Summertime… and the living is anstrengend

Ihr Lieben,

beginnen wir mit dem gesellschaftlichen Ereignis der Saison: Benjiro und ich haben uns heute früh auf der Kfz-Zulassungsstelle in Köln das Ja-Wort gegeben. Es war eine feierliche und anrührende Zeremonie und hat 26,80 Euro gekostet. Das Auto habe ich ja von meinem Vater, daher habe ich das Nummernschild mit seinen Initialen und seinem Geburtstag behalten. Benjiro leistet mir ja wirklich gute Dienste und ich bin mehr als dankbar.

Kurz nach meinem letzten Schnipseleintrag, nämlich Dienstag, war ich in der Yayoi Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig. Jetzt fragen sich einige bestimmt, wie ich es geschafft habe, noch an eine Karte zu kommen; ist doch die erfolgreichste Kölner Ausstellung ever komplett ausverkauft gewesen. Des Rätsels Lösung: ich hatte das Ticket schon im April gekauft. Planung ist alles.

Machen wir uns nichts vor, Social Media ist nicht unschuldig an dem enormen Erfolg, postete doch jeder Besucher (so auch ich) Bilder im „gelben Schlangenraum“ oder aus dem „Infinity-Kasten“. Yayoi Kusama ist eine wirklich interessante Künstlerin, inzwischen hoch betagt, die Ausstellung geht zurück bis in ihre Kindheit. Man sollte 2 Stunden einplanen, um einen guten Eindruck zu erhalten. Allerdings, trotz Ticketbegrenzung, war es dermaßen voll, dass ich mich meistens unwohl fühlte. Ihr wisst ja, Menschenmassen und so. Aber es war ein tolles Erlebnis. Die Ausstellung endet Anfang August und wird im September im Amsterdamer Stedelijk-Museum wieder aufgebaut. Ich empfehle allen, einen Städtetrip alleine deswegen!

Am Donnerstag dann, es war schon sehr heiß, traf ich mich mit Artur und Hubertus und Bekannten von ihnen an der Rheinpromenade zu einem Picknick. Gottseidank fanden wir im Schatten eines riesigen Baumes noch ein Plätzchen zum Ausbreiten. Außer mir (Entschuldigungsgrund: ich kam direkt aus dem Büro) hatten alle Wein und Snacks und EISWÜRFEL dabei, daher war das eine sehr angenehme „Landpartie“, ein Wort das viel zu selten gebraucht wird, wie ich finde. Schön anzusehen war, wie sich die Poserszene vor dem Hyatt traf und alle 15 Minuten durch Ordnungsamt und Polizei wieder vertrieben wurde. An dem Abend holte ich übrigens noch mein Fahrrad aus dem Poller Keller ab. Vor dem Gelage.

Für Freitag hatte ich dann die Doppelkopfrunde zur Wohnungeinspielung mit Contra und Re geladen. Allein, es war in meiner Butze nicht auszuhalten. Wir vertagten uns zu Anja, stolze Besitzerin einer Klimaanlage. Ich versprach, dennoch für den Großteil des Essens zu sorgen und odyssierte mittagspäuslich durch die Innenstadt auf der Suche nach Börek und dergleichen. Vergeblich. Schwer angeschlagen kaufte ich letztendlich den Backladen einer bekannten Kette leer. Und man konnte es sogar essen.

Man ließ mich gewinnen (verspätetes Geburtstagsgeschenk), das fand ich prima, und dann gab es auch noch einen Gutschein für Nelson Müller in der Diepeschrather Mühle. Das fand ich noch primaer! Doch, doch, das Wort gibt es!

Samstag sollte ich dann zum Grillen nach Poll (Freitag übrigens auch zu anderen Nachbarn, aber da war ich schon verplant), wieder mit H. & A. Ich machte morgens auch meinen Wassermelonensalat dafür, kaufte ein, holte Post, fuhr zum Baumarkt… und dann war zuhause aus. Kreislauf, Übelkeit, Kopping (habe ich fast nie!). Mein Schädel war zu einer Bessemerbirne mutiert und ich musste schweren Herzens absagen.

Ich meine, ich hätte auch eine Reise nach Berlin angedeutet, zum Abschlusskonzert der Philharmoniker. Flüge, Hotel, Tickets, Bootsfahrt… alles bereits seit September gebucht. Ich wollte zusammen mit Erika und Udo hin. Dann die Hiobsbotschaften: Hotel ohne Klimaanlage, S-Bahn-Betrieb in Berlin massiv eingeschränkt, Züge von E.&U. ersatzlos gecancelt, Ersatzfahrten mit der DB ohne Sitzplatz. Dazu die Vision, in den Oberrängen der Waldbühne 3 Stunden in der prallen Sonne bei 38°C zu brutzeln. Wir berieten uns und sagten das Event ab. Gottseidank fast kostenneutral, die Karten waren sofort weiterverkauft, alles andere war noch stornierbar. Dennoch sehr schade, aber wir grillen dafür kommenden Samstag zusammen. Und gucken das Konzert bei der Live-Übertragung. Wird wohl wieder vom MDR gesendet. Thema: italienische Nächte unter der Leitung von Kirill Petrenko, mit Respighi-Werken und Jonas Kaufmann, der aus Leoncavallos „Pagliacci“ vorträgt. Bin gespannt, ob Erika auch im Garten bei Paul Lincke so stimmgewaltig mitpfeift!

Was gibt es noch zu berichten? Zur Zeit gehe ich gerne arbeiten. Ihr wundert Euch? Hah, ich habe KLIMA im Büro! Ich versuchte, im Spitzboden aka Gästezimmer Kabelkanäle zu verlegen. Nach drei Sekunden gab ich auf! Tja, wenn es nicht so stromfressend wäre, würde ich jetzt schon längst ein Klimagerät mit Außeneinheit beschafft haben. Zur Zeit begnüge ich mich mit einem Ventilator, der eher eine Windmaschine ist. Theoretisch kann ich hier sehr viele ESC-Auftritte nachspielen. Nur die Kleider-vom-Leib-reiß-Kleider brauche ich noch. Ach, und der Foodblog ruht, die Küche ist auch Südwest-Seite.

So, Ihr Lieben, das war’s schon wieder, hoffe, Ihr kommt mit der Hitze besser klar. Ausnahmsweise sende ich mal extrem kühle Grüße! Euer

So ist’s auszuhalten…

Und das soll Urlaub sein?

Ihr Lieben,

die restlichen Urlaubstage waren gut mit Terminen und Pflichten gefüllt. Noch am Ankunftstag holte jemand einen Schrank ab, den ich nicht mehr unterbringen konnte. Gut, das war jetzt keine abendfüllende Veranstaltung. Mittwoch dann ging es aber los: Morgens Besprechung der Blutwerte. Naja, nicht perfekt, aber immerhin haben sich alle Zahlen verbessert. Vom Arzt aus in das Gartencenter, da kaufte ich ein Dutzend Blühpflanzen, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. In weiß, dunkelrot und violett. Damit und mit den Balkonkästen, die ich von Erika und Udo geschenkt bekommen hatte, begrünte ich dann meinen Balkon. Ist richtig nett geworden.

Jetzt war ich so richtig in Schwung gekommen und ging DAS anstehende Großprojekt an: vor meinem Urlaub ist die Schlafcouch für mein Gäste-/Wohnzimmer geliefert worden, vier riesige Pakete (eins mit einem Sessel), die die freundlichen Speditionsfahrer für mich schon die Wendeltreppe hochgewuchtet hatten. Das montierte ich dann in zweieinhalb Stunden zusammen. Wobei ich eine dreiviertel Stunde darauf verwendete, mir zu überlegen, wie ich es schlussendlich stehen haben wollte. Davon hing nämlich ab, an welcher Seite ich die Ottomane montiere. Der Sessel war dann in Null,nix gemacht. Ich finde, es sieht ganz ordentlich aus. Am Abend kochte ich mir dann auch noch Rhabarberkompott und Vanillecreme, damit war der Tag perfekt.

Donnerstag verbrachte ich dann, ich musste nach Lövenich, Kartons abholen, und zum Abfallhof, das Verpackungsmaterial vom Sofa sowie einen angeschlagenen Fernseher wegbringen, etwa 4 Stunden im Berufsverkehr, u.a. weil plötzlich Auffahrten von Rheinbrücken gesperrt waren. Mein Navi führte mich über kilometerlange Umwege durch Köln. So war vom Tag nicht mehr viel übrig, aber ich schaffte es wenigstens, bei der KfZ-Versicherung meines Vaters vorzusprechen, bei der ich dessen Vertrag übernehmen wollte. Das ging dann sehr unkompliziert. Kompliziert wurde es dann bei der angeblich kinderleichten Online-Ummeldung. Ich erinnere mich nicht an den Wortlaut, aber mitten im Prozess wurde mir mitgeteilt, das die Querzwirbelprüfnummer fehle und der Vorgang nicht fortgesetzt werden könne. Ich rief bei der Stadt an. „Was ist die Querzwirbelprüfnummer?“ – „Woher sollen wir das wissen?“. Nach einer halben Stunde Recherche durch die – sehr freundliche! – Mitarbeiterin fanden wir heraus, dass Online-Zulassungen erst ab einem bestimmten Erstzulassungsdatum möglich sind. Ich müsse persönlich bei der Meldestelle vorsprechen. Wem kommt das noch bekannt vor? Wenigstens war für Kölner Verhältnisse ein zeitnaher Termin frei, nur zwei Wochen Wartezeit.

