Tag 7 – Trinidad: Noch mehr Sich-Treiben-Lasserei

Ihr Lieben,

der Stromausfall gestern zog sich, wie Ihr vielleicht daran gemerkt habt, dass mein Tagesbericht so spät dran war. Denn auch das Internet funktionierte dementsprechend nicht. Gegen 4 Uhr früh wurde ich dann wach, weil plötzlich Klimaanlage, Ventilatoren und Lichter gleichzeitig angingen. Habe mich kurz ziemlich erschrocken.

Um 8 Uhr 30 kamen dann Yaniris und ihre Hilfe, machten ein super Frühstück und klärten mich über das W-LAN, die örtlichen Sehenswürdigkeiten, mögliche Ausflüge usw. auf. Ich habe dann direkt für morgen einen Ausflug gebucht.

Wegen des WiFi muss ich in den Laden der staatlichen Telefongesellschaft Etecsa, man muss für Internet auch über W-LAN quasi Rubbelkarten erwerben, die einem je nach Kosten mehr oder weniger Zeit zum Surfen erlauben. Aber das ist alles spottbillig im Vergleich zu meiner eSIM. Ich finde auch das Konstrukt „Zeit statt Gigabyte“ interessant, zumal man die gekauften Stunden unterbrechen kann. Vor dem Laden gab es eine kleine Schlange. Eine Wachperson ließ völlig willkürlich Menschen ein, immer dann, wenn andere das Büro verließen, die Position in der Schlange spielte dabei keine Rolle. Ich sagte erstmal nix und dachte, wenn ich jetzt rumstänkere, wird das nie was. Irgendwann fiel mir dann aber auf, dass gerade aggressive Männer irgendwie Vortritt hatten, während eine stille ältere Dame und ich schon länger warteten als alle anderen. Beim nächsten Öffnen der Türe pampte ich dann laut rum. „So, jetzt ist erst einmal diese Señora dran und dann ich. Was ist denn das hier für ein bescheuertes System? Wo sind wir denn?“. Ein Wunder geschah, wir durften rein. Muss ich das verstehen? Ich zahlte übrigens für 8 Stunden Internetnutzung etwa umgerechnet 2 Euro.

Ich lief durch ein paar Galerien, kaufte ein paar Getränkedosen für die Casa ein (Limettenlimo und Guavennektar), guckte Schulkindern in Uniformen bei irgendeiner Probe zu und kam dabei ziemlich ins Schwitzen. Es waren 33 Grad, die Luftfeuchtigkeit lag bei 76%. Gegen Mittag ging dann ein kurzer, aber starker Schauer nieder. Der brachte wenig Abkühlung, denn jetzt dampfte es in den Straßen. Ich zog mich kurz in die Casa zurück, auch natürlich, um meine neuen Internetkarten auszuprobieren. Klappte perfekt.

Das Internet in Trinidad ist aber insgesamt furchtbar langsam, sowohl mit eSIM als auch mit Etesca-Karte. Ich weiß, man ist früher auch ohne ausgekommen. Aber ich stelle mir gerade vor, ich erreiste mir Kuba mit einem halben Dutzend Falkpläne. Irrsinn! Da stehen ja noch nicht einmal Restaurantempfehlungen drin…

Kurz überlegte ich, mich zum Strand von Trinidad fahren zu lassen, aber es war immer noch ziemlich bewölkt und der nächste Schauer konnte jederzeit kommen. Nun ist es so, dass man in Havanna immer irgendetwas unternehmen kann. In Trinidad sind die Angebote deutlich eingeschränkter. Pferdekutschfahrten liegen mir nicht. Das Museum der Märtyrer und das Museum des Kampfes auch irgendwie nicht. Letzteres war wahrscheinlich das von gestern. Die Galerien sind Legion, bieten aber irgendwie nur verkitschten Einheitsbrei an. Bis auf zwei. Jaja, ich höre schon wieder die eine oder den anderen stöhnen und rufen: „Lass es sein, Du hast keinen Platz mehr!“. Saufen und fressen könnte man den ganzen Tag, und zwar bestimmt sehr gut, aber das macht ja auch nicht schlank.

Ich lief mal aus dem Weltkulturerbe raus, den Hügel hoch. Das Leben dort findet bei sperrangelweit geöffneten Haustüren statt, die Männer laufen gerne halbnackt herum. Man sitzt auf den Stufen des Friseurladens und plauscht. Verkäufer tragen Teller mit Fischen oder Beutel mit Broten rum und preisen ihre Ware vor jeder Haustüre an. Ich erregte eigentlich nur wenig Aufmerksamkeit. Einzig ein sehr ungepflegter, offensichtlich unter Drogen stehender Rasta-Man (das schwarze Schaf des Barrios?) lief mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Panik! Geistesgegenwärtig schrie ich „Achtung, ansteckende Krankheit!“, was ihn a) zu einer Vollbremsung und b) zur mehrmaligen Wiederholung des Gesagten veranlasste. Den „Trick“ kenne ich aus ähnlichen Situationen, wenn einem zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. In Basaren zum Beispiel. Jetzt hatte ich aber ungewollt die Aufmerksamkeit, die ich eigentlich vermeiden wollte. Aber wenigstens gab es keine Umarmungen.

Ich bekam langsam Durst. Sangria oder Tinto de verano, die ich aus Spanien kenne, sind auch hier sehr beliebt. Ich suchte mir ein Restaurant mit Hinterhofgarten aus, dort habe ich dann in netter Atmosphäre eine Stunde herumgelungert.

Dann wurde es Zeit, eine kleine Siesta einzulegen. Herrjeh, ob ich mir das je wieder abgewöhnen kann? Ich schmiss den Deckenventilator an, legte mich kurz hin und wurde nach wenigen Minuten Döserei wach, weil es so warm wurde. Wieso läuft denn der Ventilator nicht? Ihr ahnt es. Stromausfall. Ich setzte mich auf die Terrasse und süppelte meine Limonaden. Eine war nicht wirklich… äh… die andere schon.

Abends folgte ich mal wieder den Empfehlungen des weltweiten Netzes und erklomm die Dachterrasse des Bistro Trinidad. Dort war ich zuerst alleine, mit zwei Dieselgeneratoren, die einen Heidenlärm machten. Der Blick wieder super, das Essen okay. Croquetas de Pescada, Pollo con Coco y Piña und Tarta Francesa mit Rum. Das Huhn war nix, die Fischkroketten gut, der Kuchen super. Es gesellten sich zwei deutsche Pärchen dazu, denen beiden der laute Diesel und die Mücken arg zusetzten. Apropos: ich habe einige malträtierte Stellen, aber eher vom Kratzen, als von den Viechern selbst. Heute hatte ich vor Verlassen des Hauses in Autan gebadet und wurde verschont.

Auf dem Rückweg gönnte ich mich noch einen Mojito und war dann ausreichend schlapp für den Absacker daheim, mit dem ich das Tagebuch gewöhnlich abschließe.

Der Strom geht gerade mal wieder, Ventilation läuft und ich bedanke mich bei Euch für Euren Besuch. Ich hoffe, Ihr seid morgen ausgeruht genug für unseren Ausflug.

Liebe Grüße, Euer Gerry

Ich plane, in das Tourismusgeschäft einzusteigen. Würde erst mal mit nur einem Bett zur Vermietung anfangen.

Tag 6: Von Havanna nach Trinidad

Ihr Lieben,

5 Uhr 30, der Wecker klingelt. Genau meine Zeit! Ich machte Katzenwäsche, packte meine restlichen Habseligkeiten und begab mich auf den Weg. Gestern Abend hatte ich noch versucht, über Facebook ein Taxi zu organisieren, das hat natürlich nicht geklappt. Ich schleppte mich also zum Hotel Nacional, in der Hoffnung, dort einen Wagen zu bekommen. Ich bekam. Ein pinkes Klassik-Cabrio. Yeah.

Der Busbahnhof ist verwirrend. Da, wo die Dame gestern mich heute sehen wollte, da wollte man mich heute nicht sehen. Irgendwann fand ich die Gepäckaufgabe und setzte mich in die große Wartehalle. Falsch, völlig falsch! Ich müsse mich dahin setzen, wo ich ganz zu Anfang war. Ich sag ja, verwirrend…

Der Bus fuhr pünktlich los (und, ich nehme es vorweg, kam auch pünktlich an – Grüße an die DB sind raus!). Die Plätze wurden zugewiesen (die Tickets muss man vorab und rechtzeitig kaufen) und ich saß zuerst neben einer hektischen Dame. Jacke aus, wieder an, Tasche bitte anreichen, bitte wieder zurückstellen, Jacke aus. PUH! Ṇach der Abfahrt wechselte ich einfach in eine freie Sitzreihe. Scheinbar hatte jemand den Bus verpasst. Der Bus schlich erst ein wenig durch die Vororte La Habanas, nahm auf der Autobahn aber auch nicht wirklich Fahrt auf, hielt nach dreieinhalb Stunden in Cienfuegos das erste Mal und in Trinidad dann anderthalb Stunden später. Dort stiegen die meisten Passagiere aus. Eine Pinkelpause gab es unterwegs an einer kubanischen Autobahnraststätte. Dort wurde u. A. gegrillt. Die Autobahnen sind quasi leer. Ein paar Lieferwagen, ein paar Taxis, kaum Privatautos. Dafür aber viele Pferdekutschen und Reiter.

