Tag 1: Die Anreise

Riga bei Nacht

Labvakar, Ihr Lieben!

Wie immer glaubte ich, viel Zeit zu haben, um zu packen, die Blumen zu gießen, den Kühlschrank aufzuräumen und die berühmten Kleinigkeiten zusammenzusuchen, die ins Handgepäck kommen, zumal der Flug erst um 18:10 Uhr ging; aber wie üblich stellte sich heraus, dass die Zeit viel zu knapp bemessen war. Immer, immer ist dann doch Hektik.
IMMER!

Ich fuhr relativ frühzeitig los, da die Busse Samstagnachmittags gerne Verspätung haben, und ich nicht wusste, was am Flughafen los ist. Diese Entscheidung war ganz klug, denn die Sicherheitskontrolle war völlig unterbesetzt und die Schlange reichte dreimal um den Block. Es hat bestimmt 30 bis 35 Minuten gedauert bis ich durch war.

Es hieß dann, wir müssten durch eine Passkontrolle, was mich sehr gewundert hat, ist Riga doch meines Wissens nach im Schengengebiet. Aber als ich an der Reihe war, ging es nicht weiter und es entstand etwas Hektik; man erklärte mir, es gäbe eine „Situation“. Scheinbar ist ein junger Mann durch die Kontrollen in den Sicherheitsbereich gerutscht, der dann geräumt werden musste. Ich ahnte ganz übles. Aber gottseidank stellte sich heraus, dass die Sicherheitsleute so schlau waren, uns zu einem anderen, benachbarten Gate zu bugsieren, da wir ja gar nicht in den gesicherten, passkontrollierten Bereich gehen mussten. Aber ich frage mich natürlich schon, wie das passieren kann. Kommt ja wohl öfter vor.

Was schlimm war, war der Besuch der Flughafentoilette. Das habe ich so noch nicht gesehen. Ich erspare die Einzelheiten.

Ich denke ja, dass alle drei geschilderten Flughafenprobleme die gleiche Ursache haben. Geiz. Personalkosten sparen. Und dann sich wundern, dass so viel nicht klappt.

Man soll die Notausgangstür nicht öffnen, wenn der Flügel brennt!

Wir flogen pünktlich ab, und landeten auch pünktlich. Der Rigaer Flughafen ist sehr überschaubar und in Windeseile ist man am Bus 22, der einen in 30 Minuten in die Stadt bringt. Nur hier verlief ich mich ein wenig in den schmalen, kopfsteinbelegten Gassen (der Rollkoffer schimpfte ein bisschen) und fand das Hotel dank irreführender Navigation durch Google Maps erst nach mehr als 20 Minuten, obwohl der Fußweg mit 7 Minuten ab Bushaltestelle angegeben war.

Das Konvent, in dem ich untergebracht bin, ist, wie der Name schon sagt, ein altes Kloster. Der Empfang war sehr freundlich, aber das Zimmer als *** Superior zu bezeichnen, spottet jeder Beschreibung. Es ist eine abgewrackte Suite. Naja, immerhin eine Suite. Mit einer Miniküche, einem Vorraum mit Schreibtisch und – naja – nennen wir das Möbelstück mal Couch und einem Schlafzimmer mit sehr spartanischen Möbeln.

Der Konventhof mit mir völlig unbekanntem Menschen.
Nichts auf dieser Welt ist schlimmer als ein leeres Hotelzimmer…. (Nena, geb. Gabriele Susanne Kerner)

Aber die Lage ist hervorragend und ich konnte sofort zu einem ersten Erkundungsgang durch Riga aufbrechen. Riga ist sehr, sehr laut. Überall gibt es Straßenmusikanten die um ihr Leben trommeln, trompeten, kreischen und in die Tasten und Löcher diverser Instrumente hacken und pusten.

Ein Elvisimitator aus einer Rock’n’Roll-Bar beschallt einen ganzen Platz. Es ist sehr, sehr voll. Eine Kneipe reiht sich an ein Restaurant reiht sich an eine Kneipe reiht sich an ein Restaurant und so weiter und so fort und alles ist gut besucht.

PAAAADYYYYY

Und Riga ist offensichtlich auch ein Hotspot für Jungesell/inn/en-Abschiede und in Aggression ausartende Kegelclubtouren. ?

Als erstes wollte ich mir fürs Hotel eine Flasche Wein besorgen und vielleicht ein Bier zum kaltstellen. Aber, zu meinem Entsetzen, wird in Lettland ab 10 Uhr abends kein Alkohol mehr verkauft. Zu dieser Thematik habe ich in meinem Südafrika-Tagebuch schon einmal etwas geschrieben, deswegen werde ich meine Schimpftirade hier nicht wiederholen. Aber ich halte zeitlich beschränkte Verkaufsverbote nach wie vor für absolut unsinnig, da ich jetzt auf einem schönen Platz unter Bäumen sitze und dort Bier trinke.

Der Autor in Partystimmung!

Das nächste Mal packe ich mir auf jeden Fall drei Flaschen Wein in den Koffer, egal wohin ich fliege, da man ja nie weiß, ob man am Reiseziel etwas bekommt.

Schwarzhäupterhaus

Aber die ersten Eindrücke von Riga sind sehr schön. Es hat sehr viel Altstadtflair und viele alte Gebäude, von einigen weiß ich zwar, dass sie restauriert und wieder aufgebaut wurden, aber so gut, dass es wie das Original aussehen soll. Es gibt aber auch viele alte Baustruktur, die sehr interessant ist. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf meine morgige Stadtführung, die ich entweder mit einem Führer machen werde oder mit einem hop-on-hop-off-Bus; das werde ich kurzfristig entscheiden.

Rigaer Dom? – „Rigas Dome“ steht da. Aber es ist „nur“ das Rathaus.

Inzwischen bin ich in meinem Zimmer, es ist 1 Uhr 30 Ortszeit in der Nacht und ich habe das Vergnügen, das „Tims Mints“ gegenüber nicht nur zu sehen, sondern es insbesondere auch zu hören. Ich bin offensichtlich in einer Partystadt gelandet. Aber es gibt ja Stöpsel.

Vielleicht seid Ihr dann ja morgen wieder dabei.

Labu nakti un saldus sapņus.

Euer Gerald

Habe ich gemacht….
… jetzt fühle ich mich etwas seltsam.

Prolog: 1 Auto, 2 Wochen, 3 Länder…

Liebe Virtuellmitreisendenpersonendieichsosehrschätze!

Samstagabend geht es ins Baltikum. Und da jemand, dem ich das vor einiger Zeit schon berichtete, daraufhin von seinen wundervollen Reisen nach Kroatien schwärmte, hier noch einmal zur Richtigstellung: Das Baltikum liegt etwa 1500-2500 Kilometer Luftlinie vom Balkan entfernt, je nachdem, welche Ausgangspunkte man wählt. Zu Fuß kann die Entfernung auch 40000 Kilometer betragen, je nachdem, welche Route man wählt :-).

