Bosnien-Herzegowina 2025: Der Epilog

Ihr Lieben,

natürlich gibt es noch ein kleines Nachwort. Man muss ja irgendwie auch noch zu Hause ankommen.

Während ich so durch ein Land oder eine Stadt jückele, denke ich oft, ach, das kannst du dir ja mal für dein Tagebuch merken. Und dann vergesse ich das wieder. Soll ich Euch denn noch die Geschichte mit den Maiskörnern erzählen? Oder die mit dem verirrten chinesischen Touristen? Und dann der Ticketschalter an der Haltestelle, mit der Ticketdame, die keine Tickets verkaufte?

Die Nacht verbrachte ich nicht so gut, erstens wegen der Aufregung (Kommt das Taxi? Werde ich verschlafen? – Von wegen, man wird im Alter entspannter!), zweitens, weil eine Horde feierwütiger Irrer in der hellhörigen Pension die Nacht zum Tag machten. Ihr erinnert Euch, der Frühstücksraum gegenüber? Mein halbnackter Auftritt mit der Bitte, nicht ausgerechnet vor meiner Türe die Fête ausklingen zu lassen, fruchtete nur für etwa 5 Minuten. Statt Dancing in the Kasbah halt Party in the Pension.

Das Taxi war mehr als pünktlich da, die Stadt war leer, ich war in 0,nix am Flughafen. Hier verlief auch fast alles reibungslos, außer, dass man mir meinen Plastikkorkenzieher abnahm, der schon mehrere Male unbeanstandet im Handgepäck mitreiste. Außerdem blieb meine Jacke im Koffer-MRT hängen, was ich aber erst nach der Passkontrolle bemerkte. Ein Grenzbeamter war aber so lieb und brachte sie mir wieder.

Diesmal war der Flieger bumsvoll, und die XXL-Beinfreiheit erschien mir eher wie M. Auch die Eltern versagten diesmal. Hinter mir schrie, ach was, kreischte ein Mädchen den gesamten Flug lang, 120 Minuten, mit 130 Dezibel vor sich hin. Ich war ab einem bestimmten Punkt mehr erstaunt, als genervt. Wie schaffen die das, nicht nach 5 Minuten total heiser zu sein? Gibt es da einen Schutzmechanismus des Körpers, der sich im Alter verliert? Die Mutter und die Tante (?) riefen sprechsingend dazu ununterbrochen „Dai dai dai“. Sie bemerkten leider auch nach 15 Minuten nicht, dass das absolut keinen Effekt hatte. Außerdem plädiere ich zum wiederholten Mal für die Abschaffung der verstellbaren Rückenlehne. Wahrscheinlich vergeblich.

In Köln herrscht ja seit Wochen Chaos bei der Bahn, das durch aktuelle Maßnahmen auf eine nicht mehr messbare Spitze getrieben wurde. Daher erstaunte es mich umso mehr, dass ich in Köln nur 3 Minuten auf eine S19 warten musste, an der Trimbornstraße 2 Minuten auf den 159er-Bus. Ein Träumchen!

Ich kaufe ein „ja“ und löse auf: Das in der Busreise in die Herzegowina inkludierte Sandwich war sogar ganz lecker, allein kam irgendwer auf die Idee, man könne da ja Maiskörner draufstreuen. Was soll ich sagen, ist ja nicht mein Bus.

Als ich von der Bastion herabstieg, kam eine große chinesische Reisegruppe an mir vorbei. An einer Gabelung trennten sich unsere Wege. Nur, dass nach etwa 3 Minuten ein völlig außer Atem hechelnder älterer Mann an mir vorbeipeste. Ich konnte ihn stoppen und zur Abzweigung zurückbringen. Von da aus sah man im Tal seine Gruppe. Er rief begeistert Danke und rannte um sein Leben. Ob ich wohl in seinem Tagebuch vorkomme?

Ja, und dann war da dieser Schalter an der Bahnhaltestelle, auf dem ein Schild prangte, man könne dort Tickets erwerben. Da saß eine Dame hinter. Die brabbelte ungnädig irgendwas auf Bosnisch, dass ich jetzt für mich mit „Es tut mir leid, leider gibt es keine Tickets heute!“ übersetzte, wahrscheinlich aber „Jetzt geht mir mal alle nicht auf den Sack, Ihr dummen Touris!“ bedeutete. Aber man kann auch für 1,80 BAM bei den Fahrern Einzeltickets erstehen.

Was gibt es denn noch für Beobachtungen? Ich fand die Gebühren für das Abheben enorm hoch. Bei 400 BAM waren das mal umgerechnet 15 Euro. In der Wechselstube haben sie vielleicht einen schlechteren Kurs, nehmen aber nur 2 BAM Provision. Da muss man mal für sich gucken, wie man da vorgeht. Bargeld braucht man nämlich immer, in der Regel sind die Kartenleser „kaputt“. Sogar in Museen. Man ist hier dem Bargeld noch zugeneigter, deutlich zugeneigter sogar, als hier in Deutschland.

Die Verständigung klappt i.d.R. mit Händen und Füßen. In der Touristik beschäftigte Personen sprechen Englisch, manchmal sogar deutsch, aber Verkäuferinnen, Taxifahrerinnen, Bauarbeiter (:-)) sprechen halt bosnisch. Aber wie bereits erwähnt. Alle (die Ticketdame halt tief im Inneren) sind furchtbar nett und zuvorkommend.

Ansonsten, wenn es Euch da hinzieht und Ihr Fragen habt… fragt Euren Friseur, hab meine Zeit ja auch nicht geschenkt bekommen! Nee, quatsch… fragt ruhig.

Wir sehen uns spätestens in Bukarest. Alles Liebe und Gute bis dahin, Euer

Bosnien-Herzegowina 2025 – Tag 3: auf der Suche nach den verlorenen Dingen

Ihr Lieben,

es ist Euch vielleicht aufgefallen, aber seit kurzer Zeit fehlen in meinem Text ein paar Buchstaben… so wird der Tag nach Dienstag twoch geschrieben. Manchmal fehlt das Wort, das in anderen Sprachen „with“, „con“ oder „avec“ heißt. Im Editor sieht das richtig aus, hier dann leider nicht. Ich bin diesem Bug auf der Spur, aber nicht hier in Sarajevo.

Edit: Problem behoben! YEAH!!!

Heute morgen schon hatte ich Panikmomente. Mein Zimmerschlüssel war weg! Irgendwie war ich ja ins Zimmer gekommen, also musste er im Zimmer sein. Ich kehrte alles von oben nach unten, durchwühlte alle meine Plünnen, kroch unters Bett… vergeblich, kein Schlüssel. Ich ging erst einmal frühstücken, das Zimmer liegt direkt gegenüber dem Frühstücksraum an der Rezeption (übrigens ein mehr als kleines Manko) und so hatte ich es im Auge. Das Frühstück selbst war etwas bescheiden, aber wir erinnern uns, ich bin in einer Pension und in nicht in einem Luxushotel. Etwas skurril war nur, dass ankommende Gäste warten mussten, bis andere gingen, was nicht an fehlenden Sitzplätzen, sondern an fehlendem Geschirr lag. Für mich gab es noch Eier, für die nachkommenden Gäste nicht, die frühen Frühstücker hätten zu viele Eier konsumiert. Amerikaner? (böser Gerry!)

Wie sagte schon der berühmte Philosoph Edgar di Lepeldro: „Nach der Panik sollte Systematik einsetzen!“. Die bemühte ich dann nach dem Frühstück. Wo könnte der Schlüssel sein? Ich hatte noch nicht unter dem Kühlschrank geguckt, aber wie sollte der Schlüssel auch unter den Kühlschrank kommen, haha? So ein Unsinn, haha!! Der Schlüssel lag natürlich unter dem Kühlschrank. Breiten wir bitte den Mantel des Schweigens über diese Geschichte aus.

Nun aber zum Tagesgeschäft, ich werde ja schließlich nicht fürs Schlüsselsuchen bezahlt. Moment, „bezahlt“? Naja, man wird ja wohl noch einmal träumen dürfen. Da der liebe Gerry lernresistent ist, lief er natürlich wieder einen Berg hinauf, diesmal zur gelben Bastion. Bei gefühlten 40° C im Schatten schon am frühen Morgen, war ich oben angekommen schon durchgeschwitzt wie nix. Mein Wortschatz ist ziemlich beschränkt, daher: die Aussicht ist wieder einmal nur spektakulär. Die gelbe Bastion selbst, deren Eingang ich suchte und suchte und irgendwann fand, ist nicht besuchbar; ich unterhielt mich mit einem Rohre über die Mauer schmeißenden Bauarbeiter, der mir erklärte, dass sie seit dem Krieg, schwer beschädigt übrigens, geschlossen ist. Aber immerhin gibt es einen Bauarbeiter vor Ort, vielleicht tut sich in Zukunft etwas. Vielleicht war es aber auch nur ein Metalldieb.