Ansonsten lief die Fahrt in ungefähr so ab:

  1. Stunde: Oh, was eine hübsche Landschaft!
  2. Stunde: Hach ja, die Landschaft, nett.
  3. Stunde: Puh, echt viel Grün hier.
  4. Stunde: LANDSCHAFT!!
  5. Stunde: AAAARGH!!!!!!

Der Bus wird ja mit „Premium Komfort“ beworben. Das mag für Kuba durchaus zutreffend sein, aber mir graut schon vor den anderen Fahrten, da ist ja mindestens eine dabei, die dreimal so lang geht. Es gibt zwar eine gemäßigte Klimaanlage, wenn man eine Sitzreihe für sich hat, ist auch ausreichend Platz, aber die Sitze sind ziemlich durchgesessen.

Am Busbahnhof in Trinidad angekommen, wurden wir sofort belagert. Taxi? (Häh? Verschwörung vorbei?), caramelos, pesos, cambio, casa? Meine casa ist allerdings nur ein paar Meter vom Bahnhof entfernt, daher musste ich alle enttäuschen, obwohl ich bepackt war wie ein Lastesel.

Meine casa fand ich dann sehr schnell. Man hatte auch schon mehrmals mit mir Kontakt aufgenommen, erst der Besitzer, dann dessen Nichte, dann deren Cousine und zuletzt die Mama. Oder so ähnlich, ich hatte irgendwann den Faden verloren. Die Mama ließ mich eins der beiden Zimmer auswählen, ich habe das ganze Haus für mich allein. Sie wechselte auch direkt zu einem guten Kurs, organisierte mir Frühstück und im Zimmerkühlschrank steht kaltes Bier. Wasser natürlich auch, aber wen interessiert das, nach einer so anstrengenden Busfahrt? Eine Dachterrasse gibt es auch, yeah! Das Haus ist nicht so schick und modern, wie das Appartement in Havanna, hat aber unglaublich viel Charme. Fast bin ich ein wenig traurig, dass im anderen Zimmer keine interessanten Menschen wohnen.

Es wurde Zeit, den Ort zu erkunden, an dem ich die kommenden vier Nächte bleibe. Das centro histórico von Trinidad ist Weltkulturerbe und ich wohne direkt am Eingang davon. Was soll ich sagen: Ich finde es wuuunderschön hier! Havanna ist ja interessant und faszinierend, hier ist es einfach nur schön. Keine Hochhäuser, verwinkelte Gassen, nicht alles im Topzustand, aber durchaus bewohnbar und bewohnt, bunt, Kopfsteinpflaster statt Asphalt… Allerdings kommen gefühlt 20 Restaurants und Bars auf einen Touristen. Hier ist fast nichts los. Schade für den Ort. Gut für uns wenige vor Ort.

Ich kletterte die 716 Stufen der Turms des Revolutionsmuseums hoch (ehemals eine Kirche) und hatte einen netten Ausblick über die Stadt. Können auch mehr oder weniger Stufen gewesen sein, hatte mich mehrmals verzählt. Kostete 50 Pesos. 15 Cent. Der Wechselkurs ist zur Zeit 1:340 auf der Straße, aber ich nahm auch die 320 der Vermieterin, das erschien mir bequemer und sicherer. Vom Museum selbst hat man, glaube ich, eher nur etwas, wenn man sehr an lokaler Geschichte interessiert ist.

Es folgen ein paar Impressionen der Innenstadt:

Mir war nach Rumlungern und ich setzte mich auf die Terrasse der Casa de la música. Mein erster Cuba Libre in Kuba! Keine drei Minuten später erschien auch die erste Liveband. Unter anderem wurden auch wieder die „zwei Gardenien“ gegeben. Ich wippte ein wenig mit und wurde sofort verdonnert, eine CD zu kaufen. Machte ich dann gerne.

Das tat so gut, im Halbschatten zu sitzen, zu glotzen, gute Musik zu hören. Und Tagebuch zu schreiben. Habe mir dann noch einen Canchánchara bestellt, Trinidads Cocktailspezialität und extrem lecker!, und beschloss, mich einfach treiben zu lassen.

Nachdem ich der Band noch eine Weile zugehört hatte, machte ich mich auf zu meinem Palacio, um mich stadtfein zu machen. Denn anschließend ging es zu Muñoz Tapas. Hochpreisig, aber Sonnenuntergangsglücksgefühle seien garantiert. Gute Bewertung im Internet.

Wie man sieht, wurde wegen des Blicks nicht zu viel versprochen. Was hingegen verschwiegen wurde: die Monstermücken. Ich war nach drei Minuten zerstochen. Mein Mückenspray natürlich im Koffer. Ich fragte, ob es im Restaurant vielleicht Spray gäbe. Ja klar, beschied man mir. Und kam mit einer Dose kubanischem Paral wieder, um den ganzen Balkon inklusive meiner einer einzusprayen. Ich sachma so: war nett, Euch gekannt zu haben. Wenigstens war mein Essen noch nicht auf dem Tisch. Und dann wurde es dunkel. Stromausfall. Aber nur kurz, scheinbar gibt es einen Generator.

Am Nachbartisch saßen eine russische Mutter, die seit Jahren in Berlin lebt, mit ihrem Sohn. Wir kamen im Halbdunklen ins Gespräch. Zuerst auf englisch, bis wir merkten, dass wir uns auch deutsch unterhalten können. Auch sie hatte sich – wie ich – auf viel Schlimmeres eingestellt und hatte einen halben Koffer haltbare Lebensmittel eingepackt.

Ich wollte mir was ganz tolles gönnen und bestellte die Tapas Muñoz. Das waren dann Käse, Schinken, Oliven und Toast. Naja, machte auch irgendwie satt! Halt etwas sehr überteuert. Ich war noch mittendrin, da erklärte das Restaurantpersonal meine Balkonecke für drei überdrehte Mittdreißiger (ausgerechnet Deutsche) zur Raucherzone. Sie wollten definitiv keine Rücksicht nehmen. Das fand ich weniger lustig, und ich machte mich vom Acker. Insgesamt kann die übertrieben guten Bewertungen jetzt nicht wirklich nachvollziehen. Bis auf den guten Ausblick natürlich.

Wenn Ihr mögt… morgen bin ich dann möglicherweise wieder mit dem nötigen Ernst bei der Sache! Treiben lassen… Geht’s noch? 😂

Hasta luego, compañer@s! (so geht spanisch gendern… 🤣)

Euer Gerry

Tag 5 – Havanna: Die Nekropole der Metropole

Ihr Lieben,

morgen früh fährt ein Bus nach Trinidad, der mich hoffentlich mitnimmt. Immerhin hatte ich schon daheim ein Ticket erworben. Mit Trinidad ist übrigens nicht das Land gemeint, dann müsste es ja ein Amphibienbus sein. Nein, in Kuba gibt es allerlei Ortsbezeichnungen, die einem von woandersher bekannt vorkommen. Florida und Santa Fé zum Beispiel (in der Nähe des Waldhäuschens meiner Oma in der Lüneburger Heide gab es ein Jerusalem!).

Um dann nicht in aller Herrgottsfrühe wie ein Depp dem abfahrenden Bus hinterherzuwinken, machte ich heute als erstes einen Abstecher zum zentralen Busbahnhof in der Nähe des Revolutionsplatzes, um zu erkunden, was ich denn zu tun habe. Leute, ohne Spanischkenntnisse ist man da aufgeschmissen. Ich wollte mich auf englisch durchfragen, weil ich diese Infos ja gerne in Gänze verstanden haben wollte. Keine Chance. Ich wurde dreimal durch das Gebäude geschickt, bis ich bei einer Dame landete, die mir erklärte, ich sei richtig, ich habe mich anderthalb Stunden vor Abfahrt mit meinem Gepäck genau bei ihr einzufinden. Das ist dann um 7 Uhr früh. Herrjeh! Wo bekomme ich denn um diese Uhrzeit ein Taxi her? Der Fußweg beträgt etwa 40 Minuten, das möchte ich ungern mit meinem ganzen Gepäck machen. Immerhin gab es auf dem Weg wieder einiges zu bestaunen: Schlangen von Menschen an den Banken. Heute ist nämlich der erste des Monats. Und nix mit Ostermontag frei. Monumentalskulpturen von mehr oder weniger verehrenswerten Menschen. Ein uneinsehbares Kastell. Ohne Bewertung. Hm, ist auch ein Gefängnis. Wahrscheinlich werden kritische Bewertungen bezüglich Komfort und Küche gelöscht. Der Rasen am Hügel wird übrigens mit Macheten gemäht. Die Pastel-Verkäufer mit ihren markanten Wagen.

Wo ich doch schon fast in der Nähe des Friedhofes Cristóbal Colón war, beschloss ich, diesen auch zu besuchen. Kleiner Irrtum, war dann doch noch ein ganz schönes Stück zu laufen. Ich habe ja ein Faible für Begräbnisstätten. Muss aber nicht behandelt werden, habe mich diesbezüglich schon informiert.