Warum das Baltikum? Ich glaube, dass auch und gerade da das junge und gute Europa wohnt! Wie eigentlich auch in vielen anderen europäischen Ländern. Aber Estland, Lettland und Litauen sind zeitlich noch sehr nah an ihrer nicht immer friedlichen und fremdbestimmten Geschichte. Und sind daher vielleicht – hoffentlich – klüger als die Nationalisten, die sich wieder auf ihr Nationalstaatentum besinnen wollen.

Zudem strotzt die Region vor Geschichte, Schönheit und Vielfältigkeit, wenn man Erzählungen und meinem Reiseführer glauben darf!

Mein Start- und Zielort der vierzehntägigen Autorundreise wird das lettische Riga sein, wo ich für die ersten drei sowie die letzte Nacht der Reise auch schon ein Hotelzimmer gebucht habe. Die Tage dazwischen werde ich mich spontan entscheiden, wo ich Halt mache. Das estnische Tallinn, das litauische Vilnius. Die kuhrische Nehrung und der Berg der Kreuze – beide in Litauen. Alles angedachte Stationen. Aber auch Tartu, Pärnu, Trakai und vielleicht sogar Saaremaa. Schon jetzt weiß ich, dass jedes Land alleine mehrere Wochen Besuch verdient hätte!

Etwa so könnte die Route aussehen. Wie eine skeptisch nach Osten schauende abstrakte Figur. Sie kann aber auch aussehen wie irgendetwas beliebig anderes, da mein Programm sehr ambitioniert ist. Wenn ich ein Land oder eine Teilstrecke nicht schaffen sollte, ist das aber kein Beinbruch für mich.
(Karte von google maps)

Ich würde mich freuen, wenn Ihr mich hier auf dieser Reise begleitet. Ich versuche wie üblich, jeden Tag etwas über meine Erlebnisse zu schreiben. Sollte ich mal einen Tag nichts posten, liegt das eher an einer mangelnden W-LAN-Verbindung, als daran, dass ich mich in einem der zahlreichen Nationalparks verirrt habe und dort nun als Beerensammler mein Überleben sichere.

Also, hoffentlich bis bald!

Euer

Tag 3: Kunst, Kiez und Kultur

Tach och!

Heute war im Frühstückssaal der Teufel los. Die Schlange an der Kaffeemaschine ging bis zum Brandenburer Tor. Auch die Tische waren alle besetzt. Also nahm ich mir meinen Saft und meinen Obstsalat und zwei Steineier und setzte mich an die Bartheke. Dort wurde ich umgehend von einer Mitarbeiterin in Obhut genommen, die für Filterkaffee und Milch sorgte. Also, wie gesagt: das Personal ist knorke!

Nach dem Frühstück fuhr ich zum Kunstmarkt am Zeughaus. Dort war ich schon oft und habe auch ab und zu etwas erstanden. Diesmal war mal wieder eine Skulpur ganz interessant, aber ick weeß ja jar nüscht mehr, wohinne mit dem janzen Zeuchs!

Ich schmiss mich in die Buslinie 100 und machte im Doppeldecker den anderen Sehenswürdigkeitentrip: Bundestag, Haus der Kulturen (schwangere Auster), Schloss Bellevue etc. Das lief besser als gestern mit der 200, da nicht so viel Verkehr war. Aber die Stadt quillt über vor Touristen. Reichstagskuppelbesuch? Die Schlange vor dem Ticketschalter ging bis zu unserem Hotel, wo sie sich mit der Kaffeemaschinenschlange vermischte.

Mr. President is in dä house!

So lavierte ich mich bis zum Kurfürstendamm durch, den ich dann auch mal hoch- und wieder runterflanierte. Der Berliner Standort der GRS residiert da ja. Das Haus hat eine wunderschöne neue Tür bekommen. Am Ku’damm selber gibt es, wie auch in Mitte, unglaublich viele Baustellen. Presslufthammerbernhard hat hier ein gutes Auskommen.

Ich fuhr dann nach Kreuzberg zur Bergmannstraße. Inklusive Marheineke Markthalle. Ich mag diese Ecke sehr. Vor der Markthalle ein kleines Bier in der Sonne gehört irgendwie zu meinem persönlichen Pflichtprogramm. Es gibt tolle Läden in der Halle. Einer meiner Favoriten ist der Gewürzstand. Ich glaube, es gibt nichts, was die nicht haben. Ich muss mal herausfinden, wo es etwas vergleichbares in Köln gibt.

Fresstempel auf der Bergmannstraße

In der Gegend gibt es übrigens auch ganz tolle Friedhöfe, wer so etwas besichtigen mag. Mit Mausoleen und Grabengeln und Schmiedeeisen. Ich finde die bemerkenswert.

Am Ende der Bergmannstraße, auf dem Mehringdamm, gibt es die berühmte Currywurstbude 36. Auch diese unglaublich stark frequentiert. Aber ich verrate Euch mal ein Geheimnis: Die Wurst schmeckt wie fast überall anders. Aber Berlin ohne Currywurst essen? Das ist wie Heirat ohne Ringe…

Mit der U-Bahn gelangte ich zum nächsten Ziel. Dem „Weinbrunnen“ auf dem Rüdesheimer Platz. Winzer aus dem Rheingau dürfen dort von Mai bis September eine Weinbude betreiben, um die es auch schon etwas Spektakel gab. Die Anwohner mögen den Trubel nicht so wirklich. Ich trank dort einen leckeren Spätburgunder Rosé, wozu ich mich aber auf eine Mauer setzen musste. Denn alle freien Plätze wurden von grimmigen Menschen belegt, indem sie einfach Tische deckten, Lebensmittel drauf abluden und alle verscheuchten, die sich setzen wollten, bis die Saufkumpaninnen und -kumpane eintrafen. Ein trauriges Bild, das sich da bot. Ein Ehepaar versuchte an einem nahe bei mir derart okkupierten Tisch mit dem Tischzerberus zu diskutieren, er könne ja nun nicht… Oha. Es ergoss sich ein Schwall Unflat über das arme Paar. Also: Am besten Klapptisch und Klapphocker mitnehmen. Ersatzweise am frühen Morgen eindecken!

Der Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz

Es ging zurück ins Hotel, um vor dem letzten Berliner Tagesordnungspunkt noch ein bisschen auszuruhen. Wieder nahm ich meinen Nichtputzenwein zu mir, um mich dann auf den Weg in die „Scheinbar“ aufzumachen.

