Ihr Lieben,
völlig grundlos hatte ich vor der Abreise die Befürchtung, ich könne mich in Irland nicht verständigen. Irgendwie habe ich mir eingebildet, dass die Iren einen unverständlichen Dialekt brabbeln. So wie Menschen im Allgäu z.B., die verstehe ich ja auch nicht. Nein, ich komme bestens klar, außer jemand spricht mich auf Gälisch an. Dann muss ich abwinken. Ist aber erst einmal vorgekommen, gestern auf der Grattan Bridge. Ich habe mir daraufhin mal angeguckt, ob ich nicht spaßeshalber ein oder zwei Wörter… nein, kann ich nicht. Schrift und Aussprache und Betonung leben auf drei verschiedenen Planeten.





Frühstück auf dem Campus. Laut meiner Gutscheine kostet mein Frühstück 10 Euro und 35 Cent. Es wird im Main Restaurant der DCU eingenommen, und es ist natürlich kein richtiges Restaurant, sondern eine große Kantine. Ich war früh dort, daher sah ich nur alte Menschen, die sich kein normales Hotelzimmer leisten können. Man kann sich tatsächlich nehmen, was man möchte, auch mehrmals Kaffee holen, aber die Auswahl ist sehr frugal. Das Rührei (immerhin) ist das laffeste, das ich je aß, dafür ist aber der Bacon kaum zu beißen. Herrlich, Erinnerungen an die Mensa kamen hoch.
Die Uni aber, auf die ich im Titel anspiele, war natürlich mein gebuchter Ausflug ins Trinity College. Der bestand aus mehreren Teilen: einem studentisch geführten Spaziergang, einer kleinen Ausstellung über das Book of Kells, dem Besuch der Long Hall (aka The Library) sowie einer immersiven Show über die alte Bibliothek mit Schwerpunkt auf dem „Book of Kells“, einer kostbaren und farbenfrohen Handschrift aus dem 8. Jahrhundert. Ich wusste im Vorfeld, dass die Bibliothek in der Long Hall so ziemlich ausgeräumt war, da die Bücher und die Einrichtung zur Zeit aufwändig restauriert werden. Dennoch war die Enttäuschung groß, als sich herausstellte, dass faktisch keine Einlasskontrolle bzgl. der Anzahl der Besucher vorgenommen wurde und wir uns in der Book of Kells-Ausstellung und in der langen Halle quasi tottrampelten. Die immersive Ausstellung war dann deutlich weniger besucht, aber auch nicht soo spannend wie erhofft. Und das für 40 Euro Eintritt. Bei der gut bewachten Handschrift war nicht ganz so viel los und ich konnte einen Blick auf das teure Stück werfen. Fotografieren der Handschrift war verboten, daher habe ich die Vitrine geknipst. Grauzone? Ich meine, nein. In der Longhall gibt es eine weitere Kostbarkeit. Früher nahm man an, es handele sich um die Harfe von Brian Boru, Irlands König um das Jahr 1010 herum. Die Harfe datiert aber deutlich später (15. Jhdt.), daher war das ein Fake. Immerhin hat die Harfe es als einziges Musikinstrument weltweit auf ein nationales Wappen geschafft.







Die vorausgegangene Campusführung war ganz nett. Ein paar Anekdoten gefällig? Lisbeth, die Erste, gilt als Gründerin. Die Uni ließ bis weit in das 19. Jahrhundert keine Katholiken als gleichberechtigte Studenten, geschweige denn als Lehrkräfte zu. 1873 wurden die Restriktionen aufgehoben. Nun war es an den Katholen, den Besuch der Uni zu verbieten. Man brauchte einen bischöflichen Dispens und musste zuweilen beim Papst selbst vorstellig werden, wenn dieser nicht erteilt wurde. Das galt bis 1970 (sic!). Dann gibt es natürlich ein Geist! In Haus XXV der sogenannten Rubrics, einem heute noch erhaltenen Gebäude um etwa 1700, lebte 1734 Edward Ford, der eine höhere Stellung innehatte (ich meine Dean, also Dekan, verstanden zu haben, finde aber gerade dazu so schnell keine Infos), die ihn ermächtigte, Studenten zu malträtieren und zu mobben. Als einmal ein betrunkener Pulk sich dem Gebäude näherte, schoss Ford und verletzte einen der Säufer. Die Gruppe bewaffnete sich selbst und erschoss das jähzornige Ding. Sie wurden alle der Uni verwiesen und sonst nix. NIX. Karma is a bitch. Das fand Edward wohl auch und so spukt er nun auf der Suche nach Gerechtigkeit über den Campus.






