte Contemporánea Armando Martins hatte geöffnet. Es ist wahrschinlich das einzige Museum auf der Welt, das dienstags Ruhetag hat. Ein Segen! Ich bekam 10% Lissabonkarten-Diskont für 3 Ausstellungen in 4 Gebäudeteilen. Die Galerias 3 und 4 erreicht man über einen Hof, da startete ich. Das war sehr schön, sehr leer, sehr lehrreich und vielfältig. Viele Ausstellungsstücke haben mir ausgesprochen gut gefallen. Dann wollte ich zurück ins Hauptgebäude, allein, die Sintflut war über uns hereingebrochen. Ich hätte den zuvor erwähnten Hof paddelnd überqueren müssen. Wie gut, dass es noch ein Museumscafé gab, da bestellte ich mir eine Pastel de Nata, einen dicken Keks und ein Glas Wein, und wartete, bis der Sturzbach von oben ein Ende fand. Das tat er irgendwann und ich besuchte den Rest des Museums. Vor einem Raum warnte ein Schild vor expliziten Darstellungen, die verstörend wirken könnten. Siehste mal, das katholische Portugal.

Vom Museum aus, es war zwar immer noch usselig, aber nieselte nur noch fein, begab ich mich zum Praça do Comércio, wo ein gigantomanischer Weihnachtsbaum steht. Direkt gegenüber der Triumphbogen, dessen Portal auf die Rua Augusta einlädt, Lissabons Touristenprachtmeile. Die lief ich lang, wimmelte 263 Restaurantwinker ab, schlug 91 Geschäfte mit Drogendealern aus und erstand stattdessen lieber Kühlschrankmagnete, die ich erstaunlich preiswert für einen solchen Hotspot fand. Am Praça Rossio dann fand ich mich auf einem nicht besonders gut besuchten Weihnachtsmarkt wieder.

Natürlich kam ich am Elevador de Santa Justa vorbei, aber seit dem schlimmen Unglück mit dem Ascensor da Glória im September sind alle historischen Anlagen zwecks genauer Überprüfung außer Betrieb. Und das halte ich auch unbedingt für sinnvoll.

Inzwischen war es schon 20 Uhr und ich hatte einen Bärenhunger, war aber auch ein wenig erschöpft. So erstand ich in einer Padaría 4 herzhafte Pasteten zu je einem Euro, kaufte mir zwei Dosen Sagres-Bier und eine Flasche Wein im Supermarkt und begab mich auf Heimreise. Die trat ich am Rossio in einer vollkommen leeren Linie 28 an, die fast genau vor meinem Hotel hält. Die historischen Bahnen auf dieser Linie stammen aus den 30er-Jahren und sind eine Touristenattraktion sondergleichen. Ach, und die Pasteten waren superlecker!

Ihr Lieben, den Tag hatte ich mir wärmer, trockener, geöffneter und weniger nervig vorgestellt. Aber es war trotzdem nett, ein paar der Sachen habe ich wiedererkannt und he, wer kommt schon ins MACAM? Nur Gerry bei Sturzregen, es waren sonst wirklich keine anderen Besucher da.

Was ich morgen so treibe, steht in den Sternen. Wird Poseidon wieder Unwetter über uns hereinbrechen lassen oder wird uns Ra geneigt sein? Man weiß es nicht. Burg wäre ja schön, aber nicht, wenn mir beim Aufstieg Schlammlawinen entgegenkommen.

Also, seid gespannt, morgen erfahrt Ihr hier dann mehr. Boa noite, Euer

Ihr wollt verstörende Kunst? Da habt Ihr!

