Tag 12: Kreuzberg? Nicht nur in Berlin!

Labas vakaras iš Klaipėdos!

Heute habe ich nicht so wahnsinnig viel erlebt, da ich die meiste Zeit im Auto verbracht habe. Und Autofahren ist hier ja eher ein unspektakuläres Ereignis. Wobei ich meine, zwischen den baltischen Fahrern kleine Unterschiede ausgemacht zu haben. Hier in Litauen fährt man eher etwas forscher. Naja, die Selbstmordrate ist ja hier scheinbar auch höher als anderswo.

Damit aber das Tagebuch heute nicht nur aus zwei kurzen Anekdoten besteht, hier ein kleiner baltischer Sprachkurs. Ich frage das dann zuhause ab:

Bei einigen Wörtern müsst Ihr Euch noch wilde diakritische Zeichen dazu denken 🙂

Gegen 10 Uhr brach ich in Vilnius auf in das ca. 30 Minuten entfernte Trakai. Der ganze Ort hat einiges zu bieten, aber aufgrund meines zweiten Ziels und der insgesamt langen Strecke konzentrierte sich mein Besuch ganz auf die Wasserburg. Also, man möchte sich nicht vorstellen, was da in der Hauptsaison los sein mag. Denn schon Hunderte von Metern vor der Festung winkten Babuschkas die Autos auf ihre Hinterhöfe. Was aber beim heutigen Besucherandrang zwecklos war, denn die zwar kostenpflichtigen, aber bezahlbaren Parkbuchten waren noch lange nicht alle belegt.

Großfürst Vytautas

Die Burg liegt malerisch mitten in einem See. Sie könnte aus einem Disneyfilm stammen. Ganz klar ist mir auch nicht, wie alt oder neu bestimmte Teile der Burg sind. Einiges sieht aus wie frisch dahingemauert.

Es gibt viele kleine Ausstellungen, man kann sich einen Marathon über Treppen, Stiegen, Wege und Zimmer erlaufen, und erlebt eine wirklich enorm instandgesetzte mittelalterliche Anlage. Sehr sehenswert und hübsch das alles. Wenn man mag, kann man auch mit einem Boot auf dem See rumschippern, entweder mit einem Kapitän auf einem größeren Exemplar oder unter Einsatz seiner Beinmuskulatur auf einem kleineren Exemplar.

Kaunas ließ ich links liegen und begab mich – einen ziemlichen Umweg hinnehmend – zum Berg der Kreuze. Dieser Wallfahrtsort liegt mitten in der litauischen Pampa. Ich wurde mal wieder teilweise über Schotterpisten dahingeführt. Mein armer Ludwig. Ging wahrscheinlich auch anders, aber ich habe den Menüeintrag „Schotterpisten NEIN“ im Navi noch nicht gefunden. Zwischendurch hatte ich ein bisschen Benzinpanik, da partout auf der ganzen Strecke keine Tanke sichtbar war. Ich habe das aber durch einen kleinen Abstecher in eine größere Ortschaft gelöst. Die Dame an der Kasse war zum Plaudern aufgelegt, sprach aber nur Litauisch. Und „Ja, nein, danke, Prost“ hätte mir da nur wenig geholfen.

Was soll ich sagen? Ich erwartete einen mystischen und spirituellen Ort. Aber es war vor allen Dingen eins: gespenstisch. Die Geschichte dieses Kreuzberges ist interessant, eine Art Symbol des Widerstandes der Litauer gegen vor allem die sowjetischen Besatzer und der Katholiken gegen die Kommunisten. Bewundernswert. Aber leider ist für mich diese Ansammlung religiöser Kultobjekte, die im starken Wind auch noch akustisch nach Aufmerksamkeit heischen, ein bisschen zu viel. Die Touristen, die dann laut schnatternd durch die Kreuze stapften, taten ihren Teil dazu. Angegruselt habe ich mich wieder entfernt.