Der Aufstieg lohnt sich nicht allein wegen des Ausblicks, sondern auch wegen eines sehr schönen Cafés (nicht direkt an der ersten Festungsmauer, sondern noch ein Stück die Straße hoch), wo man einen bosanska kahva trinken und dabei trocknen kann. Wenn man mehrere slawische Sprachen spricht, ist Bosnisch übrigens leicht zu erlernen. Leider spreche ich solche Sprachen ja nicht, aber es wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass ich mich in Teilen bemühe. Allerdings sollte es mir vielleicht zu denken geben, dass man die Musik von bosnisch auf spanisch umschaltete, sobald ich meinen Kaffee bekommen hatte. Die Heino-CD war wahrscheinlich verschollen.

Da ich nun schon einmal auf den Berg gekraxelt war, lief ich durch die Wohngebiete am Hang herum. Wahrscheinlich als einziger Tourist. Überhaupt als einziger Mensch, die Straßen und Gassen waren wie ausgestorben. Kurz vor der Bastion gibt es wieder einen sehr großen Friedhof, es dominieren die Sterbedaten 92 bis 94. Der Krieg ist auch nach 30 Jahren allgegenwärtig.

Mit (with) dem nächsten Tagesordnungspunkt vereinte ich direkt mehrere touristische Highlights von Sarajevo. Ich fuhr auf einer der ältesten Straßenbahnlinien der Welt (die Österreicher haben hier Testballons fahren lassen, bevor Sie mit dem Bau in Wien anfingen), besuchte einen Konsumtempel (der mich jetzt nicht so beeindruckt hat) und landete im Nationalmuseum von Bosnien-Herzegowina. Leute, das ist fantastisch! Hier kann man einen ganzen Tag verbringen, theoretisch. Falls ihr also einmal einen Kurztrip nach Sarajevo planen solltet, dann unbedingt mit mindestens vier bis fünf Stunden für dieses Museum.

Die verschiedenen Abteilungen behandeln Archäologie, Flora und Fauna, Geologie, Aspekte des früheren Alltagslebens und vieles mehr. Die Qualität der Präsentation reicht dabei von altbacken (Schmetterlingssammlung) bis herausragend (prähistorische Ausstellung). Insbesondere Nerds kommen hier bestimmt auf ihre Kosten, z.B. in der Käferausstellung oder in der Mineralienkollektion. In einem Gebäudeteil wurde das Ende des Vietnamkriegs thematisiert. Wenn man dem Museum also etwas vorwerfen kann, dann, dass es einfach zu viel ist. Ein weiterer guter Grund, hier zu verweilen: es ist angenehm kühl in dem wunderschönen Gebäude, das einen entzückenden kleinen, wenn auch unspektakulären Botanischen Garten im Hof beherbergt. Die früher wohl existierende Cafeteria musste Getränkeautomaten weichen, aber selbst der Kaffee aus dem Automaten hat bosnische Qualität.

Dass man Schilder anbringen muss, dass man bestimmte, eigentlich selbstverständliche Dinge nicht tun sollte, sagt übrigens viel über unsere Gesellschaft aus.

Bei der Stadtführung vorgestern besuchten wir ja auch das jüdische Viertel, dort erzählte uns unser Guide, dass Sarajevo eines der kostbarsten Bücher der Welt bewahrt, eine sehr alte jüdische Haggadah. Diese ist so wertvoll, dass sie Kenel zufolge nur an zwei Tagen für jeweils zwei Stunden der Öffentlichkeit präsentiert wird. Ich hatte Glück, die Kammer mit der Haggadah war heute geöffnet. Der Wert dieses Buches wurde einmal versehentlich auf 700 Millionen Dollar geschätzt, aber das Gutachten enthielt einen Zeichenfehler. Aber es dürfte, insbesondere bei Sammlern, dennoch einen Millionenbetrag erzielen. Ich erstand ein Faksimile, vielleicht irrt sich ein Gutachter ja auch bei mir und ich habe für immer ausgesorgt.

Ich lief zurück in die Stadt, an der Statue des ersten bosnischen Königs Trvtko I, am Erinnerungspark und dem Mahnmal für die ermordeten bosnischen Kinder (Stich ins Herz, mal wieder) vorbei bis zum Markale. Überall in Sarajevo sind stilisierte, große Rosen in den Boden gemeißelt. Jede steht für einen Platz, an dem mindestens drei Menschen starben. Es gibt etwa 200 solcher Rosen und sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Märkte und ich haben ein zwiespältiges Verhältnis zueinander. Einerseits liebe ich sie sehr, andererseits weigern sie sich, ihre Öffnungszeiten an meine Bedürfnisse anzupassen. So war dort, wie übrigens auch im Museum, nicht mehr viel los, als ich ankam. Andererseits bin ich inzwischen ja froh, dass es auch mal nicht so ganz trubelige Plätze gibt. In der Baščaršija gibt es übrigens edel gestaltete Innenpassagen, die ebenfalls nicht so überlaufen sind. Dabei schätze ich sehr, dass es hier keine Basarmentalität gibt, handeln ist hier unüblich.

Ich nahm mal wieder eine gehopfte Belohnung zu mir, am Nachbartisch junge Skandinavier, die sich nach allen Kräften bemühten, sich die Kante zu geben. Mehrheitlich ist der Tourist hier auch eher jünger als ich. Wen wundert es? Für alte Knochen ist das Auf und Ab nicht gemacht. Und BIH ist wohl eher ein hippes Reiseziel und ältere Menschen haben es nicht so wirklich auf dem Schirm. Eine Ausnahme bilden Rudel älterer, meist vermummter türkischer Frauen, die sich hier vielleicht sicherer wähnen, als in anderen europäischen Ländern. Vermutlich zu recht. Und Skandinavier, die sich die Kante geben? Naja, das Bier kostet hier ein Zehntel, man denke an meinen Norwegen-Bericht.

Ich verbrachte den Rest des Tages im Baščaršija-Viertel, betrieb Sightseeing, Shopping und Genießing und vergaß beim Einkaufen, dass ich ja gar keinen Koffer mithabe. Mal sehen, wie ich das Problem mit Getränken und Baklava-Paketen löse. Wahrscheinlich buche ich mein Täschchen noch zum Aufgabegepäck um. Die Alternative, alles noch vor Abflug zu verzehren, kommt selbst für mich nicht in Frage… 😁

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Kurze Verschnaufpause auf dem Zimmer… hier könnte übrigens IHRE Werbung stehen!

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Als alt… äh… junggebliebenes Gewohnheitstier kehrte ich abends wieder im Pod Lipom ein. Ich wusste, dass ich den Wein dort mochte und dass er bezahlbar war. Diesmal nahm ich Sish Kebab, Salat und gebackene Kartoffeln. Ganz wunderbar! Gurke, Tomate und Salat kommen hier mit Geschmacksverstärker auf den Tisch, anders kann ich mir den hohen Schmackofatzfaktor nicht erklären. 😜 Das Kalb butterzart, und die Kartoffeln… die Kartoffeln… Elke, Du verstehst mich, gelle? Und da man hier auch Köpfe und Kutteln und dergleichen serviert, könnt Ihr erahnen, wie toll die Brühe ist, die hier traditionellerweise die Sauce ersetzt.

Das Problem mit dem Koffer löste ich, indem ich den Schnaps an den Rezeptionisten weitergab. Der freute sich sehr und bestellte mir ein Taxi für kurz nach Mitternacht, aka 6 Uhr früh. Ich verstaute alles andere nach präzisen geometrischen Anweisungen aus der mystischen Kabbala und bekam den Koffer tatsächlich zu. Ein Mirakel! Nur wiegen darf ihn keiner.

Ihr Lieben, die Reise ist schon wieder vorbei, mein Flieger geht morgen früh um 8 Uhr etwas. Eigentlich war Bosnien-Herzegowina nur ein weiteres Land zum „Abhaken“. Ich bin aber so dermaßen positiv überrascht, dass ich eine Wiederkehr weit weniger ausschließe als befürchte. Mostar, auch wenn überfüllt, ist die Hübsche. Sarajevo ist die Interessante und daher für mich erste Wahl. Land(schaften) und Leute sind wunderbar. Ich kann nur jedem raten, hierherzukommen, bevor das alles hier völlig überrannt wird und an Charme verliert. Die blutige Geschichte scheint überwunden, aber das dachte man ja schon oft an anderer Stelle. Andererseits, 1975 war auch 30 Jahre nach deutschem Kriegsende, um das mal ins Verhältnis zu setzen. Die vielen Zeichen der Ermahnung in Bosnien-Herzegowina helfen hoffentlich gegen das Vergessen.

Vielen Dank wieder einmal für die tolle Begleitung durch Euch und Eure vielen Rückmeldungen in meinen Status und durch PNs! Wir sehen uns, oder? Vielleicht in Bukarest. Liebe Grüße, Euer

Bosnien-Herzegowina? 9 von 10 Gerrys.

