Dublin, Tag 4: Götter, Gräber und Gelehrte

Ihr Lieben,

um halb zehn gestern bin ich weggedämmert, was dazu führte, dass ich um 3 Uhr glockenwach war. Bis etwa 6 dämmerte ich vor mich hin, um dann noch drei Stunden fest zu knacken. Mist, voll verpennt. Egal. Heute hatte ich ein halbwegs irisches Frühstück, mit Würstchen, Rösti und Grilltomate. Das ist schmackhafter und bekömmlicher als gedacht. Die baked beans habe ich aber vorsichtshalber weggelassen. Da gibt es eine Geschichte im Schottlandurlaub zu…

Dann ging es auch schon los. Erster Halt: Marsh’s Library, die seit über 300 Jahren unverändert ehrfurchterregende Gelehrsamkeit ausstrahlt. Mehrere tausend, meist ledergebundene Folianten werden in ursprünglicher Umgebung präsentiert, ausschließlich aus dem 14. bis zum 18. Jahrhundert. Genaugenommen handelt es sich um 4 Sammlungen mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen. Zur Zeit gibt es in diesem kleinen Museum eine Sonderpräsentation anlässlich des 300. Geburtstags von Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“. Swift laufen wir später noch einmal über den Weg.

Ein sehr beruhigender und ruhiger Ort, mit Ausnahme des Empfangsmenschen, ein sympathischer Kerl zwar, der aber seine Stimme derart durch die heiligen Hallen dröhnen lässt, dass sich der Staub selbst von den Büchern putzt. Kuriosum: das Kombiticket mit der St.-Patrick’s Cathedral ist für Senioren teurer, als die zwei Senioren-Einzelzickets. Ja, ich bin mit 60 in Irland privilegiert. Muss ja für was gut sein, diese blöde 6 vorne.

Swift war von 1713 bis zu seinem Tode 1745 Dekan der St. Patrick’s Cathedral, die ich als nächstes stürmte. Die ist unglaublich sehenswert. Die ältesten Teile stammen aus dem späten 12. Jhdt. und es handelt sich um die größte Kirche Irlands, die in einem schönen, kleinen Park gelegen ist. Sehenswert natürlich die Grablege Swifts und seiner Frau Stella, sowie seine Totenmaske und seine bewegliche Kanzel, mit der er sich, der lange Predigten liebte, zu schlafenden Gläubigen rollen ließ, um sie dann mit dröhnender Ansprache wieder zu wecken. Vielleicht ein Vorfahre des Herrn aus der Marsh-Bibliothek!?

Ich empfehle dringend, einen Audioguide (im Eintritt inbegriffen) mitzunehmen, denn sonst verpasst man die Geschichten um die Hand in der Türe, die über den letzten Barden Irlands, über die Familie Boyle, Jeanne d’Arc und ihrem Ritter, den Chor (der zusammen mit dem der Christ Church Händels „Messias“ uraufführte) etc. pp. Das Chorgestühl ist übrigens der Hammer! Wusstet Ihr übrigens, dass der Kölner Dom ab 1. Juli auch 12 Euro Eintritt nehmen wird? Das ist in Köln gerade heiß diskutiertes Thema. Naja, hier sind die 10 Euro auf jeden Fall gut investiert.

An Jonathan Swift habe ich übrigens herumgerubbelt. Wie? WAS? Natürlich ist das jugendfrei, Du zwischenrufender Perversling! Plate rubbing ist ein Inselhobby, dem ich schon bei meinen Schüleraustausch- und Sprachreisen 1979 und 1981 frönen durfte. Man legt(e) gerne ein Blatt Papier auf eine Grabplatte oder ein Relief und reibt dann mit Kohle oder dunkler Kreide darüber, um die Gravuren auf das Papier zu übertragen.

Da ich noch nicht genug Gotteshäuser gesehen hatte, beehrte ich sodann die Christ Church. Hier ebenfalls Eintritt, das „Kombiticket Senior“ zusammen mit Dubliana ist zu empfehlen, da spart man fast 10 Euro. Einem mürrischen Deutschen (mit schriller Deutschland-Mütze) war das alles zu teuer, und als eine Museumsmitarbeiterin ihn bat, sich nicht auf die Stufen zu setzen (ich musste übersetzen), das sei ein Fluchtweg, pampte er sie auf Deutsch an, dass „Sie dann eben nicht so gierig“ sein solle oder mehr Bänke draußen aufstellen müsse. Ich bat ihn, sich zusammenzureissen, da ging er. Gott, wie PEINLICH!!!

Ich hätte übrigens Pate einer Fußbodenkachel, eines Fensters oder eines Gestühls werden können, je nach Spende. Dann wäre mein Name in einer in 100 Jahren wieder zu öffnenden Zeitkapsel mit eingeschlossen worden. Da es aber noch keine Karten im Vorverkauf für dieses Ereignis gab, die ich hätte vererben können, nahm ich Abstand. Und außerdem: die Spendenhöhe! Einfach nur gierig, diese Gierschlunde!!

Zurück zur Kirche: auch diese sehr besuchenswert. Hier ist der Hauptraum weniger interessant als der von St. Patrick (insbesondere die moderne Orgel irritiert), dafür gibt es aber eine Krypta mit Teilen des Kirchenschatzes und der ein oder anderen, überraschenden Sehenswürdigkeit (Herzreliquie des heiligen Laurence O’Toole – eine Räuberpistole inklusive), gepudert mit interessanten Hintergrundinformationen. Bekannt ist von der Christ Church auch die mittelalterliche Version von Tom und Jerry. Die mumifizierten Kadaver hat man in den Orgelpfeifen der alten Orgel gefunden, wo Hello Kittie Speedy Gonzales jagte und beide steckenblieben.

