Seit Wochen nehme ich ungewöhnliche und ungewohnte Dinge zu mir: Muräne, Schnecken, Bohneneintöpfe aus vier Sorten Hülsenfrüchten… Einmal dann esse ich etwas eigentlich harmloses, sofort schlägt gnadenlos der Herr Montezuma zu. Zumindest schiebe ich meine Malaise auf die Calamari-Ringe von gestern. Einzig anderer Auslöser hätten nur ein paar türkische Trockenkekse sein können, aber das bezweifele ich. Ich konnte das Zimmer erst mittags nach sukzessivem Einwurf von fünf (!) Pillen für einen kurzen Spaziergang verlassen. Dann musste ich wieder zurück und verbrachte mit Krämpfen den Rest des Tages in der Butze.
Auf meinen Bericht von gestern kam noch „bloß nicht in diese Strandbar!“. Tja, das erreichte mich zu spät. Wahrscheinlich waren es auch nicht die Ringe, sondern die Cocktailsauce. (Eigentlich weiß ich, dass man so etwas in der Hitze stehenlassen sollte…)
Jetzt, um kurz nach 17 Uhr, geht es langsam wieder aufwärts, aber großartig rausgehen werde ich heute dennoch nicht mehr.
Ich hoffe, ich kann dann morgen, immerhin letzter Tag der Reise, noch etwas spannendes unternehmen.
Liebe Grüße von Eurem angeschlagenen
P.S.: Das Beitragsfoto trägt den Titel „Die Stuhl-Gang“
ein frohes neues Jahr wünsche ich Euch allen! Seid Ihr gut reingeschlittert? Fein. Ich bin ja reingenickt. Alles verpennt. Heimisches Silvester, örtliches Silvester. Passt irgendwie zu mir. Aber nach dem schlaflosen Tag zuvor auch kein Wunder. Dafür habe ich dann halbwegs gut sehr lange geratzt. Einziges Manko war der Hund hinterm Gartenzaun, der die Nacht über öfters hysterisch kläffte, und den ich trotz Gehörschutz sehr gut verstehen konnte.
Ich warne übrigens vor. Bei der Durchsicht des Geschriebenen könnte der Eindruck entstehen, ich sei unentspannt. Ich bin es tatsächlich zuweilen. Nehmt es mit Humor.
Heute sollte Tag des Umzugs sein, ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Das Frühstück war prima, mit einem plain omelette, das plainer nicht hätte sein können. Aber es war schon früh morgens heftig warm. Man merkt deutlich, dass es keine Berge und keine Flora gibt. Nach dem Frühstück lief ich zum Strand, wo eine riesige Party tobte. Immer noch oder schon wieder? Schwer zu sagen, so um 9 Uhr 30. Die Anwohner taten mir sehr leid, es herrschten so um die 180 Dezibel. Das ist das Level „schweres Kriegsgerät“.
Zurück lief ich die Fußgängerzone, wo ich tatsächlich ein nettes Geschäft entdeckte. Leider noch geschlossen. Es vertreibt handgemachte Produkte der Inseln. Unter anderem handgemachte Handcremes, was ich, ich weiß zuweilen nicht, was in meinem Kopf passiert, ungemein erheiternd finde. Da kann man ja nur hoffen, dass die nicht zu schnell einzieht. Kicher.
Mitten in meinem Spaziergang bekam ich Befürchtungen, dass das Management meinen Umzug verpeilen würde, und beschloss, zurückzueilen, um meine gepackten Siebensachen als stumme Mahnung in die Lobby zu stellen. War gar nicht nötig, ich erhielt, als ich ankam, einen neuen Schlüssel, 2.Etage, das Zimmer sei aber noch nicht gereinigt. Von gestern hatte ich noch eine halbe Flasche Rosé, mit der stieß ich dann erst einmal mit mir selbst am Pool auf das neue Jahr an. Um 10 Uhr 30. Naja, Alkohol betreffende Vorsätze hatte ich ja ohnehin nicht gefasst. Das neue Zimmer ist super, eigener Balkon, seitlicher Meerblick, Kühlschrank, Schrank (hatte das 1. nämlich auch nicht)… eine deutliche Steigerung.
Ich lief wieder durch Santa Maria. Diesmal bis zum Rand der Bettenbunkerstrände. Schrecklicher Ort. Nienienieundnimmernich buchen!! Erinnert Euch an die Eule, äh, an das Geheule aus dem Flieger nach Lissabon… Heute waren wieder alle furchtbar aufdringlich. Bettler, Souvenirhändler, staatlich ungeprüfte Physiotherapeutinnen. Man möchte ja gerne höflich sein, aber es empfiehlt sich nicht. Einen, der nicht locker ließ, fragte ich direkt, ob er mir jetzt den halben Ort zeige und ich ihm dann 100 Euro schulde. „Okay, fuck you!“. Wenn man einer aufdringlichen Person nur freundlich zunickt, verfolgt sie einen 10 Minuten lang. Wenn man einen Laden betritt, wird man vom Besitzer umzingelt. Bildlich. Wenn man dann anmerkt, man würde sich gerne ungestört umsehen, erhält man die Antwort, man kenne wohl das Gesetz von Sal nicht, welches laute, der Gast sei so lange zu nerven, bis er fluchtartig die Lokalität verlässt. Preisschilder sind natürlich Teufelswerk und verboten. Ihr wisst, wie sehr ich das liebe.
Erster Januar. Neujahr. Feiertag. Schon wieder! Oben übrigens der Gottesdienst dazu. Ich blieb ein bisschen stehen, um mal zu hören, wie gut mein Portugiesisch inzwischen ist. Nicht so. Dann wollte ich den bestimmt supertollen Chor hören. Auch nicht so. Hm. Feiertag also. Nicht ganz so schlimm wie in Mindelo am 25.12., aber doch deutlich spürbar. Zwei Drittel der Restaurants, fast alle Supermärkte und viele Geschäfte geschlossen. Geöffnet hatten die deutlich erkennbaren Touriläden und die waren schwerst überlaufen. In einem stand eine dreiköpfige Familie, vom Dialekt her Schweizer, an einem freien Tisch und diskutierte, bevor sie weiterzogen. Hah! Sofort ließ ich mich fallen. Dann drehte die Familie nach 20 Metern um und die Frau krähte mich an „DA IST BESETZT!“. Ja, von mir. „DAS IST EINE UNVERSCHÄMTHEIT!“. Ich stand auf, sagte, da sie zu dritt seien, wäre ich mal höflich, was man von ihr ja nicht behaupten könne. „WAAAAS? THOMAS, TU WAS!“. Ist Ihre Frau immer so anstrengend? Ja, ist sie. In Ihrem Beisein sprach er es laut aus. Ich fürchte, der Urlaub ist für ihn gelaufen, jedenfalls ihrem Blick nach. Ich verließ fluchtartig den Ort des alsbald anstehenden Verbrechens.
Ich bekam einfach keinen Platz zum Essen, dabei lief ich mir den Wolf. Man muss wissen, dass der ganze Ort ausgebucht ist. Ich hatte gestern vorsichtshalber nach einem Alternativzimmer geguckt. Es gab genau zwei freie im Bettenburgenpark, für je etwa 350 Euro pro Nacht (zugegeben, de luxe und all inclusive). Wenn dann der halbe Ort schließt… tolle Wurst. Ulli schrieb mir gestern, als sie vor ein paar Wochen an der „Mangopirinhastrandbar“ waren, standen da drei Liegen. Jetzt stehen da mehrere Hundert.
Ich fand erneut einen Sitzplatz, diesmal in einer sehr schlecht bewerteten Bumsbude. Egal. Bier und Leberwurstschnittchen. Egal, ob mit oder ohne Gurke. Allein, es kam keine Bedienung. Ihr habt es bereits herausgelesen, aber ich komme hier nicht in den No-Stress-Modus, im Gegenteil. Runter zum Columbus. Voll. Kann ich warten? Ja klar, es sind aber noch 7 andere Gruppen vor ihnen. Ab Richtung Hafen. Porto Velha, die ganze Terrasse frei, das Restaurant berstend voll. Wie merkwürdig. Kann ich mich draußen hinsetzen? Ja, aber es gibt nur Buffet, das kostet einen Kleinwagen. Das Buffet sah grauslich aus. Da waren bestimmt fröhliche Kinderhände im Spiel. Darf ich nur kurz hier sitzen und um ein Bier bitten? Ja klar… Ich gebe den Hochzeitstermin mit diesem herzensguten Kellner dann morgen bekannt. Er weiß übrigens noch nichts von seinem Glück.