Der Friedhof gilt als einer der größten im lateinamerikanischen Raum, etwa eine Million Tote sollen hier ihre Ruhestätte gefunden haben. Als Tourist muss man ein Ticket erwerben. Also, mir scheint selbst der Melaten-Friedhof in Köln größer, aber das kann täuschen. Man darf nämlich auch mit Eintrittskarte (toller Filmtitel: Ticket zum Tod?!) nicht überall entlanglaufen und wird notfalls mit der Peitsche des kleinen Mannes, der Trillerpfeife, darauf hingewiesen. Steinmetze scheinen auf jeden Fall hier gute Geschäfte zu machen. Nix mit in der Erde buddeln. Alle schön in Mausoleen oder Sarkophagen, die meisten davon recht aufwändig. Ich hatte zwar eine Karte der wichtigsten Gräber am Eingang erhalten (mit der Bitte um Rückgabe, entsprechend zerfleddert war sie schon), aber die meisten Berühmtheiten sagten mir nichts und so ließ ich mich einfach durch die See von Marmor und Granit treiben. Immerhin fand ich durch Zufall das Grab der Familie Ferrer; Ibrahim Ferrer wurde an der Seite von Compay Segundo durch den Buena Vista Social Club weltberühmt. Mir gefällt dieser Friedhof. Bestimmt nicht der schlechteste Platz der Welt, um den Rest seines Todes zu verbringen.

Es geschah dann etwas sehr merkwürdiges: Bis gestern Nacht war das häufigste Wort, das ich auf Kuba hörte „Taxi?“. Ja, mit dem Fragezeichen. Selbst, wenn ich in meiner Wohnung abends vom Küchentresen zum Kühlschrank lief, rief jemand „Taxi?“. Jetzt, wo meine Füße brannten, gab es kein einziges. Ich lief die 286 Kilometer zu meinem Airbnb zu Fuß, ohne durch „Taxi?“ belästigt zu werden. Ich vermute eine Verschwörung.

Zuhause hielt ich dann erst einmal wieder Siesta. Ich muss in Köln mal unseren Betriebsrat informieren, dass Siesta nach internationalem Recht als Teil der Arbeitszeit anerkannt werden muss. Jaja, genau so habe ich das gelesen! Quelle: Internet.

In Vorbereitung der Reise wurde schnell klar, dass es auf Kuba an grundlegenden Dingen mangelt. Medikamente, Brillen, Hygieneartikel, Schulbedarf. Da ich auf meinem Flug ja recht viel Freigepäck hatte, beschloss ich, diverse Artikel mitzunehmen. Was halt noch in den Koffer passte. Unterstützt wurde ich dabei durch Ute vom Poller Bürgerverein (obendrein meine Vermieterin, Teil der Bürgerinitiative und inzwischen auch Freundin). Ich hatte daher mehrere Kilogramm rezeptfreie Medikamente, Lesebrillen, Stifte, Hygieneartikel, Zahnbürsten, Süßigkeiten (Medikamente für die Seele halt) und dergleichen im Gepäck. Ich wurde in den Facebook-Gruppen davor gewarnt, diese Spenden in staatlichen Einrichtungen oder bei einer beliebigen Kirche abzugeben. Man gerate da zwar nicht durchweg, aber eben möglicherweise doch an unehrenhafte Gesellen.

Ich bin das Klima nicht ganz gewohnt, wie man sieht. Mercedita hatte Verständnis.

Ich beschloss, meine Mitbringsel der Organisation „Corazón con Cuba“ zu überlassen und hatte heute Nachmittag eine Verabredung zur Übergabe. Leider wieder am anderen Ende von Vedado. Leute, ich bereue, meinen Schrittzähler nicht mitgenommen zu haben. Was könnte ich mit Kilometern angeben!! Das Treffen fand im „Lager“ der Organisation statt, wo Hilfsgüter von Schulbedarf über Medikamente bis hin zum Rollstuhl vorgehalten werden. Mercedita erläuterte mir, wie Corazón con Cuba arbeitet. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen geben an drei Tagen pro Woche vor Ort Hilfsmittel aus, an den anderen Tagen fahren sie zu Menschen, die nicht mehr selbständig kommen können. Ich konnte selbst erleben, dass Personen vorsprachen und entsprechende Hilfe erhielten. Ich denke, die Sachen sind in den richtigen Händen. Mercedita, tu y tu compañeros hacen una buena obra. El mundo necesita más gente que vosotros. ¡Muchas Gracias!

Auf dem Rückweg war es das gleiche Drama. Kein Taxi. Und es wird ja tagtäglich heißer hier. Daher jetzt bitte alle mal kollektiv „Ohhhh…“ sagen. Lauter, bitte! Geht doch. Dafür sah ich aber Teile von Vedado, die erahnen lassen, wie schön es hier einmal gewesen sein muss.

Ich enterte erschöpft das Hotel Nacional, das einen Garten mit Blick auf das Meer hat. Dort gibt es auch eine Bar. Ich gönnte mir einen Cóctel Nacional und schaute einem Paar und ihren Gästen bei der Hochzeit zu. Mitten in die Ansprachen krähte melodisch ein Pfau. Wusstet Ihr, dass die sooo kreischen? Markerschütternd! Dazu viel Musik. Zudem rennen hier hektisch mehrere Hühner rum. Möglicherweise kommt das Rührei des Frühstücksbüffets ja aus dem hauseigenen Garten.

Was erstaunlich ist: Gestern hatte ich ja einen 12US$-Cocktail und glaubte, in diesem doch eher noblen Schuppen herrschten vergleichbare Preise vor. Weit gefehlt. Umgerechnet 1 Euro 50 pro Glas. Aber als es dann ans Bezahlen ging, war mein Pesos-Portemonnaie verschwunden. Das ist die Crux mit dem Geld hier, man hat dutzende Geldbörsen. Also, tief durchatmen, in Dollar zahlen (was es natürlich wesentlich teurer machte) und hoffen, dass im vermissten Geldbeutel nur Pesos enthalten waren.

Wie es dann weiterging: doch leicht besorgt, war da nicht auch eine Kreditkarte drin? Oder die Zugangskarte zu meinem Büro? Würde ich nie wieder die Firma betreten dürfen, aber dennoch Gehalt beziehen? In der Calle Humboldt angekommen, lag das dumme Ding dann auf dem Küchentresen. Sofort habe ich eine Mail an verschiedene Seniorenzentren geschrieben, ich brauche einen Platz, es sei dringend. Warte jetzt auf Antwort. Bitte, bitte, bitte! Erzählt mir, dass Euch sowas auch passiert!

Eigentlich wollte ich abends in einem Palador essen. Wir würden vielleicht Pop-up-Restaurant sagen. Da kocht eine Familie, man kauft sich ein und sitzt mit lauter fremden Menschen an einem Tisch. Erwähnte ich aber schon, dass ich, je länger ich spanisch am Stück spreche, immer mehr Kauderwelsch dabei herauskommt? Ich war ausreichend erschöpft, was es nicht besser macht, kehrte der Einfachheit halber wieder in den vier Monden von vorgestern ein und wurde nicht enttäuscht. Fischkroketten und Langustenfleisch in Knoblauch.

Am Nachbartisch saß eine kubanisch-deutsche Kleinfamilie aus Aschaffenburg. Er Musiker, sie Tanzlehrerin. Wir haben uns nett unterhalten. Udo, wie wäre es mit einer Jam Session, ich habe die Kontaktdaten!? 🤗

Satt sitze ich jetzt zuhause, muss langsam mal den Koffer packen und mich von Havanna verabschieden. Ich hoffe, ich konnte rüberbringen, dass hier alles irgendwie Achterbahn ist. So einem Wirrwarr von Gefühlen bin ich selten ausgesetzt. Die positiven Eindrücke überwiegen, Gauner gibt es halt überall. Morgen steht mir eine lange Busfahrt bevor, bis ich gegen Mittag in Trinidad ankomme. Kontakt zu meinen Gastgebern dort hatte ich schon gestern. Ich bin muy emocionado! Ihr auch? Na, dann bis morgen!

Liebe Grüße, Euer Gerry

Ich plädiere dafür, dass Hotdog-Verkaufsstände in Deutschland in Heiße-Hunde-Buden umbenannt werden!

Tag 4 – Havanna: Einfach mal nix machen?

Ihr Lieben,

einmal nichts tun, dachte ich mir heute morgen. Vielleicht irgendwo frühstücken, dann rumtreiben und dann Mojito trinken. Muss ja auch mal sein. Es kam dann aber doch anders und ich erlatschte einen weiteren persönlichen Weltrekord.

Nachdem ich zuhause einen Kaffee zu mir genommen hatte, lief ich die Calle Infanta bis zur Salvador Allende hoch, um dann Richtung Paseo del Prado weiterzutraben. Auf dem Weg dahin hatte ich wieder viele untouristische Einblicke. Menschen, die in den Müllbergen auf den Straßen wühlten, die mit ihren Lebensmittelmarken an den Panaderías und Bodegas anstanden, die sowieso schon aussahen wie geplündert. Viele Bettler, viele Menschen, die am Straßenrand hockten und auf einem Stück Stoff ihre wenigen Waren auslegten, in der Hoffnung, etwas zu verkaufen. Besonders begehrt ein Mann, der lose Tabletten verkaufte. Ich hoffe, er wusste, welche Pastille wogegen helfen sollte. Viele streunende Hunde und Katzen.

Auf der Salvador Allende besuchte ich dann ein durch Security und Militär (?) bewachtes Centro Commercial. Preise in Dollar oder MLC, das ist so eine Art digitale Devisenwährung für Kubaner. Die Läden auch hier nicht gerade gefüllt, dafür aber ein betuchtes Publikum. Es herrschten aber auch eher Waren des nichtalltäglichen Bedarfs vor. Allein drei Läden für Sneakers. Auf der gesamten Strecke kleine Tiendas, marode Gebäude, alles eigentlich trist, aber überall auch mitreißende Musik.