Die Scheinbar ist ein Varieté-Theater, das häufig sogenanntes „Open stage“ anbietet. Bei dieser moderierten Veranstaltung treten Künstler auf, auch schon bekanntere, die jeweils 7 Minuten Zeit haben, ihr Talent zur Schau zu stellen. Ich hatte am Vorabend telefonisch eine Platzreservierung vorgenommen und ich sollte bis 19 Uhr 30 da sein, um die Karte abzuholen. Leider war ich etwas im Zeitverzug, so dass ich ca. 10 Minuten drüber war. Ich hatte schon Sorgen, denn das Konzept sprach deutlich dafür, dass da der Papst im Kettenhemd boxt und meine Karte anderweitig vergeben wurde. Zumal das Theater über keine 50 Sitzplätze verfügt und Stars wie Hirschhausen, Barth und Krömer hier angeblich ihre Anfänge hatten. Doch, zu meiner großen Überraschung, war nur knapp ein Dutzend Zuschauer da. Was für die Künstler natürlich sehr schade ist. Wir wurden auch alle gebeten, uns so weit wie möglich nach vorne zu setzen, der Optik von der Bühne aus wegen.

Meine Eintrittskarte – ganz geknickt, dass es so schnell vorbei war…

Der Moderator nannte sich DrPop und er hat seine Sache sehr gut gemacht. Er und in Folge andere Darbieter sprachen ein paar Leute im Publikum an, und eine Ida aus Münster und ich waren dann die erwählten Daueransprechpartner. Aber das war vollkommen ok, da nichts unter die Gürtellinie ging. Alle Künstler hatten irgendetwas. Sie waren entweder grandios witzig oder skurril oder musikalisch; es wurden ein paar Klischees bedient (Immigranten-Comedy) und ein paar bärtige Witze zum Besten gegeben. Aber es war ein toller, kurzweiliger Abend, der ausgeschenkte Auxerrois war super und die zwei Stunden gingen rum wie nix. Also: Eine ganz klare Empfehlung für einen Berliner Kleinkunstabend! Sagt einfach, „Gerald schickt uns“!

Tja, und nun ist auch diese kleine Tour wieder vorbei. So schnell geht das. Die Bahnen morgen sind allesamt ausgebucht, aber ich hatte vor einer Woche für einen Frühzug und einen Nachmittagszug je noch eine Reservierung vorgenommen. Aber ich werde wohl früh fahren, da ich Chaos befürchte und nicht mitten in der Nacht daheim ankommen möchte.

Nächste Woche bin ich wieder in Berlin, mit Erika zusammen zum Abschlusskonzert der Philharmoniker auf der Waldbühne. Da freue ich mich sehr drauf, die Waldbühne ist in positivstem Sinne speziell.

Allet Jute aus Berlin! Schön, dat ihr dabei wart.

Euer Gerald

Was das Schicksal stattdessen wohl bereit hielt?
Ein einziges Sojagemetzel!

Tag 3: Kultur, Kommerz und ein bisschen Yoga

Een mooie goede avond!

Die Abreise nahte. Wir wollten aber noch jede Minute nutzen, um möglichst sinnvolle Dinge zu tun. So fuhren wir zu einer Werft mit einem Riesenflohmarkt, wo es aber offiziell gar keine Riesenflöhe gab und einer Künstlerkommune, deren Ateliers aber allesamt geschlossen waren.

Doch zuvor mussten wir mehrere logistische Kapriolen schlagen. Zuerst war es den Frühstücksmenschen nicht gelungen, unsere diversen Frühstücke getrennt auf die Zimmer zu buchen, was das Auschecken etwas verzögerte. Dann wollten wir ja weder unser Gepäck in der Pension lassen (zu viele Umwege), noch es die ganze Zeit mit uns herumschleppen. Die Lösung hieß „lockerpoint“, einem Fahrradreparaturladen, der elektronische Schließfächer anbietet, und das recht nah am Bahnhof. Nunja, früher hat man zwei Mark in den Schlitz geworfen und den Schlüssel rumgedreht, heutzutage muss man sich mit Email registrieren, sich einen Code ausdenken und die Kreditkarte belasten. Brave new world….

Wir „Hoteliers“ trafen uns mit den „Amsterdamern“ am Bahnhof und nahmen die NDSM-Fähre zur gleichnamigen Werft. Auf dem Weg gibt es einige interessante Gebäude zu sehen. Unter anderem ein torähnliches Hochhaus, in dem jemandem ein Apartment – zugegebenermaßen über zwei große Etagen und mit Pool – 24 Millionen Euro wert war, ein Haus, das einem Containerschiff nachempfunden war, oder das Botel, ein Hotel auf einem Boot, wo scheinbar sogar die Buchstaben bewohnbar sind (siehe Foto).


„Ich kaufe ein O“

Der Flohmarkt liegt dann sehr nah an der Anlegestelle und man sah schon von weitem, welche unglaublichen Ausmaße er hatte. Aber man sah auch, dass er sehr klamottenlastig war. Die Überraschung war dann, daß es eine Eintrittsschlange gab. Denn man wollte 5 Euro Eintritt haben. Eintritt. Für einen Flohmarkt, wo man ja möglicherweise etwas zu kaufen gedachte. Bis auf Jasmina verloren die ohnehin nicht besonders motivierten flohmarktinteressierten eben das namensgebende Interesse.

Wir verabredeten einen Zeit- und Treffpunkt und sieben von uns schlenderten dann durch die Atelierhallen, wo es trotz der Abwesenheit von Künstlern ganz interessant war. Traurig war ein Vogel, der aus einem Nest gefallen war, das unter dem Fabrikdach hing. Er quiekte erbärmlich, aber keiner von uns brachte es fertig, ihn zu erlösen. Womit denn auch?

Schräg gegenüber der Hallen gab es dann eine Art schönen, schrägen, spacigen Biergarten. Dort ließen wir uns nieder, informierten per WhatsApp Jasmina über unseren Standort und chillten bei abwechselnd Sonne, Nieselregen, Kälte und Hitze. Ein sehr wechselhaftes Wetter hatten wir.

Mit der Fähre ging es dann zurück in die Stadt, wo Jasmina und Monika ihr Gepäck aufsammelten, da sie einen früheren Zug als wir hatten. Die restliche Schar machte noch einmal die „9 straatjes“ unsicher, aber ohne die niederländische Wirtschaft anzukurbeln. Meine Skulptur erntete nur kollektives Kopfschütteln und Ruths Jeansjacke war dann doch ein bisschen hochpreisig für die gebotene Ausführung.

Es gab auf dem Weg noch Straßenfeste und den internationalen Tag des Yogas. Amsterdam bietet einem wirklich etwas, besonders wahrscheinlich den leidgeprüften Anwohnern. 🙂

Wir „kurbelten“ dann lieber direkt in einer Wirtschaft und nahmen einen Absacker vor der langen Rückreise. Diese Wirtschaft hatte es in sich. Kunden fielen laufend die steile Treppe herunter, Gläser wurden zerdeppert und Menagen von den Tischen gerissen. Wir waren an all diesen Aktionen NICHT beteiligt!