Donnerstagabend beschloss ich dann, da ich für einen Kabelfernsehanschluss bezahle, mir einen neuen Fernseher – der alte aus dem Schlafzimmer hat zwar den Umzug überstanden, aber mein Verräumen von A nach B nicht, daher steht da jetzt der aus dem alten Wohnzimmer – für das neue Wohnzimmer auszusuchen*. Ich wurde fündig bei dem einen großen Elektrohandel und das Elend nahm seinen Lauf. Freitagfrüh wurde mir mitgeteilt, ich möge nach Marsdorf kommen, das TV-Gerät stünde zur Abholung bereit. So sah es dann wirklich aus:

Man habe sich halt vertan. Passiert. Ja, ok, passiert. „Wir stellen es kostenfrei zu.“ – „Wann?“ – „Weiß ich nicht!“ – „Nee, so geht das nicht!“ – „Dann kommen Sie nächste Woche noch einmal vorbei!“. 60 Kilometer für Hin- und Rückweg? Ich stornierte den Kauf und wurde abends online bei einem Hamburger Versandhaus fündig und sparte (allerdings bei einem anderen, aber gleichwertigen Modell) noch dabei.

Freitagabend fuhr ich dann mit der Bahn nach Neuss. Müßig, zu erwähnen, dass sowohl hin als auch zurück alles nicht wie geplant lief. Unter anderem wurde ab 22 Uhr wieder Schienenersatzverkehr eingesetzt, so dass mein Besuch nur ein kurzer blieb. War dennoch schön. Und es gab es einen reichhaltigen, aber gesunden Salat! N.B., wenn alles liefe, wie es laufen sollte, wäre meine neue Wohnung verkehrstechnisch deutlich besser angebunden, als die alte.

Samstag und Sonntag pröddelte ich dann in der neuen Wohnung herum, hing weitere Bilder auf, verbaute einen Dimmer (die Esszimmerlampe erspart einem das Solarium!), richtete meinen alten Wandfernseher für Kabel ein (woran ich fast verzweifelte, weil ich den Sendersuchlauf für DVB-C nicht fand) und programmierte die restlichen Smart-Steckdosen.

Ja, und heute, große Freude, durfte ich wieder ins Büro. Naturgemäß wurde ich direkt mit drei mittleren Katastrophen konfrontiert; die aufzuräumen, wird sich etwas ziehen.

Abends dann fand ich noch den neuen Fernseher vor, um den kümmere ich mich gleich. Und eine Puzzle-Lampe wurde geliefert. Als Grobmotoriker werde ich wieder 2 Jahre brauchen, um die zusammenzufrickeln.

So, genug geschwafelt, habt einen schönen Abend und eine tolle Restwoche. Euer

* ich blicke manchmal auch nicht mehr durch mein Geschreibsel durch 🙂

Manchmal hätte ich gerne Fähigkeiten… so besondere… (Grafitto an der U-Bahn Geldernstraße)

Rhabarberkompott mit Vanille-Creme

Ihr Lieben,

in Dublin hatte ich ja letzten Sonntag ein „industriell“ hergestelltes Rhabarbermus mit Custard. Das fand ich schon sehr lecker, dachte aber, das kann ich noch besser. Als Kind hatten wir oft Rhabarberkompott, heute ist es ja ein viel zu unterschätztes Gemüse. Yep, Gemüse, gehört zu den Knöterichgewächsen, wie auch Buchweizen oder Sauerampfer.

Leider erwischte ich nur mäßige Qualität (die Saison ist ja auch fast um) und musste viel schnibbeln. Die Schale kommt bei mir ohnehin immer ab, da sitzt die meiste Oxalsäure drin. Ich schneide kleine Würfel, ich mag das Kompott eher zerkocht als stückig. Los geht’s:

750 Gramm Rhabarber in kleinen Würfeln in einen Topf geben und 50 Gramm Rohrzucker, zwei Päckchen Vanillezucker, eine Prise Salz und eine halbe Tasse Wasser dazu. So lange zum Kochen bringen und dabei öfter umrühren, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Auch Freunde der stückigen Variante sollten nicht zu früh aufhören, roher Rhabarber ist schwer verdaulich. Abkühlen lassen und kalt stellen.

450 ml Milch mit einer ausgekratzten Vanilleschote aufkochen. Uffpasse, das nichts überkocht! 50 ml Milch mit 50 Gramm Zucker, 25 Gramm Speisestärke, einem ganzen Ei und einer Prise Salz klümpchenfrei verrühren und in die kochende Milch geben (ggf. vorher die Vanilleschote herausnehmen). Rühren, rühren, rühren, sonst brennts an. Sobald die Masse angedickt ist, in eine Schüssel umfüllen, mit Frischhaltefolie abdecken (es sei denn, man ist ein Puddinghaut-Fan!) und ebenfalls kalt stellen. Am nächsten Tag (oder abends) Kompott auf Glasschälchen aufteilen und die noch einmal stark durchgerührte Vanillecreme darüber geben.

Reicht für 4 bis 6 Portionen. Es ist sooooo lecker! Kann auch noch garniert werden, ich hatte mal wieder nix Gscheit’s zur Hand außer Rosmarin 🙂

Noch ein Hinweis: Es ist schon ein sehr süßes Dessert. Im Zweifel etwas weniger Zucker nehmen.

Dublin 2026: der Epilog

Ihr Lieben,

Eurowings wird offenbar immer geiziger. Man wird in einem finsteren Keller abgefertigt und muss zum hinterletzten Gate. Die Abfertigung erfolgt für 19 parallel stattfindende Flüge durch 2 Personen. Naja, ich bin ja immer viel zu früh vor Ort. Im Flieger, wir hatten das Gate gerade verlassen, dann die Ansage technischer Probleme, die Maschine müsse wieder zum Gate zurück. Wir blieben aber einfach eine halbe Stunde unbeweglich stehen. Dann die Durchsage, das Problem hätte telefonisch behoben werden können, wir warteten jetzt auf eine neue Slot-Zuteilung. Mysteriöse Fernheilung? Egal. 75 Minuten zu spät flogen wir dann ab. In Düsseldorf dann zum Hauptbahnhof, da in die S6. Die blieb dann in Garath mal eben eine halbe Stunde stehen, man wartete auf einen Befehl wegen einer Signalstörung. So war ich nach fast 9 Stunden Reise wieder daheim.

Dublin bewerte ich jetzt mal ungerechterweise mit 7/10. Bei Sonne wären es 8 gewesen. Aber die hat ja gezickt. Und die Unterkunft? Ach je. Hatte ja einen Schreibtisch und eigenes Bad, den Kühlschrank im Gemeinschaftsraum habe ich auch für mich alleine gehabt. Das Frühstück war okay. Und es war sehr billig! Soweit okay. Aber jeden Tag anderthalb bis zwei Stunden Bus ins Zentrum und zurück, das ist schon nervig. Ist das die Ersparnis wert? Die sehr große Ersparnis?

Am schönsten fand ich den Spaziergang an den Howth Cliffs, am schlimmsten die Getränkepreise. Am zweitschlimmsten den Dauerregen. Am zweitschönsten die Brauereiführung. Gerne wäre ich noch in das Gefängnis (keine Karten erhältlich), in die Nationalgalerie und in das Koboldmuseum gegangen. Aber, ich erwähnte es an anderer Stelle, die Eintrittspreise sind horrend!

Die Iren sind ein sagenhaft freundliches Volk. Als ich heute mit meinem Koffer an der Bushaltestelle stand, wünschte mir eine betagtere Lady mit Terrier eine gute Reise. Überhaupt grüßen auch Wildfremde. Jeder erkundigt sich nach Deinem Befinden. Das ist schon sehr gesittet und ansprechend. Dublin ist auch sehr sauber. Man legt sehr viel Wert auf Optik, am deutlichsten zu merken an der an Obsession grenzenden Gartenpflege.

Was braucht man im Gepäck? Eine dichte Regenjacke! Am Flughafen-Check-in vor mir vier Herren, die mit Zelt wandern waren. Einer wortwörtlich: Nie wieder so einen Urlaub, die Zelte bekommen wir nie wieder trocken. Die Armen. Wenn man in einer Studentenbude übernachtet, gehören Ohrstöpsel ins Gepäck! Da knallen und quietschen Türen und natürlich wird auch viel und laut gesprochen.