Nach einiger Zeit sah ich in einer Stichstraße eine Menschenmenge, Schirme und Verkaufsstände. Ich hatte einen Markt gefunden. Hier auch eher Tinnef, fast vergleichbar mit den Wochenmärkten in Köln, die ja inzwischen auch mehr Ramsch verticken als Lebensmittel. Und brechend voll! Wie schade, dass ich einen so empfindlichen Magen habe, denn es gab auch einiges an Streetfood. Zum Beispiel mit gerupftem Fleisch gefüllte Brötchen, „Pan con lechón“. Handgerupft. Gerne von Männern ohne Handschuhe, die dabei eine Zigarre im Mundwinkel hatten. Deren Asche aufs Tablett bröselte. Wie gut, dass ich einen so empfindlichen Magen habe.

Ich schlug mich zum „angenehmen“ Teil Havannas durch, wollte die Stufen des Capitols erklimmen, wurde zurückgepfiffen (Terroralarm: Deutscher in kurzer Hose!) und fragte im Teatro Alicia Alonso nach Karten für Aufführungen. Leider gab es keine, nur Führungen durch das Theatergebäude. Alicia Alonso war übrigens eine berühmte kubanische Ballerina und Choreografin, die mitverantwortlich für den guten Ruf des kubanischen Balletts ist.

Im Hotel Inglaterra nahm ich dann ein kleines Desayuno, ein Frühstück, ein. Bocadito con Jamón y Queso, Mangosaft und Cappuccino. Diese Schinken-Käse-Sandwichs in spanischsprachigen Ländern sind dort für mich immer ein Highlight. Wenn ich die daheim zubereite, denke ich oft, wie langweilig! Ist halt wieder so ein Urlaubsphänomen. Kretischer Honig schmeckt halt nur auf Kreta. Ich musste mich wieder in Geduld üben. Erst kam das Sandwich, dann lange nichts, dann der Saft, dann lange nichts, dann der Cappuccino.

Ich schaute mir wieder die am Paseo ausgestellten Kunstwerke an, bog in die Trocadero und stieß durch Zufall auf das Museum für die schönen Künste. Der Eintritt war mit umgerechnet 40 Cent ein Schnäppchen, dazu 20 Cent für die Garderobenfrau und ebensoviel für die Dame, die auf die WCs achtete (Toilettenpapier ist knapp und muss käuflich erworben werden). Ein Besuch lohnt sich absolut! Oft dachte ich, oh, ein Picasso, ein Legér, ein Botero, ein Gauguin. Aber alles kubanische Künstler.

Übrigens, liebe Influencer: Die genannten waren noch, wie man sieht, wirkliche Influencer! Ich fürchte, dass der kubanischen Kunst insgesamt nicht der Stellenwert eingeräumt wird, der ihr gebührt. Es sind fantastische Werke dabei, auch die, die nicht durch andere inspiriert scheinen.

Ich suchte und fand die Bodeguita del Medio, die Wiege des Mojito. Hui, da war vielleicht was los. Touristen en masse, Strassenkünstler und – verkäufer, Musikanten und … äh… Damen. Ich musste natürlich einen überteuerten, aber leckeren Mojito kaufen. Highlight hier eine Truppe von Tänzern auf Stelzen, die zu kubanischen Klängen der Begleitmusiker die Holzbeine schwangen. Gegen einen kleinen Obulus durfte man Filmen und fotografieren.

Bailando en las calles de la Habana

Und weiter, die Blasen am Fuß konnten mich nicht stoppen! Ich dachte, ich hätte die Tage längst den Platz der Kathedrale gesehen, wurde aber eines besseren belehrt. War die falsche Kirche. Wieder durch Zufall stieß ich auf den wirklich extrem schönen Platz und danach auch noch auf den „Alter Markt“ von Havanna, der Plaza Vieja. Hier ließ ich mich von einem Schlepper auf einen Balkon lotsen, wo ich überteuertes Bier, aber immerhin mit einer schönen Aussicht, trank. Plus den Hausdaiquiri, der mit stolzen 12 US$ zu Buche schlug und winzig, aber sehr lecker war.

Ich besuchte noch einen Devisensupermarkt und machte mich in einem alten, grünen Chrysler auf den Weg Richtung Wohnung,wo ich eine sehr späte Siesta einlegte.

Am Abend begab ich mich wieder zu meiner heißgeliebten Calle 21. Dort gibt es erstaunlicherweise drei türkische Restaurants quasi nebeneinander. Wobei… am Eigelstein wundert mich das ja auch nicht wirklich.

Eins hatte aber definitiv auch kubanische Gerichte auf der Karte. So ließ ich mich dort nieder. Croquetas de casa? Leider kein Frittierfett. Was ist denn als Vorspeise da? Wie es mit einem Käsetoast wäre. Ach Du jeh. Ich nahm „alte Wäsche“, ropa vieja. Das kannte ich von den Kanaren. War hier aber ganz anders. Dennoch absolut essbar.

Was ich nicht vorhersehen konnte, die Hausband hatte Ihren Platz quasi an meinem Tisch. Es ist etwas problematisch, gesittet zu essen, wenn drei Musiker einem direkt ins Gesicht glotzen. Ich habe dann versucht, im Takt mitzuschmatzen. Die Band war aber super. Kubanische Klassiker, von denen ich sogar einige kannte. Für E. habe ich mir dann „Dos gardenias para tí“ gewünscht. Ich hoffe, sie hat es gehört. So gegen 2 Uhr nachts in Deutschland.

Die Kellnerin fragte ich dann noch nach Geldwechsel, aber sie erreichte keinen ihrer entsprechenden Kontakte.

Resümee. Also, man kann natürlich allem Unangenehmen in Havanna aus dem Wege gehen. Man darf sich dann halt nur in bestimmten Grenzen innerhalb der Stadt bewegen. Aber war man dann in Havanna? Oder nur in einem Teil der Stadt, der quasi einem Themenpark für empfindsame Touristen gleicht? Jeder Tourist, auch ich, hat hier natürlich gut reden. Nur, weil ich mir das Elend auch anschaue, macht mich das ja nicht zu einem besseren Menschen. Und wenn es zu traurig wird, trinkt man einen Mojito an der Plaza Vieja. Ich habe in den letzten drei Tagen viel an meine laut jammernden Mitmenschen in Deutschland denken müssen. Weiß gar nicht, warum…

Jetzt hänge ich am Küchentresen und plane den morgigen Tag. Ich dachte an die Hemingway-Finca außerhalb Havannas. Ich erfuhr aber, dass es drei Tage vor meiner Ankunft einen schweren Hagelsturm gegeben hatte, der das Anwesen so in Mitleidenschaft gezogen hat, dass es geschlossen ist. Das Unwetter hat wohl auch im Zentrum Havannas gewütet. Also, ich überrasche mich morgen dann mal selbst, Euch vielleicht ja dann auch.

Liebe Grüße, Euer Gerry

Tag 3 – Havanna: Carro Clásico Convertible Cubano

Ihr Lieben,

heute gab es um 8 Uhr erst einmal einen kubanischen Kaffee; ehrlich, so fängt der Tag doch deutlich besser an. Aus einer cafetera italiana, die es auch in jedem Spanienurlaub in der Küche gibt. Ich freue mich jedesmal wie Bolle, wenn ich eine vorfinde, aber die, die ich zuhause habe, fristet ein Schattendasein. Merkwürdig. Inzwischen schlafe ich auch gut, obwohl die Matratze Härtegrad 9 hat.

Schon zuhause beschloss ich, heute mal meine Gehwerkzeuge zu schonen und habe mir über einen Facebook-Kontakt (es gibt so einige Kuba-Gruppen dort) eine Fahrt mit einem Classic Car durch Havanna organisiert. Drei Stunden mit einem Chevrolet Impala 1958 Convertible in knallrot. Mein Fahrer heißt Aduan, er holte mich um Viertel vor 10 Uhr vor der Haustür ab. Erwartungen hatte ich kaum, nur dass ich hoffentlich eine Menge Spaß haben würde. Ich nehme es vorweg: Die Tour war super.

Aduan hatte die Ziele ausgesucht, ich saß nur hinten drin und ließ mich kutschieren. Wir fuhren den Malecón bis zu unserem ersten Stopp, einem Handwerkskunst- und Künstlermarkt, dem Mercado San José. Während im Erdgeschoss der wahrscheinlich übliche Touristenkitsch angeboten wurde (wobei sich einige nette Sachen darunter fanden), gab es im ersten Stock Gemälde und Plastiken. Und die haben mich wirklich beeindruckt! Da hätte ich mit einem Sprinter voller Kunst rausgehen können. Allein: Wie transportieren und wo zuhause noch Platz finden? Wirklich sehenswert!!!

Wir fuhren am beeindruckenden Capitolio vorbei, das nach amerikanischem Vorbild errichtet wurde, aber ein paar Meter höher ist. Hier tagt das Parlament. Von dort aus ging es am ersten Telegrafenamt, jetzt das erste LGBTQ-freundliche Hotel Kubas, vorbei nach Chinatown, wo es – naja, es ist wohl halt so – gar keine Chinesen gäbe, wie mir erklärt wurde. Aber es gibt dort eine Manufaktur von Romeo&Julieta, einer der bekannten Zigarrenmarken Kubas. Im Laden durfte leider nicht fotografiert werden. Man hätte auch sehr exklusiven Rum erwerben können, aber ich mochte jetzt nicht noch eine Flasche Rum in den ohnehin schon schweren Koffer packen und damit durch Kuba reisen. Vielleicht erstehe ich am letzten Tag eine Flasche, mal sehen.