Dermaßen gestärkt kaufte ich erst einmal den örtlichen Artesanal-Shop leer. Ich hatte auf allen Flügen nur 23 kg Gepäck. Nach Hause habe ich 32 kg. Honig-Ponche, Fogo-Kaffee und Handarbeiten landeten in meiner Jane-Birkin-Bag. Die Sachen werden zuhause dann zu dem kretischen Honig, der griechischen Sirtaki-CD, dem kanarischen Rum und den mosambikanischen Palmblattschnitzereien gepackt. Liebe Erbys: viel Spaß damit. Über die Kühlschrankmagnetensammlung hatte ich Euch ja bereits ausführlich aufgeklärt.
Mein Hunger war erstaunlicherweise nicht kleiner geworden. Mar Adentro? Küche zu. Ich bekam langsam Hungerhalluzinationen*. Gegenüber eine Strandbar namens Vista Mar. Nur Strandfresszeug der billigen, aber teuren Art. Ihr versteht? War mir gerade egal. Tintenfischringe, bitte, und ein Sprudelwasser. Das Essen kam nach 30 Minuten, das Wasser nach 45. Man braucht Geduld in diesem Lan… ach, erwähnte ich das tatsächlich bereits? Jeder TK-Tintenfischring etwa 1,20 Euro. Aber das „Restaurant“ bietet perfekte Lehrbeispiele der Mentalitätenkonfrontation. Ich bin ja bekanntlich die Geduld in Pers… {weltweite Tumulte}… RUHE!!! Es gibt deutlich schlimmere! Ein Brite neben mir hat alle 2 Minuten gefragt, wo sein Bier bliebe. Auch Leute, die gar nicht dort arbeiten. Hat mal jemand ausgerechnet, was Touristen, die nach 45 Minuten Warterei aufs Essen den Laden ohne Bezahlung verlassen, den Laden kosten? Das wird dann ja wohl alles weggeschmissen. Oder kommt das in die Mikrowelle?
Auf mehreren Bildschirmen wurden mehrere Fußballspiele aus der ganzen Welt übertragen und ich bekam mit, dass deswegen extra Gäste eintrudelten. Ich machte mir einen kleinen Spaß daraus, schwierige Situationen für Liverpool zu beklatschen, bis ich ernsthaft bedroht wurde. Fußballfans verstehen keine Scherze.
Ich war inzwischen etwas angezwitschert, denn ich hatte nach den Tintenfischen auch noch zwei sehr leckere und bezahlbare Caipis (5 Euro) in der Strandbar. Das verführte mich dazu, unbedingt einen der lustigen Kapverdehüte haben zu wollen. Jaja, verdreht ruhig die Augen, fast hätte ich mir sogar einen bunten Anzug gekauft! Aber wo war ich… der Hut. Ich habe ja eine ziemlich dicke Hohlbirne, da passt nicht alles drauf. Ich krittelte also immer rum, das sei ja sowieso alles zu klein. Ein Hut passte einigermaßen, und als zwei wirklich junge Portugiesinnen den „legal“ (cool) fanden, beschloss ich, der soll es werden. 20 – 10 – 15 – 12 – gekauft. Jahaa, Ihr Lieben, so werden Geschäfte gemacht!
Kurz vor dem Hotel saß auf einer Bank ein älterer Herr, der mir schon früher aufgefallen war. Er läuft in einem schon recht abgetragenen Anzug mit einer Zeichenmappe durch den Ort, möchte die gerne (sehr unaufdringlich) zeigen und wird von allen geflissentlich ignoriert. Von mir heute früh ebenfalls. Jetzt setzte ich mich neben ihn und bat darum, mir zu erklären, was er da bei sich trage. Er sprach nur Französisch, aber ich verstand, dass er tote Schmetterlinge sammle und aus den getrockneten Flügeln Bilder zusammensetze. Die schaute ich mir dann an und wollte ihm – nicht nur aus Mitleid – eins abkaufen. Es wurden drei zum Preis von anderthalb. Er fiel mir dann noch in die Arme, ich denke, er war zufrieden. Ich muss jetzt nur diese sehr filigranen Stücke irgendwie nach Hause bringen. Und einen Platz finden. Und nein, ich habe deswegen keine Gunter-von-Hagens-Gefühle.
Ihr habt bemerkt, heute war nicht so der übliche „dann war ich da und dann da“-Tag. Dennoch hoffe ich, es hat Euch interessiert.
Zwei ganze Tage habe ich noch vor mir in diesem doch irgendwie undefinierbaren Nest. Aber ich finde mich ein. Zumindest gibt es viel zu lästern. Erika, unser Lieblingsspiel „Gib auf“ kann man hier bis zur Erschöpfung durchziehen! Vielleicht tut mir diese aufgezwungene Kommmalrunter-Pause ja auch ganz gut.
Was ich für morgen plane? Ey! No Stress! Lachkrampf! Liebe Grüße, Euer
* Normalerweise habe ich ja immer Notfall-Kekse dabei, besonders, wenn ich mit einer ganz bestimmten Person reise. Diesmal hatte ich keine im Rucksack. Ich verstehe diese Person, nennen wir sie mal, hm, ich weiß nicht, vielleicht Elke, inzwischen besser.
P.S.: Den Holznikolaus hätte ich soooo gerne erworben, aber der Ausgangspreis war 600!!!! Euro. Da konnte ich kein Gegenangebot machen. Was meint Ihr?
um 2 Uhr 30 ging der Wecker. Was genau ist daran eigentlich Urlaub? Zé war pünktlich und lud mich und meine Plünnen um 3 Uhr 20 in seinen Wagen. Ungefrühstückt. Man hatte mir ein vorbereitetes Paket angeboten, aber da ist ja kein Koffein drin, da kann ich das nicht gebrauchen. Im Wagen saß schon Ehepaar Kaluppke, die mich fragten, ob ich auch bei „Reiseträume“ gebucht habe. Reiseträume. Unverzüglich hatte ich das Bild eines Diaabends vor Augen, auf dem Kacheltisch Leberwurstschnittchen mit Gürkchen und Käsesemmeln mit Salzbrezel. Ich beanspruchte die Rückbank und versuchte irgendwie, Schlaf nachzuholen, aber auf der Strecke Tarrafal – Praia gibt es mehr Drempels als in den ganzen Niederlanden, daher wurde da nix draus. Am Flughafen spielten und tanzten dann Batucadeiras, die wohl beim Festival (oder Wettbewerb) vorgestern in Tarrafal aufgetreten waren. Da waren dann mal alle kurzzeitig wach. Video hakelt leider ein bisschen.
Der Flug mit allem Drumherum war unspektakulär und wirklich sehr kurz. 35 Minuten braucht man. Die Maschine war bis auf den letzten Platz gebucht (übrigens kein einziger freier Flug die kommenden 4 Tage!), dafür sprach der Pilot, der die Gäste mehrsprachig willkommen hieß, absolut akzentfrei Deutsch, Manuel von Gran Canaria. Am Gepäckband dann geschah, worauf ich seit Anbeginn der Zeiten sehnsüchtig warte: mein Koffer kam als erstes! Adilson wartete auch schon auf mich und fuhr mich im klapprigsten Toyota der nördlichen Halbkugel zu meiner Unterkunft. Natürlich war das Zimmer – quasi mitten in der Nacht – noch nicht fertig, aber man lud mich freundlicherweise auch hier schon zum Frühstück ein. Ich nahm dankend einen Kaffee und einen Pfannkuchen. Ein wenig irritierte mich, dass sich hier fast alle zur Begrüßung um den Hals fielen. Ich hoffe, man erwartet das nicht auch von mir.
Ich machte mich auf, den Ort zu erkunden. Schon bei der Fahrt vom Flughafen kamen irgendwie keine Glücksgefühle auf. Vier Hügel hat die Insel, manchmal ist mein Wäscheberg größer. Auch die Vegetation ist hier eher spärlich. Was für ein massiver Unterschied zu den anderen Inseln. Der Ort, Santa Maria, ist so ferienortig, ferienortiger geht es gar nicht. Weder im schönen noch im schlechten Sinne. Überall klassische Unterkünfte, Rohbauten und chinesische Geschäfte. Im Zentrum eine Fußgängerzone mit aufdringlichen Verkäufern. Es könnte ein Ort an der Ostküste von Malle sein, nur mit Baulücken dazwischen.
Mit der Karten-App suchte ich nach fußläufigen Sehenswürdigkeiten. Der Cemitério de Conchas klang interessant. Frei übersetzt „Friedhof der Muscheltiere“. Nicht zu verwechseln mit „Friedhof der Nuscheltiere“, das ist die Tatort-Reihe mit Til Schweiger. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund ist hier die Konzentration von Buzio-Gehäusen extrem hoch. Dieser Strand liegt am östlichen Ortsrand.
