Ihr Lieben,
ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll… es ist ein so unbeschreiblicher Tag gewesen. Aber vielleicht von vorn:
Den Frühstücksraum hatte ich für mich alleine und gestern war es ja, wie man sah, auch an den Touri-Hotspots nicht allzu voll. Was ist hier los? Wenn ich an meine Spanienrundreise letztes Jahr denke, da hat man sich in den Städten um diese Zeit fast tot getrampelt und die Frühstückssäle waren zum Bersten voll.
Geschlafen habe ich leider nicht besonders gut, Kopfkissen und Bett sind mir zu hart, dafür wiegt die Decke etwa 50 kg, aber ohne geht es leider auch nicht, es ist zur Zeit ziemlich kalt in Lissabon. Das Frühstück war aber viel besser als erwartet, in Südeuropa stelle ich mich gerne auf in Folie verpacktes Süßgebäck und eine Tasse schwarzen Kaffee ein, hier hat man sich aber auf mich ein wenig eingestellt. Das finde ich sehr lobenswert! An den allgegenwärtigen Pasteis de nata kommt man übrigens auch beim Frühstück nicht vorbei.




Ich beschloss, den immer noch grauen und nasskalten Tag mit einer kleinen Rundfahrt der Linie 28 zu beginnen, die ich an der Festung kurz unterbrechen wollte. Perspektivwechsel: ich lebe hier und würde gerne zur Arbeit fahren, aber meine Linie 28 ist pickepackevoll mit Touristen! Ja, es ist eine Pest. Ich quetschte mich zwar noch rein, aber dann fuhr die Bahn einfach die nächsten Stationen durch. Ich neige ja etwas zu Panik, wenn es zu kuschelig wird, haute irgendwann auf den Haltewunschknopf und stieg unwissentlich unweit der Igreja de Graça aus. Von da aus hat man einen sehr schönen Blick über die Stadt. Ich zahlte auch noch für den Besuch des Konvents und des Kirchendachs, von dort hat man eine noch bessere Aussicht. Es gab eine kleine Krippenausstellung und ich zündete zwei Kerzen an, eine für mich, eine für Euch. Jaja, das reicht, Ihr seid ja nicht so fegefeuerverdächtig wie ich. Und wie weiland in Palma de Mallorca klarte draußen der Himmel noch ein wenig mehr auf. Gläubig werde ich deswegen zwar nicht, aber schön zu wissen, dass Petrus mich irgendwie mag.








Ich stieg, nachdem ich noch ein bisschen durch das hübsche Viertel streunte, erneut in eine 28, diesmal deutlich leerer und fuhr wieder in die Unterstadt, wo ich den Bus 737 zum Kastell nahm. Das Gelände ist ziemlich weitläufig, die Festung gut erhalten. Spektakuläre Aussichten, ein mäßig interessantes Museum, eine Ausgrabungsstätte und gegen Ende mehrere Tausend Kreuzfahrer. Nein, nicht die aus Jerusalem. Die zwei Riesenschiffe sah man von der Burg aus im Hafen liegen. Ich weiß ja aus Erfahrung, so ab 10 Uhr werden die Passagiere von der Leine gelassen und dann Gottes Gnade demjenigen, der unschuldig im Weg steht. Die Burg ist von mehreren Pfauen besiedelt, die insbesondere rund um das Museum umherstolzieren. Am Eingang sitzt zudem ein Mann, der mit Kaffee Bilder malt. Er wirkt in seiner ganzen Aufmachung wie ein Relikt aus alter Zeit. O Castelo: Ein Muss!








Der Bus, der mich zur Burg brachte, fuhr an der Sé vorbei, der zweitürmigen Kathedrale von Lissabon. Da ich daher wusste, dass es nur bergab geht, lief ich den Weg. Gegen Eintritt kam ich in die Schatzkammer, halbwegs nett, und in die Kirche selbst, diese sehr ansehnlich und groß. Wieder konnte man auf eine Varanda (!) mit Blick auf die Stadt kraxeln. Überhaupt, wenn ich heute eins gelernt habe, dann, dass Lissabon die Stadt der Treppen und dem aufwärts und abwärts ist. Ich habe gerade meinen Plan für die nächsten zwei Tage nicht auf dem Schirm, aber ich hoffe, es hat viel mit Sitzen und Liegen zu tun! Mir tun die Füße weh, da habt Ihr keine Vorstellung von!







Gestern hatte das Wetter mir ja den westlichen Teil der Stadt etwas verhagelt. Ich nahm die 15E und fuhr erneut nach Belem, wo ich zuerst die Única Fábrica dos Pastéis de Belém besuchte (sehr hübsch) und dann das Jerónimo-Kloster samt zugehöriger Kirche. Leute. Der Hammer, und zwar Vorschlaghammer! Selten habe ich ein schöneres, faszinierenderes Bauwerk gesehen. Jeder Quadratzentimeter ein Wunderwerk der Steinmetzkunst! Es ist irgendwie fast 500 Jahre alter Jugendstil. Man kann das nicht wirklich beschreiben. Jede Säule, jeder Pilaster, jeder Deckstein, jede Portikusumrahmung ein Unikat, die sich nahtlos ins Gesamtbild einfügen. Anhand der Fotos kann man erahnen, was ich sagen möchte:









Die Kirche ist in großen Teilen in Restaurierung befindlich, aber ebenfalls sehenswert. Vasco da Gama hat dort seine Gruft, im Kloster haben Fernando Pessoa und Alexandre Herculano ihre letzte Ruhestätte. Fernando Pessoa ist hier ohnehin sehr gegenwärtig, habt Ihr sein Bildnis gestern im Museum erkannt? Später saß ich noch neben ihm im Café A Brasileira.
Durch den Jardim da Praça do Império schlenderte ich zum Entdeckerdenkmal. Im Park selbst sind im Kopfsteinpflaster die Wappen portugiesischer Städte und Inseln eingelegt, auch von Cabo Verde, das schon geraume Zeit unabhängig ist. Portugal hat übrigens eine übertrieben entspannte Haltung bezüglich seiner Kolonisationsgeschichte, wie mir deucht. Das Denkmal ist nämlich erst 50 Jahre alt. Eigentlich ist es ja das Denkmal der Plünderer, Massenmörder und Unterdrücker. Nun ja. Ich nahm den Lift auf die oberste Plattform und hatte, Ihr ahnt es schon, Ausblicke. Diesmal hätte es mich aber fast runtergepustet, es war schon tagsüber windig, aber es wurde immer stürmischer. Gerade, wo ich dies schreibe, toben Boreas, Euros, Notos und Zephyros um die Vorherrschaft in der Stadt.







Mir war nach einem Bier, meinen Plattfüßen nach Pause. So schlug ich mich noch in das Bairro Alto durch, dem Ausgehviertel Lissabons. Tja, tagsüber ist da tote Hose. Kurz überlegte ich, mir einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt am Miradouro de São Pedro de Alcântara zu gönnen, aber es wurde zusehends ungemütlicher und begann auch, zu nieseln. Ich latschte meerwärts, und als es stärker regnete, stand ich vor besagter Büste Pessoas am Café A Brasileira. Ich flüchtete zu einem beschirmten Sitzplatz und bestellte ein Bier und dann noch eins. Das schmeckte ganz hervorragend und wurde in einem ganz tollen Glas ausgeschenkt. Intermezzo: Portugal ist wirklich noch preiswert. Intermezzo Ende. Pointe: Die zwei Biere brachten mich um 20 Euro. Pointe Ende.





Ich nahm die Metro ins Hotel, wo ich überlegen wollte, welches Restaurant in der Nähe ich aufsuchen wollte. Allein, mir wurde fast der Dutt vom Kopf geweht und ich war – wie ich finde zurecht – erschöpft. Ich kaufte mir daher im Supermarkt um die Ecke Käse, Brot und Nüsse. Während ich die mampfe, schreibe ich dies. Kurzfassung Lissabon: Einfach toll! Was für eine interessante, vielfältige, schöne und vibrierende Stadt, die dennoch etwas beschauliches ausstrahlt. Definitiv eine Reise wert und definitiv auch mal für mehr als nur zwei Nächte!
Ja, Ihr Lieben, morgen muss ich sehr früh raus, ich erhielt eine Mail, ich möge mich um 7:15 Uhr an der Passkontrolle einfinden. Keine Ahnung, wo die sein soll. Um 9:15 Uhr geht die Maschine nach São Vicente.
Sehen wir uns morgen auf den Kapverden? Das würde mich sehr freuen. Bis dahin Boa noite und angenehme Träume! Euer

P.S.: Draußen geht die Post ab, es scheppert, Sirenengeheul und Gehupe. Dazu das Pfeifen des Sturms.
P.P.S.: Die Kühlschrankmagnete von gestern waren teuer! Sie kosten sonst überall nur 1 Euro pro Stück. Aber Lissabon ist wirklich ein sehr preiswertes Pflaster, wenn man vom Bier heute absieht. Wein, Restaurants, Brot, Nahverkehr, Gemüse, Fleisch… alles deutlich billiger. Nett ist man hier auch. Man kommt immer ins Gespräch, sei es mit Verkäufern, sei es mit Menschen in der Straßenbahn. Ich hatte mich ja eigentlich schon für Spanien als Ruhesitz entschieden, aber jetzt denke ich, es ist nicht verkehrt, auch weiter portugiesisch zu lernen. 🙂
P.P.P.S.: Die Lisboa-Card, dazu wollte ich ja auch noch etwas sagen. Kosten 51,- Euro, je 10 % Nachlass in der Gnadenkirche, in der Kathedrale, in den besuchten Museen, völlig freier Eintritt ins Kloster (sonst 18 Euro mit Anstehen), die Burg (15 Euro mit Anstehen), das Entdecker-Denkmal (10 Euro), dazu drei Tagestickets Nahverkehr à (ich glaube) 7 Euro. Für mich hat es sich gelohnt. Preislich schon, aber noch mehr, nicht ständig anstehen und / oder Karten ziehen zu müssen.
P.P.P.P.S.: Und hier noch ein paar Fotos… zu jedem hätte ich einen dummen Spruch oder einen Kommentar parat, aber jetzt bin ich zu müde 🙂