Weiter ging es zum Platz der Revolution, wo ich ein paar Minuten Freizeit hatte. Man setzt dort seine Helden sehr pompös ins Bild. José Martí, Che Guevara, Camilo Cienfuegos… Auf dem Platz sammeln sich sehr viele Oldtimer, da die touristischen Clasicó-Touren sich wohl wenig unterscheiden. Ein Fest für Liebhaber. Selbst ich war ganz hingerissen, obwohl ich mich für Autos eigentlich nicht (und schon gar nicht rasend) interessiere.

Durch das Botschafts- und Reichenviertel Miramar, mit teilweise prachtvollen Villen, und an den Strandhotels Havannas vorbei ging es weiter nach Fusterlandia. Dort, im Stadtteil Jaimanitas, erschuf der kubanische Künstler José Fuster ab den 80er-Jahren eine farbenfrohe Mosaik-Insel. Sein Werk ist inspiriert von u.a. Picasso und Gaudí. Gaaanz wunderbar! Hier konnte ich leider nicht widerstehen und kaufte eine Skulptur. Mal sehen, wie ich die unbeschadet nach Hause bringe.

Zum Schluss fuhren wir noch in den Stadtwald von Havanna, dem Parque Almendares, wo Aluan mich zu einem Waldrestaurant kutschierte, wo es die angeblich beste Piña Colada der Stadt geben sollte. Ich bin kein ausgewiesener Experte, aber sie war wirklich lecker. Gefährlich für den Laden war nur, dass das nicht-alkoholische Basisgetränk in einer ausgehöhlten Ananas kam und die Flasche Rum zur Selbstbedienung daneben gestellt wurde. Gut, ich war bescheiden, aber wer weiß, ob die Flasche nicht schon mal leer zur Theke zurück ging… Man hatte frische Langusten, ob wir nicht vielleicht… Naja, wir wollten, zumal ich so auch zu einer typisch kubanischen Beilage kam, „Moros y Christianos“, Bohnen und Reis. Außerdem konnte ich mich so auch bei Aluan bedanken, der die vereinbarte Fahrzeit schon längst überzogen hatte.

Es war alles in allem kein Schnäppchen, aber die Tour ist – zumal bei Kaiserwetter wie heute – ein Traum. Zu mehreren fällt das dann ja auch am Ende weniger ins Gewicht, denn der Preis ist pro Auto, nicht pro Person. So sah ich unterwegs auch Clasicós mit gefühlt 10 Touristen an Bord. Das wäre mir bei der Hitze dann doch zu kuschelig geworden. Leider habe ich versäumt, ein paar Fotos mit mir hinterm Steuer oder zumindest vor dem Auto stehend machen zu lassen, aber davon geht meine Welt jetzt auch nicht unter. Auch ohne diese Aufnahmen werde ich diesen Ausflug nicht so schnell vergessen.

Dann war erstmal Verarbeitung der gesammelten Eindrücke angesagt. Das klappte hervorragend auf meinem schmalen, dafür aber kilometerlangen Balkon mit Blick auf den Golf von Mexiko. Ein Cristal durfte dabei natürlich nicht fehlen.

Nachdem ich mich gesammelt hatte, beschloss ich, masochistisch veranlagt wie ich bin, wieder per pedes ins Zentrum zu laufen. Diesmal aber durch die Gassen und Straßen der Stadt, nicht am Ufer entlang.

War ich gestern unglücklich über den Verfall, war ich jetzt entsetzt. Ab der zweiten Reihe wird es nämlich leider schlimmer. Dass hier noch niemand von einstürzenden Gebäuden… Obwohl, man weiß es ja nicht…

Wieder wurde ich ohne Ende angequasselt. Cambio, Habanos, Chicas? Ein junger Mann klopfte mir im Vorbeigehen auf meine Plauze und fragte mich, ob ich sein Papá sein wolle. Sachma! Ich war froh, als ich nach einer Dreiviertelstunde am Paseo del Prado war. Da war so einiges los, viele, auch wieder einige sehr begabte Künstler präsentieren sich dort. Und wieder, alle 50 Meter, „Geld tauschen?“. Wenigstens keine horizontalen Angebote mehr. Da ich Geld brauchte, sagte ich zweimal ja. Das erste Mal wollte man mir ungültige Scheine andrehen (die inzwischen aufgegebene Touristenwährung), beim zweiten Mal nur zum offiziellen Kurs. Beide Male wurde ich nach Ablehnung wüst beschimpft. Herrjeh.

Ich schlug mich zur Wiege des Daiquiri durch, so die Eigenwerbung der Bar Floridita, in der sich Ernest Hemingway so gerne aufgehalten hatte. Als touristisches Highlight war die natürlich brechend voll. Und Papa Hemingway wird dort auch verehrt bzw. ausgeschlachtet (kommt auf die Sichtweise an) wie nix. Getränkepreise sind in Dollar zu entrichten. Ich bestellte neben der bronzenen Statue des Autors einen Haus-Daiquiri namens Floridita und war nach wenigen Minuten genervt, weil jeder ein Selfie machen wollte und mal höflich fragte, ob ich kurz beiseite gehen könne, oder mich aber auch einfach wegschubste. Gottseidank konnte ich dann einen anderen Thekenplatz ergattern. Der Daiquiri war übrigens megaleecker!

Ich schlenderte die Calle Obispo runter bis zur Plaza de Armas, wo ich ein Taxi zum Hotel Nacional nahm. Dort suchte ich nach dem Geldwechsler von vorgestern. Ich fand stattdessen eine Geldwechslerin, die aber nur für 50 Dollar Pesos dabei hatte. Und das alles in kleinen Scheinen. Sie zählte etwa eine Stunde lang durch. Naja, fast. Aber ich war froh, wieder Pesos zu haben. Wenn auch in einem Stapel von etwa 10 cm Höhe.

Ich beschloss, sofort einige dieser Pesos auf den Kopf zu hauen, nämlich in einem der Restaurants auf der Calle 21, das ich jetzt auch mal namentlich erwähne: CuatroLunas heißt es. Ich war äußerst angetan. Auf der Straße angequasselt, das ist ja eigentlich nicht meins, aber die Karte sah gut aus und so folgte ich dem Mann in den zweiten Stock. Ich fand mich in einem eher schicken Restaurant wieder. Alle sehr freundlich, das Ambiente nett. Ich bestellte Schweineschnitzel mit frittierten Malanga. Ich hatte keine Ahnung, was letzteres sein sollte. Die Schnitzel waren dünn und etwas durchsehnt und lagen auf eher kaltem Püree, garniert das Ganze mit Karotten und Zwiebeln. Die Malanga sahen aus wie Kroketten und wurden mit purem Honig als Sauce serviert. Klingt grauslich? Ja, tut es, aber es war superlecker! Alles passte irgendwie zusammen. Das muss man so erst einmal hinbekommen.

Dann die nächste positive Überraschung. Ich dachte, ich müsste jetzt aus meinem Stapel Kleingeld viereinhalbtausend Pesos zusammensuchen. Aber die Rechnung war in mehreren Währungen ausgewiesen und das fast zum Eltoque-Kurs. Das ist die inoffizielle Tabelle für Geldwechsel in der Straße. Ich trank noch einen tausend Jahre alten Rum, ließ ein Megatrinkgeld da und war trotzdem inkl. zwei Bier pappsatt und glücklich für gerade mal 20 Dollar. Man drückte mir eine Visitenkarte in die Hand, ich solle beim nächsten Mal vorher anrufen, dann bekäme ich wohl den heute leider besetzten Logenplatz auf dem Balkon.

Was soll ich sagen? Das war ein durch und durch geiler (oops, Verzeihung), vielseitiger und spannender Tag. Wenn man mal eine nur kurze Zeit in Havanna sein sollte (wobei eine Stippvisite bei 11 Stunden Flug ja nur etwas für die ganz Harten ist), kann man so einen super Tag verbringen. Man muss allerdings, wenn man auf Aluan zurückgreifen will, entweder Spanisch oder Französisch beherrschen. Dabei ist sein Schwager Hamburger und lebt hier seit Ewigkeiten.

Für morgen habe ich noch nicht wirklich ein Programm, aber ich versuche, mich abends mal zur Wiege des Mojito durchzuschlagen. Den gibt es in Hemingways zweiter Lieblingsbar.

Süppelt Ihr einen mit? Dann bis morgen! Liebe Grüße, Euer Gerry

Gerry im Oldtimer
Gerry als Sancho Pansa

Tag 2 – Havanna: Licht & Schatten

Ihr Lieben,

nach deutscher Zeit war ich erst gegen halb sechs in der Heia, das war halb eins hier. Ich hätte eigentlich einen Tag durchratzen müssen. Wegen der Aufregung habe ich dann aber eher mau geschlafen, so dass ich mich nach fünfeinhalb Stunden schon wieder aus den Laken schälte. Nix zu frühstücken im Haus, nicht mal Wasser.