Auf jeden Fall empfehle ich Euch die Leap-Karte für den Nahverkehr, am besten wie ich schon im Voraus bestellen. Mein Reiseführer war auch völlig ausreichend, ich bin ja Fan von Know How, Lonely Planet und Michael Müller. Und Baedeker, wenn’s viel um Kultur geht.

Ja, das war schon alles schön. Nächste Kurzreise ist Berlin, Ende Juni, wieder zum Abschlusskonzert der Berliner Philharmoniker. Im Oktober werde ich voraussichtlich mit dem Auto bis San Marino und Monaco fahren. Ländersammelei hört ja noch lange nicht auf. 🙂

In der Zwischenzeit gibt es dann wieder Anekdötchen oder Rezepte.

Danke fürs Mitreisen und allen eine gute Zeit! Euer

Dublin, Tag 7: Es grünt so grün, wenn Dublins Blüten blüh’n

Ihr Lieben,

heute wird es wieder eher kurz und knackig, habe ich doch a) bis in die Puppen geschlafen und b) auch einen Verlust an Wanderlust zu beklagen. Ich beschränkte meine Aktivitäten daher auf Ziele in der Umgebung der DCU. Ca. fünf Busstationen von hier entfernt befindet sich der Botanische Garten, den steuerte ich als erstes an. Auf dem großen Gelände, zu dem der Zutritt frei ist, befinden sich viele schöne Gewächshäuser im viktorianischen Stil, die jeweils ein bestimmtes Thema abdecken: Nutzpflanzen, Kakteen, Kräuter etc. Das größte ist dem Ur- bzw. Regenwald gewidmet, mit Palmen und Stauden von beachtlicher Größe. Da herrscht auch ein Urwaldklima drin vor, bisschen wie eine heruntergeregelte Sauna. In einem Gewächshaus fand ich eine Pachira Aquatica, die mehrere Meter maß. Ich musste ja leider eine von meinen beiden entsorgen, da sie einen Schädlingsbefall hatte, den ich nicht in den Griff bekam.

Außerhalb der Gewächshäuser gibt es themenbezogene Gebiete, so einen sehr schönen Rosengarten oder auch einen See für Wassergewächse. Reiher stolzierten an dessen Ufer herum. Auch sonst viel Fauna vertreten. Hummeln summten, Rotkehlchen zwitscherten, Spinnen sponnen ihr Gespinst. Neben dem See gibt es Bachläufe, die malerisch plätschern. Viele bringen sich eine Decke mit und picknicken oder erholen sich einfach nur. Kann ich verstehen, es ist eine Oase.

Direkt neben dem botanischen Garten liegt die Stadt der Toten. Ein riesiger Friedhof, auf dem auch Prominenz zu finden ist. So jedenfalls eine Info-Tafel am Eingang. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich kaum jemanden davon kenne. Man hat mir erzählt, dass die Zahl der Toten dort die Zahl der lebenden Einwohner Dublins bei weitem übersteigt. Kann hinhauen. Es gibt eine nicht zu übersehende Zahl von Grabsteinen, Mausoleen und Stelen. Von klein-klein hält man hier auch wenig. Wenn der Steinmetz sich von Deinem Auftrag kein Wochenendhäuschen kaufen kann, hast Du gegeizt. So ist das nämlich!

Es gibt natürlich auch Gedenkstätten, z.B. für Revolutionäre. Überragt wird der Friedhof vom O’Connell-Turm. Als ich dort ankam tobte sich da gerade eine Schulklasse aus. Leider wurde dann der Zugang vor meiner Nase abgesperrt. Ich möge mich in das Besucherzentrum begeben. Dort erfuhr ich, dass man den Turm erst kaufen muss, bevor man ihn besteigen kann. Zumindest ließ der Eintrittspreis keinen anderen Schluss zu. Man soll von oben aus einen schönen Blick über Dublin haben. Naja, es war sowieso wieder bedeckt und ich war durch einen heftigen Schauer ohnehin bisserl durchgeweicht (ich hatte den Fehler gemacht, mich auf die Vorhersage zu verlassen und die dünne Jacke angezogen).

Ich setzte mich in einen Bus Richtung Innenstadt, als mich wirklich urplötzlich Unlust überfiel. Ich hatte offenbar den Punkt der Reizüberflutung erreicht. Ich stieg aus und fuhr für ein Schläfchen in meine Bleibe zurück, mit dem Vorsatz, dann später noch einmal in die Stadt zu fahren. Allein, daraus wurde dann nix.

Auf dem Campus guckte ich mir nur noch den Souvenirshop an, aß einen Obstsalat (sic!) aus dem Campus-Supermarkt (übrigens ist der hier deutlich billiger als bei uns) und kaufte mir Paninis mit Huhn für den Abend.

Morgen früh um 11 Uhr irgendwas geht der Flieger, da werde ich nichts großartiges vorher mehr unternehmen. Aber der traditionelle Epilog wird morgen natürlich trotzdem noch geschrieben werden.

Liebe Grüße, Euer gerade etwas erschöpfter

Wenigstens war die Sonne zur Stippvisite da.

P.S.: Wittgenstein hat während seiner Dubliner Zeit oft im Botanischen Garten gesessen. Wollte ich noch erwähnt haben.

Dublin, Tag 6: Howth Cliffs

Ihr Lieben,

heute wird es kurz, aber schön. Nein, nicht dieses „schön“! Natürlich regnete es heute auch wieder viel, aber nicht so oft und nicht so heftig. Einigermaßen ausgeschlafen hatte ich erst einmal ein mehr als ausgedehntes Frühstück. Es gab Rhabarber-Custard, allerdings aus der Milchfabrik. Vielleicht sollte ich mir vor Ende der Saison noch schnell zuhause eins nachkochen.

Was tun? Caolán empfahl gestern einen Spaziergang über die Klippen von Howth, tatsächlich hatte ich mir das in meinem Reiseführer auch markiert. Also brach ich um 10 Uhr gestiefelt und gespornt zu der Dublin vorgelagerten Halbinsel auf. Bis zum Bahnhof Clontarf Road lief alles glatt, als ich dort in den Zug, hier Dart genannt, umstieg, war mir klar, dass es nicht die genialste Idee war, an einem Sonntag in die Sommerfrische fahren zu wollen. Der Zug war brechend voll! Dennoch gelang es mir, Sitzplätze für mich und eine alte Dame zu organisieren. Dazu musste ich nur zwei italienische Teenager anblaffen, Sie müssten sich jetzt nicht auf die Sitzbänke legen. Ich glaube, die Dame war kutz davor, mir einen Antrag zu machen, so strahlte sie mich bis zur Endstation an. Italienische Jugendgangs fallen in Dublin gerade sehr auf. In riesigen Pulks pöbeln sie durch Dublin, immer die Mucke auf Anschlag. Ein Austauschprogramm von Besserungsanstalten? Man weiß es nicht. Und ja, ich war früher ein Engel! 😉

Die 3 Mrd. Menschen im Zug ergossen sich in Howth Terminus auf den Bahnsteig. Fast war ich dran, umzukehren. Aber im Ort verteilten sich die Mengen dann ganz gut. Ich besuchte zuerst ein paar Kitsch-Märkte und erstand beinahe eine sauteure Bienen-Creme für runzlige Hände, da fielen mir die drei Packungen asiatisches Tigerbalm ein, die ich beim Umzug ungeöffnet entsorgt hatte. Dann erlief ich mir ein bisschen den Fischerort, der wirklich ganz schöne Ecken hat. Man muss sich ein paar Sachen halt wegdenken. Am Hafenbecken gab es ein großes Geschrei, als eine Möwe im Sturzflug auf die von einem Kind gehaltene Pizzaschachtel stürzte und mit dem Schnabel ein ganzes Viertel davontrug. Aber nicht nur das Kind und die Eltern schrien, denn sofort stürzten sich Dutzende andere kreischender Möwen auf die Diebin und versuchten, dieser ihren Anteil zu entreißen. Was für ein Spektakel! Vielleicht sehen ja alle Möwen aus, als ob sie Emma hießen, aber es sind ganz schön fiese Tiere. Mir hat in Südafrika an der Waterfront eine kannibalistische Emma einmal ihren entfernten Cousin, ein halbes Hähnchen namens Ernst, vom Teller weggeschnappt.

Wenn man vom Hafen Richtung Osten läuft, kommt man am Balscadden House vorbei, da hat William Butler Yeats 1880 – 1883 gelebt. Mal was für Recherchierwütige: Ich habe mein ganzes Leben immer Jiehts gesagt, unser Tourguide gestern sprach dauernd von Jäits. Hm. Was mag da richtig sein. Im Zweifel ist da ja der Ire der Experte. Allerdings hat er auch erzählt, dass Katharina von Aragon geköpft worden sei, was ja nun nachweislich nicht stimmt (in Köln hat mal jemand hinter mir in der Linie 7 „Isch geh jetzt Uni“ in sein Telefon getrötet; vielleicht ist Bildung auch einfach überbewertet).

