Mich hat es mal wieder nach Berlin verschlagen. Einen Tag früher als geplant. Denn eigentlich wollte ich mit Erika und Udo auf das Abschlusskonzert der Berliner Philharmoniker auf der Waldbühne (das hatten wir schon vor langer Zeit verabredet) und zusammen mit den Beiden mit einem Flix-Train ab Freitag von Köln aus dahin. Wir hatten schon Pläne, wer wie viele Stullen und Piccolöchen in die Kühltasche packt. Dann kam mir eine Dienstreise nach Braunschweig am heutigen Donnerstag dazwischen. Ich fuhr nämlich zur Verabschiedung einer meiner Mitarbeiter in Braunschweig (45 1/4 Jahre in der gleichen Firma!!!) und zu einer anschließenden Besprechung dort. Es wäre ja Unsinn gewesen, Donnerstagabend wieder nach Köln zurückzufahren, um sich dann in der Frühe wieder auf den Weg nach Berlin zu machen. Die gemeinsame Zugfahrt war daher Geschichte, ich fuhr Donnerstagabend von Braunschweig nach Berlin. Und buchte noch eine Nacht in einem anderen Hotel, mein vor Monaten gebuchtes wollte für die eine Nacht leider viel zu viel Geld.
Die Verabschiedung war dann auch sehr nett, gottseidank hat die Bereichsleiterin die große Rede gehalten (und das sehr gut!), so musste ich das nicht mit meinen in den letzten Tagen hingekritzelten und auf der Bahnfahrt ausformulierten Notizen erledigen, sondern konnte kurz, launig und frei sprechen. Das fällt mir wesentlich leichter. Übrigens, Michael, der zukünftige Ruheständler, war ein Kollege, wie man ihn sich besser nicht hätte wünschen können. Dann absolvierte ich noch meine Sitzung und machte mich spätnachmittags auf zum Bahnhof, wo ich mittendrin in einen Wolkenbruch erster Güte geriet. Platschnass kam ich am Braunschweiger Bahnhof an, wo ich noch eine dreiviertel Stunde Zeit hatte und mir daher seit langem mal wieder den großen Hamburger bei der Bratbude mit dem gelben M gönnte. Das passiert so einmal alle zwei bis drei Jahre und jedesmal nehme ich mir vor, dass es das letzte Mal war. Und dann ging die Odyssee los. Leute, ich hätte in der Zeit locker wieder nach Köln zurück und dann wieder rauf nach Berlin fahren können.
Wegen Unwettern und Oberleitungsschäden tat sich in Braunschweig nix! Gaaar nix! Alle Züge in den Nordosten fielen aus oder wurden über Wladiwostok umgeleitet. Ich setzte mich in den nächstbesten Zug mit Ziel Berlin, der fuhr dort mit 75 Minuten Verspätung dann ab, musste Wolfsburg umfahren und hielt alle naslang in der Pampa an, um andere Züge durchzulassen oder weil ein Nahverkehrszug die Strecke blockierte. Jede Stunde wurde auf die Verspätung eine weitere Stunde aufaddiert. Die Bordgastronomie war inzwischen geplündert. Insbesondere das Stop and Go zehrte an meinen Nerven. Und das ohne Grauburgunder!
Mein Plan, den ersten Abend in Berlin noch nett spazieren zu gehen oder eine Bar zu besuchen, scheiterte schlussendlich daran, dass ich statt abends fast mitten in der Nacht im Hotel ankam. Mit Ach und Krach schaffte ich es zu einem nahegelegenen REWE, um mich fünf Minuten vor Ladenschluss mit einem Salat (Wiedergutmachung für den Burger) und einem Wein einzudecken. Statt 85 Minuten brauchte ich (auch wegen des zusammengebrochenen S-Bahn-Verkehrs) 5 Stunden von der Firma in Braunschweig ins Hotel nach Berlin. Ich weiß, diese ewigen Litaneien über die Bahn nerven. Ja, mich auch. Wenigstens ist das Hotel wirklich nett und extrem preiswert!
Morgen treffen wir drei Hübschen uns dann mittags in unserem gemeinsamen Hotel am Ku’damm (mein heutiges ist in Gesundbrunnen) und machen ab da die Stadt unsicher; Restaurants sind gebucht, Bootsfahrten organisiert, Konzertkarten aufgebügelt. Erika und Udo fahren dann am Sonntag zurück, ich bleibe noch bis Mittwochfrüh, bis mein Flixtrain mich um unchristliche 8 Uhr etwas wieder nach Köln bringt.
Ja, uns und später mich alleine würde es natürlich wieder freuen, wenn ihr bei unserem kleinen Hauptstadtbesuch dabei sein würdet. Und wenn Ihr mal nichts von mir lesen solltet, liegt das bestimmt an technischen Problemen und nicht daran, dass ich seit Stunden in eiem Zug sitze und gerade innerlich Amok laufe.
Liebe Grüße, Euer
P.S.: Das Beitragsbild ist von einem früheren Besuch Berlins an der East Side Gallery.
P.P.S.: Erika und Udo, ich wünsche eine perfekte und entspannte Anreise, ich meine ja, ich hätte für unser kleines Grüppchen schon genug Bahnärger gesammelt!
ich muss ein Geständnis machen. Kurz vor Abreise schrieb ich Erika, ich sei ein wenig unmotiviert, die Reise anzutreten. Ich hatte mich nur grob mit Bukarest beschäftigt und hatte den Eindruck, dass ich mich nicht besonders für diese Stadt begeistern werden würde. „Werch ein Illtum!“, um mal Ernst Jandl (einen meiner Lieblingsdichter) zu zitieren. Ich bin mehr als angetan von den Menschen, von dem pulsierenden Leben (auch wenn es bei bestimmten Gelegenheiten auch etwas weniger pulsierend für mich sein dürfte!), von den vielen Sehenswürdigkeiten, den Parks, von der Grundstimmung insgesamt. Bukarest ist definitiv eine Reise wert! Eigentlich hatte ich ja nur zwei volle Tage. Aber ich habe versucht, so viel wie möglich mitzunehmen. Natürlich hätte ich auch noch den Palast des Volkes besuchen können. Natürlich hätte ich Schloss Peles besuchen können. Natürlich hätte ich einmal in einen Nachtclub… ooops. Im Leben nicht!
Ich rate euch, nehmt euch mindestens zwei Tage mehr Zeit, rudert einmal auf einem See in einem der Parks herum, sitzt einfach mal dumm rum und glotzt! Das habe ich gestern, als ich das Nachmittagsessen einnahm, sehr genossen. Extrem-Glotzing. Man kann sich dann z.B. über Menschen amüsieren, die über Blumenrabatte in das Restaurant einfallen und lautstark ein Heineken fordern, um dann höflich wieder vor die Tür gesetzt zu werden.
Man kommt mit Englisch ganz gut rum, erstaunlicherweise kommt man mit Französisch noch etwas weiter. Die Rumänen und die Franzosen verbindet offensichtlich eine historisch begründete, tiefe Freundschaft. Da wären wir wieder beim „Paris des Ostens“.
Bei meiner Ankunft hob ich rumänische Lei im Wert von 100 € ab. Für eine ziemlich saftige Gebühr. Wenn ich nicht noch am Flughafen wie wild Kühlschrankmagnete (einer hässlicher als der andere) gekauft, einen Kaffee getrunken und 250 Lei wieder zurückgetauscht hätte, wäre ich mit rumänischen Lei im Wert von 95 € wieder abgereist. Man kann, ich habe sogar den Eindruck, man soll, überall mit Karte zahlen, inklusive der Trinkgelder.
Budarest… äh… Bukapest… äh… Michael-Jackson-City hat einen hervorragenden ÖPNV. Google Maps kennt den leider nicht so richtig, ich schrieb es bereits. Das Metro-Ticket, das ich mir zu Beginn gekauft habe, hat gute Dienste geleistet. Man muss sich halt ein wenig die Strecken angucken. Bukarest investiert übrigens ein Heidengeld in den Ausbau des U-Bahn-Systems. Es wird in naher Zukunft weitere Streckenverbindungen geben. Apropos über Blumenrabatten ins Restaurant einfallen… an der Haltestelle Piața Unirii versagten Mitarbeiter des Transportunternehmens einer besoffenen und randalierenden Touristengruppe den Zutritt zur Metro. 😳 What? Yeah!
Mein Hotel war zwar wirklich zufriedenstellend und verkehrstechnisch gut angebunden, aber im Falle einer Rückkehr nach Bukarest würde ich ein Hotel in der Nähe der Piața Unirii suchen, denn da begann und endete in der Umgebung fast jeder meiner Ausflüge. Allerdings ruinierten die 20 Minuten Fahrt dorthin mein Leben jetzt auch nicht wirklich. Immerhin zahlte ich für das Komfortzimmer hier nur knapp 70 € die Nacht, inklusive Frühstück. Und über das habe ich zwar gelästert, aber es war eigentlich vollkommen ausreichend.