Kapverden 2025: Der Prolog

Ihr Lieben,

wenn man an die Kapverdischen Inseln denkt, denkt man vielleicht nicht an eine fast dreiwöchige Reise, sondern eher an eine Woche All-inclusive in einem der Bettenbunker auf Sal oder Boa Vista, den touristischsten Inseln des Archipels. Wie ich überhaupt darauf kam, dorthin zu reisen, erschließt sich mir auch nicht mehr. Aber irgendwann diskutierte ich mit einem entfernten Bekannten auf Bluesky darüber und der wollte dann sogar mitreisen. Wir einigten uns auf Inselhopping mit mindestens drei Inseln. Ich nehme es vorweg, er sprang wieder ab.

Eigentlich wollte ich wieder alles auf eigene Faust buchen, aber bei näherer Beschäftigung mit dem Reiseziel stolperte ich immer wieder darüber (selbst auf den Seiten des Auswärtigen Amtes!), dass man sich nicht wirklich auf Fähren und Inlandsflüge verlassen könne. Zudem wollte ich eben nicht in irgendwelche Bettenbunker. Ich suchte also eine Agentur, die mir schöne Pensionen und Öko-Lodges (jaja, ich weiß, öko ist, wenn man gar nicht erst fliegt) vorschlägt, und die auch die Inlandsverbindungen bucht. So muss ich nicht schauen, wie es weitergeht, wenn einmal etwas nicht so klappt, zudem habe ich so bestätigte Transfers zu Unterkünften, Fähr- und Flughäfen.

Ich erhielt einen Basisvorschlag mit zusätzlichen Ausflugsangeboten, der ein wenig modifiziert werden musste (ich und Gebirgswanderung, bewahre!) und buchte dann folgendes Paket:

Mindelo – Porto Novo (Val do Paul) – Ponta do Sol – Mindelo – Praia – Tarrafal – Santa Maria. Inkludiert sind eine geführte Wanderung, eine E-Bike-Tour, ein Ausflug mit dem Fischerboot, eine Inselfahrt über eine Passstraße und ein begleiteter Marktbesuch.

Basis: © Google Maps

Insgesamt ist das jetzt keine Schnäppchenreise, daher verspreche ich mir doch einiges davon. Der Veranstalter „Soul-Tours Cabo Verde“ hat eine Niederlassung auf den Inseln und ich hatte bei der Planung und dem Vorgespräch ausschließlich mit Kapverdianern zu tun, der Firmensitz ist aber in der Schweiz. Vor drei Wochen hatte ich einen Videocall mit meinem Reisebetreuer Elber vor Ort, den ich kontaktieren kann, wenn etwas nicht klappt.

An- und Abreisen war nicht enthalten, die musste ich mir selbst organisieren. Hin wurde mir eine Verbindung vorgeschlagen, die fast mitten in der Nacht startete und mir 30 Minuten für den Umstieg in Lissabon gönnte. Da beschloss ich, schon Montag, also zwei Tage früher nach Lissabon zu fliegen (war dann auch noch billiger), um mich dort auf meinen Urlaub einzustimmen und am Mittwoch mit TAP nach Sao Vicente weiterzureisen. Zurück fliege ich von Sal aus mit TUI direkt nach Düsseldorf.

Ich bin seeeehr gespannt, Ihr Lieben, die Inseln sind recht vielseitig. Gesprochen wird lt. Elber neben Kreol auch eine Art Portañol, damit müsste ich einigermaßen zurechtkommen. Ich studiere ja gerade Portugiesisch und lerne so wichtige Sätze wie „Der Bär isst mit seiner Tante ein Sandwich im Wald“. Viele Menschen, denen ich erzählt habe, dass es auf die Kapverden geht, haben mir Tipps für die Reise gegeben, aber auch Schauermärchen z.B. über Geldwechselei und -abhebung erzählt. Vorsichthalber habe ich mal meine Bank informiert, dass es dahin geht. Apropos Vorbereitungen: Es sei schon einmal verraten, dass man sich bei Einreise auf die Kapverden einige Tage vorher bei der Nationalpolizei gegen eine Gebühr registrieren muss. Das ist aber ziemlich unkompliziert.