Wenn man Richtung Westen läuft, z. B. erwähnte Fußgängerzone lang, kommt man an einer netten Kirche vorbei. Dann biegt man nach Norden ab, da gibt es einen mir empfohlenen Supermarkt. Zu dem Thema gleich noch mehr. Wieder nach Osten stößt man auf die städtischen Markthallen. Leute, selbst die Gemüseverkäuferinnen sind aufdringlich! Aber die Markthalle ist eigentlich ganz hübsch. Und die Aufgeräumtheit dort hat auch so gar nichts von den Märkten der anderen Inseln.
Eine Straße, gesäumt von Souvenirbuden, führt südwarts in den alten Hafen, der jetzt eine Ansammlung von Bougainvillea-geschmückten Unterkünften beherbergt. Ja, und dann hat man fast alles in der Stadt gesehen.
Es gibt natürlich unzählige Strandbars. Die leere bei mir um die Ecke hat einen fast ungenießbaren Caipirinha. Die hinterm Hafen einen sehr leckeren, da ist aber brechend voll. Zu voll und zu laut und zu nackig und zu verqualmt für mich. Ich aß ein spätes (wieder einmal) Mittagessen im Mar Adentro, wo ich nur durch Zufall einen Tisch ergatterte. Ich nahm das Tagesgericht, das waren Pataniscas de Bacalhau (Fischküchlein) auf Tomatenrisotto. Letzteres leider mit Koriander, aber das meiste davon konnte ich rausfischen.
Dann endlich wollte ich mein Zimmer beziehen. Ich war toooodmüde! Man kann das ja immer schlecht schätzen, aber ich denke, ich habe vielleicht zwei Stunden fest geschlafen und drei Stunden gedöst. Das reicht für einen fast 60jährigen keineswegs aus. Ich erhielt ein ziemlich chemisch verseuchtes Loch, direkt am Pool, Aschenbecher vor der Tür. Ich guckte den Hotelboy angemessen angewidert an. Es sei nur für eine Nacht, ich könne morgen nach oben ziehen. Leute. Langsam ist mal gut mit No Stress. Sieben Stunden als wandelnde Leiche aufs Zimmer warten und dann das. Kein Safe, kein Kühlschrank, kein Arbeitsplatz. Toller Jahresabschluss. Ich riss das Fenster auf, drehte die Klima hoch und versuchte, zu schlafen. Das gelang auf einer Skala von 0 bis 10 so mit -2.
Ach ja. Der erste Supermarkt, den ich besuchte, verkaufte Wein zum Restaurantpreis der anderen Inseln. 12 Euro für einen weißgottwiealten Casal García. In allen anderen (alles Lojas Chineses) ebenfalls Fantasiepreise. Sachma! Ulli war vor ein paar Wochen länger hier und empfahl mir schon früh einen entfernteren Laden, da war es dann auch nicht geschenkt, aber doch deutlich realistischer. Da kaufte ich Rosé, und damit ich den nun nicht lauwarm trinken musste, in einem zweiten Anlauf auch noch Eiswürfel (ebenfalls ein Hinweis von unserer Frau in Havan… äh Weilerswist). Eine Flasche gab ich einem der beiden Best Boys hier, Johnny und Awunumayu oder so. Beide betonen, sie sprächen nur Englisch. Leider verstehen sie mich nicht wirklich und ich sie auch nur bedingt. Ich hoffe, die übergebene Flasche landet wirklich im Kühlschrank der Frühstücksküche und ist morgen Abend wieder auffindbar.
Ich bin dann noch einmal rumgelaufen, Sonnenuntergang gucken und so. Nett. Aber ich fürchte, ich werde mich mit dem Ort nicht wirklich anfreunden. Dennoch versuche ich, das Beste daraus zu machen. Gegenüber gibt es einen Scooter-Verleih. Vielleicht mal einen Tag über die Insel düsen? Am liebsten hätte ich dafür ja so einen pinken Strandbuggy…
aber die gehören zu einer der zahlreichen Wassersportschulen. Schade.
So, ich gucke, wenn ich nicht vorher einschlafe, nachher mal auf dem zentralen Platz vorbei, da ist irgendwas aufgebaut. Silvesterspaß mit Marianne und Michael, aber eben auf kapverdianisch.
Ihr Lieben, ich wünsche Euch einen gaaaanz tollen Rutsch in ein gesundes, glückliches und wundervolles Jahr 2026! Euer
was ich mir in drei Tagen für einen Ruf hier erarbeitet habe… Nach dem Frühstück (heute gab es als Extra Bananenbeignets) lief ich in Ermangelung anderer Pläne zur Strandbar, da ich über den dann noch fast leeren Strand auf den Ozean glotzen konnte. Die Dame am Tresen so: „Caipirinha?“. Um 10 Uhr früh!! Leider gibt es hier keinen Kaffee, daher… neinneinnein, ich muss Euch enttäuschen, es gab Limo.
Die ersten Sonnenanbeter ließen nicht lange auf sich warten. Zu den ersten gehörten Vater, Mutter, Tochter (Vermutung), die mit einer riesigen Tasche im Schlepptau nach dem perfektem Spot Ausschau hielten. Als sie ihn gefunden hatten, bauten sie ein Zelt auf, das in Größe dem von Bezos‘ Hochzeit in nichts nachstand, bewunderten ihr Werk und platzten schier vor Glück.
Wer auch hier lebt, sind große, dicke Wespen (?), die sich durch winzige Löcher in Palmenstämme zwängen, das ist schon faszinierend! Ihr seht, ich verzweifelte fast vor Langeweile. Ich lief durch den Ort und knipste Wandmalereien. Herrjeh. Aber: Wenn Horst Tappert das noch hätte erleben dürfen!
Eine leere Hotelterrasse. Ich glaube, sie gehört zum Vista Mar. Ab in den Schatten, mehrere sehr leckere Tassen Kaffee getrunken. Wahrscheinlich von Fogo, der brodelnden Vulkaninsel, da soll es den besten Kaffee der Inseln geben. Irene erzählte mir, dass der Großteil der Ernte von Chinesen gekauft und exportiert wird, so dass Einheimische ihn nur unter der Hand erhalten können. Erinnert mich an Laos, wo sich Laoten keine Fische mehr aus dem Mekong leisten können. Die Fischereirechte wurden ja an China verhökert. Ob das alles stimmt, keine Ahnung, aber unwahrscheinlich ist nichts davon. Apropos China: das bei weitem meistgenutze Fahrzeug hier ist ein Elektro-Dreirad mit Ladefläche. Alle made in China. Und wir diskutieren zuhause über das Aus vom Verbrenneraus. Ts!
Das Vista Mar hatte „Buzios“ auf der Karte. Ob es das denn auch nachmittags noch gäbe? Sollte es. Ich zog mein Nickerchen vor und machte mich gegen 14 Uhr auf, endlich Kegelschnecken zu essen. Da ich keine Ahnung hatte, was da auf mich zukommt (in Köln gibt es die so selten), bestellte ich sie nur als Vorspeise und Shrimp-Spaghetti als Hauptgericht. Spaghetti werden hier als „Massa“ verkauft. Das heißt sowohl Teig als auch Nudeln. Insgesamt hat es zwei Stunden gebraucht, von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Bezahlung. Man braucht hier schon viel Geduld. Dabei waren nur zwei andere Tische besetzt. Die übrigens den Service unerträglich von oben herab behandelten. Ehemalige Kolonialherrschaft. Ätzend.
Die Schnecken waren ziemlich lecker, es gab sie mit leicht geröstetem und entrindeten Toastbrot. Noch besser waren allerdings die Spaghetti, die in einer leichten, cremigen Sauce serviert wurden. Die Massa (weitere Bedeutung: „Masse“) in Punta do Sol kam da bei Weitem nicht dran.
So langsam gingen mir die Escudos aus und ich lief zur ATM der Atlantikbank. Die war leer. Schalter zu. Der Wachmann (hier wird so ziemlich alles bewacht) erklärte mir den Weg zum einzigen anderen Geldautomaten. Kuba-Vibes!! 5 Menschen vor mir und, als ich dran war, 20 hinter mir. Es kam zu Gerangel in der Schlange. Aber eine resolute Dame übernahm das Kommando und sortierte die Anstehenden. Kurz war mir flau. Klar, man kommt notfalls mit Euro auch weiter, aber mit Escudo ist es deutlich unstressiger. Ich bekam noch Geld.
Ich traf die Schweizer wieder. Langsam vermute ich, es gibt nur insgesamt 100 Touristen hier (ausgenommen Sal und Boa Vista) und die werden wie wild über die weniger touristischen Inseln gejagt. Sie waren mit JP wandern. Wie war’s denn? Vater: „ganz nett“, Tochter: „total doof!“ und strahlte mit ihren Zahnlücken übers ganze Gesicht.