Ich bin ja als alter Köln-Lästerer bekannt. Daher jetzt noch ein bisschen Köln-Bashing: Warum schafft Bukarest es, die Stadt so sauber zu halten? Warum sprudeln die Brunnen in Bukarest? Warum ist der öffentliche Personennahverkehr einfach nur ein Traum? Klar, es gibt Dinge, die in meiner Wohnstadt besser geregelt sind, Stichwort Stolperfallen, aber hier läuft doch einiges viel großstädtischer, als in dem Provinzdorf, in dem ich wohne, in der die Dorfälteste mit ihrem senilen Stammesrat, aka Dezernate und Verwaltung, einfach nur die Fortentwicklung der Stadt behindert und dabei großzügig Geld verschwendet. Und das ist ja nicht erst mein Eindruck seit dieser Reise.
Was die Abreise angeht: Hotel-Check-out, Bahnfahrt, Security Control, Flug… alles easy peasy. Am Gate stand der Junggesellenabschiedskreis vom Hinflug, die haben sich aber während des Fluges unglaublich ruhig verhalten, sie sahen aber auch übelst verkatert aus. In Düsseldorf wollte ich dann die Regionalbahn 1 nehmen, die hatte dann mal wieder 30 Minuten Verspätung. Willkommen in der Heimat!
Ja, wie hulle!
Ihr Lieben, ich habe mich sehr gefreut, dass ihr mitgereist seid, vielen Dank für die vielen Kommentare, auch via Signal und per E-Mail (allein ein halbes Dutzend wegen des Vatertags-Irrtums *schäm*) und ich freue mich auf die nächste Reise, die nach Berlin geht.
was ich gestern noch vergaß zu erwähnen: Man muss immer auch ein halbes Auge auf den Boden richten. Stellenweise sind die Gehwege und Fußgängerzonen unglaublich marode. Löcher, fehlende Platten… dazu die Unart, auch an Fußgängerüberwegen mal kleine Poller in den Weg zu stellen.
Ich nahm mir ja vor, auszuschlafen, das ist mir auch gelungen. Durch nunmehr lauwarmen Kaffee und aromatische Tomaten gestärkt machte ich mich auf zu unerforschten Welten, allerdings per pedes und Metro, nicht mit einer Enterprise. Wie komme ich zur Nationalkathedrale? Wo ist denn der Triumphbogen? Apropos. Bukarests Architekten haben gerne Bauten aus anderen Metropolen kopiert, man wollte dazugehören. Passagen aus Mailand, Palazzi aus Rom, der Petit Palais aus Paris findet sich eins zu eins im Gebäude der CEC-Bank wieder. Der Prachtboulevard Ceaușescus sollte sich mit den Champs-Elysées messen. Die Nationalbank (glaube ich) wurde nach Genfer Vorbild hochgezogen. Und ja, man hat daher auch einen Arcul de Triumf. Den kann man raufkraxeln. Und wo man raufkraxeln kann, ist der Gerry nicht sehr weit.
Erst einmal aber ging es in den „Frühlingspalast“ der Familie Ceaușescu, die Eintrittskarte buchte ich beim Frühstück online, wobei die englischsprachigen Führungen leider ausverkauft waren und ich daher eine rumänische Führung buchen musste; man konnte aber einen deutschen Audioguide für 4 € dazumieten.
Eigentlich war das Haus ursprünglich für protokollarische Anlässe gedacht, aber nach dem Tod von Gheorghe Gheorghiu-Dej, dem Vorgänger von Nikolae Ceaușescu, nahm dessen Familie das Haus für sich in Beschlag. Einzig Nixon durfte da mal auf Staatsbesuch hin. Natürlich steht die Villa in einem Viertel, in dem auch heute keine armen Menschen leben; in der Nähe gibt es schöne Parks und Seen. Die Führung durch das Haus selbst war nur mäßig interessant, der Schwerpunkt lag auf Erläuterungen, welche Vase zu welcher Angelegenheit Ceaușescu von wem geschenkt bekam. Teller von Königin Elisabeth, Vasen von Königin Wilhelmina, der Teppich von Shah Reza Pahlevi. Hier wohnte Ehefrau Elena, da wohnte Sohn Valentin, dort Tochter Zoia usw. usf. Nicolae aß gern saure Suppen, hatte einen Herrenfriseur im Haus, die Mosaiken im Schwimmbad wurden von berühmten Künstlern entworfen. Die Führerin versprühte die Vitalität eines altbackenen Brötchens, sie war sichtlich gelangweilt von ihrem immer wiederkehrenden Monolog, den sie völlig monoton herunterleierte. Kritische Anmerkungen zur Geschichte der Familie gab es nur in fast stummen Untertönen. Zudem war die Besuchergruppe riesig und trampelte sich gegenseitig auf den Füßen herum. Fotografieren im Haus war verboten, vielleicht findet Ihr Fotos von den Innereien im Internet, es ist alles sehr pseudoversaillistisch. Die Mosaiken im Schwimmbad sind nur aus Versehen auf mein Handy gelangt. Draußen kreischten übrigens Pfaue um die Wette. Die haben ja ein druchdringendes Organ, meine Güte!
Durch den König-Michael-Park (benannt nach dem König des Landes, nicht dem König des Pop, obwohl der eine Gedenktafel an der nach ihm benannten Allee hier hat; den Humor dahinter finde ich spitze) spazierte ich zum Triumphbogen. Der erste stand dort Ende des 19. Jahrhunderts, war aus Holz gefertigt und war der Unabhängigkeit gewidmet. Dann gab es einen weiteren hölzernen, um den „Ruhm“ des ersten Weltkriegs zu feiern (man beschäftige sich gerne mal mit der Wankelmütigkeit in Bezug auf Verbündete in den Kriegen). In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts dann gab es einen aus Stein, dem Pariser Vorbild nachempfunden. Eintritt 3 Euro. Man hat von oben einen schönen Blick. Auf den Zwischenetagen wird ein wenig zur Geschichte des Bogens erläutert.
Mein nächstes Ziel war die Baustelle der Nationalkathedrale. Mir war bewusst, dass man da nicht einfach so reinspazieren durfte, aber ich wollte das schon mal aus der Nähe sehen. Ein gigantischer Bau, er wird nach Fertigstellung wohl die größte orthodoxe Kirche Europas darstellen. Mich würde mal interessieren, wie viel Prozent Bauzeit und Kosten dieses Projekt in Relation zur Kölner Opernsanierung hat.
In direkter Nachbarschaft liegt die kleine Kirche St. Johannes Chrysostomus. Da geht es sehr wuselig zu. Der Priester sitzt draußen, die Beine hochgelegt und die Gemeinde steht Schlange, um bei ihm Gehör zu finden. Derweil putzen Gemeindemitglieder die Kirche, fegen den Hof, arrangieren Blumen. Nicht der schlechteste Job, oder? Nur das ständige Handabschlecken der Bittsteller würde mich stören. Ein entzückender Ort.
Jetzt war ich gerade schon auf Religion gepolt, da guckte ich mir direkt noch den Patriarchatshügel und die Domnița Bălașa-Kirche an. Ersterer ist ein sehr ruhiger und entspannender Ort. Wenige Besucher verirren sich auf den Hügel mit dem wirklich schönen Gebäudekomplex. Die Kirche selbst beherbergt eine äußerst sehenswerte Ikonostase.
In der zweiten Kirche, die durch hohe Gebäude versteckt ist und die man fast schon suchen muss, platzte ich in eine Taufe. Ich duckte mich und guckte ein kleines bisschen zu. Jeder Pfarrer hätte Tränen des Glücks (und der Verzweiflung) in den Augen gehabt: Der Priester litanisierte etwas und dann setzte der wohl begabteste Kirchenchor unserer Zeit ein. Konzertreif. So einen engelsgleichen Gesang bekommen die inbrünstig krakeelenden Inges und Wilfrieds in unseren Kirchen nicht hin. Erst recht nicht, wenn die Gemeinde mitgrölt. Ach, ich bin ungerecht. Ich weiß.
Es war inzwischen schon 16 Uhr und ich hatte ein Hüngerchen. Ich lief wieder durch das Lipscani-Viertel und war allerorten abgeschreckt von der lauten Beschallung. Endlich traf ich auf ein Restaurant, das authentische Küche versprach und nur dezente Musik laufen ließ. Kaum hatte ich bestellt, war die Freude darüber offenbar so groß, dass man aufdrehte. Michael Jackson. Vorhin war ich ja noch durch die Michael-Jackson-Allee gelaufen. Man liebt ihn und man kann hier wohl nicht gut ohne Lärm sein. Das traditionelle rumänische Essen, das ich bestellte, waren dann Lammspieße und Pommes. Immerhin hatte ich zum Kaffee typische Papanaşi mit Schmand und Blaubeeren. Eine Riesenportion, die ich nicht schaffte.