Tja, die Koffer sind gepackt und wie immer würde ich mich natürlich rasend über Eure virtuelle Begleitung freuen, morgen Abend gäbe es den ersten Bericht aus Lissabon. Und wenn Ihr mal nichts von mir hört, liegt es eher an technischen Problemen, als dass ich in ein Fass Grogue gefallen bin und fürderhin dauerangezwitschert über die Strände torkele.

Liebe Grüße, bis denne, Euer

P.S.: Das Vorschaubild ist KIs Idee einer Zusammenfassung von Cabo Verde.

Adventsaktivitäten

Ihr Lieben,

es war wieder einmal eine ziemlich vollgestopfte Woche, es wird dringend Zeit, dass ich Urlaub habe (denn der ist ja bekanntlichermaßen bei mir nie vollgestopft).

Montags ging es schon gut los mit einem drei Tage dauernden Kombi-Audit in der Firma. Bis auf eine kleine Rüge haben wir das aber einigermaßen unbeschadet überstanden. Dennoch ist sowas mental ja auch kraftraubend.

Am Donnerstag gab es die Abschiedsparty eines langjährigen Mitarbeiters. Da habe ich spaßeshalber mal wieder eine Rede von ChatGPT schreiben lassen, aber die war so grottig, dass ich den Kollegen bat, mir nur ein paar Stichpunkte aufzuschreiben, die ihm wichtig waren, und habe doch frei vorgetragen. Das war eine sehr ruhige, aber schöne Party.

Freitag zog es mich dann direkt nach der Arbeit zu Stefan und Lars nach Hattingen, die beiden kenne ich – treue Leser wissen das – von einer Asienreise. Sie veranstalteten einen Currywurst-/Sekt-Empfang zu Advent. Da ich noch nie in Hattingen war, fuhr ich früh los, um mir den Ort ansehen und den Weihnachtsmarkt besuchen zu können. Herrjeh! War das überlaufen. Aber der Ort scheint wirklich nett zu sein. Am Glockenturm wartete ich vergeblich auf das für 18:05 Uhr angekündigte Glockenspiel, allein, der Glöckner schien mit seiner Esmeralda auf Karibikreise zu sein. Immerhin hatte ich dadurch Gelegenheit, am französischen Weihnachtsmarkt 8 Galettes für 8 Euro 10 zu erstehen. Waren aber auch lecker, muss man zugeben. Frau oder Herr Bürgermeister/in: Bitte erstatten Sie mir die Keksausgaben, die ich ja nur wegen des ausgebliebenen Musikgenusses erstand.

Auf der Partyeinladung war – das hatte ich wieder vergessen – der Dresscode feierlich bzw. weihnachtlich vorgegeben. Ich ergatterte in einem Hattinger Fachgeschäft für elegante Herren-Garderobe (Inh. Erwin Lindemann) eine rosafarbene Weihnachtsmütze und war dann wenigstens nicht der dresscodeloseste Besucher. Das Fest war eine (be)rauschende Ballnacht. Ich taumelte gegen zwei Uhr zu meinem Hotel, erstes Haus am Platze für 54 Euro, ohne Frühstück, ohne alles, und wachte mit leicht erweiterter Hutgröße wieder auf. Zwar wollte ich noch einmal bei Tageslicht durch Hattingen laufen, aber da ich mein Gepäck dabei hatte, der Kater schnurrte und es auch noch nieselte, begab ich mich nach Hause. Ihr Hasen, war schön, gerne wieder!

Am Wochenende habe ich dann sehr viel telefoniert. Meinen Eltern geht es nicht so gut, mein Vater war beim Telefonat sehr niedergeschlagen, das beschäftigt mich natürlich sehr. Er schimpft sehr aufs Altsein mit den einhergehenden Schmerzen und Beeinträchtigungen. Dann denke ich immer, wie viele Wehwehchen ich schon habe und welche Mühen sich jetzt schon abzeichnen.
Mit Matthias habe ich auch gequasselt, das war mal wieder schön, voneinander zu hören.