Nach ein paar hundert Metern kommt man auf den Howth Cliff Trail. Hier nahm die Bevölkerungsdichte wieder dramatisch zu. Aber Leute: Ist das schön da! Selbst bei diesem Schietwetter! Düster die See, dramatisch die Felsen, schauerlich das Möwengekreisch, geheimnisvoll die Ruinen und gespenstisch die Leuchttürme. Huch, da ist jetzt gerade etwas mit mir durchgegangen. Sorry.

Es lohnt sich, auch mal genauer in die Vegetation zu schauen, so viele Ericaceae und Blümchen. Der Wind war nicht ohne, wenn auch nicht so stark wie gestern an den Cliffs of Maher. Die Wege sind schmal, die Aussichten sind grandios.Hier ein Tipp für Fußkranke oder alte Menschen wie mich: Wenn man im Ort mit einem Bus der Linien 6 oder H3 bis Howth Summit fährt, erspart man sich steile Aufstiege und kann den halben Trail bis in den Hafen abwärts zurücklaufen. Ich wünschte, ich hätte das früher geschrieben, dann hätte ich das beherzigen können. Ganz Verwegene können sich übrigens im Klippenspringen versuchen, wie es die Herren auf Foto 1 unter viel Applaus taten.

Auf halber Höhe unter dem Howth Summit steht die Himmelfahrtskirche – Church of Assumption. Ich platzte da leider gerade in eine Taufe, daher keine Bilder von innen. Drumherum ist es auch ganz nett und nicht so überlaufen, wie im Ort oder auf dem Klippenpfad. Von da aus nahm ich dann den Bus H3 bis in die Stadt hinein. Kurz vor Endstation sah es nett aus und ich verließ den Bus in der Talbot Street. Die erinnert ein bisschen an den Eigelstein, allerdings in etwas bunter. An deren Ende, Ecke Connell, stößt man auf das Dublin Portal, direkt an der Spire-Nadel. Hier wird man per Video auf irgendeines der anderen weltweiten Portale gestreamt und kann der anderen Seite zuwinken. Die winken dann zurück. Finde ich total genial. Und es winken wirklich alle iwie mit. Ein geschichtsträchtiger Ort der irischen Geschichte ist das Hauptpostamt, wo beim Osteraufstand 1916 die irische Republik ausgerufen wurde. Nach 5 Tagen war der Aufstand niedergeschlagen, die Anführer wurden später hingerichtet (für das Gefängnis sind Monate keine Führungen zu bekommen). Dennoch markierten diese Tage einen Wendepunkt, insbesondere, was die Unterstützung der Bevölkerung anging.

Ich war ein bisschen durchgefroren und fußlahm, daher fuhr ich von The Spire aus wieder zur DCU, wo ich mich kurz hinlegte (das Zimmer lädt nicht wirklich zum Verweilen ein), dann Tagebuch schrieb. Jetzt werde ich in der DCU Students Bar einen preiswerten Burger vertilgen.

Morgen soll tatsächlich die Sonne scheinen. Naja, wer’s glaubt. Mal draußen sitzen und ein Pint in der Sonne trinken können, das wäre schon nett. Hofft Ihr mit mir? Liebe Grüße, Euer

„Mr. Joyce, können wir bitte auf Augenhöhe sprechen?“ – „Nein, Sie alberner Wilde-Verehrer, niemals!“

Dublin, Tag 5: Cliffs of Moher und Galway

A fellow from Cologne sought the sun,
Said, "Dublin's wet weather's no fun!"
He reached Galway Bay,
And discovered that day
The rain there was second to none.

Ihr Lieben,

wenn man früh einschlafen soll, klappt es immer dann ausgerechnet nicht, das ist ja altbekannt! Der Wecker war auf 5 Uhr morgens programmiert, ich hatte am Vorabend schon geduscht und alles zurechtgelegt (Miederwaren, Strapse, Karohemd, Pollunder, Fliege, Knickerbockers) und dann ist man einfach nicht bettschwer! So ein Mist! Gegen 1 Uhr machte ich erst die Knöpfe zu. Vier Stunden. Entsprechend gerädert schleppte ich mich unbefrühstückt (!) durch strömenden Regen zur Bushaltestelle. So mitten in der Nacht braucht der Bus tatsächlich nur etwas über eine Viertelstunde bis in die Stadt.

Am vereinbarten Treffpunkt standen dann zwei riesige Busse, in denen die Sitze nach einem komplizierten mathematischen Verfahren vergeben wurden, damit alle Gruppen irgendwie zusammen sitzen konnten. Zwei weitere identische Busse fuhren nach Belfast, was zu zusätzlicher Verwirrung beitrug.

Nach anderthalb Stunden gab es die erste Pinkelpause bei Portlaoise (Aussprache Port-liesch). Im strömenden Regen. Ich war vom morgendlichen Spaziergang noch nicht getrocknet. Da beschloss ich, 5 Minuten vor Ende der Frist, die Fahrt nach Kilkenny für Morgen zu stornieren. I am tired of the rain! Dann lieber in Dublin dumm rumsitzen oder Museum No. 10 besuchen. Und wenn es wider Erwarten doch schön ist, auch gut.

Die Cliffs of Moher, unser erstes Ausflugsziel, sind beeindruckend. Das fanden dann auch 300.000 andere Touristen, die sich wie ein sehr dicker Lindwurm die Klippen hochwanden. Das bei Nieselregen und orkanartigen Böen. Die Regentropfen treffen einen dann wie Nadelstiche. Hier half nur Komplettvermummung und laufen im 45°-Winkel, um sich gegen den Wind zu stemmen. Aber schön ist es da! Als wir ankamen, waren schon Teile des Südtrails gesperrt. Als ich vom Nordtrail zurückkam, wurde auch die Turmplattform aus Sicherheitsgründen gesperrt. Da war ich dann gottseidank schon gewesen. Jedes Jahr sterben an den Cliffs Menschen, die sich überschätzen und die die Absperrungen ignorieren. Wildes Irland, ich flüstere es Euch. Hübsch, wenn auch kurz, ist ein 4D-Filmchen im Visitor’s Centre. Mit Wind- und Regen-Simulation. Hahaha. Ansonsten gibt es noch komplett überlaufene Cafés und einen völlig überteuerten Souvenirshop.

Weiter ging es die Küstenstraße am Atlantik entlang nach Galway. Leider saß ich auf der Landseite des Busses. Aber dennoch war die Fahrt traumhaft schön. Das Meer, Burgen, Cottages, Menhire, Felsformationen, Seen… und Grün, Grün, Grün! Gottes gut gewässerter, grüner Garten, gelle? Aufnahmen aus fahrenden Bussen sind ja nie wirklich ansprechend, aber ich habe mal ein paar „Unterwegs-Aufnahmen“ für Euch (der blaue Himmel dann auf der Heimfahrt):

Teilweise sind die ohnehin sehr engen Straßen durch handaufgeschichtete Steinmauern begrenzt, eine kleine Herausforderung für unseren Busfahrer, eine große Herausforderung für die von Touristen gesteuerten PKWs. Manchmal ging es auch sehr kurvig zu. Empfindliche Leser*innen bitte zum nächsten Absatz springen… so kurvig, dass die Dame vor mir sich übergeben musste. Ohne Beutel oder ähnlichem Hilfsmittel zur Hand. Das war ihr den ganzen Rest der Reise unglaublich peinlich, aber wir beruhigten sie, sie solle sich deswegen keine Sorgen machen. Naja, um ehrlich zu sein, schön war es selbstverständlich auch nicht!

Unser Reiseleiter hieß Caolán, was man Käilahn ausspricht. Sehr netter und attraktiver Mann, Historiker und angehender Archäologe; allerdings redete er sehr schnell, sehr viel und ohne Punkt und Komma. Aber da er Gedichte vortrug, Lieder sang, Witze erzählte (über die er selbst am lautesten lachte), war es abwechslungsreich. Und Wissenswertes erfuhren wir allenthalben. Auf der Rückreise gönnte er allen eine Hörpause, lief aber durch den Bus und unterhielt sich hier und da, von mir wollte er einiges über Deutschland wissen, er war bisher nur in Berlin. Ich habe ihn nach Hamburg geschickt, da macht man ja nie etwas mit falsch.

Waschechter Ire in der hundertsten Generation ist unser Caolàn, sein Urgroßvater war bei den 1916-Aufständen dabei und ist zum Tode verurteilt worden. Wenn Ihr jetzt glaubt, er sei rothaarig und hätte ganz viele Sommersprossen, irrt Ihr Euch aber. Den Klischee-Iren habe ich in 5 Tagen vielleicht dreimal erblickt. Ich denke, man kann sagen, jeder rotbärtige Leprechaun ist Ire, aber nicht jeder Ire ist rotbärtig.