Bis nach Klaipeda, meinem Bestimmungsort für die kommenden beiden Nächte, musste ich dann noch zweieinhalb Stunden fahren. Ich kam gegen 18 Uhr dort an und landete auf einem Hinterhof, wo mir das Navi erklärte, ich habe mein Ziel erreicht. Leider versäumte ich es, ein Foto zu machen. So ein anheimelnder Hinterhof! Da hätte ich gerne gepennert. Nachdem Google Maps sich weigerte, einzusehen, dass es falsch lag, ließ ich den Wagen dort auf dem Hof stehen und fragte mich bei den spärlich hier herumlaufenden Menschen nach dem Hotel durch. Einen Block weiter fand ich es dann, holte den Wagen und checkte ein. Ganz nett, aber Entzückensschreie kann ich zurückhalten.

Ein erster Erkundungsgang ergab, dass es auch in der Sonne inzwischen frisch ist, also bereute ich, meine Jacke im Auto gelassen zu haben. Zum zweiten stellte sich heraus, dass offensichtlich auch anderen zu frisch war, sich draußen herumzutreiben. Es ist wie ausgestorben hier. Sehr nachsaisonal. Und leider auch nicht allzu sehenswert. Ich war am Kastell, an dessen Ufern sich hunderte von Yachten schmiegen, am zentralen Platz und in der Haupteinkaufsstraße. Naja. Nett. Nett und leer und frisch.

Im Hotel wird gerade eine Hochzeit gefeiert, aber eher im kleinen Stil. Ich hätte mich sonst daruntergemischt. Daher ist das Hotel auch gut ausgebucht.

Ja, Ihr Lieben. Morgen wandele ich dann auf den Spuren von Thomas Mann, der oft an der kurischen Nehrung seine Sommerfrische verbrachte. Und versuche, das Ännchen zu finden.

Bis denne! Euer Gerald

Scheint, das Guest Craft Bier der Saison ist Kölsch. Aber warum spuckt der Mann es wieder aus?
Und was bedeutet Vier Winde Kölsch Stil-Bier? Bier übrigens: alus, olu, alus…
Und wenn wir schon bei Bier sind: Pils bzw. pilis heißt im Lettischen/Litauischen Burg oder Schloss

Tag 11: Nun doch ein viertes Land – ganz offiziell

Mieli skaitytojai!

Der Nachteil eines Apartments auf so einer Rundreise ist ja der, dass man sich dem morgendlichen Müßiggang hingibt. Denn kein Frühstück wartet auf einen, dass bis 10 Uhr oder wann auch immer eingenommen werden muss. Und man kann sich dann so prima noch einmal rumdrehen. Und dann noch einen Kaffee und noch einen Kaffee…. So kam ich erst sehr spät aus den Plumeaus in die Plünnen und in die Puschen.

Mein erster Besuch galt der Kirche St. Peter und Paul, ein eindrucksvolles Beispiel für den Hochbarock in Europa. Mehrere tausend Figuren sind aus dem Stuck herausgearbeitet, sie sind sehr kunstvoll und vielfältig. Man könnte Stunden verbringen, sich alle diese kleinen Kunstwerke der Bildhauerei anzusehen.

Aber ich wollte um 13 Uhr eine kleine Bootstour über die Neris unternehmen und die Kirche liegt etwas außerhalb der Innenstadt. Die Bootsfahrt sollte 45 Minuten dauern und an der Mindaugas-Brücke starten. Als ich mich dort kurz vorher einfand, stellte sich heraus, dass ich der einzige Kunde war; die drei Mitglieder der Besatzung fläzten sich herum und schienen nicht besonders motiviert, daher beschloss ich gar nicht erst, nach der Tour zu fragen. Ich hätte mich auch unwohl gefühlt, so ganz alleine auf dem Boot. Zudem hatte ich ja schon einiges von der Flussseite aus gesehen. Und es nieselte auch. Igitt. Mindaugas war übrigens der einzige König Litauens.

So begab ich mich dann zum Präsidentenpalast und knipste mich mit dem. Dann erwarb ich Tickets für den Besuch der Universität, wo in der Universitätskirche jemand für mich Orgel spielte, das fand ich sehr aufmerksam! Die Universität ist in verschiedenen Stilen gebaut und durchaus sehenswert. Sehr, sehr viele junge Studentinnen und Studenten wuseln sich auf den vielen Innenhöfen. Hier macht studieren bestimmt viel Spaß.