Bosnien-Herzegowina 2025 – Tag 2: Brückentag in Mostar

Ihr Lieben,

irgendwie habe ich da was verwechselt. Ich dachte zwar, ich hätte Urlaub, stehe aber dauernd mitten in der Nacht auf. Naja, heute war es einigermaßen zivil. Zwar informierte man mich gestern, dass die mitgebuchte Abholung direkt am Hotel nicht durchgeführt werden könne und ich zum Büro kommen müsse, aber da es nur 5 Minuten Fußweg entfernt ist, ist mir auch das gelungen. Es war eine ziemlich große Gruppe, die sich da vor der Agentur knubbelte. Hm.

Ziemlich pünktlich fuhren wir in einem schon betagten Bus los und unser Reiseleiter Adis zeigte während der Vorbeifahrt noch das ein oder andere in Sarajevo, wo ich gestern noch nicht hingekommen war, wie z.B. Präsidentenpalast und Parlament. Unser erster Stopp war dann Konjic, das unter anderem für die dortige Schnitzkunst bekannt sein soll, die sogar in das Immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde. Zweitens gibt es eine Brücke, die mehrmals zerstört und einigermaßen originalgetreu wieder aufgebaut wurde. In der Stadtsilhouette fällt zudem ein Minarett auf, dessen obere Hälfte fehlt. Die ist dem Erstbombardement im Jahr 1992 zum Opfer gefallen und der Turm soll als Mahnmal so erhalten bleiben.

Wir fuhren und fuhren und fuhren und fuhren… es gab zwar Zeitangaben, wie lange wir von welchem Punkt zu welchem unterwegs sein sollen, aber diese beruhten offensichtlich nicht auf wissenschaftlichen Berechnungen. War vorher die Landschaft zumindest idyllisch, majestätisch, sehr grün und abwechslungsreich, so lag jetzt der Schwerpunkt deutlich auf Industriegebiet und Einöde. Mitten in der Pampa hielten wir an einer unattraktiven Tankstelle an, für Toilettenpause und Snackeinkauf.

Die dann angekündigten 45 Minuten zum nächsten Ziel wurden um eine halbe Stunde überzogen, der Bus ruckelte weiter durch die Einöde und legte zwischendurch auch mal die ein oder andere Vollbremsung hin, die uns aus den Sitzen schmiss. Gegen 12:30 Uhr waren wir dann in Kravica, bei den berühmt-berüchtigten Wasserfällen. Sagen wir mal so, wer schon mal an den Victoria Falls war… naja, es ist ganz nett. Leider völlig überlaufen. Ein kleines Disneyland. Man kann schwimmen, fressen, saufen und sich im Boot über einen See paddeln lassen. Auf und Abstieg waren sehr beschwerlich, denn die angekündigte Fahrt mit der Bimmelbahn war gestrichen.

Ab da ging es dann aber verhältnismäßig zügig und die Attraktionen wurden auch interessanter. Wir besuchten die wirklich sehenswerte mittelalterliche, unter dem Schutz der UNESCO stehende Stadt Počitelj, die wir von der oberen Festung bis zur unteren Moschee hinabliefen. Es gibt nur wenige Einwohner, alles ist wunderbar erhalten, aber auch sehr steil mit sehr vielen Treppen. Es gibt Stände mit selbstgemachten Marmeladen, Honig, getrockneten Früchten, selbstgepresstem Saft. Ich erstand Feigen, die Ortschaft ist voller Feigenbäume.

Von dort aus fuhren wir nach Blagaj, wo die einzige Quelle des Flusses Buna liegt; an dieser Quelle haben Derwische ein Kloster errichtet. Seit 1920 lebt dort keiner von ihnen mehr, aber es wird noch als religiöse Stätte genutzt, vor allem von Souvenirverkäufern und Restaurantbetreiben. Auch hier ist es ziemlich schön und der Ort einen Besuch wert. Aber voll, voll, voll. Und der Weg vom Busparkplatz steil.

Der Höhepunkt des Tages stand an: der Besuch von Mostar und seiner berühmten Brücke. Gestern meinte der Stadtführer, das Mostar ohne die Brücke gar nichts wäre, aber das ist nicht zutreffend, die Altstadt ist wirklich sehr sehenswert. Das finden aber auch Millionen anderer Menschen! Und alle waren sie heute hier! Das Geschiebe und Gedränge könnt ihr euch kaum vorstellen, auf der Brücke ging zeitweise gar nichts. Während wir – kurz vorher – aus der Ferne die Brücke bewunderten, sprang einer der Brückenspringer ins Wasser, den konnte ich nachher aus der Nähe betrachten. Der hatte ganz schön beeindruckende Verletzungen. Scheint also ein einträgliches Geschäft zu sein. Wir besuchten noch eine kleine Moschee und bekamen dann Freizeit. Dreimal dürft ihr raten, was ich da zuerst tat! Nach meiner kleinen Belohnung bin ich aber natürlich noch weiter durch die Innenstadt. Schon nach kurzer Zeit wird es erstaunlich angenehm, die Touristenmassen konzentrieren sich wirklich auf einen Umkreis von 100 m um die Brücke herum. Ich erstand mangels Weinkaufgelegenheit einen selbstgemachten Granatapfelschnaps, den ich mir mit Limo verdünne.

Obwohl unser Adis ein Kriegsveteran und später so etwas wie ein Sonderbeauftragter der UNO für die Kriegsfolgen war, sprachen wir erstaunlich wenig über Geschichte. Aber sie läuft einem natürlich auch insbesondere in Mostar über den Weg. Mostar war mehrmals belagert und attackiert worden. Es gibt große Friedhöfe, auf denen das Sterbedatum ganzer Felder identisch ist. Kinder dabei. Das ist erschütternd.

Die Rückfahrt zog sich und gegen 21 Uhr waren wir wieder in Baščaršija. Ich war fix und alle. 13 Stunden wahlweise in einem ausgenudelten Bussitz oder auf steilen Abhängen unterwegs. Dazu einen sehr verstörenden Sitznachbarn. Der spielte z.B. mit verkniffenem Gesicht Luftschlagzeug. Puh. Ich eilte in meine Lieblingsbäckerei, orderte zwei Bureki und nahm sie mit ins Hotel. Fettriefend und absolut köstlich! Der Hammer! Ich schaffte aber nur einen, sehr mächtig die Dinger.

Fazit des Tages? Also, der Ausflug war in Teilen ja sehr schön, aber wenn man dreiviertel der Zeit herumfährt und vor Ort nur eine kleine Führung und dann ein bisschen Freizeit hat… dazu die recht große Gruppe und der völlig unbequeme Bus… vielleicht würde ich beim nächsten Mal einen kleineren Ausflug buchen oder aber für einen Tag einen Mietwagen nehmen. Mit dem Auto kommt man hier doch recht gut von Ort zu Ort, wie mir scheint.

Morgen schlafe ich erstmal aus, weitere Pläne habe ich noch nicht. Es gibt gute Museen, aber das Wetter ist ja viel zu schön für Innenaktivitäten.

Ihr Lieben, ich hoffe, wir sehen uns morgen wieder. Bis dahin alles Liebe und Gute, Euer

Bosnien-Herzegowina 2025 – Tag 1: Direkt hoch hinaus

Ihr Lieben,

Der sonst hier übliche Programmpunkt fällt heute leider aus. Frühstück gab es nicht, ich hatte auch keins mitgebucht. Ich musste einfach viel zu früh raus! Das Hotel selbst ist aber wirklich schön, angefangen vom Servicepersonal, über die tolle Dachterrasse bis hin zum makellos sauberen Zimmer! Und ich hatte keinen Anreisestress (siehe die gestrige Katastrophe). Geschlafen habe ich allerdings fast gar nicht, aber obwohl mir die Gefahr des Verpennens hoch erschien, döste ich bei Vollbeleuchtung und laufendem Fernseher ein bisschen.

Der Flug war pünktlich und sehr angenehm. Es waren viele kleine Kinder an Bord, aber die Eltern hatten alles im Griff! Sogar der Mittelsitz neben mir war frei, ein Umstand der mir sehr viel Freude bereitete. Da ich in Reihe 2 saß, war ich auch sehr schnell an der Passkontrolle und aus dem Flughafen raus. Der Bus in die Stadt fährt leider nur alle 90 Minuten, wenn überhaupt, die Personen die ich befragte, waren unsicher, ob an einem Feiertag überhaupt ein Bus kommt. Ein Taxi hielt vor mir an, der Taxifahrer wollte 30 Mark bis ins Zentrum. Das erschien mir hoch und ich nahm das nächste Taxi mit einem älteren Herrn als Fahrer, der den Taxameter anschmiss. Und siehe da, mit großzügigen Trinkgeld war ich gerade mal bei 20 Mark. Mark? Hat der Gerry sie nicht mehr alle? Naja, die bosnische Währung heißt Bosnien-Herzegowinische Konvertible Mark. Von denen hatte ich mir ein paar an einem Automaten im Flughafengebäude gezogen. Und sie ist tatsächlich so viel wert wie die D-Mark.