Es wurde Zeit für ein kleines Mittags… äh… Vorabendschläfchen und so kehrte ich für zwei Stunden ins Hotel zurück. Ich wette, ich kann nachher nicht einschlafen. Egal. Abends hatte ich kaum Hunger und so gönnte ich mir nur ein Stück Pizza auf die Hand. Heute Nachmittag hatte ich übrigens ein Salatblatt dabei, nicht, dass es heißt, ich ernährte mich hier nicht wirklich ausgewogen. Ach ja, und die Frühstückstomate nicht zu vergessen!!
Es ging zum heute letzten Programmpunkt in Bukarest: Auf der Piața Unirii, die am Ende der Champs-Nicolae liegt, gibt es einen Haufen Springbrunnen, die werden wochenends zur Freude der Touristen illuminiert und choreographiert. Ich war bereits um 21 Uhr vor Ort, da sprudelten sie schon schön bunt. Eine Menge Leute waren ebenfalls vor Ort. Um 21 Uhr 20 wurden die Wasserspiele abgestellt. Geraune. Man muss sich übrigens die Masse an Springbrunnen vorstellen, die sich auf diesem Platz verteilt, es sind Dutzende! Um 21:30 Uhr dann die Ansage, es ginge los. Und es ging los! Mit, wer konnte es ahnen, Michael Jackson. Heal the world. Danach folgte ein Oldie, but Goldie nach dem anderen. Und es war spektakulär und wunderschön. Fast schöner als die Wasserspiele in Dubai und Singapur. Einfach, weil es so viele Brunnen waren, weil es so ungezwungen und leicht war und weil Volksfeststimmung herrschte. Kleinkinder tanzten zu Pink Floyds Wall. Man wird übrigens nass, wenn man zu nah an die Brunnenränder geht. Das war ein supertoller Abschluss für den Tag. Solltet Ihr Euch mal hierher verirren, dürft Ihr das keinesfalls verpassen!
Morgen geht es schon wieder zurück in die Heimat. Und ich habe noch keine Kühlschrankmagnete. Herrjeh! Bin gespannt, ob ich das noch auf die Reihe bekomme.
Liebe Grüße aus Bukarest, Euer
Diesen Begriff nehme ich übrigens zu aller Leidwesen in meinen Wortschatz auf. Wie geht es Dir, Gerry? Wow, echt total fruttifresh, danke!
zu Beginn eine Korrektur. Viele (danke dafür) wiesen mich darauf hin, dass das mit dem Bollerwagen und den Vätern ja schon vor ein paar Wochen war. Sie haben natürlich recht, ich blicke bei den vielen Feiertagen nicht mehr durch… 🤣
Und es geht vorerst mit gestern weiter: Die Metro fährt leider nachts nicht so lange, daher musste ich spätabends noch ein wenig durch die Stadt irren, um den Nachtbus zu finden. Dabei lief ich an der Universität vorbei (sehr schön beleuchtet) und hatte ein bisschen Bukarest-bei-Nacht-Feeling. Leider stieg ich dann zu früh aus und musste noch einen dreiviertel Kilometer durch dunkle Gassen irren. Aber die Anzeige im Bus war ausgefallen und ich hatte mich wohl mit den Haltestellen verzählt.
Gestern Abend traf ich übrigens noch zwei Bamberger, die saßen, während ich am Nachbartisch das Tagebuch schrieb, auch im Grill. Als ich ging, konnte ich es mir nicht verkneifen, sie anzusprechen. „Immer diese Deutschen, man kann ihnen nicht entkommen!“. Wir haben dann noch kurz geplaudert, einer von beiden hat sogar in Köln studiert. Die Welt ist klein.
Nun aber das fast wichtigste an jedem Urlaub: Wie war das Frühstück? Ich sachma so… äh… nun ja. Nehmt die rechte der beiden Kaffeemaschinen, der Kaffee ist deutlich wärmer. Und die Tomaten waren gar nicht schlecht.
Um viertel vor 10 musste ich mich am Treffpunkt für den Stadtrundgang einfinden. Den hatte ich schon von zuhause aus gebucht. Aus den vorgesehenen zweieinhalb Stunden wurden mehr als drei, weil wir ein gebrechliches Pärchen dabei hatten, die aber ganz tapfer die ganze Tour bis zum Ende mitliefen. Mir tat nur der Guide leid, der natürlich die Wartepausen irgendwie füllen musste. Aber umso mehr Informationen bekamen wir natürlich; über das Ceaușescu-Regime und die Revolution von 1989, über die Monarchie, überhaupt die Geschichte des Landes. Leider wurde mein ganzes Weltbild über Dracula zunichte gemacht. Vlad, der Pfähler, lebte gar nicht in Transsilvanien, er war aus Süd- Rumänien und an der Stadtgründung von Bukarest nicht ganz unbeteiligt. Insgesamt kann man sagen, dass die Geschichte Rumäniens sehr wechselhaft und interessant ist, es lohnt sich, mehr darüber zu lesen und sich zu informieren.
Der Rundgang selbst startete an der St. Anton-Kirche, der Krönungskirche der Rumänen, obwohl relativ klein, und setzte sich über die Karawanserei Hanul lui Manuc, wo 1812 der Friede von Bukarest geschlossen wurde, fort. Wir sahen Reste der alten Festung, das Kloster Stavropoleos, den architektonischen Stilmix aus Österreich-Ungarn, Paris, sozialistische Brutalismus, postrevolutionärem Wildwuchs in der Altstadt. Es gibt einen Sanierungs- und Renovierungsstau, nicht nur aus Geldmangel heraus, sondern, weil Arbeitskräfte fehlen. Die haben sich quasi alle in den glitzernden Westen verpieselt.
Wir liefen durch schöne Passagen bzw. an solchen vorbei bis zum Platz der Revolution. Hier begann auf dem Balkon der kommunistischen Parteizentrale der Anfang vom Ende von Ceaușescu. Ich war damals 23 Jahre alt und habe die Bilder noch vor Augen. Es wurde ja alles im rumänischen Staatsfernsehen live übertragen, die Ansprache Ceaușescus sollte die Massen eigentlich beruhigen. Wie wir wissen, trat das Gegenteil ein. Das waren wüste Tage! Eine pfeilförmige Stele erinnert an die vielen Opfer der Revolution. Am Platz befinden sich außerdem der ehemalige königliche Palast, der heute diverse Museen beherbergt, das Athenäum, der berühmte Konzertsaal von Bukarest, die Universitätsbibliothek mit der imposanten Reiterstatue von Karol I von Rumänien, sowie diverse andere Statuen und Gebäude von geschichtlicher Bedeutung. Das Revolutionsmonument steht auf einem aus Holzstämmen gebildeten Kreuz und wird von zwei Wänden flankiert, auf denen die Namen der Toten vom Dezember 1989 eingraviert sind.
Wir liefen dann durch zwei schöne Parks, um am Palast des Volkes unsere Tour zu beenden. Hier wurde 1984 in Windeseile ohne Vorankündigung (zur Vermeidung von Protesten) ein gesamtes Stadtviertel platt gemacht, um Ceaușescus Megalomanieträume zu verwirklichen. Außer dem Palast gehörten dazu die umliegenden Gebäude, der Prachtboulevard, die Springbrunnen. Man schätzt, dass 20.000 Menschen von jetzt auf gleich ihr Heim verloren. Der Palast ist nach dem Pentagon das zweitgrößte und es ist zudem auch das schwerste Gebäude der Welt. Donald Trump wollte es nach der Revolution kaufen, Rupert Murdoch war auch interessiert. Michael Jackson wurde auf den Balkon geladen und rief hinaus in die Welt, wie sehr er sich freue in Budapest zu sein. Der Tourguide: „Das war den Menschen egal, sie wollten ihn singen hören und nicht seine Geographiekenntnisse testen.“ Es war wirklich eine sehr informative und sehr kurzweilige Tour. Kann ich jedem nur empfehlen.
Während unseres Spaziergangs empfahl Alex, der Guide, uns ein bestimmtes Restaurant. Es gehört zu den ältesten und angesehensten in Bukarest. Man könne dort sehr preiswert zu Mittag essen. Ich kehrte dort ein, ein preiswertes Mittagsmenü gab es allerdings nicht, dafür habe ich aber ein hervorragendes Steak mit Crevetten auf Spargel mit Kartoffelpüree gegessen. Zu einem alten und angesehenen Preis, wie ich formulieren möchte. Aber für deutsche Verhältnisse fast ein Schnapper!
Ich besorgte noch Knabberkram und Wein fürs Hotelzimmer, das erwies sich als ein wenig aufwändiger als gedacht. In einem Laden wollte man meine Kreditkarte nicht akzeptieren (also das Gerät wollte das nicht), Bargeld hatte ich nicht in ausreichender Menge, in einem zweiten Laden verdoppelte sich auf einmal der Weinpreis, man verstand aber meinen Protest nicht, und erst im dritten Geschäft konnte ich meine Einkäufe erstehen und bezahlen. Ich zog mich für eine einstündige Siesta auf das Zimmer zurück, ich war schon beginnend fußlahm, zudem wollte ich noch duschen, um das Parkett des Athenäums nicht mehr als unbedingt nötig zu odorieren.