Aber ich habe ja Galway übersprungen: Hier hatten wir, wie auch an den Klippen, 2 Stunden Freizeit. Caolán bot eine kleine Stadtführung an, die ich gerne mitgemacht hätte, aber ich war so vertieft darin, mir den Busstandort auf Google Maps zu markieren, dass ich den Abmarsch verpasst hatte. Blöd. So erkundete ich Galway auf eigene Faust. Ich fand die Kathedrale, die Nikolauskirche, die Shop Street, ich lief am Corib entlang, bestaunte die Galwaygirl-Statue sowie das Doppelmonument von Oscar Wilde und Eduard Vilde, Ruth, jetzt bitte zum nächsten Abschnitt springen…, und kaufte einem Straßenmaler ein paar kleine Bilder ab. Sehr kleine! Ein Kanadier mit deutsch-italienischen Wurzeln in Irland. „Was kostet denn dieses hier?“ – „Ach, gib, was Du willst!“. Ihr wisst, darauf stehe ich ja nun gar nicht. „Äh… soundsoviel für die drei?“ – „Ja prima, dann gebe ich Dir die anderen aus der Serie noch obendrauf.“.

Die oben erwähnte Statuen-Bank von Wilde und Vilde steht exakt so auch in Tartu; auf der saß ich 2019 einmal. Die Replik war ein Geschenk von Lettland an Irland. Ihr müsst jetzt raten, von wann bzw. wo welches Foto ist.

Galway ist insgesamt ein hübsches Städtchen, die Mitreisenden berichteten von exzellentem Essen (dabei haben alle vom Einstieg an ununterbrochen im Bus gefressen, ein internationales Phänomen), ich fand viele nette Lädchen. Außerdem kam ENDLICH mal die Sonne raus.

Die Fahrt zurück nach Dublin verlief ereignislos, es gab einen kurzen Stopp in Kinnegad, wo ich ein Bier kaufen wollte. Das interessante Konzept des Tankstellensupermarktes  war leider, zwar Wein zu verkaufen, aber kein Bier. Hm. Trinkgeldgeber bekamen noch zum Dank eine alte irische Münze (als Glücksbringer) und dann trollten sich alle. Ich war so blöd, mir noch ein kaltes Bier für die Unterkunft zu organisieren, so sah ich drei (!) Bussen zum DCU hinterher und der nächste kam erst 12 Minuten später. Als es soweit war, drängelten sich 1.592 Menschen zu den bereits dort befindlichen hinein und wir fuhren 25 Minuten länger als heute Morgen. Ich hatte KVB-Vives. Lieber Magistrat, liebes Bürgermeisteramt von Dublin! Wie auch immer Ihr Euch nennt: IHRBRAUCHTEINEMETRO!

Caolán fand es schade, dass ich die Kilkenny-Tour beim gleichen Unternehmen abgesagt hatte. Ob ich denn die Natur auch so möge wie er? Ja, natürlich, schmachtete ich zurück. Ja, und jetzt muss ich an einem der nächsten Tag nach Howth oder so ähnlich fahren. Oder einen ganzen Tag im Phönix-Park verbringen. Seine beiden Lieblingsspots bei Dublin.

Ihr Lieben, ich schlafe morgen erstmal lange aus und werde mir keine Pläne zurechtlegen. Wettervorhersagen für hier sind unberechenbar. Ich schlage vor, wir treffen uns nach dem Frühstück und erleben spontan etwas. Okay? Liebe Grüße, Euer inzwischen trockener*

*) regentechnisch

Wie sieht es auf dem Olymp 2026 eigentlich aus? Patrick Loewen hat sich Gedanken gemacht:

P.S.: Ich bin bisserl erschlagen. Rechtschreibkorrekturen bitte per PN. 🙂

P.P.S.: Wir sind heute an Limerick vorbei gefahren. Daher als Einleitung ein kleiner Limerick 🙂

Dublin, Tag 4: Götter, Gräber und Gelehrte

Ihr Lieben,

um halb zehn gestern bin ich weggedämmert, was dazu führte, dass ich um 3 Uhr glockenwach war. Bis etwa 6 dämmerte ich vor mich hin, um dann noch drei Stunden fest zu knacken. Mist, voll verpennt. Egal. Heute hatte ich ein halbwegs irisches Frühstück, mit Würstchen, Rösti und Grilltomate. Das ist schmackhafter und bekömmlicher als gedacht. Die baked beans habe ich aber vorsichtshalber weggelassen. Da gibt es eine Geschichte im Schottlandurlaub zu…

Dann ging es auch schon los. Erster Halt: Marsh’s Library, die seit über 300 Jahren unverändert ehrfurchterregende Gelehrsamkeit ausstrahlt. Mehrere tausend, meist ledergebundene Folianten werden in ursprünglicher Umgebung präsentiert, ausschließlich aus dem 14. bis zum 18. Jahrhundert. Genaugenommen handelt es sich um 4 Sammlungen mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen. Zur Zeit gibt es in diesem kleinen Museum eine Sonderpräsentation anlässlich des 300. Geburtstags von Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“. Swift laufen wir später noch einmal über den Weg.

Ein sehr beruhigender und ruhiger Ort, mit Ausnahme des Empfangsmenschen, ein sympathischer Kerl zwar, der aber seine Stimme derart durch die heiligen Hallen dröhnen lässt, dass sich der Staub selbst von den Büchern putzt. Kuriosum: das Kombiticket mit der St.-Patrick’s Cathedral ist für Senioren teurer, als die zwei Senioren-Einzelzickets. Ja, ich bin mit 60 in Irland privilegiert. Muss ja für was gut sein, diese blöde 6 vorne.

Swift war von 1713 bis zu seinem Tode 1745 Dekan der St. Patrick’s Cathedral, die ich als nächstes stürmte. Die ist unglaublich sehenswert. Die ältesten Teile stammen aus dem späten 12. Jhdt. und es handelt sich um die größte Kirche Irlands, die in einem schönen, kleinen Park gelegen ist. Sehenswert natürlich die Grablege Swifts und seiner Frau Stella, sowie seine Totenmaske und seine bewegliche Kanzel, mit der er sich, der lange Predigten liebte, zu schlafenden Gläubigen rollen ließ, um sie dann mit dröhnender Ansprache wieder zu wecken. Vielleicht ein Vorfahre des Herrn aus der Marsh-Bibliothek!?

Ich empfehle dringend, einen Audioguide (im Eintritt inbegriffen) mitzunehmen, denn sonst verpasst man die Geschichten um die Hand in der Türe, die über den letzten Barden Irlands, über die Familie Boyle, Jeanne d’Arc und ihrem Ritter, den Chor (der zusammen mit dem der Christ Church Händels „Messias“ uraufführte) etc. pp. Das Chorgestühl ist übrigens der Hammer! Wusstet Ihr übrigens, dass der Kölner Dom ab 1. Juli auch 12 Euro Eintritt nehmen wird? Das ist in Köln gerade heiß diskutiertes Thema. Naja, hier sind die 10 Euro auf jeden Fall gut investiert.

An Jonathan Swift habe ich übrigens herumgerubbelt. Wie? WAS? Natürlich ist das jugendfrei, Du zwischenrufender Perversling! Plate rubbing ist ein Inselhobby, dem ich schon bei meinen Schüleraustausch- und Sprachreisen 1979 und 1981 frönen durfte. Man legt(e) gerne ein Blatt Papier auf eine Grabplatte oder ein Relief und reibt dann mit Kohle oder dunkler Kreide darüber, um die Gravuren auf das Papier zu übertragen.

Da ich noch nicht genug Gotteshäuser gesehen hatte, beehrte ich sodann die Christ Church. Hier ebenfalls Eintritt, das „Kombiticket Senior“ zusammen mit Dubliana ist zu empfehlen, da spart man fast 10 Euro. Einem mürrischen Deutschen (mit schriller Deutschland-Mütze) war das alles zu teuer, und als eine Museumsmitarbeiterin ihn bat, sich nicht auf die Stufen zu setzen (ich musste übersetzen), das sei ein Fluchtweg, pampte er sie auf Deutsch an, dass „Sie dann eben nicht so gierig“ sein solle oder mehr Bänke draußen aufstellen müsse. Ich bat ihn, sich zusammenzureissen, da ging er. Gott, wie PEINLICH!!!

Ich hätte übrigens Pate einer Fußbodenkachel, eines Fensters oder eines Gestühls werden können, je nach Spende. Dann wäre mein Name in einer in 100 Jahren wieder zu öffnenden Zeitkapsel mit eingeschlossen worden. Da es aber noch keine Karten im Vorverkauf für dieses Ereignis gab, die ich hätte vererben können, nahm ich Abstand. Und außerdem: die Spendenhöhe! Einfach nur gierig, diese Gierschlunde!!

Zurück zur Kirche: auch diese sehr besuchenswert. Hier ist der Hauptraum weniger interessant als der von St. Patrick (insbesondere die moderne Orgel irritiert), dafür gibt es aber eine Krypta mit Teilen des Kirchenschatzes und der ein oder anderen, überraschenden Sehenswürdigkeit (Herzreliquie des heiligen Laurence O’Toole – eine Räuberpistole inklusive), gepudert mit interessanten Hintergrundinformationen. Bekannt ist von der Christ Church auch die mittelalterliche Version von Tom und Jerry. Die mumifizierten Kadaver hat man in den Orgelpfeifen der alten Orgel gefunden, wo Hello Kittie Speedy Gonzales jagte und beide steckenblieben.