Mein Zimmer in der Pension war natürlich noch nicht fertig, aber ich konnte mein Miniköfferchen an der Rezeption lassen und begab mich umgehend auf Stadterkundung. Mein erster Weg führte mich zur Seilbahn, die auf den olympischen Berg fährt. Da ich so früh da war, hatte ich eine Kabine ganz für mich alleine. Ich nehme es vorweg: als ich nachher wieder runter kam, stand eine schier endlose Schlange für Tickets an. Deswegen empfehlen wir dringend, den 6 Uhr-Flug von Köln zu nehmen!! 🤪 Oben auf dem Berg hat man eine fantastische Aussicht auf Sarajevo. Ich trank in der Cafeteria einen Kaffee, aß ein Croissant, lief in der frischen Luft ein bisschen herum (Pflichtprogramm sind ja das Olympia-Zeichen [wer war da wohl Hauptsponsor?] und die inzwischen völlig zerstörte Rodelbahn), bevor ich mich wieder auf den Weg nach unten machte. Eigentlich ist die Seilbahn nicht so schlimm, aber auf dem Rückweg hielt sie mit einem derben Ruck einmal mittendrin an, da setzt bei mir ja sofort Herzkasper ein.

Ich lief in die Altstadt Baščaršija. Ein Träumchen, insbesondere für die Liebhaber chinesischen Touristenkitschs. Aber im Ernst, es ist wirklich sehr nett da. Ich trank einen bosnischen Kaffee, der sich dadurch auszeichnet, dass in der Kaffeetasse ein Stück Lokum liegt, dass man übergießt. Das fand ich sehr gewöhnungsbedürftig, aber der Kaffee an sich ist sehr, sehr lecker, die Bosnier sind zu recht stolz auf ihren Kaffee. Dazu gab es eine bosnische Cola namens Cockta. In der Mi-tte des zentralen Platzes steht ein Brunnen, eines der Wahrzeichen von Sarajevo, an dem sich sehr viele Tauben tummeln. Körnerverkäuferinnen tragen dazu bei, dass es ein wildes Geflattere und Gewusel ist, aber die Kinder haben einen Heidenspaß. Ich selbst bin ja kein erklärter Taubenfreund! Ich lief ziemlich lange durch die Altstadt, bestimmt zwei Drittel des geführten Rundgangs, den ich gebucht hatte, hatte ich quasi schon vorher absolviert. Sarajevo ist wirklich nett, ich war – glaube ich – in einer Karawanserei, habe von außen Kirchen und Moscheen besichtigt; es gibt sehr viele schöne alte Fassaden, es gibt aber natürlich auch den sozialistischen Klotzbau. Immer wieder erhascht man, wenn man in die Gassen schaut, einen Blick auf die Sarajevo umgebenden Berge, es gibt mehrere Parks und andere Grünflächen, es ist schon sehr schön hier. Begünstigt wird dieser Eindruck natürlich durch das perfekte Wetter.

Kurz bevor meine geführte Stadtbesichtigung losging, gönnte ich mir ein Bier in der Sonne. 4 Mark der halbe Liter! Gaaaanz wunderbar!

Die Stadtführung war dann etwas ausführlicher als meine eigene Erkundungstour, vor allen Dingen untermalt mit hilfreichen Erläuterungen. Die Führung war sehr dünn besetzt, es hatten sich sehr viele Menschen angemeldet, es sind aber mehrere einfach nicht erschienen. Für den Rest der Truppe war das natürlich ein Vorteil, sie hatten mehr von Kenel, dem geschichtlich, ethnologisch, sprachlich und religionswissenschaftlich sehr bewanderten, sehr jungen Mann. Er sprach sehr schnell und fließend Englisch, aber ich kam ganz gut mit. Ich habe die kleinste, die größte, die älteste, die neueste, die wichtigste, die interessanteste Moschee, die kleinste, die größte, die älteste, die neueste, die wichtigste, die interessanteste Kirche etc pp gesehen, viele Informationen zum bosnischen Krieg und der Belagerung Sarajevos als auch zu den Umständen des Attentats, das zum ersten Weltkrieg führte, erhalten. Wir lernten, wann und wo wer was gebaut hat, besuchten das Judenviertel, schauten einem Kupferschmied bei der Arbeit zu, bekamen Anekdoten und Gespenstergeschichten erzählt, Namen von Berühmtheiten wurden uns um die Ohren gepfeffert und die Etymologie der Ortsnamen kam als Sahnehäubchen oben drauf. Ich war am Ende fix und fertig, erstens wegen der vielen, vielen Informationen und zweitens, weil ich gefühlt 30 km gelaufen war.

Sarajevo ist stark muslimisch geprägt, es gibt nicht überall Alkohol. Am Ende der Tour wurde uns eine Dachterrasse empfohlen, von der man einen schönen Blick auf die Stadt hat, dort hätte ich gerne einen Wein getrunken, aber es gab nur Kaffee und Saft. Stattdessen enterte ich einen der wenigen geöffneten Supermärkte, wenn nicht sogar den einzigen, erstand dort äußerst hochpreisigen italienischen Wein und ein paar Nüsse. Dann checkte ich in mein Zimmer ein und erfuhr, es wird Schwierigkeiten mit dem Frühstück morgen geben, denn es ist schon wieder ein Feiertag und mein Bus fährt sehr früh nach Mostar ab. Der Rezeptionist brachte Brot und Käse für den Zimmer-Kühlschrank sowie einen Wasserkocher und löslichen Kaffee. Übrigens sind alle hier in der Stadt furchtbar nett und hilfsbereit. Mit Englisch und Russisch (die paar Brocken helfen durchaus) kommt man prima zurecht.

Ich nahm erst einmal eine Dusche und suchte mir dann einen Happen zu essen. Ich ließ mich an den ersten freien Tisch fallen, der in der Nachbarschaft zu finden war, der Kellner kam und fragte „Beer and mixed grill?“, ich war dankbar für so viel psychologisches Einfühlungsvermögen und nickte nur schwach. Es war lecker (wahrscheinlich hätte ich aber auch einen Saumagen verschlungen!) und preiswert.

Ich erhaschte dann noch sozialistisches Feeling beim Anstehen in einem Supermarkt, wo ich noch Milch für den Kaffee kaufen wollte (hier nur Barzahlung!) und eierte dann zurück in die Pension.

Sarajewo? Gefällt mir. Man hat sehr viel wieder originalgetreu aufgebaut. In vielen Fassaden sieht man Schrapnelllöcher. Alle sind so nett. Die Bosniaken, die bosnischen Kroaten, die bosnischen Serben. Dennoch gibt es mehrere Kriegsmuseen, die an Belagerung, Zerstörung, Genozid erinnern. Wie konnte das passieren? Jozip Brosz, Spitzname Tito, sagte Ende der 70er „Wenn ich euch die Demokratie gebe, werdet ihr euch die Köpfe einschlagen.“. Leider hatte er wohl recht. Die Faktoren Nationalstolz, Hass auf andere und Demagogie sind aber die Gründe. Nicht die Demokratie. Das, was wir gerade bei uns wachsen und gedeihen sehen. Die gestern angesprochene Religions- und Völkervielfalt ist eine Bereicherung für „das Jerusalem des Balkan“. Aber es machte es auch zu einem Pulverfass. Hoffentlich hat „Jugoslawien“ etwas aus der Vergangenheit gelernt. Bei Vučić habe ich allerdings Zweifel.

So, morgen Tagesausflug. Seid Ihr dabei? Liebe Grüße, Euer

P.S.: Geld abheben ist mega teuer hier. Blöde D-Mark!

Ich hab die Stadt fast ganz für mich allein…

Bosnien-Herzegowina 2025: Prolog

Ihr Lieben,

dieses Jahr klappt es irgendwie nicht mit der Planung einer längeren Auszeit, daher flitze ich dieses Jahr vorerst nur ein bisschen in Mittelstreckenweite hin und her und suche mir dafür hauptsächlich Städte aus. Ich war ja letztes Jahr so positiv überrascht von Tirana, da habe ich mich jetzt auf den Balkan im weitesten Sinne kapriziert. Ja, ich weiß, Mailand und Mallorca gehören auch im weitesten Sinne nicht dazu :-). Aber Sarajevo, da geht es am Donnerstag für 3 Nächte hin, und Bukarest, da bin ich im Juni.

Ursprünglich wollte ich mit einem mir noch persönlich unbekannten Bekannten verreisen, ja, ich weiß, klingt paradox, aber der Arme ist ein Unglücksrabe und unsere verabredeten Treffen zum Kennenlernen fielen erst einer Corona-Erkrankung im Februar und sodann einem schweren Treppensturz im April zum Opfer. Der war so heftig, dass auch jetzt nicht an Reisen für ihn zu denken ist. So fahre ich mal wieder alleine. Gute Besserung weiterhin von hier aus!