Es war Zeit für den Caipirinha am Strand. Inzwischen ist aber feiertagsbedingt das Touristenaufkommen – auch das inländische – dermaßen hoch, dass an der Kasse 30 Menschen anstanden, an der Ausgabe noch einmal so viele. Ich sagte dem Strand Adieu und nahm einen Cocktail im „Storchen“, wo ich meine Vermieterin mit ihrem Mann José traf. Klingt jetzt sehr nach deutscher Provinz, gelle? War beabsichtigt. Der Storch heißt natürlich „A Cegonha“ und hat keine Geweihe an der Wand.
Ich muss vorwegschicken, dass ich vormittags die Agentur bat, Abholzeit und Flüge noch einmal zu checken. Wir erinnern uns, vor 4 Tagen flog die Maschine 75 Minuten zu früh. Tatsächlich war mein morgiger Flug auch um 10 Minuten vorverlegt. Naja, geht ja noch. Es bliebe bei der Abholung um 4 Uhr.
Okay, meine Landlady sagte mir dann, im Storchen halt, man habe sie informiert, ich solle so gegen 2 oder 2 Uhr 30 bereitstehen. Hmpft. Ich wieder die Agentur angeschrieben. Die schrieb, der Fahrer käme um 3 Uhr 20. Also, ich werde mich einfach um Mitternacht mit einer Flasche Wein in den Vorgarten setzen und abwarten, was passiert. No Stress. NO STRESS! NOOOOOO STRESSSSSS!!!
Vor den beiden Zimmern im Erdgeschoss hinten raus gibt es einen kleinen Innenhof mit Sitzgelegenheiten. Meine Nachbarn schauen dabei auf das Bügelzimmer, ich auf eine Küche, von der ich dachte, sie sei zur Frühstücksvorbereitung gedacht (was sie auch ist), aber sie kann dennoch von Gästen mitgenutzt werden. So beobachte ich gerade, während ich dies schreibe, den Gast, dessen Leben durch fehlenden Senseo-Kaffee fast aus den Fugen geriet, beim hingebungsvollen Schnittchenschmieren. Ob er die Dauerwurst von daheim mitgebracht hatte? Und war ich eigentlich schon immer so ein boshaftes Lästermaul? Ich fürchte, nur eine der Fragen lässt sich eindeutig beantworten.
Leute, morgen ist Silvester. Mache ich jetzt durch, oder lege ich mich um 19 Uhr Ortszeit ins Bett und hoffe, dass ich nicht verschlafe?
Ihr erfahrt es morgen, wenn Ihr wieder hier vorbeischaut. Dann liefere ich Euch auch den Beweis der Poincaré-Vermutung. Ehrlich!
Liebe Grüße, Euer
Der einzige iChair. Es blieb bei diesem Prototypen. Ich nehme ihn mit nach Hause und stelle mich bei „Bares für Rares“ vor.
heute früh große Aufregung überall. Zuerst bei mir, denn der morgendliche Stromausfall fand statt, als ich gerade voll eingeseift unter der Dusche stand. Im Dunkeln. Ohne Warmwasser. Ich meditierte drei Minuten über die Wunderwelt der Elektrizität, da waren Licht und Durchlauferhitzer wieder da. Oh. Ein Zwischruf! Was? Wie, „geht auch kalt“? Nee, geht nicht, habe ich probiert, ist Kackolores.
Dann schien irgendetwas die Senseo-Maschine geschrottet zu haben (Zusammenhang?) , wir mussten löslichen Kaffee zum Frühstück trinken. Und on top war auch noch das W-LAN weg. Aber da wir alle im No-Stress-Modus waren, tanzten wir ausgelassen zu karibischen Rhythmen auf der Dachterrasse und stießen mit unseren Muckefucktassen an. Nein, das ist natürlich Quatsch. Zumindest das mit dem Kaffee erregte einen Gast sehr.
JP holte mich pünktlich zur Bootstour am Hotel ab. Ob es mir etwas ausmachte, wenn auch noch eine Schweizer Familie mitführe? Es habe da gestern ein Missverständnis gegeben. „I guess I know these people“, sagte ich und war natürlich einverstanden. Ich nehme mal vorweg, dass das die Tour auch verbessert hat, denn so war die Unterhaltung etwas diverser. Aber als wir am Strand ankamen standen da nur Mutter und die beiden Nachwuchsfischer. Vom Daddy fehlte jede Spur. Er sei sauer auf die Veranstalter, erfuhr ich von der Gattin. Nach 20 Minuten Warterei lief ich mit dem Sohnemann zum Hotel und trug meinen Unmut vor, es sei mein Ausflug und meine Zeit und ich hätte keinen Bock auf Rumzickerei. Er murmelte etwas von, sie machten das ja nur, damit sie Geld sparten, ich motzte, dass sei gerade egal, dann kam er auch endlich mit. Am Boot flüsterte ich noch allen zu, dass wir jetzt eine Menge positive Vibes bräuchten. Und dann war es auch sehr nett. Die beiden Kinder sind total nett, auch wenn sie manchmal vergaßen, dass ich kein Schwytzerdütsch (oder wie auch immer das geschrieben wird) verstehe. Wir tuckerten ein wenig durch die Bucht, am „schlafenden Elefanten“ vorbei zum Leuchtturm und ankerten dann in einer ruhigeren Ecke, um zu fischen.
Ich bin froh, dass ich meinen Lebensunterhalt nicht mit Fischen bestreiten muss. Ich bin der wohl untalentierteste Fischer der Welt. JPs Begleiter holte einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser, JP zwar nur einen, dafür aber einen ziemlichen Brummer, die Familie zwei kleine Fische, die wieder in die Freiheit entlassen wurden. Mit einem Loch im Maul halt. Bei mir wurde immer der Köder abgeknabbert, ohne, dass einer zubiss. Die Ehefrau sah einen Manta, ich einen riesigen Schwarm tieffliegender Fische. Die Tochter (vielleicht 5 oder 6 Jahre) durfte für die Fahrt auf die andere Buchtseite das Boot steuern, Papa dann von dort aus wieder zum Hafen. Er schien wieder besserer Laune. Am „Hafen“, der ja nur ein Strand ist, angekommen, war es wegen des Wellengangs schwer, anzulanden. Man wartete auf die richtige Welle, um möglichst weit reingetragen zu werden, um dann eilends aus dem Boot zu springen, um es an Land zu ziehen. Der Onkel Gerry hat dann die richtige Welle abbekommen. Ich war pladdernass! Yeah. Mithilfe anderer Fischer zogen wir den Kutter den Strand hoch. Jetzt sollten die gefangenen Fische noch gemeinsam gegrillt und verzehrt werden. Aber mir war eher nach einer Limette und ich empfahl mich. Das war ein netter Ausflug. Und ich kann jetzt voller Stolz behaupten, ich sei fischen gewesen. Dass das erfolglos war, kann ja unter uns bleiben.
Hier gönnte ich mir ein Blätterteigteilchen.
Ich kehrte zurück in die Casa Alegría, plauderte mit Irene, die ein paar interessante Geschichten auf Lager hat und kam endlich mal fast zur richtigen Zeit zu meinem Nickerchen.
In der Hauptstraße war heute Flohmarkt.
Am Abend wollte ich einer Restaurant-Empfehlung aus meinen Reiseunterlagen folgen, Laziz. Aber das hatte leider zu. Mir fiel eins ein, dass mir ganz nett erschien. Geschlossen. Sachma, ist heute Museumsmontag?! Ich lief zum Strandklippenhotel. Essen erst ab 19 Uhr (es war Viertel nach 6). Ich lief zum „Farol“, dort ruhten sich alle Bedienungen von was auch immer für Strapazen aus und ignorierten auch die anderen Gäste. Ich lief zum nächsten, dort war eine riesige Tafel für ca. 30 Gäste aufgebaut, ein einsamer Tisch mit einem einsamen Stuhl war frei. Den durfte ich dann haben. Um weiteren Stress gar nicht erst aufkommen zu lassen, bestellte ich „irgendeinen gegrillten Fisch“.
Auf dem Tisch der Feiergesellschaft stand übrigens nicht ein Glas Alkohol. Das wäre bei uns ja unvorstellbar. Links neben dem Restaurant ein Bolzplatz, wo mit viel Enthusiasmus ein Spiel ausgetragen wurde. Rechts die Meeresbrandung. Vorne der Sonnenuntergang. Mein Fisch dauerte ewig, aber ich hatte tatsächlich no stress damit. Und statt des Gemüses gab es Fritten. No Stress. Egal. Aber: Fritten kann man hier einfach nicht. Die sind immer so lätschig, als wären sie von Belgien hierhergeschwommen. Naja, dafür halt keine Acrylamide.
In der Unterkunft lag ein neuer Zettel auf dem Tresen. Zumindest hatte ich ihn noch nicht bemerkt. Man warnte eindrücklich vor dem Restaurant, in dem ich vorgestern war. Das Essen sei nicht frisch und irgendwas mit Kreditkartenbetrug. Naja, ich lebe noch (der Oktopus) und zahle bar.