Natürlich gab es einen tränenreichen Abschied und natürlich war die Bahn zu spät. Aber wir kamen in Köln an und hatten ein wunderbar langes Wochenende hinter uns, an das wir alle bestimmt lange denken werden.

Die ursprüngliche WhatsApp-Gruppe wurde von „Wir fahren nach Amsterdam“ in „Wir fahren nach Brügge“ umbenannt und jetzt bin ich mal sehr gespannt, wie lange die Gruppe diesen Namen trägt.

Au revoir en Bruge, mes amis!

Euer Gerald

P.S.: Auf diesem Hochhaus gibt es eine Schaukel, die „over the edge“ heißt. Wer möchte?

Malbec heißt übrigens rückwärts gelesen Ceblam! Ist das nicht gespenstisch? Das lässt einem die Haare zu Berge stehen!

Tag 2: Schippern, shoppen und schlemmen

Welkom opnieuw, geneigde virtuele reisgenooten!

Zu allererst heute einmal eine kurze Hotelkritik. Homeland liegt super, hat einen ganz tollen Style, es gibt diese tolle Terrasse, das unglaublich nette Personal und den Aufzug. Und das Zimmer. Das Zimmer ist etwa so groß wie der Aufzug, aber dafür wesentlich schneller. Wie, was das bedeuten soll? Das muss man vor Ort erleben.
Gut, es ist ein Einzelzimmer. Und es ist ein Guinnessbuch-der-Rekorde-Aufzug. Naja, man schläft ja nur da. Also, im Zimmer, nicht im Aufzug. Dafür gibt es ganz tollen Kaffee zum Frühstück. Ich würde wieder dort buchen, aber ein DZ zur EZ-Benutzung. Und Treppensteigen ist ja bekanntlicherweise gut für die Kondition. Wie, Sie haben das jetzt nicht ganz verstanden? Rufen Sie mich halt einfach an. Ist halt ein Insider. Ist halt manchmal so. Ohjeh, ich muss mal an mich halten mit dem „halt“.

Heimlandpension

Heute wollte uns eigentlich eine Freundin von Otto vom Hotelanleger abholen und mit uns in ihrem Boot durch die Grachten schippern. Leider erfuhren wir gestern Abend, dass sie das aufgrund familiärer Ereignisse nicht tun konnte. Sie bot Otto an, ihr Boot zu steuern, was dieser aber nicht so gerne wollte, wofür wir alle vollstes Verständnis hatten. Nach einer etwa zweiminütigen Diskussion beschlossen wir einstimmig, ein Boot zu mieten. 3 Stunden für 120 Euro. Wenn mal alles so unkompliziert in unseren Parlamenten liefe!

Schwanengracht

Nach dem Frühstück versammelten wir uns gegen 11 Uhr auf dem Anleger. Das Wetter war nicht soooo dolle und es nieselte auch ein wenig. Wir erfreuten uns an einem Schwanenpaar mit Nachwuchs, das von Matrosen eines Dreimasters verköstigt wurde. Ehrlich? Ein Schwan mit Brut, der nach meinen Fingern schnappt steht nicht wirklich weit oben auf meiner Wunschliste. Ich fürchte, ich bin manchmal zu ängstlich. Denn die Bootsbesatzung hat in toto überlebt. Ohne Fingerverlust.

Alle drauf? Manche Selfies erfordern schwerste Konzentration!

Otto und Rolf, die das Bötchen erst etwas außerhalb abholen mussten, schipperten dann bald vorbei und nahmen uns an Bord. Vorbereitet war ein kleines Buffet aus Käse, Wurst, Cräckern und Getränken und los ging’s. Ich bin ja gebürtiger Hamburger (ein Muschelschubser) und denke, dass da etwas in meinem Blut liegt… Wasser und Boote? Ja, passt, muss ich machen! Ich liebe es! Und es war toll!

Otto navigierte uns durch die Grachten, es war ein Fest. Fast konnte man denken, er sei aus Amsterdam. Äh… ooops. Ist er ja auch irgendwie…. Manchmal ließ er sogar Markus oder Monika ans Lenkrad. Aber immer wenn wir hysterisch aufschrien (Eisberg und so), griff er korrigierend ein. Wir sind wirklich enorm viele Grachten langgefahren. Und manchmal haben wir unter Brücken verbotenerweise ein bisschen gejohlt. HUUUUUUP! Interessant war, dass die professionellen Schiffer uns manchmal absichtlich scharf schnitten. Otto erklärte die Hackordnung auf Ij, Amstel und Prinsengracht: Kreuzfahrtschiffe – Ausflugsboote – Mietboote – Tretboote – Schwimmer – Fische. Apropos Boote: Wir hätten alle gerne ein Hausboot in Amsterdam! Wir suchen noch nach Sponsoren!

So eins vielleicht?

Also, ich versuche ja, bestimmten Erlebnissen nicht allzu viel Raum zu geben in meinen Berichten. Aber das war der Hammer! Das war mega! Das war toll! Das würde ich gerne jeden Tag machen! Eine kleine Kreuzchenfahrt mit tollen Menschen und einem kalten Glas gegorenem Traubensaft. Und nein, genau deswegen war ich nicht am Steuer.

Kurz vor Ablauf der Zeit legte Otto nah der Innenstadt an und entließ uns zum vielgewünschten Tagesordnungspunkt „Shoppen“. Er brachte mit Rolf das Boot zurück zur Anmietstelle und wir vereinbarten, uns in einem Restaurant zu treffen, das sie uns per WhatsApp noch mitteilen würden. Nach einem kurzen Spaziergang traf die Meute auf die erste Boutique. Da ich ein Deja-vu hatte (in Istanbul und Rom wurden schon viele Shops von Teilen der Gruppe überfallen!), empfahl ich mich und zog auf eigene Faust los.

Über einen Flohmarkt, auf dem ich mit einem Maler über seine Werke sprach und heute bereue, nicht etwas gekauft zu haben, weiter über Zugbrücken, an Kirchen und schönen Häusern vorbei zog es mich in die „9 straatjes“. Dort gibt es schöne Galerien, kleine Restaurants, Boutiquen und dergleichen. Aber alles sehr ausgesucht. Ich hätte beinahe eine witzige Skulptur gekauft. Aber ich hätte nicht gewusst, wohin damit.

Es kam dann irgendwann per WhatsApp die Ansage, wir träfen uns zuerst im Schwulenviertel für ein Vorglühbier im „Taboo“, um dann in der Nähe bei dem Italiener „Saturnino“ essen zu gehen. Draußen war die Bar pickepackevoll, so dass wir drinnen unsere Getränke nahmen. Wir hatten es vorher auf der anderen Seite versucht, aber dort mochte man keine Gäste haben. Kundschaft? Igitt! Dann der Italiener. Ganz tolle Mannschaft, super Essen und ein Missverständnis. Ein Missverständnis?