Kleines Intermezzo: Ich freue mich ja immer riesig, wenn ich schlauer bin, als Google. Heute morgen wollte mich Maps um 7 Uhr losziehen lassen, damit ich nach 5 Umstiegen gegen 10 Uhr an der Antonskirche ankäme. Ich benötigte durch inzwischen erworbene Ortskenntnisse 35 Minuten ohne Umstieg. Zum Athenäum sollte ich mit drei Buswechseln eine Stunde brauchen. Ich schaffte es mit einem Umstieg in knapp 25 Minuten. Ich hege einen Verdacht: Da sitzt ja niemand in Mountain View und studiert Landkarten und Fahrpläne und überträgt das dann. Ich denke, die Daten werden aus Nutzerverhalten generiert. Sibille und Günther aus Iserlohn möchten in Bukarest von A nach B, sie laufen aber über X, Y und Z. Sie benutzen dabei ihr Google-Handy. Hui, denkt der Algorithmus: Sooo also kommt man dahin. Und ich soll das dann nachmachen. Verschwörungstheoretischer Teil beendet.
Das Ateneul Român, wie das Konzerthaus auf rumänisch heißt, ist 1888 fertiggestellt worden und eine wirkliche Perle, außen wie innen. Heute spielte dort das Philharmonische Orchester George Enescu unter der Leitung von Courtney Lewis Beethovens D-Dur-Konzert für Geige, als Solistin Alena Baeva, und die Enigma-Variationen von Edward Elgar.
Das war seeeehr schön! Das D-Dur ist sowieso mein Lieblingsviolinkonzert von Beethoven (Schenkelklopfer!) und die Enigma-Variationen kannte ich noch nicht, sie gefielen mir aber sehr gut. Das Orchester ist Weltklasse. Mit was für einer krassen Dynamik die da spielten. Die Geigerin muss auch gut gewesen sein, denn das Publikum tobte. Scherz beiseite: Ich konnte mich nicht mit allen Kadenzen anfreunden, aber dass sie arg was drauf hatte, merkte man schon.
Ich steuerte nach dem Konzert „The Vault“ an, eine Bar, die im Luxushotel „Marmorosch“ im Keller zu finden ist. Das Hotel war früher ein Bankhaus und die Bar ist im großen Tresor untergebracht. Die Schließfächer, die riesige Tresortür, alles ist noch da. Es waren allerdings nicht die horrenden Cocktail-Preise, die mich wieder vertrieben, sondern der hämmernde Techno-Sound, der mit 180 Dezibel aus den Lautsprechern knallte. Aber witzig ist das schon.
Ich nahm noch ein Bier im Lipscani-Viertel und machte mich auf den Heimweg. Am Gara de Nord kaufte ich in einer Bäckerei noch Blätterteigteilchen, die aß ich auf dem Zimmer. Sie kamen leider nicht an die von Sarajevo heran, das hätte den Tag perf… ach Quatsch, der Tag war perfekt! Tierisch viel gesehen, gut unterhalten worden, Wein im Hotelkühlschrank. Aber ich bin jetzt auch irgendwie ein kleines bisschen erschöpft. Weiß gar nicht, warum.
Gleich schaue ich noch nach, was ich morgen so treibe (lange schlafen steht schon auf der Tanzkarte!). Treibt Ihr mit?
es ist zur Abwechslung auch mal ganz angenehm, NICHT um 4 Uhr früh zum Flieger oder Zug zu müssen, heute ging es erst um 15:30 Uhr in Düsseldorf los. Wenn einem dabei auch eigentlich ein Tag vor Ort flöten geht. Aber so konnte ich gemütlich zuhause noch Pflanzen gießen, Kaffee trinken, in Ruhe packen, um dann doch gegen 11 Uhr 3o panisch zu werden: WAS, WENN DIE DEUTSCHE BAHN MAL WIEDER VERKACKT???
Der Flughafen in Bukarest ist nach dem rumänischen Physiker und Aerodynamiker Henri Coandă benannt. Das finde ich mal ziemlich sinnvoll, hat es doch mit Fliegerei zu tun. Den Namen „Konrad Adenauer“ für Köln-Bonn fand ich auch schon mal schlimmer als jetzt. Düsseldorf hat seinen Flughafen nach dem berühmtesten Kind der Stadt ben….. ähh… also äh… er heißt Düsseldorf. Immerhin wurde er im Jahr 2013 von Düsseldorf International zu Düsseldorf Airport DUS umbenannt. Hey, wenn Euch im Düsseldorfer Rathaus niemand einfällt, was haltet Ihr denn von Gerrys-Welt-Port?
Auf jeden Fall war meine Sorge unbegründet, die Bahn kam heute pünktlich, auch wenn sie sehr voll war (alles Gute zum Vatertag an alle, die es betrifft), die Sicherheitskontrolle war verwaist und ich war viel zu früh am Gate. Den Bollerwagen mit den Bierfässern durfte ich leider nicht mit durch die Sicherheitskontrolle nehmen.
Im Flieger hatte ich wieder den Nachbarsitz frei, das scheint langsam zur Regel zu werden. Aber ich will mich nicht beklagen, denn das ist ja sehr schön! Aber es war alles andere als ein ruhiger Flug. Die beiden Reihen vor mir waren durch eine Horde junger Männer besetzt, die schon angezwitschert an Bord kamen, und sich vorgenommen hatten, die Getränketrolleys komplett leerzusaufen. Achtung, Spoiler: sie schafften es! Daher wurden sie auch immer ausgelassener. Puh! Wahrscheinlich ein Junggesellenabschied! Auch das scheint mich zu verfolgen.
Vom Flughafen aus fährt ein Zug zum Gara de Nord wo sich mein Hotel befindet. Leider hatte ich einen um gerade mal zwei Minuten verpasst, so musste ich 40 Minuten warten. Das war nur mäßig schön, denn die Bahnhofshalle ist ein in praller Sonne stehender, gewächshausartiger Bau. Die Dame am Schalter hatte nicht genug Kleingeld, um mir auf mein normales Ticket herauszugeben, so einigten wir uns darauf, dass ich für vier Lei mehr in der 1. Klasse fahre. Es heißt dann übrigens 1 Leu, mehrere Lei und der Währungscode ist RON. Umrechnen ist simpel, man muss einfach alles durch 5 teilen.
Der Zug zuckelte unglaublich langsam durch die Pampa, stand ewig am Bahnhof Mogoşoaia (hatte der Zugführer hier noch Abendbrot?), wir brauchten deutlich länger als angegeben. Teilweise fährt der Zug aber auch mitten durch Gebüsch. Abenteuerlich.
Das Hotel ist wirklich sehr nah am Bahnhof und einfach zu finden, der Check-in war unkompliziert, das Zimmer ist großzügig bemessen und mehr als okay für seine 2 Sterne. Ich schmiss meine Plünnen in die Ecke und machte mich sofort auf zur Metrostation, wo ich ein Wochenticket erstand, denn das kostete genauso viel wie eine 10er-Karte. Mein erstes Ziel war das Ausgehviertel Lipscani, ich hatte bisserl Bierdurst. Auf dem Weg nahm ich aber noch einen ersten Blick auf den Palast des Volkes, die Nationalkathedrale und das Kloster Stavropoleos mit.
Auch einen ersten Gesamteindruck konnte ich auf diesem Spaziergang gewinnen. Man spricht von Bukarest oft als dem Paris des Ostens. Es ist auf jeden Fall so, wie ich es mir vorstellte, und doch ganz anders. Es gibt, insbesondere um den Nordbahnhof herum, einige verfallene Gebäude, einige Ecken erfüllen vollkommen das Ostblock-Klischee, aber je weiter man in die Innenstadt dringt, desto parisischer wird es, ja, tatsächlich. Breite Boulevards, bekuppelte Palais, neoklassizistische und historistische Prachtbauten. Eine Pseudo-Seine, die Dâmbovița, gibt es ebenso, wie hier und da kleine Parks. Ich muss jetzt natürlich zugeben, dass ein nur zweistündiger Spaziergang keinesfalls ein abschließendes Bild vermitteln kann, da verspreche ich mir viel von dem bereits gebuchten Stadtspaziergang.
Im Lipscani einen ruhigen Platz zu finden, ist sehr schwierig. Die Gastronomen kakophonieren um die Wette. Ich aß dann fast schon am Ausgang des Viertels in einem Grill, es standen rumänische Würste auf der Karte. Ich bekam dann so etwas wie überwürzte Cevapcici und die Fritten trauerten mit mir und ließen sich sehr hängen. Na, was erwarte ich von einem Touri-Viertel? Das Bier war aber lecker.
So, das waren die ersten Momente Bukarest, ich weiß, viel Anfahrt, wenig Bukarest. Morgen gibt es dann mehr von letzterem. Erkundet Ihr die Stadt mit mir zusammen? Ich würde mich sehr freuen!