Im Anschluss besuchte ich die Dublinia-Ausstellung. Fraglich ist, ob man die wirklich sehen muss. Es ist eine leicht altbackene Ausstellung über Dublin von der Wikingerzeit über das Mittelalter bis zur Neuzeit (da aber nur der Aspekt Archäologie). Für Kinder bestimmt toll, aber dann ein teures Vergnügen! Im Eintrittspreis enthalten ist der Aufstieg auf die Aussichtsplattform des Turmes St. Martin, so heißt wohl das Gebäude. Aber auch die ist nicht wirklich spektakulär.

In meiner Jugend habe ich Freilichtmuseen besucht, die waren spannender zusammengestellt. Immerhin gab es zwei oder drei Ecken, die etwas informativ Interessantes boten (Umgang mit Krankheiten z.B.). Aber sprechende Pappmachéefiguren, die auf dem Donnerbalken sitzen und nach „mehr Moos“ rufen, sind vielleicht nicht das non plus ultra der Expositionswissenschaften. Ein Einzelticket Erwachsener ab 16 Euro, Familien 2+2 knapp 50 Euro. PUH! Nota bene: Ich bestand das Museumsquiz mit Bravour!

Ihr Lieben, solche Ausflüge sind ja keine Wanderungen, aber mann latscht sich doch den Wolf. So war es mir recht, dass gerade der Sighseeingbus nahte, auf dem ich mich mal sammeln und orientieren wollte. Ich fuhr quasi noch einmal die halbe Tour und merkte dabei, ja, es gibt Station No. 1 und Station No. 31. Aber man hat einfach ein par Nummern in den 20ern übersprungen. Meine Aussage von Vorgestern ist hiermit revidiert! Zuerst erwägte ich, in den Docklands auszusteigen und herumzulaufen, aber – und jetzt muss ich erst einmal etwas Positives loswerden: es war zwar kalt, hat aber bis zum Nachmittag nicht geregnet! – es fing an zu tröpfeln. Die Docklands sind m.E. insbesondere für Liebhaber moderner Architektur interessant, da sind auch spannende Gebäude bei. Mir reichte es im Moment, sie vom Doppeldecker aus sehen zu können. Auch Auswanderermuseen (obwohl dieses preisgekrönt!) habe ich zur Genüge besucht. Und die Bootsfahrten auf dem Liffey waren nicht buchbar und das Auswandererschiff „Jeanie Johnston“ weckte nicht mein Interesse. Warum ich dennoch darüber schreibe: alls das gilt als Pflichtprogramm für Dublin-Besucher und vielleicht setzt Ihr ja andere Prioritäten.

Stattdessen verließ ich am Merrion Square Park den Bus. Dieser ist bekannt für seine vielen Skulpturen, darunter bekannten Persönlichkeiten. *Tröpfel*. Mich interessierte aber besonders die von Oscar Wilde, auf der er sich hinfläzt wie ein Dandy, der er ja war. In Dublin geboren, in England wegen Unzucht zu Zuchthaus mit Zwangsarbeit in Reading bei London verurteilt. Für Dublin-Besucher vielleicht interessant ist, dass es 200 Meter weiter vor dem Kennedy-Pub eine weitere Skulptur von ihm gibt. Ich hätte auch das Oscar-Wilde-Haus besuchen können, aber es war schon spät *niesel*, und ich wollte ja noch in den berühmten „The George“-Pub. Ja, ganz anders als gedacht. Klein, nettere, ältere Herren (wie ich halt) hauptsächlich, Pint 6,80 (also quasi billig), ABBA und Dionne Warwick aus dem Lautsprecher. Ich nehme an, das berühmte George ist die Showbühne nebenan, die aber noch nicht auf hatte.

Ich stiefelte in meinen (inzwischen) Lieblingssupermarkt und fuhr mit dem nur stündlich verkehrenden Bus (manchmal muss man auch Glück haben) direkt auf den Campus, wo ich jetzt belegte Brötchen müffele und französischen Rosé dazu pichele. Die Reise nach Galway werde ich antreten, da ich ja die Stornofrist im wahrsten Sinne des Wortes verpennt habe. Aber die Wetterbesserung macht mir Hoffnung, dass es auch morgen nicht dauernieselt. Hofft bitte mal mit.

Ich könnte übrigens noch viel mehr plappern. Insbesondere über zwischenmenschliche Begegnungen. Wisst Ihr was? Dreiviertel der Buspassagiere sagen beim Aussteigen „Thank you!“ in Richtung Fahrer. Der Audioguide-Verleiher wollte mir unbedingt seine vier Wörter Deutsch präsentieren. Man wird immer, immer gefragt, wie es einem geht. Ich habe letzteres aus Amerika gehört und als Floskel abgetan (bekommen). Aber es gehört zum guten Ton. Es fühlt sich für mich alles viel freundlicher an. Vielleicht kein Wunder, wenn wir an den Kirchenstufen-Rebellen denken.

Also, jetzt schon duschen, wir müssen früh raus, Brötchen schmieren, Wasserflasche einstecken. Morgen geht es in den Westen der Insel. Seid Ihr dabei? Liebe Grüße von Eurem

Dublin, Tag 3: Ein nasser Museumstag

Ihr Lieben,

heute bin ich, gelinde gesagt, verstimmt. Ungehalten. Angepisst! Den ganzen Tag – wie eine eingeübte Choreographie – zwei Minuten Sonne, 15 Minuten Regen, zwei Minuten Sonne, 15 Minuten Regen. Das macht keinen Spaß! Aber von Anfang an (und vielleicht ohne weiteres Wetterbashing).

Gestern bin ich tatsächlich schon um 22 Uhr in die Federn gefallen. Was ganz gut war, musste ich doch heute früh um 8 Uhr schon zur Bushaltestelle, denn die Fahrt zur Guinness-Brauerei wurde mit anderthalb Stunden berechnet und man sollte 15 Minuten vor Beginn seines gebuchten Slots (bei mir 10 Uhr) vor Ort sein. Ich war tatsächlich dann um Punkt halb zehn da, eine halbe Stunde zu früh. Ich durfte dennoch schon mit der ersten Gruppe rein. Leider war das wieder ein sehr großer Pulk Menschen, der sich wie ein Slimey (die Blob-Masse aus der Dose, erinnert Ihr Euch?) an den Infotafeln und Schaustücken vorbeischob. Ich übersprang eine Etage (Thema: „Woraus wird eigentlich Bier gebraut?“) und hatte dann Platz um mich herum. Also, das ist schon ein nettes Museum, bis vor ein paar Jahren war es auch noch der tatsächliche Brauereibetrieb, das Gebäude ist herrlich industriell und sehr schön restauriert und dem Museumszweck entsprechend umgebaut. Alles ist ansprechend aufbereitet und es gibt schöne Aktivitäten, die man teilweise aber zubuchen muss.

Inkludiert ist ein kleines Guiness-Tasting, wo man ein Miniglas erhält und von einer geschulten Person erläutert bekommt, wie man das zu trinken und was man zu schmecken hat. Ich hatte das letzte Mal vor wahrscheinlich 40 Jahren Guiness getrunken und mochte es nicht. Heute schmeckte mir der kleine Schluck sehr gut. Weiter ging es durch die Ausstellung, bis ich zum Stoutie-Punkt kam. Da bekommt man ein großes Pint Stout (so die Typbezeichnung von Guinness) gezapft und dann wird ein vor Ort geschossenes Foto auf den Schaum aufgetragen. Man trinkt sich dann quasi selbst und kann auf diese Art Innenschau betreiben. Nach dem halben Pint war es aber aus mit der wiederentdeckten Zuneigung. Es ist mir dann doch zu süß und cremig und unbierig. Wahlweise hätte man auch einen Zapfkurs mit Zertifikat buchen können. Man sitzt dann ja so eine Weile rum, da füllt sich alles immer mehr und mehr. Also, Tipp am Rande: Ersten Slot buchen. Da nicht alle Zusatzprogramm gebucht hatten, kommt hinzu, dass die Gravity-Bar im 7. Stockwerk des Storehouses auch schon recht voll ist. Hier erhält man noch einen Drink aufs Haus, ich wechselte dann zu Lager, was aber auch sehr süß war. Ich kam mit Kanadiern und Australiern ins Gespräch, die mich fragten, ob ich Ire wäre. HAH! Deswegen verstehe ich die so gut. Nebenbei, die Kanadier verstand ich auch gut, bei den Aussies musste ich mir die Hälfte zusammenreimen. Die Aussicht von der Gravity-Bar ist, nebenbei bemerkt, fantastisch.