Im Anschluss besuchte ich die Dublinia-Ausstellung. Fraglich ist, ob man die wirklich sehen muss. Es ist eine leicht altbackene Ausstellung über Dublin von der Wikingerzeit über das Mittelalter bis zur Neuzeit (da aber nur der Aspekt Archäologie). Für Kinder bestimmt toll, aber dann ein teures Vergnügen! Im Eintrittspreis enthalten ist der Aufstieg auf die Aussichtsplattform des Turmes St. Martin, so heißt wohl das Gebäude. Aber auch die ist nicht wirklich spektakulär.

In meiner Jugend habe ich Freilichtmuseen besucht, die waren spannender zusammengestellt. Immerhin gab es zwei oder drei Ecken, die etwas informativ Interessantes boten (Umgang mit Krankheiten z.B.). Aber sprechende Pappmachéefiguren, die auf dem Donnerbalken sitzen und nach „mehr Moos“ rufen, sind vielleicht nicht das non plus ultra der Expositionswissenschaften. Ein Einzelticket Erwachsener ab 16 Euro, Familien 2+2 knapp 50 Euro. PUH! Nota bene: Ich bestand das Museumsquiz mit Bravour!

Ihr Lieben, solche Ausflüge sind ja keine Wanderungen, aber mann latscht sich doch den Wolf. So war es mir recht, dass gerade der Sighseeingbus nahte, auf dem ich mich mal sammeln und orientieren wollte. Ich fuhr quasi noch einmal die halbe Tour und merkte dabei, ja, es gibt Station No. 1 und Station No. 31. Aber man hat einfach ein par Nummern in den 20ern übersprungen. Meine Aussage von Vorgestern ist hiermit revidiert! Zuerst erwägte ich, in den Docklands auszusteigen und herumzulaufen, aber – und jetzt muss ich erst einmal etwas Positives loswerden: es war zwar kalt, hat aber bis zum Nachmittag nicht geregnet! – es fing an zu tröpfeln. Die Docklands sind m.E. insbesondere für Liebhaber moderner Architektur interessant, da sind auch spannende Gebäude bei. Mir reichte es im Moment, sie vom Doppeldecker aus sehen zu können. Auch Auswanderermuseen (obwohl dieses preisgekrönt!) habe ich zur Genüge besucht. Und die Bootsfahrten auf dem Liffey waren nicht buchbar und das Auswandererschiff „Jeanie Johnston“ weckte nicht mein Interesse. Warum ich dennoch darüber schreibe: alls das gilt als Pflichtprogramm für Dublin-Besucher und vielleicht setzt Ihr ja andere Prioritäten.

Stattdessen verließ ich am Merrion Square Park den Bus. Dieser ist bekannt für seine vielen Skulpturen, darunter bekannten Persönlichkeiten. *Tröpfel*. Mich interessierte aber besonders die von Oscar Wilde, auf der er sich hinfläzt wie ein Dandy, der er ja war. In Dublin geboren, in England wegen Unzucht zu Zuchthaus mit Zwangsarbeit in Reading bei London verurteilt. Für Dublin-Besucher vielleicht interessant ist, dass es 200 Meter weiter vor dem Kennedy-Pub eine weitere Skulptur von ihm gibt. Ich hätte auch das Oscar-Wilde-Haus besuchen können, aber es war schon spät *niesel*, und ich wollte ja noch in den berühmten „The George“-Pub. Ja, ganz anders als gedacht. Klein, nettere, ältere Herren (wie ich halt) hauptsächlich, Pint 6,80 (also quasi billig), ABBA und Dionne Warwick aus dem Lautsprecher. Ich nehme an, das berühmte George ist die Showbühne nebenan, die aber noch nicht auf hatte.

Ich stiefelte in meinen (inzwischen) Lieblingssupermarkt und fuhr mit dem nur stündlich verkehrenden Bus (manchmal muss man auch Glück haben) direkt auf den Campus, wo ich jetzt belegte Brötchen müffele und französischen Rosé dazu pichele. Die Reise nach Galway werde ich antreten, da ich ja die Stornofrist im wahrsten Sinne des Wortes verpennt habe. Aber die Wetterbesserung macht mir Hoffnung, dass es auch morgen nicht dauernieselt. Hofft bitte mal mit.

Ich könnte übrigens noch viel mehr plappern. Insbesondere über zwischenmenschliche Begegnungen. Wisst Ihr was? Dreiviertel der Buspassagiere sagen beim Aussteigen „Thank you!“ in Richtung Fahrer. Der Audioguide-Verleiher wollte mir unbedingt seine vier Wörter Deutsch präsentieren. Man wird immer, immer gefragt, wie es einem geht. Ich habe letzteres aus Amerika gehört und als Floskel abgetan (bekommen). Aber es gehört zum guten Ton. Es fühlt sich für mich alles viel freundlicher an. Vielleicht kein Wunder, wenn wir an den Kirchenstufen-Rebellen denken.

Also, jetzt schon duschen, wir müssen früh raus, Brötchen schmieren, Wasserflasche einstecken. Morgen geht es in den Westen der Insel. Seid Ihr dabei? Liebe Grüße von Eurem

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