Rolf erzählte uns, dass die Niederländer es mit Geburtstagen nicht so ernst nähmen. Man könne durchaus mal ein paar Tage vorher feiern. Und irgendwie wurde das auch am Tisch noch thematisiert und schwupps! bekam Otto unter Gesängen ein Wunderkerzentiramisu gebracht, obwohl er erst am Montag wirklich 42 Jahre alt wird. Oder 43 . Oder irgendwie sowas.

Nach dem Essen gingen wir zurück zur Bar, wo wir durch diplomatisches sowie durch hintertück’sches Geschick bald einen Tisch sowie sukzessive Hocker für alle Beteiligten eroberten.

Irgendwann trennten wir uns auch dort wieder und es kam – nach einer Tramfahrt – zum inzwischen fast ritualisierten, ja, ich möchte meinen traditionellen Absacker auf der Hotelterrasse. Ich weiß – wir sind ja in einer Nachschau und nicht in einer Liveshow – gar nicht mehr, ob die Schützenrunde aus Kierspe an diesem oder am vorherigen Abend uns so irritiert hatte. Man wollte uns ein Gespräch aufdrängen, dass keiner von uns wirklich willens zu führen war. Aber es hat unsere gute Laune nicht wirklich gestört.

Wie? Skandale? Die Skandale werden vermisst? Naja, immerhin haben sich Menschen aus unserer Gruppe in aller Öffentlichkeit geküsst! Igitt! Viel wichtiger ist: Die Shopping-Gruppe war äußerst erfolgreich und hat viele tolle Schnäppchen ergattert!

Morgen gibt es dann den Bericht zum Amsterdamer Sonntag. Und ich verspreche nicht zuviel, wenn ich behaupte, es gibt Action, Drama und Romantik.

Dus tot morgen!
Uw Gerald

Also, melde Dich… ?

Tag 2: Berlin – Keine Erfahrung, sondern eine Erlatschung

Eenen wundascheenen juten Abend, die Schaften!

Gestern Abend war ich im „Il mondo“ essen, da es in der Nähe des Hotels liegt und laut Google ein gutes Restaurant ist. Ich bekam auch einen Tisch auf der Terrasse, obwohl die gut besucht war und ich alleine einen Vierertisch belegte. Leider, aber dafür kann das Restaurant nix, guckt man auf Baustellen und Dixie-Klos. Dafür war das Essen ganz lecker.

Mit dem Hotel bin ich auch ein bisschen versöhnt, weil die Mitarbeiter fast alle sehr nett sind. Zwar war beim Frühstück das Brötchen heute besser als das von gestern, aber dafür erhielt ich heute den Beweis, dass die gekochten Eier hier die Diamanten als härtesten Stoff der Welt abgelöst haben. Eine 11 auf der Mohs-Skala!

Das Wetter war heute wieder als durchwachsen angegeben, aber ich traute mich im Frühlingsfummel und ohne Jacke raus. Das war auch gut so, denn trotz teilweiser Bewölkung war es sehr schwül.

Hackescher Markt

Mit der Bahn wollte ich dann erst einmal so lange in die Stadt reinfahren, bis mir die Haltestellenansage etwas entlockte. Das war dann beim Hackeschen Markt der Fall. Prima, so dachte ich, dann kannst Du da vor den S-Bahn-Bögen einen schönen Kaffee schlürfen. Aber da hat mir Presslufthammer-Bernhard einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und zwar der, der dazu auf einer Art Bagger sitzt. Echte Berliner Touristen stört das nicht wirklich, viele haben dort ihr Frühstück eingenommen. Aber mir war das zu ungemütlich. Also beschloss ich per pedes einfach loszulaufen.

Über die Friedrichsbrücke, an den Museen der Museumsinsel vorbei, über „Unter den Linden“ zum Gendarmenmarkt, wo ich das erste Mal auch in einen der Dome reinschaute (unspektakulär), durch einige Passagen (Quartier 205 ist ganz nett) über die Galeries Lafayettes, wo ich eine zumindest preislich höchst exklusive Limonade konsumierte, dann mit Umwegen zum Brandenburger Tor, wo ich in eine Demonstration geriet, von der ich aber nicht verstand, wogegen die war, da etwaige Forderungen dort in einer mir unbekannten Sprache skandiert wurden.

Alte Nationalgalerie
Quartier 205
Ein Tor in Berlin

Da ich gerade so in Fahrt war, lief ich auch direkt noch durch den Tiergarten, auch das eine Premiere. Der ist ganz hübsch, hier und da Statuen und Inselchen und Flüsschen. Viel Volk unterwegs, gerne im Fahrradpulk, da Sightseeing per pedales jetzt wohl gerade schwer angesagt ist. Es gibt im Tiergarten neben in Stein gehauener adliger oder künstlerischer Prominenz auch einen Steinkreis mit Steinen aus 5 Kontinenten. Eine Tafel erklärte, was es damit auf sich haben soll. Leider so verschwurbelt, dass man es kaum versteht. Irgendwas mit universellem Frieden.

Wilde Tiere im Tiergarten

Ich bog ab Richtung Landwehrkanal und geriet in das Botschaftsviertel. Leute, Leute. Da sind ja Bauten dabei. Die arabischen Emirate z.B. haben versucht, einen orientalischen Palast nachzubauen. Ob das wirklich schön ist, müssen Ästheten unter sich ausmachen. Auch Vertretungen der Bundesländer haben dort ihre Bleibe. Hinter diesem Viertel gelangte ich zum Lützowplatz. Selten habe ich eine so hässliche Parkanlage gesehen. Die Beete mit Metallzäunen eingezäunt, ein paar sehr traurige Skulpturen, alles zubeschildert. Schade.

Kunst kann durchaus auch deprimieren…

Über den Wittenbergplatz, wo ein kleiner Markt stattfand, lief ich zum Breitscheidplatz. Hinter der gerade teilweise eingezäunten Gedächtniskirche gibt es eine Erinnerungsinstallation an den Terroranschlag vom 19. Dezember 2016. Da läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Ich besuchte übrigens auf dem Weg hierher auch die Neue Wache, die ja auch ein Mahnmal ist. Auch dort bekam ich Gänsehaut, als ich die Tafel links des Eingangs las. Nun, diesmal war auf dem Breitscheidplatz ein Spargelfest. Alles umbaut mit LKW-Stopp-Anlagen. Sehr traurig.

Ich kaufte mir an einer der Buden ein Bier und setzte mich in eine Loungeecke. Von dort aus hatte ich einen prima Blick auf den Wächter der Pachtoilettenanlage, der nicht eine Sekunde still sein konnte. Wenn er nicht mit seinen 50ct-Kunden sprach, schwadronierte er mit sich selber. Alles mit „Berliner Schnauze“. Ich würde mal sagen, das ist wohl so eine Art Berliner Original.