Ich beschloss, den Malecón, Havannas Uferstraße, entlang in den Sonnenaufgang zu laufen und im Zentrum ein Café zu finden. Das ist das Schöne am Alleinreisen, dass man so bekloppte Vorhaben nur mit sich selbst diskutieren muss.

Das Meer schwappt dermaßen stark gegen die Uferbefestigung, dass man gar nicht auf der meerseits gelegenen Seite des Malecón spazieren gehen kann, man wäre umgehend komplett durchnässt. Auf der anderen Seite einst prächtige Gebäude, die zumeist total dem Verfall preisgegeben sind, an nur einigen wenigen wird versucht zu retten, was noch zu retten ist. Morbide, aber charmant.

Am Canal de Entrada angekommen, der Havanna trennenden Wasserstraße, bot sich mir ein wunderschöner Sonnenaufgang mit Blick auf das Castillo de los Tres Reyes Morro und die Festung San Carlos de la Cabaña.

Am Revolutionsmuseum und der Kathedrale vorbeigelaufen, stieß ich auf ein schönes kleines Plätzchen mit einem Café. Dies hatte leider noch geschlossen. Auf mich stießen dann aber Alex und Yassi, die anboten, mir die Gegend ein wenig zu zeigen. So von Freund zu Freund natürlich. Mir war völlig klar, dass sie Geld haben wollten, dennoch ließ ich mich überreden. Es war dann auch ganz spannend, ich habe gefühlt 200 Hände geschüttelt (ich war der gute Freund aus Deutschland), konnte in staatliche und private geführte Läden reinblicken (deutliche Unterschiede), hatte kurze Unterhaltungen mit Kubanern, die mir berichteten, wie schwer das Leben sei, bekam wichtige Lokalitäten für kubanische Musik gezeigt, eine Mauer der Märtyrer, alles sehr nett erklärt, alles sehr interessant.

Am Ausgangspunkt angekommen, fragten sie dann, ob ich sie nicht zu einem Frühstück einladen könnte, sie hätten nicht so viel Geld. Ich ließ sie bestellen, dann wollten sie aber auch noch Geld für die Führung, das war mir zwar, wie gesagt, von Anfang an klar, und ich gab ihnen 30 $. Das hat ihnen aber überhaupt nicht gereicht, sie wollten 30$ mehr, die sie dann auch von mir bekamen, auch weil ich es hasse, in der Öffentlichkeit eine Szene zu machen. Den Preis fand ich für einen anderthalbstündigen Spaziergang dann insgesamt doch recht knackig, da das Frühstück für uns drei auch eben mal 45 Dollar gekostet hatte. Immerhin hatte ich so vorerst die deutsch-kubanische Freundschaft gerettet. Aber es kam noch dicker, ob ich Kaffee brauche. Man könne mir solchen wirklich preiswert und in bester Qualität organisieren. Als dann Yassi fünf 50-Gramm-Tütchen anschleppte und dafür auch wieder 30$ haben wollte, beschimpfte ich sie als Gauner und verließ den Ort des Geschehens.

Immerhin hatte ich sehr viel Nichttouristisches von Habana Vieja und Habana Centro gesehen. Vieles leider sehr verfallen, ich mag mir gar nicht vorstellen, was sich da nach Sanierung für Kleinodien zeigen würden. Ich streifte ziellos weiter durch die Stadt, fand durch Zufall die Calle Obispo und die Plaza de Armas. Hier sah es schon ganz anders aus, als in dem zuvor besichtigten Teil, viel herausgeputzter und wesentlich touristischer. Hier wird man ständig angesprochen, ob man Zigarren kaufen möchte, ob man Geld tauschen möchte, ob man Liebesdienste benötigt…

Ich stieß wieder auf den Malecón, dem ich bis zur Anlegestelle der Fähren nach Casa Blanca folgte, das ist die dem Kanal gegenüberliegende Seite von Havanna. Man setzt für nicht einmal einen Cent, nämlich zwei Pesos über. In Casa Blanca gibt es die zuvor erwähnten Festungsanlagen und eine mit Sockel 24 m hohe Christusstatue, zu der man sich einige Serpentinen entlang hochkämpfen muss. Man hat beim Aufstieg einen wunderbaren Ausblick auf Havanna mit seiner markanten Capitolkuppel. Für die Rückfahrt musste ich sehr lange auf die Fähre warten, aber das ist ja ohnehin das erste, was man für Reisen, und dann eben insbesondere vielleicht auf Kuba, lernen muss: Geduld.

Vor 21 Jahren spielte die Fähre eine Rolle in einem schrecklichen Ereignis. Einige Kubaner kaperten sie gewaltsam und wollten damit nach Florida übersetzen. Unterwegs ging ihnen schnell das Benzin aus, sie wurden wieder nach Kuba gebracht und dort in einer Nacht- und Nebelaktion hingerichtet. Die Weltgemeinschaft nahm dies empört zur Kenntnis. Heute noch werden deswegen die Taschen und Rucksäcke vor Betreten der Fähre auf Waffen kontrolliert.
Die „Congreso“ benamste Fähre ist übrigens dermaßen marode, dass es mich wundert, dass sie noch den archimedischen Gesetzen gehorcht. Auf deutsch: Wieso schwimmt dat Ding eijentzlich noch?

Es wurde Zeit, einen Supermercado zu suchen, da ich morgen früh nicht wieder ohne Wasser, Kaffee und Milch dastehen wollte. In einer Nebenstraße der Calle Obispo fand ich einen kleinen Tante-Emma-Laden, auf spanisch in etwa, weil so schön alliterativ, „Tienda de la Tía Teresa“. Die Produkte waren ausgepreist und nicht gerade billig, vergleichbar mit deutschen Kiosken (bei meinem nächstgelegenen langt man inzwischen auch unglaublich zu). War mir jetzt auch egal und ich platzierte meine Order, als mich von hinten eine kleine Dame am Ärmel zupfte. Ob ich nicht etwas Geld übrig habe. Naja, sie konnte ja jetzt nichts dafür, dass ich meinen Teil an guten Gaben für den Tag eigentlich schon übererfüllt hatte und bat die Señora hinter der Theke, einen Wunsch der Frau mit auf meine Rechnung zu setzen. Es kamen dazu: Cola, Eis, Schokolade und Kekse. Das fand ich ausreichend und erklärte meinen Einkauf für beendet. Tante Teresa erklärte, ich sei ein Engel, die kleine Ärmelzupferin erklärte mir aber, nun hätte ich ihr ja immer noch kein Geld gegeben. Leute, ich war baff. Ich kann mir das nur mit absoluter Verzweiflung erklären.
Auf dem Hügel in Casa Blanca sprach mich ein kleiner Junge auf caramelos, Bonbons, an, ich gab ihm eine Handvoll Mini-Haribo-Tüten. Der war happy, bedankte sich überschwänglich und erklärte ungefragt, er teile die mit seinen Geschwistern. Was soll ich sagen: Die Kinder machen es uns manchmal vor.

Meine Quanten hatten nach 8 Stunden Gelatsche inzwischen die Breite eines Elefantenfußes angenommen, und so wollte ich mir ein Taxi gönnen. Ich winkte eins heran und fragte nach dem Preis. 10 Dollar, bitte. Auf spanisch murmelte ich, „Ihr habt sie doch nicht alle“, da waren es nur noch 5. Und ich solle anrufen, wenn ich zum Flughafen müsse, das koste nur 20 Dollar. In der Bude sitze ich seitdem auf dem schmalen Balkon mit Meeresbrise (wurde tagsüber ganz schön warm!) und schreibe dies, unterstützt von einer Dose Cristal Bier.
Gleich mache ich erst einmal kurz Siesta, und dann gucke ich mir ein bisschen die weitere Umgebung von Vedado an.

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Da bin ich wieder! Von wegen kurz. Eine halbe Stunde versuchte ich den Lärm der Stadt zu ignorieren, der durch die geöffneten Fenster drang; danach kapitulierte ich, schloss die Balkontüren, legte Oropax an und, hoppla, schlief 4 Stunden. Jetzt aber mal flugs nach draußen, den Malecón in anderer Richtung entlang, irgendwann wieder landeinwärts und die Calle 23 runter, die auch La Rampa heißt und sehenswert sein sollte. Naja. Laut Reiseführer von 2017, einer Zeit, in der Kuba von der Regierung Obama profitierte und prosperierte. Bis dann das orange Elend kam.

Ich kam an einem Protzbetongebäude vorbei, dem Pabellón de Cuba, aus dem dermaßen laut karibische Rhythmen dröhnten, dass ich an ein Livekonzert glaubte. Endlich was los! Ich erklomm die oben liegende Terrasse, um festzustellen, dass etwa 10 Paare gesetzten Alters dort herumrumbaten und herumsalsaten, aber mit einem Hüftschwung, Respekt! So hatte ich meine Ration Let’s Dance auch in Kuba. Nix mit Karfreitagsruhe. Ja, heute ist Buen Viernes, wir befinden uns in der Semana Santa.

Ich war hungrig. In einer für kubanischen Verhältnisse zu dieser Uhrzeit ziemlich gut besuchten Pizzeria fand ich ein Tischchen und bestellte die Pizza della Casa. Ähm, wir haben aber keinen Schinken und dies nicht und das nicht, ob ich nicht lieber etwas anderes nähme. So wurde es eine Pizza Vier Käse. Die war auch okay, aber zumindest in dieser Pizzeria wurde Pizzaboden neu interpretiert.