Es gibt auch noch Geschichten über den Campanile, über berühmte Alumni, über „Heaven & Hell“, einem georgianischen Gebäudezwilling, die eine Kapelle und den Prüfungsraum beherbergen (was wohl was ist?), und natürlich Zahlen, Zahlen, Zahlen. 900 Campusbetten und 22.000 Eingeschriebene. Aber das sprengte jetzt den Rahmen.
Die Book of Kells-Gruppenkuschel-Erfahrung hat mich so angepieselt, dass ich da durchgehetzt bin und nicht viel in Erfahrung bringen konnte. Was ich weiß, es ist über 1200 Jahre alt und wird auf einen Wert zwischen 150 Millionen bis zu 500 Millionen Euro geschätzt. Was wohl meine handgeschriebenen, allerdings nicht illustrierten Gedichtkladden heute wohl so einbringen würden? Mehr als 10 Mark?





Im Souvenirshop kaufte ich mir die unerlässlichen Kühlschrankmagneten, ich gab also nicht viel dort aus. Dennoch schenkte mir die Kassiererin noch ein Poster mit der Darstellung einer Seite aus dem „BoK“. Und nein, das tat sie nicht bei jedem, das habe ich gesehen! Dä!
Nach der Trinity-Führung erklomm ich den Sightseeing-Bus. Der hat 31 Stationen, das ist schon eine Menge. Da es wieder dauernd regnete, beschloss ich, die ganze Strecke einmal abzufahren. Das wurde mir von zwei Portugiesen (ältere Herren) verleidet, die sich benahmen, als gehöre der Bus ihnen. Laut quasseln, Handyvideos abspielen, fuchtelnd herumlaufen… warum lassen manche Menschen ihre Kinderstube im Urlaub zuhause? Ich beschloss, auszusteigen und auf den nächstenn Bus zu warten. Ich verabschiedete mich mit „Na verdade, vocês são pessoas muito maleducadas!“ – „Ehrlich, Ihr seid unerzogenes Menschen!“. Die haben nicht schlecht geglotzt. Das Gute war, dass der Bus danach quasi leer war und ich einen der Logenplätze ergattern konnte, oben vorne halt. Die Stationen waren interessant, man sah einiges und die Texte über Kopfhörer waren informativ und stellenweise auch ganz lustig.






Ich stieg an Station 1 wieder aus und lief herum. Ein sehr pompös eingerichteter Restaurant-Pub erhaschte meine Aufmerksamkeit. Üppig und schön eingerichtet. Ich ließ mich an der Theke nieder (man muss in Irland auf Platzzuweisung warten und man fragte mich, ob das für mich okay sei) und aß ein Seafood Chowder und trank ein hausgebrautes Bier dazu. Gaaaanz wunderbar! Einer der Kellner war sehr flirty, das allerdings mit jeder und jedem, hat dennoch Spaß gemacht.
Dermaßen gestärkt begab ich mich in das Museum of Illusions. Der Eintritt ist frei, wenn man ein Sightseeingbus-Mehrtagesticket erworben hatte. Diese Art Museen schießen ja überall wie Pilze aus dem Boden, ich habe es mir nur bisher verkniffen, sie zu besuchen, weil ich sie eigentlich uninteressant fand und den Eintritt dafür dann zu teuer. Was soll ich sagen? Es war genau so läppsch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Großteil der Exponate bestand aus sehr bekannten optischen Täuschungenen auf Bildern („Welcher Strich ist größer? Bewegen sich die Kreise? Ist hier wirklich ein Ball zu sehen?“ usw.usf.). Interessant waren drei Ecken, in denen man durch Drehen von Fotografien bzw. durch perspektivisch verzogene Raum-Einrichtungen lustige Eindrücke erwecken konnte. Allerdings taugte das nur, wenn jemand das auch aufnahm, und ich wollte keins der Instagram-Kids damit behelligen. Zwar gab es für alleinreisende alte Säcke auch Maschinen, die einen fotografierten, aber das sollte dann kosten, und zwar nicht wenig.