Beschäftigt hatte ich mich mit Sarajevo erst kurz vor Abreise und ich war überrascht, was für vielfältige Unternehmungen möglich sind. Es ist eine geschichtlich bedeutsame Stadt, über das Attentat von 1914, die sozialistische Zeit, die olympischen Winterspiele und natürlich den schrecklichen Krieg in den 90ern hinaus. Vorher schon war Sarajevo ein strategisch wichtig gelegener Ort, gekennzeichnet durch das Zusammenleben vieler Religionen und verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Ich werde nicht alles sehen und erfahren können, da ich auch einen gesamten Tag mit einem Ausflug nach Mostar eingeplant habe. Zudem ist zwar der Hinflug sehr früh, aber der Rückflug am Sonntag leider auch. Aber eine ausführliche Stadtführung werde ich mitmachen, womöglich Seilbahn fahren und auf Zitadellen kraxeln.

Ich schreibe dies alles übrigens in einem Hotel am Kölner Flughafen. Manche halten mich ja vielleicht für überspannt. Ach, Ihr ahnungslosen Autofahrer! Ihr unbefleckten Nichtreisenden! In Köln und Umgebung kann man keine Anreisen mehr planen; es gibt keine Pläne. Und alleine die Fahrt vom Hauptbahnhof zum Flughafenhotel hat bewiesen, dass dies inzwischen die Regel ist. Ich habe 75 Minuten gebraucht!!! In Deutz mussten alle Passagiere den Regionalexpress verlassen, ab da ging erstmal gar nichts mehr. Es fuhr NICHTS, aber auch NICHTS! Richtung Süden. Dafür gab es jede Menge kruder Durchsagen, wann welche Bahnen sich wie verspäten. Alle diese Bahnen kamen GAR NICHT! Grund: Ein (1!!!!) liegengebliebener Zug im Bahnhof und eine (1!!!!) Weichenstörung. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie es einem da mitten in der Nacht mit einem solchen Chaos ginge. Es gab aber auch tagsüber ausreichend panische Passagiere mit Koffern.

Und ich alte Schlafmütze soll um 5 Uhr früh am Gate sein! Daher habe ich das gesamte Hotelpersonal verpflichtet, mit mir im Zimmer zu verbringen und mich rechtzeitig zu wecken. Das trieb den Übernachtungspreis natürlich etwas in die Höhe und eigentlich hätten mich für das Geld auch Sänftenträger direkt nach Sarajevo gebracht… Nee, Quatsch. Aber ruft ruhig alle gegen Viertel vor 5 Uhr an und fragt, ob ich schon durch die Kontrollen bin. Dann könnte ich es immer noch schaffen, der Weg vom Hotel zur Bordkartenkontrolle beträgt 7 Minuten.

Ich hoffe, einige von Euch begleiten mich wieder virtuell, das würde mich sehr freuen! Sollte ich wider erwarten mal hier nichts posten, liegt das eher an technischen Störungen, als daran, dass ich die olympische Sprungschanze herunterraste und seitdem ununterbrochen im V-Stil über die Berge Bosnien-Herzegowinas hinwegflattere. Ach, und den Flug muss ich natürlich erwischen. 🙂

Liebe Grüße, Euer

Die Hotelterrasse ist schon ziemlich nett.

Feiertag, Frühlingsfest, Freunde, Familie

Ihr Lieben,

eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, nicht mehr als 25 gesellschaftliche Termine pro Woche wahrzunehmen, aber manchmal knubbelt es sich ein wenig. So auch letzte Woche. Ich nehme es vorweg: Wie wunderbar!

Am Ostersonntag hatte ich ein paar Freunde zum Mittagessen eingeladen, daher war ich den ganzen Samstag mit Kochen, Patissieren und Putzen beschäftigt. Als Vorspeisen gab es Dillcreme, Lachscreme und Tomatenaufstrich, dazu Brot sowie einen einfachen Salat mit Vinaigrette, als Hauptspeise Kalbsbraten (das Rezept von einer Metzgerei im Internet abgekupfert, er gelang wunderbar!) mit Kartoffelgratin und Ofengemüse und als Nachspeisen Schokomousse und Mangojoghurt. Die Gäste brachten Eierlikör, Osterlämmer und Apfeltorte vom Konditor mit, so waren wir nachher alle ziemlich vollgestopft. Das Mittagessen ging von 12 bis 23 Uhr. Ein Wermutstropfen: das Auto eines Paares wurde abgeschleppt. Ich wünschte, das Ordnungsamt wäre mal so eifrig auf unserer Raserallee!

Den Ostermontag brauchte ich zur Reha (es gingen 22 Flaschen Wein und Sekt über den Tisch) und Aufräumen. Am Mittwoch wollte sich das Kulturtrüppchen dann am späten Nachmittag zum Ehrenfelder Frühlingsfest treffen. Ja, Hustepiepen! Es zog sich zu, gewitterte, hagelte und wolkenbruchte. Wir überlegten, zu verschieben, einigten uns dann aber darauf, uns in der Stadt zu Tapas und Getränken im Lichtenberg zu treffen. Das war dann auch gut so, hatten wir doch viel Spaß.

Für den Freitag dann hatte ich mir ein Abendessen mit Mitgliedern der Namibia-Reisegruppe in den Kalender eingetragen, allein war eigentlich seitens der Anderen der Samstag geplant. Oooops. Und Samstag stand bei mir schon ein weiteres Frühlingsfest im Kalender. Wir trafen uns dann nur zu dritt am Freitag und die anderen dann doch am Samstag. Beim Italiener zerschmetterte ich ein bisschen Inventar, aber ansonsten auch das ein wunderbarer Abend, den wir in einer Bar ausklingen ließen.

Der Sonntag war dann der Familie gewidmet. Ich quälte mich mit dem ÖPNV Richtung Mönchengladbach, mein Bruder Oliver pickte mich dann aber auf einem Bahnhof unterwegs auf, weil mir drohte, einen Anschlussbus zu verpassen. Das Treffen vor Ort war etwas kurz, aber dennoch nett. Hagen hatte Far breton gemacht und Streuselkuchen zugekauft. Die Nichten mussten allerdings Punkt irgendwann wieder bei der Mutter sein, da gab es kein Pardon. Aber nicht schlimm, in zwei Wochen ist Konfirmation, da sehen wir uns alle in Duisburg wieder.

Ach, der Samstag. Tja, der fiel dann in gegenseitiger Absprache kurzfristig aus, aber ein Tag Erholung war dann auch sehr schön. Ich habe auch absolut nichts und sogar noch weniger getan. Wobei Konfusius ja mal treffend bemerkte, das Nichtstun eine spirituell mächtige Herausforderung ist.

Ich wünsche allen noch einen schönen Sonntagabend und vielleicht sehen wir uns ja ab Donnerstag in Sarajevo! Liebe Grüße, Euer

P.S.: Das Vorschaubild ist übrigens ein Wandtattoo aus dem Lichtenberg, ich mag den Spruch sehr. Genieße den Tag, gehe aus, triff Dich!

Ein Samstag in Poll

Die Rasenmähsaison im Veedel wird heute von Herrn Ingo M. eröffnet. Es schließen sich an: Peter F., Heinz R., Dietmar G., Liese P. und viele weitere Helden des gepflegten Grüns. Der Wettkampf beginnt um 8 Uhr und findet gegen 13 Uhr ein vorläufiges Ende, da das Kartoffelpüree kalt zu werden droht.

Der Wettbewerb wird ab 15 Uhr fortgesetzt, das Feld führen Helge S., Branislaw Z., Berenice L. und Gunther M. an. Es sind noch verbilligte Karten für Tribünenplätze erhältlich. Die Preisverleihung für den langweiligsten Rasen ist für 19 Uhr angesetzt.

Um 16:30 Uhr durchdringt ein ganz anderes Geräusch die Kakophonie aus Benzin-, Elektro- und Handrasenmähern. Nanu? Ist da eins der Geräte defekt? Ich schaue aus dem Fenster und sehe Tabea D. mit einer Kettensäge durch die Gärten des Hofes laufen.

Sie wird doch wohl nicht jetzt Grünschnitt machen wollen? Aber nein, sie läuft schreiend auf ihren Nachbarn Jochen K. zu, den Besitzer des AMG unter den Mähern. Aber was macht sie denn da? Ach herrjeh. Seine Schreie mischen sich mit ihren, Blut, ich schaue entsetzt weg. Der Rest ist Schweigen. Die Preisverleihung fällt aus.

Mallorca 2025: Der Epilog

Ihr Lieben,

klar gibt es noch einen Epilog. Aber nur einen ganz kurzen.