Liebe Grüße, Euer
P.S.: Der Pariser Eindruck wird durch die Legionen von Akkordeonisten verstärkt, die das Viertel terrorisieren.
bekanntermaßen habe ich ja seit einiger Zeit Osteuropa für mich entdeckt. Die bisherigen Annäherungsversuche waren in der Regel auch außerordentlich positiv: Albanien, Bosnien, Montenegro (das schon vor 11 Jahren), Ungarn (vor über 40 Jahren), Köln-Dellbrück (vor 30 Jahren eine kurze Amour Fou). Ich beschloss, weitere Orte für mich zu entdecken. So werde ich im September eine größere Balkanrundreise machen. Über Fronleichnam und den Brückentag geht es jetzt aber erst einmal nach Bukarest. Da der Hinflug am frühen Nachmittag und der Rückflug mittags sind, habe ich eigentlich nur effektiv 2 Tage, die ich dort sein werde. Aber ich glaube, für einen mehr als nur oberflächlichen Eindruck könnte das ausreichen. Ihr kennt ja inzwischen mein Reisetempo.
Für den Vormittag des ersten ganzen Tages habe ich schon frühzeitig einen geführten Stadtspaziergang gebucht, am einem Abend bin ich dann in der Konzerthalle Athenäum, wo die Staatsphilharmonie „George Enescu“ ihre Heimstatt hat. Alles andere lasse ich mal auf mich zukommen. Insgesamt war ich überrascht, dass die Sehenswürdigkeiten eher überschaubar zu sein scheinen. Tagesausflug zum Schloss Dracula? Wie das z.B. für Immobilienmakler Jonathan Harker ausging, wissen wir ja aus der Popkultur. Also, eher nö.
Mein Hotel ist in Sektor 1, am Gara de Nord. Ich denke mal, da habe ich gute Anbindungen. Bezahlt wird in Lei, ich meine aber gelesen zu haben, dass der Euro in Rumänien bald eingeführt werden soll. Dennoch: Für mich heißt es wieder umrechnen, kalkulieren, und am Ende doch mit massenweise exotischer Devisen heimzukehren. Ich habe übrigens inzwischen ein Währungs-Sammelalbum angelegt und fühle mich großartig nerdig dabei! Was habe ich früher Briefmarkensammler belächelt.
Ihr Lieben, am Donnerstagabend gibt es die ersten, wahrscheinlich eher kurzen Eindrücke. Wie immer freue ich mich über Eure Begleitung! Wenn ich mal nichts von mir lesen lasse, liegt es wahrscheinlich eher an technischen Problemen, als daran, dass ich mich in Ceaușescus größenwahnsinnigem neoklassizistischem Palast von 1984 verirrte, wo ich fürderhin mit gleichgesinnten Touristen jahrelang den Ausgang suche und wir uns von den Kekskrümeln in unseren Rucksäcken ernähren. Und das ohne W-LAN!!!
Ich freue mich auf unser Wiederlesen am Donnerstagabend! Euer
P.S.: Das Beitragsbild ist erneut KI-generiert und ich habe keinen Dunst, ob das eine einigermaßen realistische Stadtsilhouette darstellt.
P.P.S.: Ach, und Kühlschrankmagneten… So gesehen: Briefmarken können ja ab und zu mal was wert sein.
den ganzen Abend (und die Nacht) spielten die Musikgruppen des Entrada-Spektakels noch, die Trachtenträgerinnen und – träger liefen an meinem Balkon vorbei. Die Stadt vibrierte vor guter Laune. Ich schaute und hörte mir das eine Weile an, aber selbst um Mitternacht war es noch drückend schwül und heiß auf dem Balkönchen, so dass ich mich ins klimatisierte Zimmer zurückzog, die Stadt ausschloss und Morpheus‘ Ruf Folge leistete. Mit Stöpseln natürlich, alles andere hätte nicht funktioniert. Sonst hätte ich nämlich aus ganz anderen Gründen vibriert.
In der Hoffnung auf einen etwas heißeren Kaffee suchte ich mir heute früh ein anderes Restaurant für mein Frühstück aus. Der Kaffee war dann auch 3 Grad wärmer. Hier muss man ein wenig aufpassen, denn in der Karte steht das Frühstück mit 4,30 €, aber das ist das Wochenangebot, am Sonntag zahlt man dann 7,50 €. Immer schön das Kleingedruckte lesen! Dennoch preiswert.
Meine Kollegin C. war sehr angetan von meinen Fotos aus dem mexikanischen Laden und fragte nach, ob ich ihr vielleicht eine Schädel-Tasse mitbringen könne. Daher lief ich nach dem Frühstück erst einmal dorthin. Leider hat das Geschäft sonntags geschlossen. Auf dem Rückweg zur Pension legte ich an der angeblich berühmten Heladería Borgonesse einen Zwischenstopp ein und gönnte mir zwei Kugeln Eis in der Waffel. Eine wirklich saudumme Idee! Das Eis schmolz wie… na ja, wie Eis in der Sonne. Mit Mühe und Not schaffte ich es, mich nicht komplett einzusauen, musste aber auf knapp die Hälfte des Eises dann verzichten. Tipp: bei Temperaturen nahe dem Schmelzpunkt besser ein Becherchen nehmen. Ach, und das Fazit: Joah, ganz okay. Das Haus mit der Eisdiele war übrigens das erste in Alicante mit einem modernen Aufzug.
Ich packte meine wenigen Habseligkeiten, brachte das Köfferchen im Locker-Room unter und verabschiedete mich von der wirklich herzlichen Rezeptionistin, die mir noch alle Türcodes aufschrieb, damit ich später meinen Koffer auch wieder abholen konnte.
Das Eis schmolz ja in wenigen Sekunden, Ihr könnt Euch also vorstellen, wie heiß es schon am frühen Morgen wieder war. Was tun?, sprach Zeus. Ich entschied mich erneut für einen Museumsbesuch. Es traf das MARQ, el Museo Arqueológico de Alicante, wo zur Zeit die Ausstellung „Ciudades de Luz“ läuft. In einem sehr schönen Gebäude untergebracht, eine sehr schöne ständige sowie eine interessante temporäre Ausstellung und das Allerwichtigste: herrlich klimatisiert! Ich hätte das Museum auch zu Fuß erreichen können, gönnte mir aber eine U-Bahn-Karte, denn auch der ÖPNV hier ist klimatisiert. Unverschämte 3 Euro Eintritt knöpfte man mir ab! Das gibt einen bösen Brief an Königs. Hier ein paar Impressionen aus dem Museum (übrigens 2002 von Königin Sofia eröffnet und 2004 zum europäischen Museum des Jahres gewählt):
Nach etwa anderthalb Stunden war ich mit der Besichtigung fertig. Es galt nun, eine kühle Beschäftigung bis zur Abreise zu finden. Ich besuchte erst einmal das Museumscafé, googelte ein bisschen und entschied mich dann für etwas völlig beklopptes: Ich fuhr mit der Straßenbahn, die entsprechende Linie hielt am Museum, nach Benidorm. Ein wirklich bemerkenswert blöder Entschluss? Nicht wirklich. Benidorm ist zwar auf den ersten Blick ganz furchtbar (größte Hochhausdichte pro Einwohner weltweit!), auf den zweiten Blick aber offenbart sich die ganze Hässlichkeit. Naja, es sollte aber eine einigermaßen nette Altstadt geben und ich verbrachte immerhin fast 3 Stunden in der klimatisierten Bahn mit teilweise schönen Aussichten auf die Costa Blanca.
Die schöne Altstadt ist absolut überschaubar. Sie besteht aus einer Handvoll Häuser, zwei Kirchen und einer Aussichtsplattform, Mirador del Castell genannt. Also, ich habe mich für Euch geopfert, Ihr müsste jetzt nicht mehr hin. 🙂 Interessanterweise wird Benidorm aber auch in letzter Zeit mit Preisen überhäuft, da die Stadtverwaltung viele Projekte zur Nachhaltigkeit umsetzt.
Auf der Rückfahrt (übrigens nur 4,60 Euro hin und zurück!!!) fing es dann kurz vor Valencia an, zu regnen. Kurz glaubte ich, das brächte vielleicht Erfrischung… *hysterisches Gegacker*
Nun wurde es aber Zeit, zum Flughafen zu kommen. Fast hätte ich vergessen, Kühlschrank-Magneten zu kaufen. Ich hatte Freitag wunderschöne gesehen, die Dame, die sie handmalte, war aber am Samstag nicht mehr an der gleichen Stelle an der Esplanade. Dann sah ich heute früh auf dem Weg zur Eisdiele ganz nette, fand den Laden aber nicht mehr wieder. Ich holte dann welche am Kiosk in der Nähe der Pension. Profitipp: Sofort zuschlagen, wenn Ihr denkt, es wird nicht mehr besser! Ich leistete mir auch noch eine „HOLA!“, die Zeitschrift für Menschen, die ich nicht kenne über Menschen, die ich nicht kenne. Aber ganz hilfreich, um sein Spanisch aufzupolieren.