Ich ließ mich den Rest des Nachmittages treiben, während das Wetter vor sich hinkapriolte (jaja, das Wort gibt es!). Ich endeckte weitere schöne Pubs, Cafés, Shops, alle in den typischen Dubliner Straßen. Durch Zufall stieß ich auf die sehr sehenswerte South City Market Passage, die einen kruden Mix aus Buchhandel, Chinashops, Juwelieren, Malern und Fresständen beherbergt. Hier musste ich dann auch noch einmal Magnete kaufen. Herrjeh. Dabei möchte eigentlich niemand mehr welche mitgebracht bekommen. Schlussendlich kaufte ich noch in einem Supermarkt das Abendessen ein und zwar Scones, auch so etwas typisch inseliges.
Dublin ist verkehrtechnisch eine kleine Katastrophe. Ich schätze, dass es hier neben den Fahrzeugen der drei konkurrierenden Sightseeingbusunternehmen etwa 3 Millionen grün-gelbe Busse der Verkehrsgesellschaft gibt. Zwischen denen lavieren sich in lebensgefährlicher Manier Hunderte von Fahrradfahrern hindurch. Rote Ampeln für Fußgänger werden durch die Bank weg von diesen ignoriert, was öfter zu Vollbremsungen der Busse führt. Für Busse gibt es i.d.R. eigene Fahrstreifen, die sie sich nur mit Taxen und Radfahrern teilen müssen. Radfahrern, die lebensmüde genug sind, sie zu benutzen. Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Januar 2026, dass Dublin Europas Staustatistik anführt.










Heute war ich sehr früh aufgebrochen, weil ich ja einen Termin hatte. Morgen werde ich das Gleiche tun, da besuche ich um 10 Uhr die Guinness-Ausstellung. Wann aber soll ich Samstag und Sonntag losfahren, wenn die Ausflüge um 6 bzw. 7 Uhr starten? Komm, sagte ich zu mir, nimm Dir einfach für diese Termine ein Zimmer in einer Unterkunft im Zentrum. Ja, Ihr Lieben, wenn Ihr mal wirklich ungläubig staunen wollt, dann googelt mal danach. Und nein, ich möchte auch nicht vergleichsweise preiswert in einem Schlafsaal übernachten. Ich werde in den sauren Apfel beißen und um vier Uhr aufstehen.
So, habe ich was vergessen? Hm. Ich habe noch die Statue zu Ehren der vielbesungenen Molly Malone gefunden, ohne sie gesucht zu haben, sie steht vor der St. Andrews-Kirche. In der Kirche St. Teresa der unbeschuhten Karmeliten habe ich noch ein Kerzchen für uns alle angezündet. Die Kirche ist eine große Überraschung, da von außen trotz der schönen Fassade fast zu übersehen und innen unglaublich groß und hübsch eingerichet. Fotos siehe oben.
Das war mal ein schön produktiver zweiter Tag, gelle? Nur dieses Wechselbad (im wahrsten Sinne) mit dem Wetter geht mir auf die Nerven. Lauft Ihr denn morgen wieder mit mir rum? Ich verspreche, ich mache auch etwas instagrammäßig völlig Beklopptes! Bis denne, liebe Grüße, oder Dea-mhéin, wie man hier sagt, Euer

P.S.: Der Herr auf dem Beitragstitelbild ist übrigens George Salmon, der um die vorletzte Jahrtausendwende Provost des Trinity Colleges war. Er schwor, nur über seine Leiche würden Frauen zum Studium zugelassen werden. 1904 starb er und schwupps, war die erste Frau immatrikuliert. Isn’t that nice?