Das Hotel in Can Pastilla war gar nicht schlecht. Für einen längeren Aufenthalt würde ich es vielleicht nicht nehmen, aber es war deutlich ruhiger als im Es Bauló, moderner und das Frühstück ausgezeichnet (Omelett-Station!!!). Nur halt mit deutlich kleinerem Zimmer. Missversteht mich bitte nicht, ich mag türenschlagende und alles-im-Speiseraum-befindlich-umrennende und laut kreischende Kinder, aber eben lieber, wenn sie mir von der anderen Seite des Globus aus zuwinken. Dann geht mein Herz auf. Wirklich! Dafür stieg der Altersdurchschnitt im fast menschenleeren Speisesaal in Can Pastilla auch sprunghaft um 40 Jahre. Vielleicht, weil die Ballermänner noch verkatert auf ihren Zimmern hockten. Oder sie feierten noch, ¿quién sabe?

Wie vorausgesehen, war ich in 0,nix am Flughafen (wieder viel zu pünktlich), konnte da eine letzte Anna C. trinken (stil- und stiellos aus dem Pappbecher!) und landete pünktlich in Düsseldorf. Haben sich die zusätzlichen 22 Euro für die Beinfreiheit gelohnt? Ja, ich finde schon. Eurowings ist auf den Normalsitzen inzwischen unterste Liga, da sind selbst bloße zweieinhalb Stunden eine Tortur. Sogar der mittlere Sitzplatz war frei, so konnte ich mich noch breiter machen, als ich ohnehin schon bin. Einziges Manko: Der Kaffee hatte die Temperatur, die der Prosecco gerne hätte haben können.

Vor mir saß eine Dame mittleren Alters. Beate war ihr Name. Sie unterhielt in unglaublicher Lautstärke ihre Sitzreihe und alle in 20 Metern Umgebung. Ohne Punkt und Komma purzelten Weisheiten zu Kindererziehung, den richtigen Wanderschuhen und die Vielfältigkeit von Sauerteig aus ihr heraus. Ich stöpselte mich mit Ohrstöpseln zu; allein, die Stimme war zu durchdringend. Am Schluss flötete sie dem schweißgebadeten Paar neben ihr zu, wie nett sie die Plauderei gefunden hätte. Manche Menschen merken irgendwie nix.

Also, es war, wie schon geschrieben, eine sehr nette Reise. Ich denke aber, ich muss jetzt auch mal anderen Inseln eine Chance geben. Oder zukünftige Malle-Reisen auf Palma beschränken. Menorca soll auch sehr schön sein.

Bis bald, Ihr Lieben und viele Grüße von Eurem

Mallorca 2025 – Día 7: Mein Draht zu den Heiligen

Ihr Lieben,

es gab Unwetterwarnungen für gestern und heute. Geregnet hat es zwar, aber wohl nicht so stark, wie vermutet. Auf jeden Fall ist es draußen nass und kalt und ich beschloss gestern noch, nicht nur den Tag in Palma zu verbringen, sondern auch Sancho zu seinem Stall zu bugsieren und die letzte Nacht in einem flughafennahen Hotel zu nächtigen. Ich stand früh auf, um mehr Zeit zu haben und musste mein Frühstück daher in einem völlig überfüllten Speisesaal einnehmen, da das Hotel voll sowie die Terrasse gesperrt waren und offensichtlich auch alle anderen mehr vom Tag haben wollten. Vorm Eierstand gab es epische Kämpfe und ich sah mich schon am Kleinkindtisch sitzen, als ein anderer Platz frei wurde. Puh!

Dann wurde gepackt, gespült (die Küchenzeile gehört leider nicht zur Zimmerreinigung) und ausgecheckt. Die Fahrt zurück dauerte etwas länger als gedacht, es staute sich hier und da. Aber es regnete ja auch. Die Wagenrückgabe war dann einfacher als erwartet, vor mir gab es zwar Ärger wegen angeblich vorher nicht vorhandener Kratzer (und ich ahnte schon Schlimmes), aber bei Sancho gab es nichts auszusetzen.

Nun hätte ich mich mit dem Mietwagen-Shuttlebus zum Flughafen fahren lassen und von dort aus den Regelbus nach Can Pastilla nehmen können, aber laut Google Maps gab es auch in der Nähe eine Buslinie, die mich zu meinem Hotel bringen würde. Zu der musste ich nur ein bisschen laufen und den meist befahrenen Kreisverkehr der ganzen Insel überqueren. Das Bushaltestellenschild sah sehr alt und verwittert aus, das beunruhigte mich ein wenig, aber nach kurzer Zeit kam der Bus aus der Gegenrichtung, das beruhigte mich wieder. Bei mir tat sich leider nichts, dass beunruhigte mich ein wenig. Es gesellte sich ein anderer Passagier zu mir, das beruhigte mich erneut. Es passierte nichts, das beunruhigte mich ein wenig… ich mache es kurz (zu spät), der Bus kam und brachte mich in einer Viertelstunde in den Ort, ich musste nur noch 200 m zur Unterkunft laufen. Ich war eine Stunde zu früh, bekam aber dennoch mein Zimmer. Das Hotel ist entweder neu oder super renoviert, sehr sauber, aber das Doppelzimmer winzig klein. Ich denke, hier wurden schon Ehen ruiniert. Selbst Romeo und Julia hätten sich auf so kleinem Raum nicht mehr lieb gehabt. Ich strich mir mit angefeuchtetem Finger über die Augenbrauen und machte mich auf in die Stadt, wieder mit dem Linienbus.

Ich war gerade an meiner Haltestelle angekommen, da fing es an zu regnen. Egal, ich bin ja nicht aus Zucker. „Das wollen wir mal sehen“, antwortete der Himmel. Und es fing an zu schütten! So sehr, dass ich mich unterstellen musste. Bin nämlich doch aus Zucker! Ich beobachtete, dass der Regen in Wellen kam; ich berechnete den perfekten Moment, um loszulaufen, befand ich mich doch kurz vor der Kathedrale. Da, da war doch der Moment! Klatschnass kam ich an der Kathedrale an, ich kann nämlich gar nicht rechnen. Gottseidank kann man ja fast alles online buchen. Ich erwarb unter dem Schirm des Einlasswächters eine Eintrittskarte und war ruck-zuck im Trockenen. Ich mag die Kathedrale, aber für ein mehrstündigen Aufenthalt ist auch sie nicht geeignet. Ich spendierte dem heiligen Bernat daher eine Kerze und bat um besseres Wetter. Es funktionierte. Als ich die Kirche verließ, war es, als wäre nichts gewesen! Spooky!

Ich lief ein bisschen herum, enterte auf dem Passeig del Born ein freies Tischchen und spendierte mir ein Bier. Irgendwie hatte ich da den ersten wirklichen Urlaubsmoment. Nix mehr vor, die Sonne schien, ich saß bei einem kühlen Bier draußen. Da beschloss ich, meine restlichen Pläne für den Tag zu stornieren. Kein Shopping, keine Museen, keine Sehenswürdigkeiten. Nur sitzen und glotzen. Und ziellos durch die Altstadt laufen, um wieder zu sitzen und zu glotzen. Das ist der Vorteil, wenn man einen Ort gut kennt und nicht das Bedürfnis hat, so viel wie möglich erkunden zu müssen. Wunderbar!

Am Abend kaufte ich an der Plaza España ein paar Empanadas und fuhr von dort aus mit dem sehr vollen Bus zurück ins Hotel. Dort sitze ich jetzt auf dem Balkon, krümele alles voll und habe Ausblick. So verlockend es klingt, quasi in einer Pinie zu hocken… Häuser und Himmel zu sehen, spricht mich doch mehr an.

Beim Frühstück heute plauderte mich ein Pärchen vom Nachbartisch an (wir hatten uns ein paar Tage zuvor schon einmal unterhalten), wir quasselten so vor uns hin, und als ich erzählte, dass ich eine Nacht eher abreise und den Wagen einen Tag zu früh zurückgäbe, war das Entsetzen groß: „Aber das ist doch schon alles bezahlt!“. Tja, ich bin heilfroh, morgen früh keinen Anreise-, Wagenrückgabe- und durch die Gegendumherirrereistress zu haben, das sind mir die paar Euro wert. Abgesegen davon habe ich ja Benzin für die Strecke zurück und wieder hin gespart. Apropos Benzin: Die große Repsol-Tankstelle am Flughafen bietet noch Betankungsservice. Mein Tankwart bekam sich gar nicht mehr ein vor Freude, als ich spanisch mit ihm plauderte. Über seine Komplimente bekam ich mich dann vor Freude nicht ein. Ihr seht, Sprachenlernen verbindet.