Das Gepäck war schnell eingesammelt, die Fahrt zum Flughafen klappte perfekt (halbleerer Bus, wie schön!), die Sicherheitskontrolle war ein Klacks. Ich aß in der Flughafenpizzeria, wo ich jetzt noch bei einem Bier sitze und auf das Boarding warte. Im Moment ist ein pünktlicher Abflug angekündigt und sogar eine um ein paar Minuten zu frühe Ankunft in Köln.
Ich hoffe, Ihr habt ein bisschen Spaß beim virtuellen Mitreisen gehabt, ich habe mich auf jeden Fall über Eure Begleitung gefreut. Es gibt auch keine große Atempause, am Donnerstag geht es nach Bukarest. Seid Ihr auch so gespannt?
Liebe Grüße, Euer
P.S.: Die Pension ist schon klasse, aber nächstes Mal mit Balkon Und eigenem Bad. Hier mein badloses Zimmerchen:
P.P.S.: Jetzt doch 20 Minuten Verspätung… Darauf noch eine Anna…
so eine Pension mitten in der Altstadt hat schon etwas besonderes. Etwas besonders lautes. Sowohl von der Straße als auch aus dem innersten, quasi dem Gedärm des Hauses heraus, so hellhörig ist das hier. Aber das hatte ich geahnt und meine Ohrwunderstöpsel eingepackt. Frühstück gibt es hier ja keins, ich hätte Gutscheine für ein Café in der Nähe ordern können, das hatte ich im Eifer des Gefechts beim Check-in leider vergessen.
Ich suchte mir ein Café drei Häuser weiter, nahm einen halben Liter des gleichlautenden Getränks zu mir, zusammen mit einem Rührei auf Brot, beides leider nur lauwarm, das ist hier so üblich, kehrte zurück zu Pension, machte mich stadtfein… Oh, eine Zwischenfrage aus dem Parkett!? Ungeduscht ins Café? Yep! Erst Kaffee, dann stadtfein! Wie denn sonst? So ging ich auch der Bad-Prügelei aus dem Weg. Wo war ich?… also, machte mich stadtfein und lief zum Zentralmarkt.
Ich liebe Märkte. Aber das ist ja inzwischen hinreichend bekannt. Der Mercado Central in Alicante ist in einer Halle Baujahr 1921 untergebracht, aber er ist bis weit unter die Plaza 25 de Mayo unterkellert. Oben gibt es hauptsächlich Fleisch und Wurst, unten Fisch und Gemüse. Was diese Markthalle von vielen unterscheidet ist, dass es viel weniger Verzehrstände gibt, wo man Austern schlürfen oder Cava trinken kann. Sie ist eben deutlich untouristischer als z.B. der Mercado de San Miguel in Madrid. Allerdings auch nicht so charmant. Aber wenn ich hier lebte, ich wäre jeden Tag im Mercado Central!
Auf der Plaza, deren Name an die über 300 Opfer eines 1938 erfolgten Bombenangriffs während des Spanischen Bürgerkriegs erinnert, die aber auch Plaza de Flores, Platz der Blumen, genannt wird, trank ich dann zwischen lauter Einheimischen einen Cafetito. Zwei Tische weiter saß eine Gruppe, die unter Gitarrenbegleitung lauthals sang und die der Padron verscheuchen wollte, was ihm aber nicht recht gelang, denn irgendwer aus der Runde bestellte dann doch noch irgendeine Kleinigkeit. Für die restlichen Besucher war das ein schönes Spektakel, zumal die kleine Gruppe musikalisch richtig was drauf hatte!
Es war schon um 11 Uhr brütend heiß und schwül, so lief ich in der Hoffnung auf eine leichte Brise zum Meer hinunter. Ich hoffte zwar umsonst, konnte aber eine Menge schöner, neuer Eindrücke gewinnen. Es gibt über die ganze Innenstadt verstreut Kunstwerke, zauberhafte kleine Parks, funktionierende Springbrunnen (Hallo Köln! ) und eine Menge großartiger Häuser zu bestaunen. Allerdings auch mit einigen Bausünden dazwischen. Dazu das Meer, der Yachthafen, Palmen und Pflanzen und blühende Büsche, sowie die mediterrane Lebensart. Alicante scheint auch ein Magnet für Junggesell:innenabschiede zu sein, man kann keine 100 Meter gehen, ohne auf eine ausgelassene Truppe Jungs oder Mädels zu treffen, die lautstark die angehende Braut, den angehenden Bräutigam feiern.
Die Pension verfügt über eine ausgezeichnete Klimaanlage, und so zog ich mich für eine kleine Siesta dorthin zurück, bevor ich mich zum Museum für zeitgenössische Kunst begab. Wie auch das Museum der schönen Künste liegt das MACA (Museo de Arte Contemporáneo de Alicante) nur einen Steinwurf entfernt von der Pension, deren Lage wirklich einzigartig ist. Auch hier ist der Eintritt frei! Also im Museum, nicht in der Pension. Die Zahl der Ausstellungsstücke über vier Etagen ist einigermaßen überschaubar, aber durchaus sehenswert. Wie auch das MUBAG verfügt das MACA über sehr großzügige Räume.
Zwei Kunstwerke haben es mir heute besonders angetan, denn sie befinden sich direkt nebeneinander und sind gerade unglaublich aktuell, obwohl sie aus den 60er und 70er Jahren stammen. Absicht der Kuratoren?
Grenzüberschreitung, Juan Genovés, 1965Die Verhaftung II, Rafael Canogar, 1972
Auf meiner Straßenkarte aus der Pension hatte die Rezeptionistin auch die nicht historische Innenstadt eingekreist, die ich im Anschluss an das Museum besuchte. Ich fände dort auch noch preiswerte, ursprüngliche Restaurants. Es war leider nicht viel los dort, und auch viele der Restaurants hatten geschlossen. Auf dem Weg dorthin kreuzte ich die Rambla, auf der man fleißig dabei war, Tausende von Plastikstühlen aufzustellen. Ich fragte nach dem Grund und erhielt die Auskunft, man starte in die zweiwöchigen Fiestas der „Hogueras de Alicante“, die am 24. Juni ihren Höhepunkt in den Johannisfeuern fänden, bei denen kunstvolle Pappmache-Figuren verbrannt werden. Es beginnt mit der sogenannten Entrada de las Bandas, bei denen sich die traditionell gewandeten, mehr als 170 Gruppen vorstellen, die bei den Umzügen während der Festwoche mitmachen. Gut, so hatte ich schon eine Abendaktivität für heute.
Vorher lief ich – wie gesagt – noch ein bisschen durch die Neustadt, die allerdings sehr unspektakulär ist, und setzte mich anschließend auf ein Bier in einen kleinen Park, wo sich, da alle Tische besetzt waren, zwei Bosnier zu mir gesellten, die natürlich völlig begeistert waren, dass ich kürzlich in Sarajewo und Mostar war; was sie nicht verstanden, dass ich Banja Luka nicht besucht hatte, wo die beiden herkamen. Da müsse ich ja wohl mal hin. Die beiden waren Teil einer 18-köpfigen Junggesellenabschiedstruppe und einer von beiden wirkte auch sichtlich angeschlagen. Sie orderten erst mal Bier für sich und mich und bezahlten auch sofort mein vorheriges. Da musste ich mich natürlich revanchieren. So wankte ich dann schon leicht angezwitschert zum Festival. Politik mussten wir übrigens frühzeitig aus dem Gespräch ausklammern. Beide sehr jung, beide absolute Putin- und Vučić-Versteher und beide resistent gegen meine Argumente. Ist die Jugend von heute irgendwie verloren? Der Krieg auf dem Balkan sei vorbei, sie mögen nicht darüber sprechen. Es sei Geschichte. Immerhin schätzten sie mich auf nur 50 Jahre.
Vor der Parade eilte ich noch schnell in die Pension, um mich frisch zu machen und entdeckte auf dem Weg einen Laden, der sich der mexikanischen Kultur verschrieben hatte. Frida Kahlo war sehr präsent, aber auch kleine Kunstwerke, die an den Día de los Muertes erinnern sollten. Ich war ganz hingerissen! Und kaufte mal wieder eine Skulptur. Ich muss vor meinem Tod noch dafür sorgen, dass all der schöne Kitsch an Liebhaber kommt und nicht durch den Nachwuchs in die Tonne gekloppt wird. Wäre doch zu schade. Das Bild mit Frida Kahlo als Engel hätte ich auch gerne gekauft. Aber wie transportieren? Und wo hinhängen? Möchte jemand vielleicht eine „Sammlung Gerry“ fördern und ein Gebäude bereitstellen?