Auch für den zur Uni gehörigen Glockenturm erwarb ich ein Ticket. Man fährt nach ein paar Stufen mit einem Glasaufzug hoch, das ist ja mal wieder so richtig was für mich! Ich musste die Augen schließen! Gibt es eigentlich wissenschaftliche Untersuchungen, warum Höhenangst immer schlimmer wird? Auf der 4. Etage des Turms waren die spektakulären Ausblicke dann durch Gitterfenster verdeckt, also habe ich mich eine schmale Stiege hinaufbemüht, um an die Brüstung des Glockenturms zu gelangen. Schon beim Aufstieg habe ich mich gefragt, wie ich jemals lebend da wieder herunter kommen soll. Aber die Ausblicke sind wirklich spektakulär! Und das Wetter hatte sich inzwischen gebessert. Im untersten Stock des Turmes gibt es noch eine kleine Ausstellung, auf der ersten Ebene (wo der Aufzug startet), gibt es ein foucaultsches Pendel. Sehr interessant.

Weiter ging es in das ehemalige jüdische Viertel. Auf dem Weg dorthin kam ich an einer Kirche vorbei, in der gerade ein Gottesdienst stattfand, ich glaube auf russisch. Es ist schon interessant: jedes Mal wenn ich ein religiöses Gebäude besuche, findet dort irgendetwas statt oder jemand spielt Orgel oder jemand wird getauft. Religiöses Leben spielt hier eine größere Rolle als bei uns. Wobei: dieser Gottesdienst war nur von 20 Frauen und zwei Männern besucht. Aber immerhin vier Messen täglich, wenn ich das richtig gedeutet habe!

Das jüdische Viertel war nicht einfach zu finden. Es hieß früher Klein-Jerusalem und war ein weltweit geachtetes Zentrum des Judentums. In Vilnius gab es fast 100 Synagogen, das Jiddisch wurde hier kultiviert, es gab über 150 jüdische Vereine. Warum fand ich es nicht? Nun, es wurde fast alles ausgerottet, was an jüdischem Leben hier war. In Litauen wurde sowohl von deutscher als auch russisch/litauischer Seite mit unglaublicher Brutalität vorgegangen. Ein entsetzliches Kapitel in der Geschichte Litauens!

Ich lief weiter zur alten Bastion. Die ist nicht weiter sehenswert, aber auf meinem Weg nach Osten gab es sehr schöne Aussichtspunkte, von denen man aus über die gesamte Stadt blicken konnte. Außerdem kam ich noch an der leicht verfallenen und seit langem geschlossen Himmelsfahrt-Kirche vorbei, ein bemerkenswertes Mahnmal an die Vergänglichkeit.

Auf meinem Weg zurück kreuzte ich erneut die Republik Uzupis. Hier nahm ich dann auf der Terrasse des quasi Regierungsgebäudes, dem Café Uzupio, mein Bier mit Blick auf die Vilnia ein. Das hatte ich zwar gestern schon vor, aber da war die Terrasse von Briten okkupiert, die sich gegenseitig mit Lebensmitteln bewarfen und grölten. Kurz vorm Brexit noch mal die Sau rauslassen. Und dann holte ich mir doch einen Stempel für meinen Pass. Ich war nun offiziell und nachweisbar dort.

Apropos Ländervertretungen: Ich bin an so ziemlich allen Botschaften in Vilnius vorbeigekommen. Wenn man nun davon ausgeht, dass alle fast 200 Länder dieser Welt eine diplomatische Vertretung in Vilnius unterhalten und dann annimmt, dass Vilnius in ebenso vielen Ländern ein Gegenstück hat, dann ist die prozentuale Quote an Diplomaten im Beruferanking Litauens sehr hoch. Wie mag das in noch kleineren Ländern sein?

Auf dem Weg ins Apartment kaufte ich noch Käse bei einem Lidl ein – wiewardasmitderWeltunddem Dorf? – da ich wieder nach mehreren Stunden Fußmarsch zu erschöpft war, ein Restaurant zu suchen. Zudem hatte ich noch Fisch und musste die Route für morgen überlegen. Kaunas soll doch nicht wirklich sooo besuchenswert sein. Auch ein Wein musste noch in die Einkaufstüte. In Litauen gibt es übrigens strikte Gesetze, was Alkohol angeht. Sie werden begründet mit einem Weltspitzenplatz an Alkoholikern und daraus resultierenden Suiziden. Puh.