So, das war wieder eine sehr schöne Reise, Palma war der krönende Abschluss, ich mag die Stadt sehr gerne, selbst, wenn es regnet. Ich habe mich sehr über Eure Begleitung gefreut, über die vielen Glückwünsche und die Nachrichten und Kommentare bei Signal und auch hier. Schon in Kürze werde ich wieder einen Kurztrip unternehmen und nach Sarajewo fliegen, diesmal in Begleitung. Vielleicht seid Ihr dann ja wieder mit dabei. Liebe Grüße und hasta la proxima vez, Euer

P.S.: Bosnisch spreche ich jetzt noch nicht, aber ich habe ja noch zweieinhalb Wochen Zeit.

P.P.S.: Der Autor wartet in der Pampa – mal mehr, mal weniger beunruhigt – auf den Linienbus:

Mallorca 2025 – Día 6: Gerry in der Unterwelt

Ihr Lieben,

gestern erreichten mich noch ein paar mehr Glückwünsche, es reicht jetzt sogar für anderthalb Jahre! Eine meiner Freundinnen hat sich gar nicht gemeldet, aber sie gratuliert mir auch gerne mal spontan im September oder im Februar, was ich dann immer ganz erheiternd finde. Persönlich habe ich meinen Büro- und meinen Freizeitkalender verknüpft, was dazu führen soll, dass ich keinen Geburtstag vergesse, aber natürlich verpenne ich dennoch dauernd, rechtzeitig zu gratulieren.

Das Wetter bei den meisten virtuell Mitreisenden ist bekanntlich inzwischen besser als hier, daher galt es, mich wegen der erhöhten Regenwahrscheinlicheit anzupassen. Also wieder lange schlafen (als wäre das eine Herausforderung für mich! HAH!) und lange frühstücken. Ich muss das Hotel an dieser Stelle mal loben. Sie legen wirklich bis zum Ende der Frühstückszeit immer nach. Fünf Minuten vor Schluss ist fast alles noch da. Heute gab es sogar Sekt und Churros mit heißer Schokolade, nur war Sekt wegen der Fahrerei tabu und Churros sind mir morgens dann doch ein bisschen too much. Aber wo war ich? Ach ja, Anpassung. Wenn es regnen soll, muss man sich unterstellen. Gestern halt hoch hinaus, heute einfach mal in die Unterwelt. Yes, we can-can!, würde Offenbachs Orpheus rufen.

Es gibt auf Mallorca wirklich erstaunlich viele touristisch erschlossene Höhlen (selbst in dem Kaff, wo Elke und ich 2016 wohnten, Genova, gab es welche), aber die Cuevas del Drach sind wohl die bekanntesten und größten. Im Internet waren für heute alle Zugangszeiten von 10 bis einschließlich 12 Uhr schon vergeben, daher buchte ich einen Einlasstermin aka „time slot“ für 13 Uhr. Google bemaß die benötigte Fahrtzeit mit einer dreiviertel Stunde. Ich fuhr anderthalb vorher los und war dann etwa 20 Minuten vor Start vor Ort. Es verteilten sich schon viele Besucher auf dem Gelände, ich hingegen hatte im Reiseführer gelesen, dass man, wenn man später noch in den Genuss einer Bootsfahrt kommen wolle, bei der musikalischen Vorführung am Martell-See (so heißt das Gewässer in der Höhle) ganz vorne sitzen solle, damit man nicht ewig Schlange stehen muss.

Als es dann los ging, stand dann hinter mir auch eine ellenlange Schlange. Ich konnte gar nicht abschätzen, wie viele Hundertschaften das waren. Wir folgten einer viersprachigen Dame, die aber nichts erläuterte, sondern nur voranschritt und Ver- und Gebote aufsagte. Nix anfassen, keine Blitzfotografie, keine Münzen irgendwo hinwerfen und dergleichen. Die Höhle musste dann für sich selbst sprechen. Und ja, sie ist schon eindrucksvoll. Ab und zu pausierte der Besucherlindwurm, um Fotos machen zu können. Und dann und wann passierte man weitere Mitarbeiter der Drachenhöhle, die einen auf Stufen oder rutschigen Untergrund hinwiesen. Ja, und so sieht das dann innendrin aus:

Irgendwann gelangt man zu dem mit Superlativen geschmückten Martell-See. Größter, tiefster, schönster… ob das alles stimmt? Eine riesige Tribüne stand bereit und der Lindwurm verteilte sich darauf. Und verteilte sich. Und verteilte sich. Und… ach, ich sehe, ihr habt begriffen. Jetzt kommt das unvermeidliche Gemotze. Man läuft ein paar hundert Meter, setzt sich dann hin und wartet dann 20 Minuten, bis das Schlangenende auch sein Popöchen hingepflanzt hat. Es folgt eine fünfsprachige Litanei. Es gäbe ein traditionelles Konzert mit klassischer Musik, die Musikanten seien echt, man dürfe nicht filmen und fotografieren etc. pp. Und dann kommt ein Bötchen reingepaddelt, auf der 4 Musiker:innen sich sehr viel Mühe geben, sich bei Albinoni, Puccini, Gardel und Offenbach auf der schwankenden Barke nicht zu verhauen, begleitet von zwei illuminierten anderen, aber leeren Booten. Und nein, der Offenbach war nicht aus der Unterwelt, sondern aus den Erzählungen Hoffmanns. Es gibt verhaltenen Applaus nach jedem Stück. Wenn das Konzert zuende ist, folgen die Anweisungen zum Verlassen der Höhle, wieder in fünf Sprachen. Entweder über eine Brücke am rechten Rand oder mit Boot am linken Rand. Der Gerry war dann der erste in Boot 2 und durfte ganz vorne sitzen. Ob man’s braucht? Ach jeh, ich weiß nicht, man fährt etwa 2 oder 3 Minuten. Ein paar Dutzend Stufen hoch, da warten dann die Souvenirs und das Tageslicht. Hat es sich gelohnt? Naja, das war schon nett. Die Höhle ist toll, das Drumherum ein wenig aufgeplustert.

Da ich nun schon in Porto Cristo war, schaut ich mir dort den Hafen an. Eine Fressbude nach der anderen, sah aber alles okay aus, schien nur etwas hochpreisiger als bei uns im Norden. Bekannt ist der Ort auch für seinen Perlenvertrieb Majorica sowie diverse Safari- und Pappmachéedinoparks. Für Urlaub mit Kindern bestimmt ein guter Ort. Als es anfing zu regnen, verabschiedete ich mich.

Ich googelte nach Mühlen und fand eine vor und eine in Manacor. Beide waren leicht zu finden und gut restauriert und so konnte ich diesen Programmpunkt auch auf erledigt setzen. Und da ich nun schon einmal in Manacor war, schaute ich mir das natürlich auch noch an. Ein spanisches Städtchen ohne viel Tourismus, dafür haufenweise Volk auf den Plazas, wo Familien sich zu halben Picknicken versammelten. Soll heißen, sie saßen zwar an Restaurantischen und bestellten dort Getränke, aber hatten alles sonstige in Frischhaltedosen dabei. Manacor hat eine interessante Kirche im gotischen Stil, fast schon eine Kathedrale. Leider war sie geschlossen und bis 17 Uhr 30 wollte ich dann nicht warten. Ich fuhr eine neue Strecke zurück nach Can Picafort und hatte die Straße fast für mich alleine. Es ist total schön, zwischen den Steinmauern entlangzugleiten. Alles blüht hier wild und bunt, Mohn, Butterblumen, irgendwas blaues. Sehr schön. Und dazu rosa blühende Bäume. Für Mandeln ist es ja eigentlich zu spät, oder?

In Son Bauló angekommen, gönnte ich mir den morgens verpassten Cava, da es aber tröpfelte und frisch war, hielt ich es draußen nicht allzu lange aus und zog mich in Studio zurück. Dort nahm ich eins meiner berühmten „Nur-mal-kurz-hinlegen“-Schläfchen, was gerne auch mal anderthalb Stunden dauern kann.

Inzwischen habe ich ein paar Mückenstiche, die mich ganz schön zwirbeln. Auch wieder an so ätzenden Orten wie in der Kniekehle. Dabei renne ich den ganzen Tag mit langer Hose rum.

Morgen soll das Wetter sich weiter verschlechtern und aus dem Tröpfeln soll Regen werden, daher habe ich beschlossen, nach Palma zu fahren, da man in der Stadt ja auch mal ins Museum oder in ein Café ausweichen kann. Außerdem kann man ja nicht nach Malle fliegen und Palma nicht besucht haben. Kommt Ihr mit? Prima, dann sage ich mal, bis morgen! Liebe Grüße, Euer

P.S.: Es empfiehlt sich immer, eine Markierung über den Stellplatz des Mietwagens in Eurem Handy-Navigator einzugeben. In Manacor kam ein völlig aufgelöstes Paar an mir vorbei, die ihr Auto nicht fanden und sich gegenseitig anpampten. Das ist aber auch wirklich Mist. Zumal in Manacor alle Straßen auch noch irgendwie gleich aussehen.