Das war insgesamt ein sehr entspannter Tag, bin mal gespannt, wie viele ich davon noch schaffe. Bin kurz davor, die Agentur anzuschreiben, sie mögen mir bitte noch Aktivitäten für Sal einplanen. Sonst hätte ich ja eine ganze Woche fast nur Strand gehabt.
Ihr Lieben, morgen früh sehen wir uns erst einmal zu löslichem Kaffee und dann sehen wir weiter, gelle? Liebe Grüße, Euer
Die Kapverden sind zum ersten Mal in der Geschichte bei der Fußball-WM dabei. Man kann hier keinem eine größere Freude machen, als ihm/ihr zu gratulieren. Wird nicht einfach. Spanien, Saudi-Arabien und Uruguay sind in der Gruppe. Kann man machen, oder?
Heute habe ich eine fast Zwei-Euro-Stück-große Spinne gesehen. Aber von vorne. Gestern Nacht hatte ich Probleme, Bilder hochzuladen. Der Providerserver antworte nicht, antwortete mir der Providerserver. Ich schrieb der Hotline, deren Antwort las ich dann heute früh. Ob ich denn den Tripleswitch auf den Composer gedubbt hätte, denn möglicherweise rebreache der Nexter wegen der Putterbridge nicht. Dann gäbe es selbstverständlich Schwallerdriss. Klar, da hatte ich als erstes dran gedacht! Naja, heute früh ging es dann auch ohne Tripleswitchcomposerdubbing. Sind ITler eigentlich immer gescheiterte Comedy-Existenzen?
Zum Frühstück gab es Pannenkoekjes. Waffeln gab’s ja schon beim Belgier, wir erinnern uns. Waren aber American style. Sogar Erdbeeren standen auf dem Buffet. Es ist schon eine tolle Unterkunft. Heute früh hatten wir zwar einen Stromausfall, aber der währte nur drei Minuten.
Mein Plan war es, zum Leuchtturm zu laufen. Auf Komoot fand ich sogar eine akzeptable Tour und lief los. Ich habe Komoot eine zeitlang nicht genutzt, aber seit wann hat die App diese unerträgliche Lolita-Stimme, die einem im Minutentakt zuhaucht, dass das GPS-Signal verloren gegangen wäre, die Tour aber weiter aufgezeichnet würde, die Position auf der Karte allerdings nicht bestimmt werden könne? Minütlich! PUH!
Ich kraxelte die Hügel hoch und war nach kurzer Zeit ziemlich hinüber. Auf Antão hatten wir 23 Grad, hier sind es gefühlte 30. Schlimmer aber war, dass über dem Weg plötzlich eine milchflaschendeckelgroße Spinne hing. Ob die sich wohl auf Wanderer stürzte? Augen zu und durch. Es wurde immer steiler. Aber ich hatte einen schönen Ausblick auf die Bucht und Tarrafal. Auf einmal lag ein halbes Dutzend Kühe auf dem Weg, inklusive zweier Kälber. Nicht neben dem Weg, sondern mitten drauf. Links eine Schlucht, rechts eine Felshalde. Wir starrten uns eine Weile schweigend an. Die Kühe und ich. „Könntet Ihr vielleicht irgendwie…?“. Die Herde starrte. Ich kniff und zog mich zurück. Reisen kann so einfach sein, wenn man ein paar Grundregeln beachtet. Don’t mess with cows, when you’re a coward.
Jetzt musste ich wieder an der untertassengroßen Spinne vorbei, um die rettende Strandbar zu erreichen, wo ich mich bei einer parfümierten Zitronenlimonade von den psychischen und physischen Strapazen erholte. Dort traf ich Schweizer Vater und Sohn aus Santo Antão wieder. Das Kind litt an Ohrenschmerzen und der Guide für die Bootsfahrt hatte sie sitzen gelassen. Zudem entspricht ihr Hotel (direkt am Strand, es sieht ein wenig heruntergekommen aus) wohl so gar nicht ihren Erwartungen. Sie überlegten, zum Leuchtturm zu wandern. Ich berichtete von der diskusscheibengroßen Spinne und den Rindern. Sie würden darüber noch einmal nachdenken.
Vor den Toren von Chão Bom, 3 Kilometer von Tarrafal entfernt, liegt ein vom Salazar-Regime errichtetes Konzentrationslager, das heute eine Gedenkstätte ist und ein kleines Widerstandsmuseum beherbergt; ich beschloss, die paar Kilometer zu laufen. Ab Ende der 30er-Jahre bis Mitte der 50er-Jahre wurden hier politische Gefangene, vorrangig portugiesische Oppositionelle, interniert. Nach mehrjährigem Leerstand entschied man sich, Chão Bom als Arbeitslager für Widerstandskämpfer aus Angola, Guinea-Bissau und den Kapverden selbst zu nutzen. Im Gegensatz zu deutschen Lagern wurde hier nicht aktiv ermordet; viele Insassen starben aber einen Tod durch Unterlassung. Medizinische Hilfe wurde verweigert, das Brackwasser nicht abgekocht oder gefiltert. Berüchtigt die Worte des Lagerarztes der „1. Phase“, Esmeraldo País Prata: „Ich bin nicht hier um zu heilen. Ich bin hier um Totenscheine auszustellen.“. Ein bedrückender Besuch.
Inzwischen war es schon wieder weit nach 15 Uhr und ich hatte Hunger wie nix. Ich lief an drei Restaurants mit Kegelschnecken vorbei, die keine Kegelschnecken hatten, als der dritte fragte, ob ich Ziege möge? Also aß ich eine Art Ziegeneintopf mit Gemüse und dem allgegenwärtigen Reis. War sehr lecker, wenn auch, wie die Muräne, mit vielen „Gräten“.
Ich eierte ein wenig durch den Ort, inspizierte sowohl alten als auch neuen Markt, und traf auf einmal auf eine große Bühne am Praça de Tarrafal. Ich war in das Festival der Batucadeiras von Santiago geraten. Dutzende Gruppen von uniformierten Damen wetteiferten miteinander, wer am besten Batucada, eine spezielle Form brasilianischer Samba, tanzt und trommelt. Eigentlich sind es rein weibliche Gruppen, aber in die eine und in eine andere hatte sich je ein Jüngling verirrt, das fand ich ganz entzückend! Und im Hinternkreisen standen die den Damen in keinster Weise etwas nach. Das ganze hallte übrigens noch stundenlang durch die Stadt. Man mag über Kapverde behaupten, was man will, aber leise geht hier nix.
War das wieder ein schöner Tag. Apropos schöner Tag, hier ein im wahrsten Sinne des Wortes heißer Tipp: Einmal Sonnencreme reicht nicht! LSF 25 reicht nicht!
Das Abendessen ließ ich wieder ausfallen, heute knabbere ich während der Schreiberei zuckerfreie Zitronenplätzchen. Gar nicht mal so lecker. Hoffentlich lässt mich der Bötchenfahrer morgen nicht auch im Stich (die Schweizer haben ja die gleiche Agentur), denn da freue ich mich schon ein bisschen drauf. Ihr Euch auch? Na dann, bis denn, Euer
P.S.: so sah übrigens die radkappengroße Spinne aus:
P.P.S.: Kitty hat sich doch sehr verändert
P.P.P.S.: Kann mal jemand für mich rausfinden, wo ich diese dussligen Kegelschnecken bekomme? Ulli, gab es die auf Sal auch nicht?
ich war in meinem Leben in einer wohl vierstelligen Anzahl Hotels. Aber so eine miserable Bleibe hatte ich selten! Ich schrieb ja schon bei Ankunft über einige Probleme (mit Grausen erinnern wir uns an den vollgespuckten Zahnputzbecher!). Gestern Abend dann funktionierte das W-LAN nicht, aber ich wollte meinen Bericht schreiben. Also, ab zur Rezeption, was man denn machen könne. „Funktioniert alles, Sie sind einfach nur zu doof!“ fasst die Reaktion am Besten zusammen. Ich war sprachlos! Mr. Clever kam dann mit aufs Zimmer und sah, dass es nicht gut war. Langer Rede, kurzer Sinn: er bekam es nach Reboot für 3 Minuten hin. Dann war die Verbindung wieder tot.
„Oh, wie unangenehm, wir bedauern das, mal sehen, ob wir das hinbekommen…“ wäre meine Reaktion gewesen. Und wenn nicht, dann „tut uns leid…“. Aber „Sie haben das falsche Passwort, Sie sind zu dumm, wieso nehmen Sie denn diese (mir zuvor gesagte) Adresse….“, nur um festzustellen, dass es eben kein Singnal gab? Ich fasse zusammen: laut, kundenfeindlich, muffig, unsauber, frech. Kein Safe, kein Kühlschrank, keine Möglichkeit, zu lüften. No Stress? Muito Stress! Als Krönung obendrauf gab es vor 8 Uhr auch kein Frühstück.
Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Abholung, die nutzte ich, um schnell noch durch die zweite, obere Markthalle zu hasten; die war wegen der Feiertage zwei Tage geschlossen gewesen. Da hätte ich zumindest Cachupa bekommen, aber das war mir zu heikel, vor so einer langen Autofahrt. Als ich die Markthalle verließ, rannte ich in eine Reisegruppe hinein, Bus Nummer 1 des Kreuzfahrtschiffes hatte es auf das Plateau geschafft!
Patrick kam pünktlich und fuhr mich durch das Inselinnere über Pässe und durch Täler nach Tarrafal. Er war nicht besonders gesprächig, aber ich, koffeinlos wie ich war, legte auch keinen gesteigerten Wert auf Plauderei. Ein paarmal hielt er an, damit ich ein Foto der wirklich spektakulären Landschaft machen konnte. Teile davon sind ein Nationalpark, Serra da Malagueta. Wunderschön. Und alle Klimazonen vertreten, inn den Höhenlagen regnete es ein bisschen. In einem Ort kurz vor Fundura wehte eine große deutsche Flagge von einem Haus. Hm. Hierhin auswandern? Was ein Stess!!! Man kann sich übrigens einigermaßen günstig Mietwagen hier mieten, damit kann man die Insel auch prima erkunden. Aber, es gbt immer ein „aber“, andere Verkehrsteilnehmer gehören der No-Stress-Religion an und bleiben einfach mal unvermittelt stehen, um mit wem zu plaudern, Fußgänger laufen ohne links-rechts-Schauen über die Straßen, aus den Gebüschen und Straßengräben schießt auch mal eine Ziege oder ein Hund.
In Tarrafal empfing mich Irene, eine Niederländerin. „Du bist aber früh!“. Als sie erfuhr, dass ich noch ohne Kaffee war, bekam ich erst einmal Frühstück. Total nettes Servicepersonal auf der schönen Dachterrasse, leckeres Essen (Spiegeleier!, Obst!, Kaffee!, Joghurt!). Ich habe ein sehr schönes, wenn auch kleines Zimmer (leider wieder sehr hellhörig) mit ganz vielen Pflegeprodukten einer bekannten Drogeriekette. Für das Heimatgefühl, wie Irene anmerkte. Der tolle Empfang hat mich wirklich gerührt!
Ich brach zu einer selbstgeführten Gettoknowyourcitybetter-Tour auf und lief die Küste bis zum zentralen Strand entlang. Es ist wunderschön hier. Blauer Himmel, blaues Wasser, leichte Brise, Boote am Strand und in der Bucht. Ich hockte mich in die Strandbar und bestellte einen Limãopirinha. Der hatte das Potenzial, dass nicht nur Himmel und Wasser blau… äh, ja. Im Laufe des Vormittags wurde der Strand immer voller, die Musik wurde aufgedreht und die Strandhändler holten ihren Tinneff hervor. Die Jetskis durchpflügten die brandenden Wellen, der Gerry bestellte sich einen Papaypirinha. Ohgott, ich habe Strandurlaub! Wie konnte das passieren? Ist das heilbar? Es hätte auch noch Caipis mit Kokos, mit Mango, mit Maracuja etc. pp. gegeben, wenn, ja wenn die Früchte dafür denn vorrätig gewesen wären. Ich verstehe es nicht, ich war ja morgens auf dem Markt, da gab es all das!
Zu einem sehr späten Mittagessen suchte ich mir eins der Restaurants an der großen Zufahrtsstraße zum Hafen aus, Mangui Bixu. Bzw. es suchte mich aus, denn die Kreidetafel versprach Kegelschnecken. Ihr ahnt es. Keine Kegelschnecken. Ich nahm Oktopus vom Grill, war auch okay. Ein Mann am Nachbartisch vertilgte eine Languste oder einen Hummer oder was auch immer. Was das denn koste, frgte ich die Kellnerin. Umgerechnet sind das 30 Euro. Leute. Heute gab es selbstgemachtes Piri-Piri auf dem Tisch. Ich gab einen Miniklacks zum Oktopus und verspreche, ich habe den Rest meines Lebens die Atemwege frei! Hui!
Ich schlenderte durch den Ort, fand den zentralen Marktplatz, die Kirche Santo Amaro, den Mercado Municipal. Da konnte ich nicht rein, da war, wie ich durch das Tor sah, für etwa 20.000 Menschen festlichst eingedeckt! Die Hochzeitsgesellschaft, auf die die Halle wartete, fuhr schon den halben Tag laut hupend durch den kleinen Ort. Auf Pickups, in Bussen, in Taxen, in Privatfahrzeugen bewegten sich die Feiernden wie ein Lindwurm durch alle!! Straßen, durch einige mehrmals. Als ich Irene später darauf ansprach, seufzte sie schwer. Es gäbe Tage, an denen mehrere Hochzeiten stattfänden, dann wäre es kaum auszuhalten. Das glaube ich gerne. Ich kaufte in einem der zahlreichen Minimercados ein paar Grundlebensmittel ein und begab mich zurück zur Casa Alegría. Dabei kam ich an einer Blechhütte vorbei, in der eine Art Gottesdienst mit viel Buhei stattfand, mit fast ausschließlich sehr jungen Menschen. Ich guckte eine Weile dem Halleluhjah und Amen zu. Als ich ein Foto machen wollte, wurde ich umgehend darauf hingewisen, das sei verboten. Es war definitiv kein regulärer Gottesdienst.
Im B&B machte ich – yeah! – ein Nickerchen. Durch das extrem späte Mittagessen ließ ich Abendbrot ausfallen, baute mir einen provisorischen Schreibtisch und – tadaaa!, schreibe das hier nun. Ich knabbere Waffeln, trinke einen Rosé (es gibt einen Kühlschrank!) und faulenze dann ein wenig, bevor ich mich wieder hinlege.
Morgen gibt es kein Programm, ich denke, ich werde ein bisschen „wandern“ und auf jeden Fall die Strandbar wieder besuchen.
das Frühstück gab es heute in einem Café gegenüber. Und damit ich ja nicht auf falsche Spur komme (wohlgemerkt, man sollte sich etwas von der Karte aussuchen), hier ein Gesprächsauszug:
„Was darf es sein?“ – „Joghurt mit Papaya, bitte.“ – „Papaya ist aus.“ – „Dann Maracuja.“ – „Maracuja ist aus.“ – „Banane?“ – „Keine Banane.“ – „Was gibt es denn dann?“ – „Gibt kein Obst. Die Märkte waren gestern zu.“
Immerhin gab es Affenbrotbaumfruchtsaft (calabaceira), als DIE afrikanische Superfrucht verkauft; wenn ich nach dem Genuss nicht von allen Krankheiten genesen bin, weiß ich auch nicht. Und das Ei-Sandwich war extrem lecker!
Um kurz nach 10 wurde ich zu meinem zweieinhalbstündigen Stadtrundgang abgeholt. Ich nehme es mal vorweg, um kurz nach 11 waren die zweieinhalb Stunden vorbei. Elber lief mit mir mein Gesternabend-Programm ab, nur dass die Straßen diesmal geschäftig waren. Die Kirche hatte ihre Pforten auch geöffnet, so wagte ich einen Blick hinein. Ansonsten Präsidentenpalast, Stadthaus, Kaserne, Hafen. Es ging anschließend zum größten Straßenmarkt der Kapverden, dem Sukupira, in der Unterstadt. Dort hasteten wir einmal durch. Fertig. Hm.
Ich drückte Elber einen kleinen Tipp in die Hand und kehrte in den Markt zurück. Der ist zwar nicht so überlaufen, aber man kann sich gut verirren. Alles ein bisschen durcheinander, alles in den Händen von westafrikanischen Händlern aus Ghana, dem Senegal, Guinea-Bissau. Ein ziemlicher Kontrast zu der Ansammlung chinesischer Tinneff-Stores in der Oberstadt.
Gegenüber befindet sich ein relativ neues Gebäude, das ein Möbelhaus, die Universität von Santiago und ein Shopping-Center beherbergt. Eine ziemlich trostlose Angelegenheit. Zumal sich z.B. die Toiletten schon nach 3 Jahren (abgeleitet vom Baujahr der Aufzüge) in einem desolaten Zustand befinden. Der völlig überkandidelte Foodcourt mit neonblinkenden Spielautomaten und Kinderparadies völlig verwaist.