Also, für heute nur noch viele Grüße an alle und ? ? .

Euer Gerry

Und ich Dummerchen dachte immer, die heißt Norma Jean Baker.
Den wollte ich Euch nicht vorenthalten. Ist der nicht putzig?

Tag 10: Sie will ja, sie will ja… nach Wilna

Sveiki atvykę į Lietuvą!

Nun also Litauen. 🙂

Zum Hotel heute früh gibt es noch zwei Dinge zu berichten; erstens war das Frühstück so lala, auch hier fühlte ich mich an Moskauer Zeiten erinnert, und zweitens rufe ich hiermit alle Hoteliers auf, künftig alle Turn- und Sportvereine, die nachts ihre Übungen abhalten, ins Erdgeschoss zu verbannen. Insbesondere in Gebäuden mit Holzdecken! Gleiches gilt übrigens auch für kinderreiche Familien, deren Zöglinge gerne Möbel rücken!

Natürlich habe ich von den mir gesteckten Zielen die Hälfte nicht geschafft. Das Gelände der Zarenfestung ist sehr weitläufig, das hat schon mal viel Zeit gekostet. Es gibt dort auch, oha!, ein Mark-Rothko-Zentrum. Die Fahrt nach Dinaburga war auch zeitraubend, wobei von der Burg wirklich nur noch ein paar Felsen herumliegen. Aber die Aussicht auf den Nationalpark Daugava Loki über den Fluss Düna ist wunderschön. Nur sein Mückenspray sollte man nicht vergessen. Ein winzig kleines Modell der Burg lässt erahnen, wie es früher dort einmal ausgesehen haben mag.

Ich machte mich dann auf den langen, langen Weg nach Vilnius. Ich war sehr schnell in Litauen, denn Daugavpils liegt sehr nah an der Grenze. Bisher sind die Fahrten durchs Baltikum immer sehr schön gewesen, alles ist grün, man fährt quasi durch Seen hindurch, an Flüssen vorbei, manchmal poppt ein Astrid-Lindgren-Haus auf. Und dann poppt auch mein Herz auf. Meistens aus Holz und schön bunt. Also, das Haus, nicht mein Herz. Es ist Bilderbuch, durch das Baltikum zu fahren.

Die Straßen in Litauen, zumindest die von mir benutzten auf der Strecke von Daugavpils nach Vilnius, waren aber in einem teilweise erschreckenden Zustand. So kam ich nicht besonders schnell voran. Trotzdem schaffte ich es, mit nur einer halben Stunde Verspätung um 14 Uhr in Vilnius bei meiner Gastgeberin Simona zu sein. Das Apartment ist sehr schön, mein Wagen steht in einem Innenhof, das Tor übrigens nur ein paar Millimeter breiter als der Wagen. Dann Besichtigung und Erläuterung. Und während wir so sitzen und die Wohnung besprechen, taste ich nach meinem Geldbeutel, weil ich die Übernachtung auch hier in bar bezahlen sollte, und… Er war weg.

Ich hatte 200 km zuvor an einer Tankstelle getankt und musste dort meine Kreditkarte in einen Schacht an der Zapfsäule stecken, während ein etwas unheimlicher Mensch hinter mir die ganze Zeit auf mich eingebrabbelt hat. Sollte das eine Ablenkung gewesen sein? Aber ich war mir sicher, ich habe das Portemonnaie wieder in meine Hosentasche gesteckt. Schnell zum Auto gelaufen, alles gründlich durchsucht, kein Portemonnaie. Wieder ins Apartment, Rucksack ausgekippt, kein Portemonnaie!! Panik!!! Simona bat dann darum, zusammen zum Auto gehen, wir würden das Ding schon finden. Und dann lag es im Fußraum. In meiner Aufregung habe ich es beim ersten Durchsuchen schlichtweg übersehen. Schweißperlenalarm hoch 10! Ich bin zu alt für sowas.

Ich glaube, das Apartment, das ich gebucht habe, ist ein anderes, als ich nun bekommen habe. Aber ich fühle mich bisher wohl, insofern ist das für die zwei Tage egal. Es liegt sehr zentral, ich brauchte nur ein paar Minuten bis zur Touristeninformation. Vorher habe ich noch die Skyline der Neustadt am gegenüberliegenden Ufer der Neris, dem Hauptfluss der Stadt, fotografiert, die ein bisschen an Frankfurt in Kinderschuhen erinnert.

In der Tourist-Information erkundigte ich mich nach einem Aussichtspunkt, man schickte mich auf den Gediminas-Turm. Das sei quasi Pflichtprogramm. Ich fuhr mit der Standseilbahn hoch, erkraxelte den Turm, der auch ein Museum ist und lief wieder herunter. Schöne Aussicht von da oben!

Ich begab mich dann zur St. Anne und Bernhardine-Kirche, eins der seltenen Gotikgebäude in Litauen. Dann ging es weiter zur „unabhängigen“ Republik Uzupis. Dies ist eine sehr interessante Konstruktion, ich empfehle den entsprechenden Wikipedia-Artikel dazu zu lesen. Vor allen Dingen ist die Verfassung äußerst witzig. Auf die Ausstellung eines Visums in meinem Pass habe ich verzichtet, das wäre tatsächlich möglich gewesen. Ich schlenderte dann ein wenig durch die Altstadt.

Eine Achse von drei Straßen von der Kathedrale bis zum Ausros-Vartai-Tor ist dabei die Route der meisten Haupattraktionen. Also, Vilnius ist sehr, sehr schön dort. Ein Hingucker löst den anderen ab. Viel Barock, Renaissance, Klassizismus, alles da. Und alles sehr urban und trotzdem luftig. Ich bin versucht zu sagen, dass mir diese Hauptstadt am besten von den dreien gefällt. Aber da würde ich Äpfel mit Birnen vergleichen. Es ist eben ein weiteres Highlight dieser an Highlights nicht armen Reise.

Kirchen, Palais‘, Tore… und palaisartige Kirchen im Tore. Ich konnte einen Gottesdienst im Ausros-Vartai-Tor mit ansehen. Es gibt dort eine wundertätige Ikone. Die Muttergottes im Tor der Morgenröte.

Nach etwa viereinhalb Stunden Fußmarsch besorgte ich mir dann in einem Laden etwas Fisch, in einer wunderbaren Bäckerei etwas Brot und sitze jetzt bei einem Rosé am Esstisch und schreibe dies auf.

Ich werde heute mal darauf verzichten, mir Gedanken über morgen zu machen. Denn wie heißt es schon in Brechts „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“?

Ja mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.

Also, morgen dann wieder hier in diesem Salon?

Liebe Grüße von Eurem Gerald

Schöne Reise? Ja, Schwein gehabt!
So sieht es aus, wenn ich Tagebuch schreibe. Links mittig der unabkömmliche Hagebuttentee.

Tag 9: Der Abstecher nach Russland

Sveiks, Ihr Lieben!

Wir sind wieder in Lettland, wie Ihr an der Anrede merkt. Aber von vorne.

Nach einem kleinen Frühstück, es war alles ganz ordentlich, riss mich aber nicht vom Stuhl, lief ich zur Johanniskirche, die als sehr sehenswert angepriesen wird. Das Erstaunliche an dieser Kirche sind die ca. 1000 Terrakotta-Figuren, die früher die Nischen rund um das Portal sowie den Innenraum schmückten. Damit kommen sie zwar nicht an die Terrakottaarmee des Kaisers Qin heran, aber das ist ja auch schwierig. Nach dem Wiederaufbau der Kirche sind diese Figuren aber erst zu einem kleinen Teil restauriert bzw. nachgebildet und ausgestellt. Im Innern der Kirche wird einem das Ausmaß der Zerstörung der Kirche im Krieg klar, man hat wohl bewusst Strukturen unrestauriert belassen.

