Ihr Lieben,
kann man in Zeiten der Trauer zur Normalität zurückkehren? Ja, man kann, denn die Normalität verändert sich durch Verluste, sie ist nicht statisch. Als meine Großmütter, die ich sehr liebte, als Tanten und Onkel, Freunde und Freundinnen starben, da veränderte sich jedes Mal meine Normalität. Sie waren nicht mehr Teil meines Lebens. Bei meinem Vater fällt mir die Akzeptanz zwar besonders schwer. Er bleibt aber immer Teil meiner veränderten Normalität. Ich werde ihn, wie alle oben genannten, nicht vergessen.

Ich weiß gar nicht mehr, was seit der Beerdigung alles passiert ist. Es war so viel! Mein Bruder Oliver hat im Elternhaus ein großes Grillen veranstaltet, mit fast allen Nichten und Neffen und einem sehr guten Freund der Familie. Normalität. Es war gut so. Ich habe mehrmals mit einem Freund meines Vaters telefoniert, der wegen einer Reise von seinem Tod nichts mitbekommen hat. Er wolle mit mir das Grab besuchen. Elke war bei mir zu Besuch, wir haben ebenfalls gegrillt. Diesmal ohne Nora, der wäre das zu heiß unter meinem Dach gewesen. Ich war mit Ruth in einer Ausstellung, die keine Ausstellung war. Ich habe mit Rolf einen Besuch in Barcelona verabredet. Ich habe mit Freunden eine Schiffsreise für August 2027 gebucht. Ich habe gekocht, ich habe gearbeitet, ich habe meine Alltagsroutinen durchgespielt. Normalität. An einem Abend mittendrin in all diesen Aktivitäten hatte ich eine Art Nervenzusammenbruch. Vielleicht war es auch keiner, ich kenne mich mit so etwas nicht aus. Ich möchte das auch nicht weiter ausführen. Ich habe dumme Dinge gedacht und gemacht. Nix schlimmes. Nur ein bisschen die Kontrolle verloren. Normal.

Anfang September bin ich eine knappe Woche bei Rolf (hatte ich erwähnt, dass ich eigentlich ab Freitag auf Malle gewesen wäre?, das habe ich storniert), meine Autoreise nach Italien mit Benjiro im Oktober steht noch, im August 2027 gondele ich den Douro runter. Oder rauf. Und wieder runter oder rauf. Ich freue mich darauf, es ist quasi die Ägypten-Truppe.

Die Ausstellung, in der ich mit Ruth war… ja, wie soll man das beschreiben, ohne sarkastischen Unterton? Ich formuliere es mal à la Gertrude Stein: Eine Ausstellung ist eine Ausstellung ist eine Ausstellung. Was war passiert? In meinem Bluesky-Eintrag dazu formulierte ich es so:
„Heute war ich im Kölnischen Stadtmuseum, um die Ausstellung über Olga Oppenheimer zu sehen. Ich wartete auf Ruth und las schon einmal die 5 Informationsposter. Sie kam, wir zahlten den Eintritt (5€) und fragten, wo denn die Ausstellung sei. Man verwies uns auf die 5 Poster.“
Naja, wir waren dann noch im „Sattgrün“, einem veganen Selbstbedienungs-Restaurant, das uns ausnehmend gut gefallen hat. Nur die Tische könnte man mal von Zeit zu Zeit abwischen. Ach, der Gerry. Immer was zu kritteln.



Was habe ich sonst so verbrochen? Ich habe mir einen Grill für den Balkon gekauft, den ich selbst zusammenbauen musste. Der Grill wiegt 3 Tonnen, davon sind 2,9t Schrauben, alles klar? Ich wollte in 30 Minuten fertig sein, ich brauchte eine Stunde.
Dann habe ich mir einen Kaffee-Vollautomaten bestellt. Ich war ja mal mit einem Melitta-Modell so unzufrieden (ich habe es mit drastischem Verlust weiterverscherbelt), dass ich mich nie wieder getraut hatte. Was soll ich sagen, ich habe mir einen Preis-/Leistungssieger der Stiftung Warentest bestellt, der fast 100 Euro herabgesetzt war und bin total zufrieden mit der Kiste. Sie ist ein bisschen herrisch (Neues Wasser! Kaffeesatz entsorgen! Bohnen nachfüllen! Auslauf spülen! Milchkanne säubern! – fehlt noch Entkalken!), aber da gewöhnt man sich dran. Ich habe ernsthaft die KI nach der besten Bohne für die Maschine befragt. Und lasse mir jeden Tag per Ponyexpress frische irische Weidemilch bringen. Nein, das ist natürlich Quatsch. Aber Bio-Heu-Milch oder vergleichbares nehme ich dann halt schon.
Gekocht habe ich viel, aber nix neues. Was ich lecker fand, waren meine gefüllten gelben Zucchini, die haben aber jetzt nicht extra den Weg ins Rezeptbuch, das voll mit gefüllten Gemüsen ist, gefunden. Hackfleisch mit Zwiebel, Knoblauch, roter Paprika, Salz, Pfeffer und italienischen Kräutern, mit Gouda überbacken. War einfach und sehr gut. Für Samstagabend habe ich ein Pseudo-Vitello-Tonnato gemacht, ich habe zwar die Thunfischsauce selbst gerührt, aber den Braten fertig gekauft. Und der war auch noch vom Schwein.

Ja, und dann der o.g. Besuch. Der besagte Freund Eckbert war mit meinem Vater seit weit mehr als 55 Jahren beruflich verbunden und Teil eines Freundeskreises, der sich regelmäßig getroffen hat. Bärbel und Ernst, meine Eltern und er bildeten die Kerntruppe einer sich oft in Badenweiler treffenden Truppe, wo auch ich alle (wieder) kennengelernt hatte. Hagen, mein kleiner Bruder, Christian, mein jüngster Neffe, und ich holten ihn am Bahnhof ab, fuhren zum Grab und dann zu Kaffee und Kuchen zu meiner Mutter. Ich halte es kurz, es war ein sehr ergreifendes, aber schönes Zusammentreffen. Ich übernachtete seit langer Zeit mal wieder in meinem Elternhaus, weil wir drei Brüder mit meiner Mutter und Christian noch eine Zeit lang zusammensaßen.
Als alle im Bett waren, schaute ich mir ein sehr umfangreiches Fotobuch an, das meine Mutter zu meines Vaters 80. Geburtstag erstellt hatte. Sie hat ein ganzes Regal voller Fotobücher und ist die Chronistin unserer Familie, was Bilder angeht. 89 Jahre Papi, davon 55 von mir erlebte, er ist nicht mehr. Normalität? Ja, aber die Akzeptanz braucht Zeit.
Ihr Lieben, es wird weiter Reisen geben, es gibt mehr oder weniger essbare Gerichte, es gibt Schnipsel. Es gibt auch weiter unseren familiären Kaffeeklatsch, ich hoffe, mit meiner Mutter. Und ich hoffe, dass mein Vater mitbekommt (wo immer er auch ist), dass sich einer seiner großen Wünsche, dass Mami und ich wieder zusammenkommen, erfüllt hat.
Euer

P.S.: Ich habe so viele Nachrichten, Anrufe und Briefe bekommen. Danke dafür! Anteilnahme ist eine große Stütze in schwierigen Zeiten.