Die Parade war dann sehr, sehr nett. Schöne Trachten, alle Beteiligten waren mit Begeisterung und Stolz dabei. Die Entrada scheint eine sehr große Sache zu sein, jede Gruppe hatte ihre Schönheitsköniginnen und – prinzessinnen, die alle namentlich vorgestellt wurden. Fast wie Opernball hier. Die Musikgruppen spielten auf unglaublich hohem Niveau, das scheint eine Frage der Ehre zu sein. Denn sorry, die Karnevalsschrammler bei unseren Umzügen vergreifen sich ja auch mal mächtig im Ton, sozusagen.
Irgendwann, so etwa nach der 30. Gruppe, hatte ich dann aber eine Trachtenüberdosis. Da rettete auch die Mucke nichts mehr. Ich begab mich zu Tisch in der Touristenmeile. Ich fragte in einem Restaurant an, ob ich nicht auch Paella für eine Person bekommen könne. Nee, das ginge ja mal gar nicht. Der Einheizer ein Restaurant weiter hörte das und erwies sich als deutlich geschäftstüchtiger. Siéntate aquí, klar geht das hier. Mayor 20 hieß der Schuppen und war deutlich schlechter besucht als die umliegenden Futtertröge. Hm. Die Sorge war unberechtigt.
Ich hatte Zamburiñas, eine Unterart der Kammmuscheln, als Vorspeise, die waren schon mal perfekt! Die Paella de Mariscos war okay, ich glaube aber, ich bekomme sie fast besser hin. Wenn auch nur ein kleines bisschen. Zum Abschluss wählte ich Flan casera, die war der Hammer! Sooo lecker!
Ich saß ziemlich gut, denn durch eine Seitenstraße hatte ich immer noch Blick auf den Umzug und die volle Dröhnung flotter Marschmusik. Die Trachtler, die schon durch waren, liefen dann die Calle Mayor entlang an meinem Tisch vorbei, so hatte ich Gelegenheit, mir die wirklich aufwendigen Kleidungsstücke aus der Nähe anzusehen.
Ihr konntet ja schon auf Fotos sehen, wie beengt die Gassen durch die Restauranttische sind. Plötzlich rannten Rettungssanitäter, laut rufend, an uns vorbei, Passanten zur Seite schubsend. Da muss man erst einmal drüber nachdenken, da kommt ja keine Ambulanz mehr durch. Hier möchte ich dann doch bitte keinen Notfall erleiden.
Zwei Blumenverkäufer trafen sich dann auf Höhe meines Tisches und ich musste bei der Vorstellung kichern, dass sie versuchten, sich gegenseitig zu einer Rose zu überreden. Aber man kannte sich wohl einfach nur.
Also, das war wieder ein proppevoller Tag, aber auch extrem schön! Fast bin ich versucht, in 14 Tagen zum Johannisfeuer wieder herzukommen, aber da bin ich schon in Berlin (da freue ich mich auch schon drauf!). Was schrieb ich vorgestern? Mal den zweiten Blick abwarten. Alicante ist immer noch sehr anders als die anderen mir bekannten spanischen Städte, aber es hat dann doch seine eigene, gewinnende Art. Vor allem Foodies und Party-People kommen hier voll auf ihre Kosten!
Morgen habe ich noch fast einen ganzen Tag. Den werde ich auch voll auskosten. Ich hoffe, Ihr kostet mit.
Liebe Grüße, Euer
Verdad! Stickerei auf meinem XS-Bademantel. Ja, der Bürgermeister ist mein Schwager, woher wissen Sie das?
Weltreisenden wird das Leben echt schwer gemacht. Dauernd müssen sie früh aufstehen, um irgendein Transportmittel zu bekommen. Wie meinen? Ach, das Mitleid hält sich in Grenzen? Püh. Mit Euch rede ich doch gar nicht…
Egal, jedenfalls war ich um 7 Uhr früh am Flughafen Konrad Adenauer (der heute ja fast als linksgrünversifft gelten würde, aber das nur nebenbei). Vor ein oder zwei Reisen fiel mir da mal ein gesonderter Zugang zur Sicherheitskontrolle auf. Zutritt nur mit QR-Code, hieß es da. Hm. Gestern Abend googelte ich dann mal „Zutritt Security CGN“ und fand eine Seite, auf der man kostenfrei ein Zeitfensterchen für einen gesonderten Zugang erhalten konnte. Kostenfrei. Umsonst! GRATIS!!! Ja, wo gibt es denn sowas? Das Fensterlein buchte ich mir. CGN Gateway heißt der Service.
Ob es wirklich etwas bringt? Na ja, man erspart sich das Herummäandern durch die Absperrbänder, von denen ich glaube, dass sie sowieso nur installiert werden, damit das Sicherheitspersonal etwas zu lachen hat. Am Ende landet man bei einer Priority Lane, bei der die Schlange aber genauso lang ist, wie bei allen anderen Checkpoints.
Am Flughafen stach denn wieder besonders die Malle-Fraktion hervor, die grölend Dutzende Biere orderten und mit ihren Bluetooth-Lautsprechern die Abflughalle mit gar seltwürdigen Liedern (?) beschallte. In einem Song am Nachbartisch im Café ging es (wie wahrscheinlich in allen anderen auch) um saufen, saufen, saufen. Zwischendurch das T-Wort sowie das F-Wort. Die, die sich auf bitten und schicken reimen. Nervig. Immerhin, als ich anmerkte, dass das in der Lautstärke nicht jedermanns Geschmack sei, machte man die Musik aus. Was beweist, dass Sauftouristen gut erzogen sind und ich ein grantiger, alter, missmutiger Mann, der nie Spaß hatte und ihn deswegen allen verbieten will.
Quotengetränk zur Ablenkung.
Der Flug war ganz angenehm, ich hatte Beinfreiheit und einen Nachbarsitz frei, nur Angelino-Thorben-Waterblossom vor mir störte die Harmonie durch ununterbrochenes, hysterisches Gekreische etwas. Der Flughafenbus fährt dann in Alicante etwa alle 15 Minuten ins Zentrum, war aber immer hoffnungslos überfüllt; ich musste zwei Busse abwarten, bis ich zusteigen konnte.
Ich war natürlich viel zu früh in der Stadt, um mein Zimmer beziehen zu können, aber ich konnte schon einchecken und den Großteil meines Gepäcks an der Rezeption lassen. Die Rezeptionistin war super freundlich und erklärte mir ganz Alicante auf einer Straßenkarte, die ich dann behalten durfte.
Mein erster Spaziergang führte mich zum Aufzug, der Besucher zum Santa Barbara-Kastell hinaufbringt. Man muss gegebenenfalls ein wenig Geduld mitbringen, nicht viele Menschen passen in den Aufzug und die Schlange davor ist nicht kurz. Das Gelände des Castillo ist riesengroß, man kann dort wunderbar ein, zwei Stunden verbringen, hat einen prima Ausblick auf Stadt und Meer und für das leibliche Wohl ist auch gesorgt. Ich sag mal Prösterken, woll?! Aber ich lief natürlich auch rum. Übrigens, so nebenbei… bringt es eigentlich Glück, wenn eine Möwe auf einen draufsch…?Frage für einen Freund.
Beim Hochkommen war die Schlange zum Lift abwärts schon ellenlang, daher entschloss ich mich, den Fußweg zurück in die Stadt zu nehmen. Das war eine sehr weise Entscheidung, denn man kommt über Treppen und Fußwege automatisch in den oberen Teil des casco antiguo, der historischen Altstadt, und die ist einfach wunderschön. Wunder-, wunder-, wunderschön!!
Ich kehrte auf halber Höhe für einen Teller Muscheln und Pan con Tomate ein und begann mein Tagebuch. Es ist übrigens sehr diesig oder saharastaubig hier (kann das nicht genau sagen), recht bewölkt, aber knalleheiß und schwül. Dazu die Möwenscheiße. Ach nee, das war ja ein Freund… Ich werde also um die exzessive Mitnutzung des Gemeinschaftsbads nicht drumrumkommen.
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Ich lief noch ein bisschen durch das Altstadtviertel, bog zum Meer ab und flanierte die Esplanade entlang. Mein allererster Eindruck von Alicante war, dass es in anderen spanischen Städten schon schöner ist. Insbesondere, weil es nah am Strand wirklich von Touristen wimmelt, von denen auch noch einige halbnackt durch die Gegend laufen, aber auch, weil Alicante auf den ersten Blick nicht in einem so historischen Gewand daherkommt, wie z.B. Barcelona oder Sevilla, und auch nicht diesen unmittelbaren Charme versprüht. Ab dem Besuch der Burg taute ich dann aber auf. Es gibt schon merkliche Unterschiede zu den anderen Städten, z.B. ist in Barcelona ja in jeder Mauerritze ein Souvenirladen untergebracht. Hier ist deutlich weniger Kitsch, dafür mehr Völlerei. Jede zweite Straße ist eine Restaurantmeile. Mal sehen, ob sich der Eindruck auf den zweiten Blick verfestigt.