Bei den „Stouties“ wurden Paare übrigens gefragt, ob sie einzeln oder zusammen auf den Schaum wollten. Ich sach ma so: Wenn man sich dann trennt, ist das Bild für die Tonne. 🙂

Vor dem Storehouse wartete ich – ach, ich kanns nicht lassen – im strömenden Regen auf den Sightseeingbus, der gottseidank recht schnell kam. Mit dem fuhr ich bis zum IMMA, dem Irish Museum for Modern Art, das in dem alten Kilmainham-Hospital, das über 250 Jahre als Veteranenheim diente, untergebracht ist. Ein tolles Gebäude, eine hochgradige ständige Ausstellung (viele irische Künstler, aber auch z.B. de Saint Phalle, Freud, de Chirico) sowie Artists in Residence. Zur Zeit sind das die chilenische Künstlerin Cecilia Vicuña sowie Tarek Atoui, ein libanesischer Klangkünstler. Eine Sonderausstellung im Galeriehaus war Camille Souter und Alberta Whittle gewidmet. Insgesamt besuchenswert, auch wenn mir naturgemäß nicht jede*r Künstler*in zugesagt hatte. Nicht verschwiegen werden sollte, dass viele staatliche Museen in Irland keinen Eintritt kosten. Bildung für Alle halt. Wahrscheinlich musste die Regierung zur Querfinanzierung ein paar Armutsbetroffene und Renter killen. So, wie man es halt bei uns macht.

Es hatte sich eingenieselt. Jaja, ich weiß, ich wollte nicht mehr mosern… da erklomm ich wieder den roten Bus und ließ mich zu den Collins-Barracks kutschieren, dem Nationalmuseum; sie sind nach dem irischen Unabhängigkeitskämpfer benannt. Davor befindet sich ein kleiner Gedenkpark für die Gefallenen der Befreiungskriege samt einiger Denkmäler. Von da aus erklimmt man einen kleinen Hügel zu dem imposanten Museum. Mehr als 100 Paces im Quadrat (die Abmessungen des Exerzierhofes), vier Etagen! Ich begab mich erst einmal ins Museumscafé, trank eine Cola und aß zwei Stücke Kuchen, die ganz fantastisch aussahen (Apfel-Mandel und Blaubeer-Rhabarber), deren Teig aber ganz furchtbar schmeckte. Inselküche, sorry to say so.

Nationalmuseen sind ja eine ganz eigene Spezies. Ich erinnerte mich an eines auf der Balkanreise, über das ich sinngemäß schrieb, dass man völlig irritiert da raustorkelt und schwört, nie wieder ohne eine Strategie reinzugehen. So verhält sich das auch mit dem in Dublin. Eine krude Mischung PLUS eine nicht wirklich nachvollziehbare Teilnutzung und somit Zersiedelung der Ausstellung in den riesigen, beeindruckenden Kasernenbauten. Klar, es dreht sich viel um Irland, vor allem Revolutionen und Befreiungskämpfe. Daher sieht man viel Militärisches, was ja zum Gebäude passt. Aber es gibt auch eine semigruselige Sammlung ausgestopfter Tiere (genannt „The Dead Zoo“), Alltagsgegenstände, Ostasiatika, Glasmalereien, Mode, Designerstücke. Ja eben. Großes Durcheinander. Allein die Tinneff-Sammlung von Porzellan und Vasen und Fläschchen und Figurinen umfasst mehrere Säle mit je Dutzenden von Vitrinen. Hömma, da möchte ich aber auch nicht wirklich putzen! Zusammenfassend würde ich sagen, dass man durchaus mehrere Wochen in dem Museum verbringen könnte, um alles zu studieren. Aber möchte man das auch?

Man sieht auf einem der Bilder übrigens den berühmten Tisch E.1027 der irischen Designerin und Architektin Eileen Gray. Aus keinem Einrichtungshaus mehr wegzudenken!

Vor dem Museum fährt eine Straßenbahn, mit der wollte ich zum Umstieg der Busse nach Hause gondeln, als plötzlich die Durchsage „soundso-Straße, Einkaufszentrum“ kam. Ach, das gucke ich mir mal an. Was soll ich sagen. Auch das hat nicht gelohnt. Fast nur auch bei uns bekannte Ketten, allerdings wesentlich teurer. Ralf Sotschek, Inselkorrespondent der taz, hat 2022 einen interessanten Artikel über Irlands Preise geschrieben, der meine Vermutung bestätigt hat. Quintessenz: Mit Dänemark zusammen zweitteuerstes Fleckchen der EU.

Ich kaufte dann im gleichen Supermarkt wie gestern noch Wein und Salate (hört hört! heißt auf englisch übrigens hear hear!) ein, da der Rosé von da mir schmeckte und nur 10 Euro kostete. Dann ging es in einem total überfüllten Bus (mit Reisegruppe von 10 Personen, alle mit Gepäck) im Schneckentempo gen Uni, wo ich ganz knapp einen Anschluss verpasste, so dass ich die restlichen anderthalb Kilometer nach Hause schwamm. Den Thunfisch-Mais-Nudelsalat schlabbere ich übrigens beim Schreiben nebenher und der schmeckt ausgezeichet. Er ist nach italienischem Rezept. Dem Italien, wo es wahrscheinlich gerade nicht regnet.

Tatsächlich sieht die Wettervorhersage für die kommenden Tage gar nicht gut aus. Ich habe jetzt noch ein paar Stunden Zeit, mir zu überlegen, ob ich den Ausflug nach Galway am Samstag storniere. 13 Stunden im Regen durch die Pampa zu fahren, um dreimal für je 10 Minuten und einmal für 90 Minuten auszusteigen, um durchnässt zu werden? Na, ich berichte morgen, wie ich mich entschieden habe. Freitag geht es erstmal wieder in die Innenstadt, Kirchen und Museen besuchen. Aber vorher ausschlafen, denn abends plane ich einen Besuch im legendären „The George“ ein. Würde mich freuen, wenn Ihr das morgen auch alles wieder mitmacht. Viele liebe Grüße, Euer

Den ganzen Tag lang immer und immer wieder…
Der Mönch mit dem Flunsch

Dublin, Tag 2: Gerry geht wieder zur Uni

Ihr Lieben,

völlig grundlos hatte ich vor der Abreise die Befürchtung, ich könne mich in Irland nicht verständigen. Irgendwie habe ich mir eingebildet, dass die Iren einen unverständlichen Dialekt brabbeln. So wie Menschen im Allgäu z.B., die verstehe ich ja auch nicht. Nein, ich komme bestens klar, außer jemand spricht mich auf Gälisch an. Dann muss ich abwinken. Ist aber erst einmal vorgekommen, gestern auf der Grattan Bridge. Ich habe mir daraufhin mal angeguckt, ob ich nicht spaßeshalber ein oder zwei Wörter… nein, kann ich nicht. Schrift und Aussprache und Betonung leben auf drei verschiedenen Planeten.

Frühstück auf dem Campus. Laut meiner Gutscheine kostet mein Frühstück 10 Euro und 35 Cent. Es wird im Main Restaurant der DCU eingenommen, und es ist natürlich kein richtiges Restaurant, sondern eine große Kantine. Ich war früh dort, daher sah ich nur alte Menschen, die sich kein normales Hotelzimmer leisten können. Man kann sich tatsächlich nehmen, was man möchte, auch mehrmals Kaffee holen, aber die Auswahl ist sehr frugal. Das Rührei (immerhin) ist das laffeste, das ich je aß, dafür ist aber der Bacon kaum zu beißen. Herrlich, Erinnerungen an die Mensa kamen hoch.

Die Uni aber, auf die ich im Titel anspiele, war natürlich mein gebuchter Ausflug ins Trinity College. Der bestand aus mehreren Teilen: einem studentisch geführten Spaziergang, einer kleinen Ausstellung über das Book of Kells, dem Besuch der Long Hall (aka The Library) sowie einer immersiven Show über die alte Bibliothek mit Schwerpunkt auf dem „Book of Kells“, einer kostbaren und farbenfrohen Handschrift aus dem 8. Jahrhundert. Ich wusste im Vorfeld, dass die Bibliothek in der Long Hall so ziemlich ausgeräumt war, da die Bücher und die Einrichtung zur Zeit aufwändig restauriert werden. Dennoch war die Enttäuschung groß, als sich herausstellte, dass faktisch keine Einlasskontrolle bzgl. der Anzahl der Besucher vorgenommen wurde und wir uns in der Book of Kells-Ausstellung und in der langen Halle quasi tottrampelten. Die immersive Ausstellung war dann deutlich weniger besucht, aber auch nicht soo spannend wie erhofft. Und das für 40 Euro Eintritt. Bei der gut bewachten Handschrift war nicht ganz so viel los und ich konnte einen Blick auf das teure Stück werfen. Fotografieren der Handschrift war verboten, daher habe ich die Vitrine geknipst. Grauzone? Ich meine, nein. In der Longhall gibt es eine weitere Kostbarkeit. Früher nahm man an, es handele sich um die Harfe von Brian Boru, Irlands König um das Jahr 1010 herum. Die Harfe datiert aber deutlich später (15. Jhdt.), daher war das ein Fake. Immerhin hat die Harfe es als einziges Musikinstrument weltweit auf ein nationales Wappen geschafft.

Die vorausgegangene Campusführung war ganz nett. Ein paar Anekdoten gefällig? Lisbeth, die Erste, gilt als Gründerin. Die Uni ließ bis weit in das 19. Jahrhundert keine Katholiken als gleichberechtigte Studenten, geschweige denn als Lehrkräfte zu. 1873 wurden die Restriktionen aufgehoben. Nun war es an den Katholen, den Besuch der Uni zu verbieten. Man brauchte einen bischöflichen Dispens und musste zuweilen beim Papst selbst vorstellig werden, wenn dieser nicht erteilt wurde. Das galt bis 1970 (sic!). Dann gibt es natürlich ein Geist! In Haus XXV der sogenannten Rubrics, einem heute noch erhaltenen Gebäude um etwa 1700, lebte 1734 Edward Ford, der eine höhere Stellung innehatte (ich meine Dean, also Dekan, verstanden zu haben, finde aber gerade dazu so schnell keine Infos), die ihn ermächtigte, Studenten zu malträtieren und zu mobben. Als einmal ein betrunkener Pulk sich dem Gebäude näherte, schoss Ford und verletzte einen der Säufer. Die Gruppe bewaffnete sich selbst und erschoss das jähzornige Ding. Sie wurden alle der Uni verwiesen und sonst nix. NIX. Karma is a bitch. Das fand Edward wohl auch und so spukt er nun auf der Suche nach Gerechtigkeit über den Campus.

Es gibt auch noch Geschichten über den Campanile, über berühmte Alumni, über „Heaven & Hell“, einem georgianischen Gebäudezwilling, die eine Kapelle und den Prüfungsraum beherbergen (was wohl was ist?), und natürlich Zahlen, Zahlen, Zahlen. 900 Campusbetten und 22.000 Eingeschriebene. Aber das sprengte jetzt den Rahmen.

Die Book of Kells-Gruppenkuschel-Erfahrung hat mich so angepieselt, dass ich da durchgehetzt bin und nicht viel in Erfahrung bringen konnte. Was ich weiß, es ist über 1200 Jahre alt und wird auf einen Wert zwischen 150 Millionen bis zu 500 Millionen Euro geschätzt. Was wohl meine handgeschriebenen, allerdings nicht illustrierten Gedichtkladden heute wohl so einbringen würden? Mehr als 10 Mark?

Im Souvenirshop kaufte ich mir die unerlässlichen Kühlschrankmagneten, ich gab also nicht viel dort aus. Dennoch schenkte mir die Kassiererin noch ein Poster mit der Darstellung einer Seite aus dem „BoK“. Und nein, das tat sie nicht bei jedem, das habe ich gesehen! Dä!

Nach der Trinity-Führung erklomm ich den Sightseeing-Bus. Der hat 31 Stationen, das ist schon eine Menge. Da es wieder dauernd regnete, beschloss ich, die ganze Strecke einmal abzufahren. Das wurde mir von zwei Portugiesen (ältere Herren) verleidet, die sich benahmen, als gehöre der Bus ihnen. Laut quasseln, Handyvideos abspielen, fuchtelnd herumlaufen… warum lassen manche Menschen ihre Kinderstube im Urlaub zuhause? Ich beschloss, auszusteigen und auf den nächstenn Bus zu warten. Ich verabschiedete mich mit „Na verdade, vocês são pessoas muito maleducadas!“ – „Ehrlich, Ihr seid unerzogenes Menschen!“. Die haben nicht schlecht geglotzt. Das Gute war, dass der Bus danach quasi leer war und ich einen der Logenplätze ergattern konnte, oben vorne halt. Die Stationen waren interessant, man sah einiges und die Texte über Kopfhörer waren informativ und stellenweise auch ganz lustig.

Ich stieg an Station 1 wieder aus und lief herum. Ein sehr pompös eingerichteter Restaurant-Pub erhaschte meine Aufmerksamkeit. Üppig und schön eingerichtet. Ich ließ mich an der Theke nieder (man muss in Irland auf Platzzuweisung warten und man fragte mich, ob das für mich okay sei) und aß ein Seafood Chowder und trank ein hausgebrautes Bier dazu. Gaaaanz wunderbar! Einer der Kellner war sehr flirty, das allerdings mit jeder und jedem, hat dennoch Spaß gemacht.

Dermaßen gestärkt begab ich mich in das Museum of Illusions. Der Eintritt ist frei, wenn man ein Sightseeingbus-Mehrtagesticket erworben hatte. Diese Art Museen schießen ja überall wie Pilze aus dem Boden, ich habe es mir nur bisher verkniffen, sie zu besuchen, weil ich sie eigentlich uninteressant fand und den Eintritt dafür dann zu teuer. Was soll ich sagen? Es war genau so läppsch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Großteil der Exponate bestand aus sehr bekannten optischen Täuschungenen auf Bildern („Welcher Strich ist größer? Bewegen sich die Kreise? Ist hier wirklich ein Ball zu sehen?“ usw.usf.). Interessant waren drei Ecken, in denen man durch Drehen von Fotografien bzw. durch perspektivisch verzogene Raum-Einrichtungen lustige Eindrücke erwecken konnte. Allerdings taugte das nur, wenn jemand das auch aufnahm, und ich wollte keins der Instagram-Kids damit behelligen. Zwar gab es für alleinreisende alte Säcke auch Maschinen, die einen fotografierten, aber das sollte dann kosten, und zwar nicht wenig.

Ich ließ mich den Rest des Nachmittages treiben, während das Wetter vor sich hinkapriolte (jaja, das Wort gibt es!). Ich endeckte weitere schöne Pubs, Cafés, Shops, alle in den typischen Dubliner Straßen. Durch Zufall stieß ich auf die sehr sehenswerte South City Market Passage, die einen kruden Mix aus Buchhandel, Chinashops, Juwelieren, Malern und Fresständen beherbergt. Hier musste ich dann auch noch einmal Magnete kaufen. Herrjeh. Dabei möchte eigentlich niemand mehr welche mitgebracht bekommen. Schlussendlich kaufte ich noch in einem Supermarkt das Abendessen ein und zwar Scones, auch so etwas typisch inseliges.

Dublin ist verkehrtechnisch eine kleine Katastrophe. Ich schätze, dass es hier neben den Fahrzeugen der drei konkurrierenden Sightseeingbusunternehmen etwa 3 Millionen grün-gelbe Busse der Verkehrsgesellschaft gibt. Zwischen denen lavieren sich in lebensgefährlicher Manier Hunderte von Fahrradfahrern hindurch. Rote Ampeln für Fußgänger werden durch die Bank weg von diesen ignoriert, was öfter zu Vollbremsungen der Busse führt. Für Busse gibt es i.d.R. eigene Fahrstreifen, die sie sich nur mit Taxen und Radfahrern teilen müssen. Radfahrern, die lebensmüde genug sind, sie zu benutzen. Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Januar 2026, dass Dublin Europas Staustatistik anführt.

Heute war ich sehr früh aufgebrochen, weil ich ja einen Termin hatte. Morgen werde ich das Gleiche tun, da besuche ich um 10 Uhr die Guinness-Ausstellung. Wann aber soll ich Samstag und Sonntag losfahren, wenn die Ausflüge um 6 bzw. 7 Uhr starten? Komm, sagte ich zu mir, nimm Dir einfach für diese Termine ein Zimmer in einer Unterkunft im Zentrum. Ja, Ihr Lieben, wenn Ihr mal wirklich ungläubig staunen wollt, dann googelt mal danach. Und nein, ich möchte auch nicht vergleichsweise preiswert in einem Schlafsaal übernachten. Ich werde in den sauren Apfel beißen und um vier Uhr aufstehen.

So, habe ich was vergessen? Hm. Ich habe noch die Statue zu Ehren der vielbesungenen Molly Malone gefunden, ohne sie gesucht zu haben, sie steht vor der St. Andrews-Kirche. In der Kirche St. Teresa der unbeschuhten Karmeliten habe ich noch ein Kerzchen für uns alle angezündet. Die Kirche ist eine große Überraschung, da von außen trotz der schönen Fassade fast zu übersehen und innen unglaublich groß und hübsch eingerichet. Fotos siehe oben.

Das war mal ein schön produktiver zweiter Tag, gelle? Nur dieses Wechselbad (im wahrsten Sinne) mit dem Wetter geht mir auf die Nerven. Lauft Ihr denn morgen wieder mit mir rum? Ich verspreche, ich mache auch etwas instagrammäßig völlig Beklopptes! Bis denne, liebe Grüße, oder Dea-mhéin, wie man hier sagt, Euer

P.S.: Der Herr auf dem Beitragstitelbild ist übrigens George Salmon, der um die vorletzte Jahrtausendwende Provost des Trinity Colleges war. Er schwor, nur über seine Leiche würden Frauen zum Studium zugelassen werden. 1904 starb er und schwupps, war die erste Frau immatrikuliert. Isn’t that nice?

Der Autor freut sich über einen fast leeren Bus.