Auf dem Rückweg lief ich die Calle 21 entlang. Die ist wesentlich interessanter als die Rampa. Hier gibt es einige einladende Restaurants und wohl auch kleinere Klubs.

Ich humpelte nach Hause und lasse den Tag jetzt am Küchentisch Revue passieren und mit dem Studium nutzloser Reiseführer ausklingen.
Morgen wird es bestimmt lustig, ich habe eine Verabredung der besonderen Art. Neinneinnein, nicht mit einer Santería-Priesterin.
¿Nos vemos?

Viele Grüße, Euer Gerry

Kuba – die Anreise

Ihr Lieben,

in letzter Zeit gab es ja viele Bahn- und Flughafenstreiks, dazu kommt die Unzuverlässigkeit der Bahn in den letzten Jahren, was mich veranlasste, wieder am Vorabend nach Frankfurt zu reisen, um auch wirklich meinen Flieger zu bekommen.

Da es zudem einen Vorabend-Check-in gab, fuhr ich erst einmal zum Frankfurter Flughafen. Vom Bahnhof bis zum Check-in-Schalter sind es gefühlt 17 km. Dafür stand ich aber in der Business-Schlange an zweiter Stelle. Zum Hotel waren es dann 30 Minuten mit der S-Bahn.

Vielleicht habt Ihr hier gelesen, dass ich bei meinem letzten Frankfurt-Aufenthalt in einer grauslich-greulichen Bruchbude nächtigte. Diesmal habe ich mir ein 4-Sterne-Haus mit Frühstück etwas außerhalb, aber mit guter Anbindung zum Flughafen gegönnt. Naja, gegönnt ist gut, zahlte ich doch insgesamt nur 51,- Euro. Gegenüber liegt ein Lidl, in dem ich mich mit Abendbrot versorgte. Gegen halb 10 nickte ich bei furchtbarem Fernsehprogramm ein. Ich weiß schon, warum ich zuhause keinen Anschluss mehr habe.

Das Frühstück war leider nicht so meins. Rührei aus dem Tetrapack und kein Obstsalat. Dafür aber richtig guter Filterkaffee (nachdem ich den Cappuccino aus dem Spezialitätenautomat als untrinkbar einstufte).

Tiefenentspannt fuhr ich zum Flughafen, irrte dort wieder kilometerlang herum (ich bin kein wirklich großer Fan des FRA, Ihr merkt es…) und kam dann aber dank Fast Lane in 0,nix durch die Sicherheitskontrolle, vom Fliegerproletariat neidisch bis hasserfüllt beäugt. Wie? Ach, jetzt nehmt doch nicht alles so ernst…

Der Flug war sehr angenehm, aber in der Holzklasse hätte ich wahrscheinlich eine Krise bekommen, bei immerhin 11 Stunden Flug. So hatte ich zweieinhalb mal Fine Dining, zwei Stunden Mittagsschlaf (fast ausgestreckt!), nette Filme auf sehr großen Monitoren (Barbie war sehr unterhaltsam und der aktuelle Eberhoferkrimi ganz lustig). Dazu bevorzugte Behandlung auch nach der Landung, was aber insofern nicht geholfen hat, als dass das Gepäckband am Ende des Tages nicht mitspielte…
Als es endlich losging, gab es Verwirrung, da unsere Gepäckstücke aus dem Flieger auf zwei verschiedene Gepäckbänder verteilt wurden. Da haste aber mal Menschen hin- und herirren sehen.

Draussen vor dem Flughafengebäude standen ausreichend Taxifahrer, die mir ihre Dienste anboten. Ich sollte meinem Vermieter Bescheid geben, aber weder das W-LAN am Flughafen noch meine vor Abreise für Kuba konfigurierte eSIM funktionierten. Das Büro des kubanischen Telefonanbieters war auch geschlossen. Yeah. Ich rief über meine deutsche Nummer die Mutter des Vermieters in Havanna an. Bin gespannt auf die Rechnung.

Die ersten Oldtimer

Ich handelte den Taxista um 5 Dollar runter, die ich ihm dann als Trinkgeld gab. Am Haus wartete dann Elena, die mit mir die 59 engen Stufen eines heruntergekommenen Treppenhauses hochschnaufte. Ich wegen des ganzen Gepäcks, sie, weil sie auch einiges *hüstel* zu tragen hatte. Die Wohnung stellte sich aber dann als sehr ordentlich heraus, umlaufender Minibalkon, Klimaanlagen, hübsch eingerichtet und meeeeterhohe Decken. Das Meer und der berühmte Malecón sind keine 100 Meter entfernt.

Mama warnte mich vor Überfällen, erklärte, sie wisse jetzt nicht, wo noch Supermärkte geöffnet wären, die Kreditkarten akzeptierten, ermahnte mich, Wasser und Strom zu sparen und entschwand. Ich inspizierte meine neue Bude und packte dann aus.

Blick vom Balkon

Gottseidank gibt es einen kleinen Safe. Denn jetzt kommt ein schwieriges Thema. La moneda, los dineros, pinkepinke, Kröten, Mäuse, Kohle. Es gibt einen festgelegten offiziellen Wechselkurs von ca. 1:25 für US$. Ich schreibe dies bei einem Bier für 400 Pesos. Das würde demzufolge 16 Dollar kosten. Schwarz gewechselt ist der beste Kurs zur Zeit 1:330. Jetzt kostet das Bier plötzlich 1,20 US$. Die Geldautomaten und Banken wechseln nahezu zum offiziellen Kurs. Was muss man also tun? Massenweise Bargeld mit sich rumschleppen! Für 3 Wochen! Ohne zu wissen, wieviel man braucht. Unangenehm.

Ich verstaute meine Taler und Kreuzer im Safe und ging mit nur ein bisschen Geld auf die Straße. Kurz runter zum Malecón, am prachtvollen Hotel Nacional vorbei. Durstig und hungrig.
Ich wollte Pesos, für den ersten Abend notfalls auch zum Wucherpreis. Aber vor allen Geldautomaten tummelten sich Männergruppen, was mich – weiß gar nicht warum, danke Mamacita! – abhielt, die Kreditkarten zum Glühen zu bringen.

Hotel Nacional

Ein Mann quasselte mich an, ob ich ein Taxi brauche. Nö. Ob ich denn Geld tauschen wolle. Hmmmm…. jooo…. äh…. , zögerte ich. Ich solle ihm folgen. Bei ihm zuhause wäre es sicherer, als auf der Straße. Ich lief ihm durch schlecht ausgeleuchtete Straßen hinterher. Kurz dachte ich darüber nach, was Mama Elena wohl mit dem ganzen Geld aus dem Safe machen würde, sollte man mich tot im Gebüsch finden. Er fragte, wie viel ich denn tauschen wolle. Ich flüsterte schweißgebadet „100 Dollar“. Ach, dann ginge das auch hier, zog er mich in einen kleinen Laden mit mehreren Menschen drin. Da ging dann alles ganz schnell, wenn auch nur zu einem Kurs von 1:310. Abzüglich 500 Pesos Provision für Pedro (Name von der Redaktion geändert).
Jetzt ging das Bangen los, ob es wohl Falschgeld ist.

Ich setzte mich in einen Burgerladen um die Ecke und aß einen Chickenburger und trank ein paar Bier.
Ich lernte Chiara, Sam und ihren etwas quengeligen Sohn Jim kennen. Aus Raleigh, North-Carolina. Sie zahlten gerade. Ich ließ mich auf ein Gespräch ein. Sie orderten trotz bereits beglichener Rechnung nach und jetzt weiß ich ALLES über sie. Naja, irgendwann musste der Kleine mal ins Bett und ich konnte mich meinem Burger und meinem Tagebuch widmen. Das Ihr jetzt erst weißgottwann zu lesen bekommt.

Wem die Stunde schlägt, da sang Hemingway schon ein Lied von; die Rechnung kam, die Penunze, die Asche, das Geld wurde akzeptiert. Yeah!
Glücklich taumelte ich in meine Unterkunft zurück. 3 Uhr 44 ist es jetzt bei Euch. Hier schlägt es in einer Viertelstunde 23 Uhr.
Morgen gibt es einiges zu tun. Mehr Pesos, Telefonkarte und Orientierung, was wann wie mit wem am besten zu tun ist.

Liebe Grüße aus dem Off, Euer Gerry (der sich ohne Internet nur wie ein halber Autor fühlt)

P. P. S Es geht jetzt! Yeah. Habe noch eine Stunde an den Telefon-Einstellungen rumgemurkst. Ohne Anleitung! 🤩

Aus dem Burgerladen als Take-away

Kuba 2024: Der Prolog

Ihr Lieben,

eigentlich wäre dies ja der Prolog zu meiner Südamerikareise, die aber Ende letztes Jahr mangels Beteiligung abgesagt wurde. Zu der Zeit lag ich krank in Singapur in meinem Hotelbett und buchte im Fieberwahn einfach für den gleichen Zeitraum einen Hin- und Rückflug nach Kuba. Nicht wissend, was mich dort erwartet.

Ich halte mich nicht für eine absolute Niete in Geografie, aber ich habe die Dimensionen Kubas doch deutlich unterschätzt. Nein, es ist definitiv nicht das Rhodos der Karibik. Die größte Ausdehnung beträgt doch immerhin 1250 Kilometer.

Egal, dachte ich, nimm Dir einen Mietwagen. Du bist in Südafrika oder im Baltikum auch schon ganz schön lange Strecken mit dem Auto gefahren. Ich wollte Kuba dann halt erfahren. Aber ich erfuhr etwas ganz anderes. Die Mietwagenpreise sind astronomisch hoch. Es gibt kein Benzin. Ich erfuhr aus Reisegruppen bei Facebook, dass Ausländer ihre Mietwagen zurückgegeben haben, weil es kein Benzin gab, trotz bevorzugter Behandlung von Touristen an ausgewählten Tankstellen. Man stelle sich vor, dass man an einer Schlange Einheimischer vorbeifahren kann, weil man Tourist ist. Das würde ich absolut nicht wollen. Ob das wirklich so ist? Immerhin sind das Informationen aus dem Internet. Dennoch entschied ich mich gegen einen Mietwagen.

Man schrieb mir in ebendiesen Gruppen, ich solle zuhause bleiben, es gäbe kein Klopapier, kein Benzin, keinen Strom; und das auch von Kubanern. Amerikaner, die all-inclusive-Aufenthalte an den schönen Stränden gebucht hatten, berichteten, sie bekämen nichts vernünftiges zu essen. Auf der anderen Seite ermutigten mich viele, zu kommen, da der Tourismus für das Land sehr wichtig sei. Viele Touristen schrieben in den Facebook-Gruppen, dass sie einen tollen Aufenthalt hatten. Davon übrigens oft jene, die sich eben nicht auf die All-Inclusive-Ressorts beschränkt hatten. Ich war ein wenig verunsichert, überlegte, mich einer organisierten Reisegruppe anzuschließen, habe mich dann aber doch dazu entschlossen, die Reise selbst zu planen.

Die politischen Umstände machen Kuba zu einem speziellen Reiseziel. Ich möchte gar nicht näher darauf eingehen, ich verstehe zu wenig davon, was da passiert. Klar, die Invasion in der Schweinebucht hatten wir in der Schule besprochen, Guantanamo ist jedem geläufig. Die Namen von Che Guevara und Fidel und Raul Castro haben wir alle gehört. Freunde von mir waren auf Kuba und fanden es dort super. Aber das war zu anderen Zeiten, z.B. 2012 oder 2017. Dann kamen Trump, Covid und Inflation. Vielleicht lehrt mich die Reise auch etwas über den kubanischen Sozialismus und wie er einzuordnen ist. Ich möchte dennoch eher unpolitisch hier berichten.

Ich begann, mir einen Reiseverlauf zu überlegen, wollte ich doch so viel wie möglich sehen, aber dennoch nicht jeden Tag Umzugsstress erleiden. Wir sind wieder bei einer kleinen Insel in meinem Kopf und einer großen in der Realität. Ich würde nicht alles besuchen können. Also begrenzte ich meine Planungen auf 5 Aufenthalte in größeren Städten, von denen aus ich gegebenenfalls kleinere Touren unternehmen könnte. Und hier ist der Plan:

28.03. bis 02.04. La Habana; 02.04. bis 06.04. Trinidad; 06.04. bis 09.04. Camagüey; 09. bis 12.04. Holguín (wobei ich am 11.04. nach Guardalavaca fahren möchte, um mit mir meinen Geburtstag in einem Strandrestaurant zu feiern); 12. bis 15.04. Santiago de Cuba; vom 15. auf den 16. schlafe ich dann in einem Nachtbus, um vom 16. bis zum 18.04. noch einmal in Havanna zu sein.

Ich habe bereits eine Oldtimerfahrt in Havanna gebucht, die Überlandbusse bezahlt, einen Transfer von Holguín nach „HütedieKuh“ angefragt, nach Interessenten wegen eines Ausfluges in das Viñales-Tal gesucht… Was am Ende dann alles daraus wird, das steht ein bisschen in den Sternen. Ich fühle mich gleichzeitig gut und schlecht vorbereitet.

Kurz vor Abreise wurde es auch dienstlich und privat etwas wuselig, so dass ich wegen letzter Erledigungen etwas in Hektik gerate. In meiner Wohnung wird während des Urlaubs der Rest der Tornadofolgen beseitigt (neuer Boden, Anstriche), so dass ich seit heute zwischen Kartons lebe. Gottseidank haben Luis und seine drei Mädels beim Packen geholfen. Morgen wird dann der Koffer beladen, Mittwoch geht es nach der Arbeit nach Frankfurt, von wo aus ich am Donnerstag abfliege.

Jetzt kommt meine Standard-Schlussformel eines jeden Prologs: Wenn ich mal nichts schreibe, liegt das wahrscheinlich eher an der Technik, als dass ich in einem Rumfass mit einem letzten *hicks* mein Ende fand… nur ist diesmal tatsächlich wohl mit Stromausfällen zu rechnen und damit einhergehend eine stabile Internetverbindung nicht gegeben. Aber ich versuche mein Bestes, um Euch auf dem Laufenden zu halten. Und wie immer würde ich mich über Eure virtuelle Begleitung sehr freuen!

Hasta la vista, compañeros! Euer

P.S.: Das Beitragsbild wurde von 12019 auf Pixabay lizenzfrei zur Verfügung gestellt.

Fisch-Terrine

Ihr Lieben,

heute gibt es eine Fischterrine, inspiriert durch ein überaus teures „Fertigprodukt“ in einer Großmarktkühltheke. Ich habe sie dreistöckig aufgebaut: Krabbe-Avocado, Forelle-Meerrettich und Lachs-Kräuter. Ich nehme es vorweg: Geschmacklich fand ich es Bombe, die Stabilität und Optik war aber durchaus verbesserungsfähig. Ich aktualisiere dann ggf. beim nächsten Versuch.

Lachs: 125 g Joghurt, 200 g Räucherlachs, Chiliflocken, 1 Zehe Knoblauch, 2 EL Mascarpone, 2 EL Dill (fehlt auf dem Foto oben), Salz, Pfeffer.

Forelle: 200 g Mascarpone, 250 g geräucherte Forelle, 1 EL Sahnemeerrettich, Schnittlauch, Salz, Pfeffer.

Krabben: 240 g gekochte Tiefseegarnelen, 200 g Frischkäse, 1 reife Avocado, 2 Zehen Knoblauch, Salz, Pfeffer.

Für jede Lage werden die Zutaten mit dem Stabmixer (Lachs und Krabben) bzw. einer Gabel (Forelle) vermengt. Anschließend werden noch je zwei Eier untergerührt, um eine Bindung zu erzielen. Eine passende Kastenform wird mit Backpapier oder Alufolie ausgekleidet. Die vorbereiteten Crèmes vorsichtig übereinander schichten und alles für 45 Minuten bei 150° C in der Mitte des Backofens auf mittlere Schiene stocken lassen. Komplett auskühlen lassen, vorsichtig stürzen und genießen.

Ich habe, das möchte ich nicht verhehlen, zwei Fehler gemacht: ich wollte eigentlich die grüne Crème in der Mitte haben, um einen deutlicheren Kontrast zu haben. Leider hatte ich im Tran dann aber einfach irgendeine Schüssel gegriffen und mit dieser begonnen. Zweitens eignet sich Joghurt nicht besonders, um eine Fischmasse damit anzurühren, es wird dann trotz Ei nicht fest genug. Dann bräuchte man entweder Gelatine oder man nimmt eine andere Trägermasse, die nicht so flüssig ist.

Käsekuchen – Versuch Nr. 29174/b

Ihr Lieben,

der perfekte Käsekuchen existiert, ich weiß es! Er kommt ohne Puddingpulver aus und die Vorbereitung dauert nur 10 Minuten! Habe ich es diesmal geschafft?

Es gibt auf Social Media ja haufenweise „in-3-Minuten-fertig“-Anweisungen für Käsekuchen. Besonders kluge Kommentatoren merken dann an, dass die Backzeit ja fehlt. Herrjeh.

Diesmal habe ich aus drei solchen Kurzrezepten das wahrscheinlich praktikabelste Rezept zusammengemixt. Daher gibt es auch nicht wirklich „credits“. Allen dreien war gemeinsam, dass einfach alles, was Ihr auf dem Bild hier seht, zusammengerührt wird:

In der Tasse ist der Saft einer Miniorange, in dem Fläschchen Bourbonvanille-Extrakt.

Keine Reihenfolge war angegeben, die Mengenangaben allerdings unterschieden sich deutlich. Von 3 Packungen Natron bis hin zu gar keinem Backtriebmittel, z.B. Ich entschied mich für einen gestrichenen Teelöffel Backpulver, viel Quark und viel Vanille.

Was soll ich sagen? Er ist immer noch nicht perfekt, aber man kann ihn durchaus essen. Mich würde mal interessieren, wie Eure Erfahrungen so sind. Wieso steigt der Kuchen doppelt so hoch an und bleibt dann nicht so? Locker und fluffig? Klar, Eischnee schlagen und so… Aber dann ist es kein 10-Minuten-Kuchen.

Zutaten: 200 Gramm Zucker, 2 Vanillezucker, 1 Backpulver, 100 Gramm Mehl, 5 Eier Größe M/L, 200 Gramm Butter, 1000 Gramm Magerquark, etwas Zitrusfrüchtesaft und -abrieb, Vanillearoma. 28er-Springform mit Öl eingepinselt und bei 180°C für eine Stunde in den vorgeheizten Backofen geben. Ggf. nach zwei Drittel der Zeit mit Alufolie abdecken. Im Ofen auskühlen lassen.