Alex

Vom Bahnhof Zoo nahm ich dann die Linie 200 zum Alexanderplatz. Die 200 gilt neben ihrer Schwesterlinie 100 ja als Sightseeingbusalternative, weil beide viele Sehenwürdigkeiten auf der Strecke haben. Aber irgendwie war das dann doch kein sooo toller Plan, da der Bus a) sehr voll war und b) auch viel Verkehr herrschte und wir ewig brauchten. Vom Alex aus war ich dann aber mit der U5 wieder ruck-zuck in meinem Hotel.

Nach einer kurzen Verschnaufpause, in der ich u.a. meinen Gratiswein zu mir nahm (wenn man aufs Zimmerputzen verzichtet, bekommt man ein Getränk aufs Haus) und ein bisschen vor mich hin geglotzt habe, wollte ich zum Abendessen zu einem anderen Italiener in der Nähe. Vorher brauchte ich aber noch Wein aus dem im Gebäude befindlichen Supermarkt. Und dort verkaufte ein junger Mann mit Schweinebraten und Kassler belegte Brötchen. Das duftete so gut, dass ich von jeder Sorte eins nahm und dies als Abendbrot verzehrte. Saftig und lecker, eine gute und recht preiswerte Entscheidung! Gleich gucke ich mir noch einen netten Film an (man hat hier im Hotel ein paar kostenfreie Filme zur Auswahl. Nee, nicht, was Ihr wieder denkt!!!) und dann war auch dies ein gelungener Tag für mich.

Morgen will ich mal nach Kunstmärkten gucken, abends ist dann Kleinkunst angesagt.

Tschökes mit ökes, wa!?

Euer Gerald

Auch noch morgen: EIn Termin für eine Spange
Wenn man nachts mal eine Fressattacke bekommt… oder tagsüber… oder irgendwann…

Tag 1: Die *hicks* Anreise

Goede dag, lieve lezers!

Nun aber mal mit dem notwendigen Ernst, wie es tatsächlich war…

Schon im Vorfeld haben wir natürlich Vorbereitungen für unsere Doppelkopfreise nach Amsterdam getroffen: Prosecco im Selbstversuch verkostet, Programme ausgearbeitet, Otto nervös gemacht, ein Hotel gebucht und Bahnfahrkarten gekauft sowie 6 Plätze im ICE an zwei gegenüberliegenden Tischen reserviert. Nur Jasmina konnte noch nicht fest buchen, da es noch wegen des Jobs und wegen Nordmann, ihrem Hund, Dinge zu klären gab. Irgendwann waren aber auch diese Dinge geregelt und sie konnte noch einen weiteren Platz an unserem Tisch ergattern. Inzwischen hatte sich auch eine ahnungslose, arme andere Gestalt dort einen Platz gesichert, nicht wissend, welche Hölle ihm bevorstand.

Die glorreichen Sieben – Nummer 8 wartet ja schon in Amsterdam

Am Freitag, dem 14. Juni ging es dann mit Verspätung von Köln aus los. Wir hatten reichlich Proviant dabei, man kennt das ja mit der Deutschen Bahn. Man muss vorbereitet sein! Auf der knapp dreistündigen Fahrt konsumierten wir 5 Flaschen Sekt (eine Mitreisende hatte nur zwei Gläschen!), vier Pakete Würstchen, Dutzende von Brezeln sowie Erdbeeren, gezuckert und mit Triple Sec vor dem schnellen Verderben konserviert. Ja, Vitamine sind wichtig. Mit Erdbeeren im Sekt macht man aus jeder Sauftour quasi eine Gesundheitsreise.

Unser 8. Rad am Wagen war übrigens mit großer Geduld gesegnet. Und man muss dazu auch sagen, das wir bei weitem nicht die schlimmste Gruppe im Zug waren. Ich sach nur Junggesellenabschied! Gänsehaut. Malträtiert haben wir außerdem die Zugbegleiterin. Sie musste heiteres Pärchenraten spielen. Eine etwas undankbare Aufgabe, wie ich finde.

In Amsterdam angekommen, wurden wir von Otto mit viel Geherze und Geknutsche in Empfang genommen. Er war ein bisschen traurig, dass wir keine bunte Kühltasche dabei hatten, die er hätte für uns tragen können. Das hat er nämlich auf unserer gemeinsamen Reise nach Lüttich mit großer Hingabe getan.

Abbey Road in Amsterdam. Wer findet die Deutschen?

Auf dem Weg zu unserer Pension Homeland machten wir einen ersten touristischen Stop im Schiffahrtsmuseum, dessen Glasdach im Innenhof ein architektonisches Schmuckstück ist. Wir haben es dann auch ausreichend bewundert. Im Homeland checkten wir nur kurz ein, machten ein bisschen Katzenwäsche, tranken am Anleger des Hotels noch ein Aufwärmgetränk (wir hatten ja schon so lange nichts mehr gehabt) und begaben uns dann auf den Weg zu Ottos Domizil. Mit Stop an einem Museum. 20 Minuten Fußweg bis dorthin. Man merke sich bitte diese Zahl. Sie ist magisch!

Schönes Schifffahrtsmuseumsdach
Fast noch schöneres Schifffahrtsmuseumsdach

Auf dem Weg machten wir – wie schon vorab beschlossen – Halt in der Kirche „Ons‘ Lieve Heer op Solder“, die besterhaltene In-house-Kirche Amsterdams. Solche Art Kirchen wurden eingerichtet, da man den Katholizismus zwar irgendwie duldete, aber in der Öffentlichkeit nicht wirklich wahrnehmen wollte. Diese Kirche ist nun ein Museum. Mit dem sehr informativem Audioguide wirklich einen Besuch wert, erstens wegen der interessanten Geschichten über die Bewohner/Betreiber dieser Kirche (u.a. der deutsche Kaufmann Jan Hartmann) als auch vor dem Hintergrund des nicht einfachen Zusammenlebens konkurrierender Religionen im 17. Jahrhundert.

Dies ist KEIN Callcenter!

Eine Ausstellung des israelischen Künstlers Eran Shakine „A Muslim, a Christian and a Jew“, die sehr humoristisch Gemeinsamkeiten der Religionen aufzeigt, vervollständigte den Besuch der Kirche unter dem Dachboden.