Ich erkletterte mir den Weg auf das Plateau zurück und nahm mehrere Tassen Kaffee in der Pastelaria Vilu, weil der da so unglaublich lecker war. Ich würde ja mein Frühstück morgen dahin verlegen, wenn ich nicht schon um 8 Uhr gestiefelt und gespornt vorm Hotel auf Abholung warten müsste. Im Hintergrund lief sehr fröhliche, deutlich afrikanisch beeinflusste Musik, die sich sehr von der melancholischen Mucke auf den nördlichen Inseln unterscheidet (die ja auch sehr schön ist). Elber erklärte, wie auch andere Guides zuvor, dass Mentalität, Sprache, Auswandererziele etc. von Insel zu Insel ziemlich abweichen. Man könne aber festhalten, dass die Nordinseln eher liberal und europäisch und die Südinseln konservativ und afrikanisch orientiert seien. 96% der Kapverdianer seien übrigens erzkatholisch. Muslime seien mit 2% vertreten.
In der Oberstadt besuchte ich aus Neugierde eine Loja chinesa. Schrecklich, fast alles aus Plastik. Aber offenbar begehrt, denn der Laden war proppevoll. Ein paar Häuser weiter ein Laden der Kooperative der Kunsthandwerker auf Santiago. Was für ein Unterschied. Klar, auch preislich. Ich erstand wunderschöne Notizbücher, eigentlich zu schade zum Benutzen.
Hatte ich mir jetzt schon einen Drink verdient? Hm, nicht wirklich. Also machte ich mich auf, rollte mich bergab zum Camboa-Strand und lief bis zur Ilhéu Santa María, der früheren Quarantäne-Station von Santiago. Hier mussten erst mal alle ihre exotischen Krankheiten auskurieren, um Ansteckungen der Inselbewohner zu verhindern. Der Zugang zum Inselchen ist versperrt, Hinweise auf dem Tor weisen ein geplantes Investorenprojekt aus. Vor Covid wollte ein chinesischer Moneyman ein Casino samt Hotelkomplex dort errichten. Ist irgendwie gescheitert, aber dennoch nicht mehr zugänglich. Schade, man könnte das Gelände auch sinnvoller nutzen. Charles Darwin war mit der „Beagle“ dort.
Ich ächzte mich den Berg hinauf. Mein inzwischen zur Tradition mutiertes Nickerchen musste ausfallen, das Hotel ist einfach zu laut. Durch den Innenhof hallt es. Und knallt es. Die Bedeutung von Klinken, Knäufen und Schlüsseln ist den anderen Bewohnern und dem Personal nicht geläufig. Daher besuchte erneut mein Aussichtspunktlokal. Kaum Gäste dort. Vielleicht wird das morgen anders, denn ein TUI-Schiff soll anlegen, dann stürmen über 2.500 Passagiere die Stadt. Elber war deshalb schon ganz aufgeregt. Klar, ich meine, wenn das Schiff hier für 8 Stunden liegt, dann schafft er ja knapp sieben Zweieinhalbstundenführungen.
Ich nahm ein „Wanderbier“ als Durstlöscher und dann einen Maracujacocktail. Da war dann tatsächlich Maracuja drin und der schmeckte sagenhaft gut! Ich lief anschließend zum Restaurant 5al da música, es ist ein hochgelobtes Etablissement, und wollte reservieren. Zu spät, alles belegt. Naja, gestern konnte ich nicht reservieren, da war ja geschlossen. Aber ehrlich? Das sah so nobel aus, so nach long Christmas dinner… da hätte ich mich underdressed gefühlt, egal, was ich aus dem Koffer gekramt hätte. Stattdessen nahm ich ein frühes Dinner an der Fußgängerzone. Fisch vom Tag aus dem Ofen. War absolut essbar. Der Prato del día ist hier, wie in Spanien das Menú del día, sehr preiswert, und in der Regel im Übermaß vorrätig. Nur, dass es maximal noch ein Dessert oben drauf gibt und das auch nicht immer. Hier übrigens noch ein exklusiv für Euch getesteter Profitipp: Wenn der Ausgießer der Piri-Piri-Sauce verstopft ist, kann man den lösen. Man sollte dann nur die Flasche nicht über der Tellermitte umdrehen.
So, der Tag ist rum. Was sag ich: die halbe Reise ist rum! Wo ist die Zeit geblieben? Immerhin wird es jetzt ruhiger, da zwei Strandorte vor mir liegen. Jeweils 4 Tage. Ihr wisst ja, ist genau meins. Aber tatsächlich bin ich auch ein kleines bisschen erschöpft. Sechs Unterkünfte in 11 Tagen, 2 Schiffahrten, 2 internationale und 1 Inlandsflug. Puh!
Ihr Lieben, morgen um 8 Uhr werden wir abgeholt. Praianer haben mich gefragt, wo ich war, wo es hingejt. Alle waren sich einig, dass Tarrafal „o melhor“ ist. Das Beste! Seid Ihr auch so gespannt? Na denn. Liebe Grüße, bis morgen, Euer
„Würden Sie denn bitte noch einmal für uns debil in die Kamera grinsen?“
Aber gerne doch!
P.S.: Tatsächlich mal ein vielleicht hilfreicher Tipp: Wenn Ihr Geld abhebt und die Maschine Euch fragt, ob Ihr die Abrechnung in Landeswährung wünscht, meinen sie EURE Landeswährung. Hatte ich nicht gerafft und für 20.000 Escudos vor 3 Tagen fast 6 Euro mehr bezahlt, als heute, als ich in Escudos habe abrechnen lassen. Das bezieht sich natürlich jetzt auf eine Auslandskreditkarte, mit der man gebührenfrei (seitens des ausstellenden Institutes, NICHT seitens der kapverdianischen Banken, die nehmen Gebühr!) abheben kann.
P.P.S.: Der Mann, dem das Wandbild im Kapitelfoto gewidmet ist, zeigt Amilcar Cabral, den kapverdianischen Unabhängigkeitskämpfer. Er ist quasi der Che Guevara des Archipels!
In Mindelo gibt es eine sehr überschaubare Raserszene. Das merkt man auch nachts. Drei oder vier Idioten mit ganz kleinen Genitalien knattern dann, aber auch tagsüber die Hauptstraßen lang. Da fühlt man sich wie zuhause. Obwohl, das Problem ist dort ja eingedämmt.
An Weihnachten isst man hier Bolo de Rei, Königskuchen. An dem kaut man etwas länger, da doch eine eher trockene Angelegenheit. Klar, muss ja für drei Könige reichen. Erinnert an Panettone.
Nach dem Frühstück packte ich alles einmal aus und wieder ein. Wenn man so aus dem Koffer lebt, verliert man ja den Überblick, was man wo versteckt hat. Ich fand z. B. die leichte Strickjacke wieder, die ich im Hotel in Punta do Sol wähnte. Leider tauchte die verlorene Brille nicht unversehens wieder auf.
Ich lief noch einmal in die City. Heute war das erste Mal so richtig gutes Wetter mit nur wenigen Miniwölkchen. Es wird dann auch sehr schnell warm unterm Toupet. Ich nahm im Schatten noch einen Café com leite und kehrte zur Unterkunft zurück. Dort kam der Fahrer eine halbe Stunde zu früh. Wer weiß, wofür es gut war, denn am Flughafen wurde eine viel frühere Abflugszeit als in meinen Unterlagen angezeigt. Beim Flighttracker dann eine dritte. Fliegen im Hütchenspieler-Modus. Na, welche Uhrzeit nehmen Sie?
Ich fasse zusammen:
Flugbestätigung 14:50h
Flighttracker 14:00h
am Schalter 13:50h
tatsächlicher Abflug 13:35h
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Der Flug war kurz und unaufregend. Einzig vor dem Start gab es einen kleinen Loriot-Moment, als die Flugbegleiter fast alle Passagiere mal die Plätze tauschen ließen, da sie die Propellermaschine im Ungleichgewicht sahen. Am Flughafen Praia war binnen 3 Minuten der Koffer da und am Ausgang wurden Herr Müller, Mister Baker, Monsieur Pattisier und Senhor Cozinheiro schon erwartet. Nur auf Herrn Diepolder wartete keiner. Gut, scheinbar war ich ja auch zu früh. Allerdings konnten andere Agenturen sich irgendwie darauf einstellen. Aber, noooo stress…
Irgendwann schlenderte jemand mit einem Soul-Tours-Schild vorbei. Gottseidank, denn inzwischen versuchten Dutzende Taxifahrer, mich mit Gewalt in ihre Fahrzeuge zu zerren. Santo, so sein Name, wollte zuerst nicht glauben, dass ich sein Gast sei, „You are Gerald???“, fuhr mich aber doch schnittig zum Hotel und trug dort klaglos mein Gepäck auf die zweite Etage. Das Hotel soll eine Pousada sein. Ich dachte immer, das wären ausgewählte, eher luxeriöse Unterkünfte mit historischem Bezug. Tja, was soll ich sagen, irgendwie ist das Ding originell, mit einem Innenhof, auf das die Zimmer hinausgehen. Antike Möbel und schöne, moderne Kunst. Aber! Die genervteste Rezeptionistin aller Zeiten wies mir ein fensterloses Loch zu. Das auch noch nicht fertig war. Ich bekam ein anderes fensterloses Loch zugewiesen. Bzw. es gibt Fenster, zum Gang hin. Das Badezimmer, auch fensterlos, müffelt ziemlich. Alles erinnert an eine Karawanserei aus sehr einfachen Zeiten. Vielleicht will Kismet mir damit gerade an Weihnachten etwas mitteilen? Zwei Tage werde ich es wohl aushalten. Müssen. Abends musste ich mir noch ein Glas organisieren, denn in dem einen (!) Plastikzahnputzbecher schwammen noch die Überreste der Vorgänger. Ziemlich ekelhaft! Im Bett lag irgendwelcher Plastikmüll.