Mallorca 2025 – Día 5: Es geht immer nur bergauf

Ihr Lieben,

das Hotel hat kräftig Zuwachs bekommen, haben etwa die Osterferien begonnen? Es ist auf jeden Fall sehr trubelig neben und unter meinem Zimmer. Auch beim späten Frühstück ist es voller als gestern, aber immer noch die beste Wahl, wenn man Kaffeebecher und Spiegelei halbwegs ungefährdet zum Tisch balancieren möchte.

Heute stand Pollença auf der Speisekarte, das ist nicht so weit weg und ich war da auch noch nicht so oft. Bei der Suche nach einem Parkplatz hatte ich Glück, ich musste nur dreimal um den Block fahren, bis jemand mir den seinen übergab. Es tröpfelte, als ich ausstieg. Grmpft! Ich lief über die Plaza Mayor und besuchte als erstes die Kirche Santa Maria dels Àngels, die innen sehr hübsch ist, strollte dann durch die Gassen auf der Suche nach dem Museo Dionís Bennàssar, das ich zwar fand, das aber entgegen aller Informationen geschlossen war. Ich rüttelte ein wenig an der Tür, aber auch dies half wenig… Also entschied ich mich stattdessen für sportliche Betätigung: Ich lief zum Kalvarienberg. Dort führen angeblich 365 Stufen zur Wallfahrtskapelle hoch, eine für jeden Tag des Jahres. Nächste Woche, in der Semana Santa wird hier der Bär steppen, denn da gibt es eine große Prozession. Mich kostete jede Stufe wahrscheinlich einen Tag meines Lebens, so dyspnoetisch wie ich da oben ankam. Ein Kerzchen für mein Überleben habe ich dann gerne geopfert. Deutsch, wie ich bin, habe ich die Stufen auf dem Weg hinunter akribisch gezählt. Immer von markantem Absatz zu markantem Absatz und dann die ermittelte Stufenzahl in meine Notizen-App übertragen. Ja, was soll ich sagen? Mein Jahr hat 412 Tage. Deswegen bin ich immer so erschöpft!!

Ich lief zum Kloster Santo Domingo. Hier findet man das Museu de Pollença, das bei freiem Eintritt Zugang zum Kloster ermöglicht sowie zu einer absolut wilden Sammlung von Kunstwerken. Eine große Ecke ist dem Künstler Atilio Boveri gewidmet, ansonsten findet sich moderne Kunst neben barocken Kirchenfiguren, ein riesiges Mandala neben tayalotischen Sarkophagen, Vasen neben einer (sehr gelungenen!) Videoinstallation. Mir hat das sehr gut gefallen! Beim Ausgang kann man eine Spende dalassen.

In Pollença findet gerade ein großes Fest statt, hier und da sind Bühnen aufgebaut, kleine Attraktionen für groß und klein stehen bereit. Leider verpasse ich den Start der Festa de la Diversitat, es geht erst gegen 16 Uhr los. Pollença ist sehr gut besucht, aber wie in allen anderen mallorquinischen Städten konzentriert sich der Trubel auf spezielle Plätze, so dass man auch leere Gassen durchstreifen und viel vom Charme des Ortes mitbekommen kann.

Wo der Trubel sich hingegen gar nicht verteilt ist die Landzunge nordöstlich von Pollença. Ab Port de Pollença ist hier Stop-and-Go-Verkehr. Alle Welt will zum Mirador del far de Cap Formentor. Eine mentale Herausforderung sondergleichen! Natürlich wieder Radrennfahrer ohne Ende, aber diesmal haben besonders die anderen Autofahrer mir den letzten Nerv geraubt. Zugegeben, es gibt enge Stellen, aber selbst Busse kommen ja aneinander vorbei. Dennoch bremste eine Person bei JEDEM entgegenkommenden Fahrzeug komplett ab. Erst nach 15 Minuten (entsprach dann 500 Metern) konnte ich gefahrlos an ihr vorbeiziehen. Es wurde immer gestauter und viereinhalb Kilometer vor dem Leuchtturm entdeckte ich eine Parkbucht, in der ich Sancho abstellte. 30 Sekunden später parkte mich ein anderer Wagen zu und die Fahrerin fragte, wie lange ich hier bleiben wolle. „Na, ne Stunde wird es schon werden.“. Wir einigten uns darauf, dass die Familie dann spätestens auch wieder dort sei. Sie hätten versucht, am Mirador zu parken, aber dort tobte scheinbar gerade die Schlacht von Winterfell. Wie gut, dass ich hier gehalten hatte.

Ich stapfte die Felswand hoch und erlaubte mir, eine Dreiviertelstunde einfach loszuwandern, bevor ich den Rückweg antreten wollte. Das war ebenfalls eine ganz schön sportliche Übung, aber die Ausblicke belohnten die Anstrengung. Einen Leuchtturm bekam ich durch zwei Bergspitzen zu sehen, aber ob es derjenige welcher war? Es war auf jeden Fall eine nette, kleine Wanderung. Höhepunkt war dann die Begegnung mit drei kleinen wilden Bergziegen, von denen es hier gar nicht mehr so viele echte geben soll. Es gibt tausende ausgewilderte Hausziegen, die die wilden wohl verdrängen, vielleicht auch durch… äh… falsche Eheschließungen. Man erkennt die wilden wohl an ihrem braunen Fell, das mit schwarzen Streifen versehen ist, und ihren bernsteinfarbenen Augen. Die Inselregierung versucht indes, der wilden Hausziege Grenzen zu setzen, da sie die Vegetation schädige. Naja, hüstel. Wir plauderten kurz miteinander, dann setzte ich meinen Weg fort.

Die Rückfahrt von der Halbinsel brachte mich dann kurz wieder der Einweisung nahe, aber gottseidank hörte nur ich meine gottlosen Flüche. Ich erwähnte ja schon, dass ich mir bewusst bin, dass ich auch Teil des Problems bin. Aber ich sag mal so: Ich bin froh, dass ich mich entgegen aller eigenen Ressentiments 2016 das erste Mal auf die Insel getraut habe, dass ich seitdem fünfmal wieder hier war, aber es ist dann auch gut. Es wird bei jedem Besuch voller und voller und unangenehmer. Es ist eine tolle Insel, mit tollen Menschen, die aber auch die Schnauze voll haben. Gestern habe ich mich mit einem Kellner unterhalten. Das Geld, das die Touristen bringen, versickert auf dem Weg nach unten. Er geht jeden Tag 3 Stunden zu Fuß zur Arbeit (Hin- und Rückweg), weil er sich kein Auto leisten kann, und wohnt mit mehreren anderen in irgendeiner Bruchbude, weil die Mieten so hoch sind. Der Tourismus mag den Wohlstand mal nach Malle gebracht haben, aber jetzt kommt es zur gegenteiligen Entwicklung. Die zunehmende Beliebtheit Mallorcas macht es den Minderverdienern schwer, irgendetwas vor Ort zu bezahlen. Ich zitierte schon die alle Rekorde knackenden neuesten Besucherprognosen. Ein Interessenvertreter der mallorquinischen Tourismusindustrie hingegen sagte laut Mallorca-Zeitung, da gäbe es noch ganz viel Luft nach oben. Puh!

Eigentlich wollte ich mir zum Abschluss des Tages Mühlen in Sa Pobla angucken, wo es noch einige geben soll, aber ich fühlte mich wie nach einem olympischen Lauf und lechzte nach einem Bier. Ich parkte vor dem Hotel und fiel sofort in die Bar ein, wo ich der einzige Gast war, abgesehen von drei Todesmutigen, die in der Eiseskälte am Pool lagen und sich wolkten. Denn mit Sonne war ja nix. Das Bier tat außerordentlich gut, die mitgelieferten Mandeln verschwanden mit einem Happs im Mund. Erstaunlicherweise ist das Hotelbier preiswerter als jenes draußen. Verrückte Welt.

So, nun noch Wissenswertes: die Straße auf die Formentor-Halbinsel ist von Juni bis September gesperrt und man kann und darf nicht mit dem Auto dort fahren (es drohen drakonisch hohe Strafen!), dafür werden aber Busse eingesetzt. Fahrt bloß nicht außerhalb der o.g. Periode – so wie ich – am frühen Nachmittag da hin, es ist die Hölle. Ich nehme an, ganz früh morgens wäre die beste Zeit. Zum Sonnenuntergang könnte es leider auch voll sein, weil jeder Reiseführer darauf hinweist, wie schön das dann dort ist. Ganz auslassen? Ach nein, dafür ist es dann doch zu pittoresk dort.

Zum Abend versorgte ich mich mal wieder auf dem Zimmer, wo ich tatsächlich erneut die Heizung anschmeißen musste. Ich höre aus der Heimat und umliegenden Ländern, dass Ihr es gerade wärmer und sonniger habt, als ich. Falls Ihr deswegen zu stark schwitzen solltet, dann kommt doch morgen wieder zu mir auf die Insel. 🙂 Viele liebe Grüße, Euer