In der Pension gibt es eine Kühl-/Gefrierkombination für vier Zimmer, das Gemeinschaftsbad teilen sich zwei Zimmer. Ich machte mich also an meine Einkäufe, überfiel einen Carrefour, kaufte Wein und Kekse sowie Wasser und eilte zur Pension zurück, denn ein dringendes menschliches Bedürfnis hatte mich ereilt. Was für ein Drama, als ich feststellen musste, dass meine Mitnutzerinnen das Bad für zwei exzessive Duschorgien okkupiert hatten. Ich verstaute meine Einkäufe und rannte wie ein Wilder zum nächstgelegenen Restaurant. Ich mache es kurz, die Blase ist gottseidank nicht geplatzt.
Jetzt war erst einmal Siesta auf dem Balkon angesagt. Nun, Balkönchen trifft es eher. Ich schaue direkt auf die Außenmauer der Kathedrale, aber das ist jetzt unspektakulärer, als es klingt. Ältere spanische Sakralbauten in den Innenstädten haben ja oft einen eher profanen Charakter. Als die Damen porentief rein waren, machte ich mich dann endlich frisch und zu einem weiteren kleinen Rundgang durch das Viertel auf. Bei meinem hin und her im viel zu kleinen rosa Bademantel schaffte ich es nicht ein einziges Mal, den Flur zu queren, ohne dass mich jemand sah. Tipp: NIEMALS Gemeinschaftsbad auf der anderen Seite des Zimmers! Profitipp: GAR KEIN Gemeinschaftsbad!
Es war immer noch heiß und schwül, warum sollte es sich auch geändert haben, und so beschloss ich nach einem sehr kleinen, aber anstrengenden Rundgang, das Museo de las Bellas Artes Alicante zu besuchen. Liebe Kölner Museen, hier hat man bis 20 Uhr geöffnet, hier ist der Eintritt frei (!!!) und dennoch wartet man mit einer herausragenden Ausstellung auf. Ein wirklich schönes Museum! Fotografieren war nicht erwünscht, daher gibt es keine Bilder.
Ich schaute mir noch die Basilika Santa Maria und die Kathedrale des heiligen Nikolaus von Bari an. Für die Basilika reichte es nur für Außen, denn man wollte 6 Euro Eintritt, dabei war sie nur noch 10 Minuten geöffnet. Die Kathedrale ist eigentlich recht schmucklos, aber dafür, dass sie im Stadtbild eigentlich untergeht, weist sie ein erstaunlich großes Inneres auf. Die Kuppel erinnert ein winzig kleines bisschen an die des römischen Pantheons. Kerzen gab es nur elektronisch, erleuchtet gegen Münzeinwurf. Irgendwie habe ich dann keine Lust dazu, dabei bin ich wahrlich – und das als Atheist – ein Kerzenanzünder vor dem Herrn (man verzeihe mir diesen billigen Witz).
Es wurde Zeit für la cena. Das Abendbrot. Ich erwähnte es bereits, manche Straßen sind eine einzige Fressmeile. Es ist schwer zu beurteilen, wo es gut ist. Daher entschied ich mich für ein Restaurant namens „Gut Essen“. Natürlich auf spanisch, „Buen Comer“. Nur, um diesen Scherz machen zu können. Und das Essen war völlig okay. Der Kellner schloß mich sofort ins Herz, wie alle anderen Gäste übrigens auch, meine Paella Valencia konnte ich nicht bestellen (gab es erst ab 2 Personen) und so nahm ich mit Kalbsragout und Oktopusbein vorlieb. Das arme Ding ist jetzt maximal nur noch ein Eptapus.
Am Nachbartisch nahm ein älteres britisches Ehepaar Platz, er suchte sofort Kontakt. Sie hatten in den 60ern in Deutschland gelebt, sprachen aber kein Wort Deutsch. Ihr Sohn wurde in Aißerlönn geboren. Bis ich da hinterkam, was die meinten! Als die Rede auf „Immigrationsprobleme“ kam, verdeutlichte ich meine Meinung dazu und der Gesprächsbedarf der beiden sank rapide. Sachma, sehe ich aus wie ein Höcke, also wie ein Vollarsch? Sie selbst schwiegen sich den Rest des Essens dann an. Naja.
Die Rechnung war dann touristisch angemessen, aber im Vergleich zu den Tourihotspots bei uns sind die Preise noch mehr als akzeptabel. Ich eierte Richtung Heimat. Die Stadt war inzwischen brechend voll. Tipp: Tut nicht so, als wärt Ihr Spanier und geht erst um 9 Uhr abends essen, denn dann findet Ihr keinen Tisch mehr. Geht, wie zuhause um sieben / halb acht. Da kämpft man noch um Euch als Gast.
Ja, das war dann mal der erste Tag. Ich fand es ziemlich nett, es könnte halt etwas weniger schwül sein. Aber es gibt gut was zu sehen, die Stadt ist insbesondere im Zentrum sehenswert, die Menschen sind schlichtweg freundlich und gelassen und aufgeschlossen. Wobei ich feststellen musste, dass englischsprechende Menschen hier einen Tacken schlechter behandelt werden als Franzosen, Skandinavier und Deutsche. Der Abendkellner sprach mich zuerst auf deutsch an, dann parlierten wir en español. Die Briten neben mir verstand er angeblich nicht. Ich übersetzte und er zwinkerte mir zu. Ist das immer noch ein Ding mit der Armada?
So, ich freue mich über alle, die mich heute begleitet haben/nachträglich begleitet haben werden und ich hoffe, Ihr seid morgen auch dabei, wenn es wieder den Run auf das Badezimmer gibt. Auf dem Plan steht unter anderem der Zentralmarkt! Yummie!
Tantos saludos de Alicante y muchos besos de
So sehen Selfies aus, mithilfe derer man nach Möwenhinterlassenschaften auf dem Kopf sucht…Ich wurde durchschaut!
bei Aldi kaufte ich kürzlich Gutscheine für Blind Booking bei Eurowings, nur um festzustellen, dass sie gar nicht das gesamte Spektrum des „normalen“ Blind-booking-Angebotes umfassen. Es stehen nur eine Handvoll Ziele zur Verfügung und man kann sehr schnell erraten, wohin es denn dann geht. Zudem ist die – auch sonst übliche – Einschränkung von max. vier Wochen Vorlauf gegeben, und als ich dann eine Woche im Juli für Entspannungsurlaub verreisen wollte, war kein Flug in dem Zeitraum verfügbar. Tolle Wurst. Was also mit den Gutscheinen machen? Na, benutzen. So kommt es, dass der Onkel Gerry schon wieder op jück ist, diesmal halt nach Alicante. Für knapp 60 Stunden.
Das Ziel konnte man wie gesagt vorausahnen, was ich versäumte, war vorher die Hotelpreise zu checken. Leisten konnte ich mir bei erster Recherche ein Bett in einem gemischten Schlafsaal mit 16 Betten oder ein Zimmer bei einem privaten Gastgeber mit der Bewertung 2,1/10 bei 67 Bewertungen. Schudder! Beides geht ja gar nicht! Schlussendlich wurde ich aber fündig. Eine Pension wartete mit zentraler Lage auf, mit 8,7 Punkten, allerdings mit Gemeinschaftsbadnutzung. Grmpft. Augen zu und durch. Ich habe ja immer Desinfektionstücher im Gepäck und kann auch mal zwei Tage ohne Duschen und Baden auskommen. In Alicante kennt mich ja gottseidank niemand. Aber bevor Ihr Euch jetzt mit Grausen abwendet: Katzenwäsche ist natürlich drin!
Heute musste ich noch nach Braunschweig, von wo ich erst gegen 21.30 Uhr wieder zuhause ankam. Da hieß es schnell packen, online einchecken und den Wecker auf 5:30 Uhr stellen, denn der Flieger geht gegen halb 9. Vorteil, ich habe fast den ganzen Freitag, und der Rückflug am Sonntag ist so spät, dass ich auch den fast komplett in Alicante verbringen kann.
Also, ab morgen dann wieder spanisches Küstenflair, geplant ist nichts, vorbereitet bin ich auch eher unterdurchschnittlich. Aber genug zu sehen und erleben gibt es, so viel weiß ich schon, M. war schon einmal da und gab mir Tipps. Wie immer würde ich mich über Begleitung freuen. Wenn Ihr abends mal nichts von mir hört, wird das eher an technischen Problemen liegen, als daran, dass ich mich in den malerischen Altstadtgässchen verirrt habe, wo ich mich von nun an als Bänkelsänger von Tapasbar zu Tapasbar hangele, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Liebe Grüße, Euer
P.S.: In Braunschweig frühstückte ich mit einem waschechten Ritter. Er war aber sehr schweigsam. Gottseidank war mein Kollege C. gesprächiger. Mit dem war ich abends vorher auch indisch essen. Draußen auf einer Terrasse. War lecker!
P.P.S.: Und ich hatte im Hotel einen Duschvorhang bei einer Duschwanne von 60x60cm. Sorry noch einmal für die Überschwemmung, aber das geht ja nun auch GAAAR NICHT!
P.P.P.S.: Das Vorschaubild ist KI-generiert, weiß gar nicht, ob es in Alicante so aussieht 🙂