Bei inzwischen strahlend blauem Himmel liefen wir dann zu Ottos Domizil im Stadtteil Jordaan. „Das dauert 20 Minuten“. Seine Wohnung ist toll. Wir aperitivierten auf der Dachterrasse und konnten uns nur schwer dort wieder lösen, da es so schön und bequem war. Aber Otto hatte einen Tisch bei einem Argentinier bestellt, wohin wir uns dann auch aufmachten. Wir aßen sehr gut dort, sehr fleischlastig meinerseits, aber man geht ja auch nicht zum Argentinier, um dann Sojasprossensalat zu verzehren. Nicht wahr, liebe Rohkost-Ruth? Hach, immer diese blöden Insiderwitze…

Amsterdam bei Kaiserwetter

Es gab dann noch einen Absacker bei Otto auf dem Balkon. Vorher aber klingelte er bei sich nebenan an und wir durften Teile des dort befindlichen… nun ja, eben nicht Seniorenheims im klassischen Sinne besichtigen. Zwei Dutzend Menschen im Ruhestand leben dort in Gemeinschaft mit drei jungen Studenten, die dort preiswert wohnen dürfen, dafür aber im Gegenzug Hilfestellung leisten. Das Gebäude und der Garten sind wunderschön. So kann Altsein auch sein.

Auf dem Weg nach Argentinien. Ich übe, den Bauch so weit wie möglich rauszustrecken. Ganz schön anstrengend, diese Übung!

Da der Heimweg mit 20 Minuten abgeschätzt wurde, fuhren wir nach einem ersten tollen Tag mit der Straßenbahn dann wieder ins Hotel, wo ein Großteil der Gruppe dann noch einen oder zwei Absacker nahm. Rolf blieb natürlich bei Otto.

Was es jetzt mit den 20 Minuten auf sich hat? Naja, das ist eine erfundene Zeiteinheit. Das ist wie Gleis 9 3/4. Gibt es halt nicht. Schon gar nicht, wenn Schuhläden auf dem Weg liegen oder man einen Sachverhalt etwas genauer diskutieren muss. Man muss dazu nämlich stehenbleiben, sonst klappt das nicht. 🙂

Mehr Skandälchen gäbe es dann morgen wieder.

Tot ziens!

Euer Gerry

Kannst Du bitte einmal im Leben ein bisschen Würde zeigen?

Prolog: Dans le port d’Amsterdam

Beste mensen!

Schon Jacques Brel besang Amsterdam in einem sehr schönen Chanson. Übrigens ebenso wie Brügge. Was das jetzt für dieses „postume“ Tagebuch bedeutet (denn die Reise liegt schon fast eine Woche zurück) wird später aufgeklärt.

Dieses Tagebuch wird wahrscheinlich mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Es ist nichts anderes als ein schonungsloser Enthüllungsbericht über die höchst verwerflichen Unarten meiner Mitreisenden. Alle in einem Sumpf aus Alkohol, Glücksspiel (DOKO, eins der widerlichsten Spiele überhaupt!) und zu viel Urlaub versinkend und andere in diesen Morast hinabziehend. Einige haben sich nicht entblödet, sich öffentlich zu küssen! Es ist beschämend!

Die Recherchen und Erstellung von Gedächtnisprotokollen zu dieser Skandalreise erfordern etwas Zeit und Aufwand. Daher haben Sie etwas Geduld mit der Rekonstruktion!

Sollten Sie in den nächsten Tagen hier keine Einträge mehr vorfinden, hat mich der Mob wahrscheinlich schon in seinen Fängen und ich bin rettungslos verloren! Dieser ist nämlich bemüht, eine umfassende Aufklärung des Skandals mit allen Mitteln zu verhindern!

Ihr Gerry (ich habe ANGST!)

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!!

Juten Tach ooch!

Nun ja, es müsste ja eigentlich heißen „ich fahre nach Berlin“. Noch richtiger wäre „ich fuhr nach Berlin“, denn ich bin ja nun schon da!

Ick liebe Bärlin!

Gestern hörte ich mal fast sofort nach Ende der Kernzeit auf zu arbeiten, um um 16 Uhr 48 den ICE nach Berlin zu nehmen, aber nicht ohne vorher noch Reiseproviant einzukaufen. Im Bahnhofs-REWE war es pickepackevoll, so dass mein großzügig bemessenes Zeitfenster mir ausreichend Zeit zum Schlangestehen ließ. Zwei überteuerte Wraps und eine Flasche Pinot Grigio zum – oho – Normalpreis wanderten in mein Reisegepäck.

Der Zug selber wurde in Köln bereitgestellt, so dass er auch pünktlich startete. Aber: er war ebenfalls pickepackevoll, und alle Plätze waren reserviert (schlaue Menschen tun das!), so dass es zu tumultartigen Szenen unter den Passagieren kam, weil sich Reisende und deren Gepäck auf den schmalen Gängen türmten. Jawohl, auch die Reisenden türmten sich! Die halbherzigen Durchsagen der Zugleitung, man möge doch sein Gepäck so verstauen, dass die Gänge passierbar blieben, sorgte immerhin für entspannende kollektive Erheiterung. Wir benötigten dann schon eine Stunde nach Wuppertal. Mein Sitznachbar hatte extra den Zug gewechselt, da seiner schon verspätet war und er sich erhoffte, auf Umwegen schneller zum Ziel (Hannover) zu kommen. Tscha…. Aber immerhin hatte er einen der reservierten Plätze ergattert, auf die keiner Anspruch erhob. Und er war sehr nett, so dass ich auch Glück hatte, denn manchmal hat man ja schlimme Sitznachbarn (siehe Flug nach Bangkok in 2018).

Irgendwie kamen wir dann aber in Berlin an – in Hannover bekam ich dann eine Sitznachbarin, die auch schon eine kleine Odyssee hinter sich hatte und mitten auf der Strecke in einem Kuhdorf aus ihrem bayerischen ICE aussteigen musste – und das nur mit 40 Minuten Verspätung. In Hannover hatten wir nämlich auch noch etwas ungeplanten Aufenthalt wegen eines randalierenden Fahrgastes, der durch die Bundespolizei aus dem Zug entfernt werden musste.

Woran man randalierende Fahrgäste erkennt? Skulptur aus dem Museum in der Kulturbrauerei.

Vom Hauptbahnhof aus war ich in fastnullkommanix im Hotel. Achtung, jetzt kommt Köln-Bashing! Liebe KVBler: Fahrt doch mal nach Berlin und guckt Euch da an, wie Nahverkehr funktioniert. Man steht nicht etwa 45 Minuten dumm in der Gegend, weil nix kommt. Nee, da schwuppt alles! Wie übrigens auch in Hamburg! Wie wahrscheinlich überall auf der Welt, außer in der Stadt, in der noch alles joot jejange hätt! KVB-Bashing beendet.

Das Hotel ist stylisch, aber die Zimmer sind sehr klein und haben keine Schränke. Zwischen Bett und Fernseher hat man geschätzte 3 cm Platz, um sich durchzuzwängen. Selbst Twiggy hätte hier Probleme gehabt.