Immerhin liegt der „Palazzo Pity“ in der Fußgängerzone. So konnte ich vortäuschen, ich hätte einen großen Erkundungsrundgang hinter mich gebracht, bevor ich mich auf ein Bier niederließ. Immerhin hatte ich schon den Präsidentenpalast, die Diego-Gomes-Statue und die Jaime-Mota-Kaserne gesehen.
Praias Altstadt liegt auf einem Hochplateau, an dessem Rand sich ein Vergnügungspärklein für Kinder und eine Restaurant-Terrasse befinden. Das Bier vom pfiffigen und aufmerksamen Kellner war kalt und lecker, die Aussicht schön, aber die überlaute Musik in der kapverdischen Version von Rolf Zuckowski zehrte sehr schnell an den Nerven. Ich machte mich auf und suchte einen geöffneten Minimarkt. Am Weihnachtstag ein aussichtsloses Unterfangen. Die wenigen Mercados geschlossen, quasi alle Restaurants geschlossen. Nur zwei chinesische Ramschläden waren für Kundschaft bereit. Ich setzte mich in die einzig geöffnete Bar, die ich fand, einem Hotel zugehörig, mit dem Hintergedanken, mich dort zumindest mit Wein und Wasser fürs Zimmer zu versorgen. Allein, die einzige Kellnerin lehnte an einem Baum, rief ununterbrochen einen nach dem anderen mit ihrem Handy an und hatte diesterwegen selbstverständlich keine Zeit, sich um Gäste zu kümmern. No Stress? Sorry, nach 30 Minuten Ignoriererei habe ich Stress, der in Richtung Mordlust geht.
Ich lief ein bisserl rum und fand einen freien Tisch in einer, sagen wir mal Speisewirtschaft am völlig überfüllten Weihnachtsmarkt. Auf der Insel Santiago leben etwa 250.000 Menschen. Ich glaube, die waren alle hier. Ein Gewusel und Gewimmel sondergleichen. Die Speisekarte hätte in großen Teilen auch chinesisch sein können. Was sind Buzios? Was ist Bitoque? Hm. Bitoque. Klingt interessant. Nehme ich. Trommelwirbel! Paukenschlag. Es ist eine Art dünnes Steak mit Spiegelei drauf, dazu Pommes, Reis und Salat. Elke, Du wärst begeistert hier vom Reis. Immer total klebrig! Das bekommt bei uns kein China-Imbiss hin! Ja, also, mit viel Ketchup konnte man das essen. Bei den Getränken hatte ich wieder einmal Kuba-Vibes. Ich fragte ein halbes Dutzend Cocktails ab, für jeden einzelnen lief die Kellnerin zur Bar, kam wieder und richtete mir aus, dass der gerade nicht machbar wäre. Was es denn gäbe? Maracuja-Caipi. Okay, nähme ich. Ich bekam Gurke-Apfel-Irgendwas. No Stress. Zum essen dann bitte diesen Weißwein. Sie brachte eine Art Kellergeisterverschnitt. Neinnein, den anderen. Gibt nur den einen. Okay. Dann einen roten? Gäbe aber nur einen. Willkommen in Hava… äh… Praia!
Ich erwarb dann noch eine Flasche Wasser und den einen Roten (auf der Flasche steht, dass man ihn nicht länger als 4 Jahre aufbewahren soll, aber leider nicht, wann er abgefüllt wurde). Wenn Ihr also morgen nichts mehr von mir hört… (hatten wir das nicht schon bei der Muräne?).
Den Rest des Abends verbrachte ich dann auf dem Zimmer. Praia gefällt mir ziemlich gut, es ist wieder ganz anders, als auf den anderen Inseln. Das koloniale Erbe kommt viel stärker durch, die Stadt ist deutlich urbaner. Es ist halt nur keine gute Idee, lebensmittellos an einem Feiertag hierherzukommen. Und man sollte sich definitiv (!!!) ein anderes Hotel suchen. Vielleicht das mit der Kellnerin mit der Verkaufsallergie? Ach, ich weiß es doch auch nicht.
Morgen früh werde ich für einen Stadt- und Marktrundgang abgeholt. Den Markt hatte ich schon zu Beginn meines Rundganges passiert, der war natürlich heute geschlossen. Geht Ihr mit? Dann könnt Ihr Euch Eure Souvenirs selbst aussuchen und müsst Euch nicht auf meinen Geschmack verlassen. Bis morgen, Euer
Der Weihnachtsbaum vor der Kaserne ist aus Flecktarnnetzen gemacht. Nur, wenn man viele Katzenbilder postet, bekoommt man Reichweite!
ja, Ihr habt richtig gelesen: ich faulenzte. Den ganzen lieben Tag lang. Nach dem ordentlichen Frühstück auf der Dachterrasse latschte ich zum Laginha-Strand, wo ich tatsächlich im Wasser war. Ihr glaubt mir nicht? Na, dann schaut mal her:
Dann hockte ich mich ins Strandcafé, bekam endlich mal wieder einen heißen und starken Kaffee (hier ist leider oft lauwarme Thermoskannenbrühe angesagt) und glotzte aufs Meer und Santo Antão. Der Strand ist klein, aber nett, das Wasser sieht sauber aus und es ist nicht überlaufen.
Ich lief zur nächsten Strandbude, aber da ignorierte eine große Gruppe Franzosen das Rauchverbot, so dass man sich unter dem Zelt vorkam wie in einer Räucherei. Also ab in die Stadt und neben der Markthalle einen sehr leckeren, aber teuren Caipilimão bestellt und dem regen Treiben zugeschaut. Ein Hochzeitskorso kam vorbei. Eine ziemlich tonintensive Angelegenheit hier. Auch für Beerdigungen gibt es Korsos, allerdings gemächlicher und mit Fußtruppen, deswegen aber nicht weniger laut.
Ich überlegte ein bisschen hin und her, ob ich mir für abends einen Tisch sichern sollte; aber irgendwie ist es die letzten Jahre ja auch ein bisschen eingerissen, dass ich mir in der Unterkunft Schnittchen mache. An solchen Feiertagen alleine auswärts zu essen, lässt einen doch immer sehr wunderlich erscheinen. Sicherheitshalber schaute ich noch beim deutschen Honorarkonsul nach, ob der vielleicht einen Empfang für alle Deutschen auf der Insel gibt, aber ich fand keine Hinweise. Also, ab in den Supermarkt. Und schon sind wir wieder bei der No-Stress-Thematik. Denn auch der Kapverdianer neigt dazu, Weihnachten alles auf den letzten Drücker zu erledigen. Vor den Geldautomaten standen meterlange Schlangen. Die Stadt war rappelsvoll, jeder Pröddelladen war rappelsvoll, die Supermärkte waren rappelsvoll. Dafür aber dann auch geplündert wie nix. Ich fand ein Netz Käsebällchen, einen kleinen Orangenkuchen und eine Tüte Mandelkrokant. Die Schokolade für 7 Euro die Tafel ließ ich liegen. In der Zentralbäckerei erhaschte ich eins der letzten Brötchen. Und so habe ich jetzt gerade ein äußerst bescheidenes Heiligabendessen. Aber das war, wie ja bei vielen Familien, bei uns nie besonders ausgefallen, sondern immer sehr schlicht.
Die Pröddelläden hier sind ürigens alle fest in chinesischer Hand und davon gibt es so einige. Loja Li, Loja Yuan und Loja Xi und Loja Wang heißen die. Sitz des Verbandes chinesischer Geschäftsleute auf den Kapverden ist dann auch Mindelo.
Morgen geht es nach Praia, denkt an die Gewichtsbegrenzung beim Gepäck! Aber wir können ausschlafen, der Fahrer kommt erst gegen 12 Uhr 45!
Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest, feiert schön, lasst Euch reich beschenken, gönnt Euch Quality Time, macht was Schönes draus! Ich denke auf der Insel an Euch und sende alles, alles Liebe und Gute! Euer
P.S.: Bitte überprüfen Sie vor der Übernahme des Leihwagens diesen auf eventuelle Schäden und dokumentieren sie diese, so gut es geht: