Ihr Lieben!
Das Wichtigste wie immer zuerst: Schlaf und Frühstück. Die Nacht war unglaublich laut, gegenüber ist eine Art College, da fand ein Come-together statt, das sich bis vor meine Fenster zog, die einfachverglast sind. Naja, Ohrstöpsel rein, dann ging’s. Das Frühstück war übersichtlich, es ist ja auch mehr eine Pension, aber sehr lecker. Der Gastgeber macht fast alles selbst, so z.B. die Konfitüre (Pflaume-Mango, der Hammer!) und den Joghurt.
Heute war ja der Stadtrundgang mit Guruwalks angesagt, das sind kostenfreie Führungen, die Führer/innen leben vom Trinkgeld. Ich hatte einen bestimmten Tourguide ausgesucht, da dieser die meisten Stationen anbot. Und so sind wir auch einmal gefühlt um den Globus gelaufen. Leider bei deutlich schlechterem Wetter als gestern. Wir sahen den Markt, den Burgplatz, die Liebfrauenkirche, das Gruuthus, den Fischmarkt, die Bonifatius-Brücke und und und. Unser Führer war sehr lustig und verfügte über enorme Geschichtskenntnisse. Für manche Menschen sind solche Führungen ja ein Graus, gerade wegen der vielen historischen Details. Ich liebe sowas ja. Ich lernte, wie die Praline erfunden wurde, dass Philipp der Gute so gut gar nicht war, warum wir heute die schöne Prinzessin Isabella von Portugal gar nicht so schön fänden, dass es eine unterirdische Bier-Pipeline gibt, dass in Brügge das einzige Werk Michelangelo Buonarottis außerhalb Italiens existiert. Und das Wichtigste: Wie erkennt man einen guten Chocolatier? Und vieles mehr! Das Dollarzeichen kommt aus Brügge! Wer ahnte es?








Die Führung endete am Burgplatz, wo in der schwarzen Kapelle das heilige Blut Christi zu bestaunen ist und wirklich alle baulichen Stilrichtungen der letzten 600 Jahre zu bewundern sind: Gotik, Neugotik, Klassizismus, Renaissance, Barock etc.pp. Ich rief Rolf auf dem Handy an und eine Sekunde später sprach er mit mir. Aber live und in Farbe. Wir waren uns unvermutet über den Weg gelaufen. Wir beschlossen, essen zu gehen und wählten am Walplein den „Siebten Himmel“ aus. Ich hatte Muscheln mit Knoblauch und Weißwein. Viel Knoblauch. Sehr viel Knoblauch. Herrlich!
Wir bekamen mit, dass wir nicht weit vom Beginenhof entfernt waren und machten uns dahin auf. Ich mag diese von sehr weltnahen Ordensfrauen gegründeten Höfe, die es überall in Belgien und teils auch in den Niederlanden gibt, sehr. Der in Brügge ist von Grachten umgeben, es stehen kleine Schlösser, Türme und Brücken pittoresk verteilt in der Umgebung herum. Es gibt auch viele Parks. Leute, es ist eine zauberhafte Stadt. Nur teilweise seeeehr voll. Irgendwo in wahrscheinlich Zeebrügge müssen mehrere Kreuzfahrtschiffe angelegt haben. Mit teilweise geschätzt hundert Personen pro Gruppe zogen Dutzende Reiseleiter mit hochgehaltenem Schirm durch die Stadt. Brügge hat eigentlich nur 20.000 Einwohner. Man hat aber das Gefühl, man sei mitten im Karneval in Köln.







Markus, Monika und Ruth – in alphabetical order – meldeten sich, sie waren nach einer etwas stauigen Fahrt und Wartezeiten bei Parkplatz und Unterkunft in der Stadt angekommen. Wir beschlossen, uns vor der Frauenkirche zu treffen, um die Michelangelo-Skulptur zu besichtigen, die eine sehr turbulente Geschichte aufzuweisen hat. Leider wurde der Eingang von einem unnachgiebigen Zerberus bewacht, sie wollte uns wegen eines Konzertaufbaus nicht hineinlassen. „Kommen sie morgen Nachmittag wieder!“. Mal sehen, Teile der Gruppe könnten es schaffen. Rolf und Otto werden ja gegen Mittag aufbrechen müssen.
Wir liefen zum Belfried, den Otto und ich eigentlich zusammen besteigen wollten. Da aber der Rest der Gruppe nicht wirklich motiviert war und zudem unbedingt das Sint-Jans-Hospital besuchen wollte (das ich schon morgens besichtigt hatte), trennten wir uns und ich kraxelte alleine… oh! Nächster freier Slot in 40 Minuten, teilte mir die Ticketverkaufsmaschine mit. Mist. Die anderen waren schon weg. Ich löste das Ticket, lief zum Eingang und setzte meinen „Bemitleidenswerter-alter-Dackel-Blick“ auf. Ob es denn sehr voll sei? Ich würde soooo gerne nicht soooo lange warten müssen. Man ließ mich ein. Ich mag die Security-Leute. Und dann ging es 366 Stufen hoch. Zuerst noch moderat breit und gangbar. Dann wurde es immer schmaler und schmaler. Am Ende musste man sich quasi auf 10cm-tiefen Stufen an einem dicken Strick hochziehen. PUH! Und bei Gegenverkehr wären Kenntnisse des Kamasutra hilfreich gewesen. Man musste sich schon sehr verrenken. Die Aussicht belohnte die Mühen. Und zu sehen, wie die Carillon-Technik oben rattert und funktioniert war auch interessant.






Das Glockenspiel des Belfried spielt normalerweise vorprogrammierte Musik, die von einer riesigen Trommel mit Zapfen, die die entsprechenden Glockenseile in Bewegung setzen, gesteuert wird. Aber es gibt wohl zwei Musiker, die dreimal die Woche das Carillon manuell spielen. Sie richten sich dabei nach aktuellen Ereignissen. 50 Jahre ABBA? Es gibt ABBA. Tina Turner gestorben? Simply the best. James Earl Jones lebt nicht mehr? Startreck! Peter, mein Reiseführer vom Vormittag scherzte, „…und wenn Du dann Deine eigene Musik vom Belfried hörst, ist es Zeit, Dir Sorgen zu machen.“.
Ich turnte wieder hinunter und schaute in eine Pop-Up-Galerie hinein, die in den ehemaligen Wolle-Lagern am Belfried (übrigens auch Belfort genannt) Kunstwerke ausstellte. Ich war besonders von Werken eines Künstlers fasziniert, Eddy van Meulebroeck. Es war der letzte Tag der Ausstellung. Ich war hin- und hergerissen und wollte Rat. Ich lief hinaus und rannte unversehens in unsere kleine Truppe. Ruth sprach mir dann gut zu und ich erstand eines der ausgestellten Wesen. Es ist so reisesicher verpackt, ich kann es nicht zeigen, aber ich hatte vorher Fotos von allen gemacht (mit Erlaubnis natürlich). Einer aus der Gruppe, ich nenne keine Namen :-), fand die Skulptur ein wenig zu gruselig, um sie aufzustellen. Ich würde Eddy gerne mal auf den Brauweiler Kunsttagen sehen und habe ihm geraten, sich dort zu bewerben.

Es hatte schon den ganzen Tag lang ab und zu genieselt, jetzt fing es aber an zu regnen. Sehr ungemütlich! Wir begaben uns in den Pub von gestern, der dieses Mal brechend voll war. Wir konnten uns aber mit Glück einen 6er-Tisch zusammenbasteln und nahmen unsere Aperitife. Dann zogen wir etwas früher als geplant in unser gebuchtes Restaurant um, das Diligence. Postkutsche heißt das. Und da war es wirklich nett, das Essen lecker und der Service prima. Kann man hingehen.



Zwischenzeitlich hat es nicht mehr geregnet, sondern gegossen. Es war dann schon sehr usselig, als wir wieder Richtung Pub liefen, der aber völlig überfüllt war. Wir zogen zu einer anderen Bar. Völlig überfüllt. Zu einer dritten. Völlig… ach so, Ihr erkennt das Muster? Ja gut. Wir landeten schlussendlich in einem der Läden am Markt, der aber nicht sooo fancy war, dass er 12 Euro für ein Bier nahm. Zu einigermaßen zivilen Preisen nahmen wir da unsere Absacker und trennten uns dann. Rolf und Otto werden morgen zu uns frühstücken kommen, das hatte ich mit unserem Gastgeber vorher abgeklärt. Das finde ich schön, da können wir den Tag ruhig angehen lassen und auf besseres Wetter hoffen.
Leute, Leute, es ist ja noch so viel mehr passiert und ich habe ja auch noch so viel mehr erfahren, aber das passt ja alles gar nicht mehr auf diese Seite Pergament. Und morgen geht es auch noch weiter. Herrjeh! Aber dennoch hoffe ich, dass Ihr wieder dabei seid. Liebe Grüße, Euer


P.S.: Die Chocolatiers der Gilde erkennt man an der Kakaobohnenplakette. Und man merkt, dass Halloween vor der Tür steht.





Dein Bericht liest sich wie immer wunderbar! Genießt die Zeit.
Liebe Grüße
Danke sehr! Wir machen es uns schon nett. Schön, dass Du virtuell mitreist. Liebe Grüße, Gerry