Mein Zimmer ist über dem ersten „e“…

Nach einer trotzdem guten Nacht und einem der Prospektaussage („einmalig gut“) widersprechenden Frühstück (der Kaffee super, Obstsalat okay und Tetrapack-Rührei und steinharte Weizenbrötchen zum wegschmeißen) setzte ich mich in die S-Bahn nach Potsdam, um das Museum Barberini zu besuchen; es regnete nämlich. Die Austellung wurde neu aufgebaut, daher gab es nur eine kleine Ausstellung in der obersten Etage zum Thema Künstler der DDR. Die meisten Namen kannte ich gar nicht, aber es war eine sehr kleine, konzentrierte und gut gemachte Schau. Der wiederaufgebaute Palast Barberini sowie der Alte Markt mit Rathaus, Stadtschloss, Nikolaikirche, Obelisk etc. sind ein schöner Rahmen.

Das Bild von Bernhard Heisig heißt „Die schöne Jugendzeit“. Ich finde, da passe ich gut hin. So als Kontrapunkt.

Inzwischen kam die Sonne durch und ich stieg in der Nikolaikirche auf den Turm, wo ich grandiose Ausblicke hatte. Beim Betreten der Kirche kam ich rechtzeitig zu einer sehr spärlich besuchten Andacht, es wurde ein Psalm gesungen und gebetet, und nach dem Abstieg hatte ich ein kleines Orgelkonzert fast für mich alleine. Aus der Badinerie von Bach die Arie und der Hochzeitsmarsch aus Mendelssohn Bartholdys Sommernachtstraum, sehr gut interpretiert und schnell und wuchtig vorgetragen. Nicht so bräsig, wie bei vielen Interpreten.

Rechts die Nikolaikirche
Turmblick

Von der Nikolaikirche lief ich dann in den Schlosspark, guckte mich dort nur ein bisschen um (ich war ja schon mehrmals da) und besuchte dann die Innenstadt. Also, was hat die sich verändert, seit ich vor ca. 25 Jahren das erste Mal dort war. Ein Kleinod, trotz Karstadt und McDonalds. Mit vielen Restaurants dazwischen und alles sehr pittoresk.

Sankt Sorgenlos
Potsdam City

Von Potsdam aus fuhr ich, einem Ratschlag meiner Freundin Ruth folgend, in die Kulturbrauerei im Kiez Prenzlauer Berg. Dort befindet sich ein DDR-Museum, das wohl vom Haus der Geschichte betrieben wird und mit viel Interaktion das Leben in der DDR, nein, nicht erklärt oder erläutert, sondern zeigt. Mit Gegenständen, Ton- und Schriftdokumenten. Sehr lohnenswert und toll gemacht! Eine Fotografienschau von Daniel Biskup mit Aufnahmen von 1990 bis 1995 im Nachbargebäude ist auch sehenswert.

Caravan der Sonderklasse

Mit der S-Bahn ging es dann wieder zurück nach Friedrichshain, wo mein Hotel ist und ich gerade diese Zeilen schreibe. Inzwischen ist das Wetter wunderbar und ich werde versuchen, irgendwo auf irgendeiner Terrasse irgendetwas zu essen zu bekommen. Irgendwie. 🙂

Pläne für morgen habe ich noch nicht, aber es ist ja auch mal nett, einfach nur so in den Tag hineinzuleben. Wenn Ihr mögt, gibt es morgen dann Neues aus der Hauptstadt.

Euer Gerry

„Wie wohl das Wetter morgen wird…?“
„Weiß auch nicht, bin skeptisch.“

Tag 5: Reiseschlussverkauf

Ihr Lieben. ♥

Fünf Tage sind rumgegangen wie nix. Aber es waren fünf sehr spannende und schöne Tage.

Heute früh habe ich mich lange mit einem Mutter-Sohn-Gespann unterhalten, das gestern ankam. Die bleiben etwas länger und wollen auch mal nach Essaouira und ins Atlasgebirge fahren. Könnte ich mir auch gut vorstellen.

Bevor ich mein Zimmer um 12 Uhr räumen musste, führte mich mein erster Spaziergang wieder in die Souks, da ich eventuelle Souvenirs noch verstauen wollte. Ich kaufe aber nur etwas grünen Tee mit Minze.

Der Einmachglas-Souk

Nach dem Packen schlug ich mich Richtung Süden zum Badi-Palast durch. Dabei kam ich an einer Art Fotoschrein des Königshauses vorbei. Man verehrt die Familie sehr.

Der Badi-Palast hat sich gelohnt. Eine sehr schöne Ruine, auf deren Mauern Dutzende Störche hausen, ein paar Gelasse mit kleinen Exponaten aus Kalligraphie und Kartographie sowie eine Minbar aus dem 12. Jahrhundert. Minbar, nicht Minibar, wie die Autokorrektur gerade meinte. Das ist ein Art Predigerthron.


Am Place des Ferblentiers kam ich dann doch noch zu meinem Thé royale, diesmal aber zum Preis von 30 Euro pro Kilogramm statt der 200 von vorgestern. Ich erstand 300 Gramm. Auch Sandelholz erwarb ich noch günstig.

Auf meinem Weg zurück wurde ich in einem Vierpersonentheaterstück Ensemblemitglied. Schauspieler 1 erzählte mir von der einmaligen Gelegenheit, echten Berbern bei ihrer Handarbeit auf dem nur heute stattfindenden Berbermarkt zuzuschauen. Er hielt den ihm scheinbar unbekannten Schauspieler 2 auf. „Bring meinen Freund mal Richtung Berbermarkt, aber ohne Geld, verstanden?“. Der brachte mich dann tief in mir unbekannte Souks fast ohne Touristen und lieferte mich beim Berberchef xy (Acteur No. 3) ab, der in einer Gerberei residierte. Dort hätte ich gegen Gebühr Fotos machen dürfen. Habe ich dann nicht und dann ging es auch schon nur noch um Geld. Ob ich denn jetzt gar nichts zahlen würde? Was das denn solle? Ich sagte, absolut nicht, da ich mich geneppt fühle und drehte um.

Immerhin habe ich so mal eine Gerberei gesehen. Stinkt ganz schön. Und wenn von Anfang an einer gesagt hätte, komm, gib mir 5 Euro, dann führe ich Dich rum… okay. Aber so ist das doof. Liebe ehrliche Marrakeschis, wenn Ihr angepflaumt werdet, obwohl Ihr nur freundlich sein wollt, dann liegt das an diesen… Schelmen.

Jetzt sitze ich im Riad im Innenhof, warte auf den Transfer und dann war es das auch schon wieder.

Es war eine tolle Reise, das Riad war sehr gut, das Essen echt lecker und die Marokkaner sind in der Regel sehr hilfsbereite und sympathische Menschen. Schade, dass das keinem auf der Stirn geschrieben steht.

Aber es ist definitiv ein Wiederherkommort. Was macht ihr denn z. B. alle so an meinem 55. Geburtstag 2021? ?

Im September würde ich mich über Eure virtuelle Begleitung während meiner Autofahrt durchs Baltikum freuen. Bis dahin allen alles Liebe und Gute.

Euer Gerald