Sonntag traf ich mich dann mit ein paar Nachbarn beim Griechen mit „dem schönsten Rheinblick“. Leider ruht man sich im Oasis da ein bisschen drauf aus, denn obwohl es recht leer war, war man zwar freundlich, aber total unaufmerksam. Das Essen ist gut, die Weine sind so lala, dafür aber extrem teuer. Für Menschen, die vor allem den Blick haben wollen, ist es aber völlig okay. Wir haben uns dennoch amüsiert. Alle gucken jetzt auch mal verstärkt nach einer Bleibe in Deutz oder Poll, damit wir nicht ganz so weit auseinanderdriften.

Kommende Woche wird es noch einmal etwas dichter, insbesondere beruflich. Sitzungen, Weihnachtsfeier, Übergabe. Freitag werden Elke und Nora mich besuchen, ab da gilt nur noch: Urlaubsrestvorbereitungen. Ich weiß, dass ich diesmal wesentlich länger brauchen werde, störenden mentalen Ballast abzuwerfen, um mich ganz auf Land und Leute einlassen zu können, auf der anderen Seite freue ich mir aber schon ein Loch innen Bauch!

Ich denke und hoffe mal, wir sehen uns dann kommenden Montagabend in Lissabon. Am Sonntag wird es zudem wieder einen Prolog zur Reise geben. Ich freue mich schon sehr auf Eure Begleitung.

Liebe Grüße, habt eine tolle dritte Adventswoche, Euer

P.S.: Die Geschlechtsteile der drei Ritter (?) vor der Stadtmauer in Hattingen sind mit dem geeigneten Werkzeug wohl abzumontieren und ein beliebtes Souvenir. Es soll ein Depot mit Ersatz… äh… also…

Spinatsuppe

Ihr Lieben,

gestern hatte ich ja diesen Spinatsalat gemacht. Dafür brauchte ich nicht gerade viel und ich hatte noch einen gefühlten „Fatboy“ (hier könnte IHRE Werbung stehen!) voll. Also machte ich mich nach dem Abendessen daran, auch den zu verwursten, er war zu schade zum Vorsichhingammelnlassen.

Ich putzte und würfelte grob etwa ein halbes Kilogramm Kartoffeln und 5 sehr große Karotten, schälte und zerhackte 4 Schalotten und 3 Knoblauchzehen. Die Zwiebeln und die Zehen briet ich im Auguste mit etwas Öl an. Dann gab ich die Gemüsewürfel dazu und kochte alles für eine halbe Stunde in einem Liter Gemüsebrühe. Anschließend gab ich die geschätzten 450 Gramm Spinat dazu und kochte alles für weitere 5 Minuten und pürierte die Masse anschließend.

Jetzt wurde abgeschmeckt. Man kann sich überlegen, in welche Richtung das gehen soll. Scharf oder Ingwer und Sesam oder mediterran?! Ich entschied mich für Kräuter und Schärfe und gab Oregano, Thymian, Rosmarin und Chili dazu, ebenso die obligatorische Prise Zucker.

Serviert werden kann das dann pur oder aber mit Croutons, Schinkenwürfeln, sehr kross gebratenen Speckstreifen oder wie ich es machte – dann aber mit dem Salz in der Grundsuppe vorsichtig sein – mit Räucherlachsstreifen. Bei herzhaften Suppen kann man auch mal süße Schlagsahne als „Krönchen“ draufsprühen. Der Phantasie sind bei der Auswahl sowohl der Gemüse, als auch der Zugaben keine Grenzen gesetzt. Nur sollte ein Wurzelgemüse dabei sein, das die nötige Bindung schafft. Und klar, Stangenbrot dazu.

Natürlich lässt sich das alles auch auf dem Herd machen, aber Auguste nimmt mir die Pflicht ab, dabeistehen zu müssen und umzurühren. Außerdem ist er der weltbeste Pürierer.