An der Universität vorbei lief ich den Domberg hinauf, besuchte die Engels- sowie die Teufelsbrücke, schaute mir kurz den Dom an und begab mich anschließend wieder ins „Tal“ zur Markthalle. Auf dem Weg sind mehrere Skulpturen ausgestellt, wie z.b. von Oscar Wilde, zusammen mit Eduard Vilde auf einer Bank sitzend, so wie die eines Bronzeschweins, an dem erläutert wird, welches Fleischstück aus welchem Teil des Tieres kommt, zudem eine Kunststoff-Badeente in XXXXL, die eine Medaille trägt. Wofür, weiß ich leider nicht. Übrigens sind die beiden nackten Männer von gestern Abend Vater und Sohn, aber die Erklärung aus dem Tourismus-Heftchen ließ mich über die Bedeutung im Dunkeln tappen. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat der Bildhauer seinen Sohn sehr früh verloren. Eduard Vilde ist übrigens ein estnischer Dichter.

In der Markthalle hat mich erstaunt, dass ich in Europa Früchte angucken kann, von denen ich nicht weiß, was sie sind. Merkwürdige Beeren, seltsame Wurzeln, fremdartige Gewächse. Ich lief am Fluß Emajogi zurück zum Hotel, checkte aus und begab mich auf große Fahrt nach Daugavpils.

Auf dem Weg dahin stoppte ich in Aluksne, das kurz hinter der Grenze liegt. Es gibt dort Ruinen einer Ordensburg (wer glaubt, dass es im Baltikum mehr Einwohner als Burgen und Burgruinen gibt, hat mein Tagebuch nicht gelesen), ein neues Schloss von 1863, diverse Kirchen, haufenweise Springbrunnen und sehr schöne Parkanlagen.

Sehr hübsch ist auch die evangelisch-lutherische Kirche, die aber offensichtlich keinen Namen hat, denn weder im Reiseführer, noch bei Wikipedia wurde ich fündig. Nun ja, in Köln-Deutz gibt es ja auch ein Brauhaus ohne Namen, warum soll es in Aluksne nicht eine Kirche ohne Namen geben?

Extra für Matthias aus Basel bin ich dann noch zur Endhaltestelle der Schmalspurbahn zwischen Aluksne und Gulbene gefahren. Ich wollte für ihn wenigstens das Bahnhofsgebäude fotografieren. Doch welche Überraschung, die Bahn fuhr sogar mit zwei Waggons ein, als ich gerade ankam. So konnte ich ein kleines Video drehen. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wäre ich auch noch nach Gulbene mit der Bahn gefahren (und natürlich wieder zurück). Aber meine Zeit ist viel zu knapp bemessen. Nun, das war mir von vornherein ja klar.

Auf dem Weg nach Daugavpils wollte ich noch zwei andere Orte besuchen, die sogar in der dortigen Umgebung liegen. Es handelt sich zum einen um das Altgläubigen-Dorf Slutiški, zum anderen um das ursprüngliche Daugavpils, das frühere Dinaburga. Dort gibt es, wer ahnt es?, Ruinen zu bestaunen. Aber die Strecken hier im Osten Estlands und Lettlands ziehen sich wie Kaugummi. Eine Autobahn gibt es natürlich nicht, aber selbst von Bundesstraßenniveau sind die Verbindungen hier weit entfernt. Da ich mit Ludwig Zisch immer vertrauter werde (ich weiß jetzt, wie ein Tempomat geht!!!), konnte ich die heutige Durchschnittsgeschwindigkeit ermitteln: 65 km/h. Und als das Navi mich kurz vor Daugavpils dann noch auf eine Schotterstraße führen wollte, es aber inzwischen schon kurz vor 18 Uhr war, beschloss ich die Ausflüge sein zu lassen und zu schauen, ob ich sie morgen eventuell noch einschieben kann.

Ich hatte etwas Schwierigkeiten, mein Hotel in Daugavpils zu finden, da es sehr versteckt liegt und ich die Anweisungen des Navis missinterpretiert habe. Die Gegend ist etwas zwielichtig, aber das Hotel ist sehr schön. Vor mir checkte eine Gruppe Asiaten ein, die sich nicht darüber einkriegten, dass ihr Autostellplatz ein sicherer Parkplatz sein solle (die Rezeptionistin beteuerte, alles sei videoüberwacht) und dass sie in bar zahlen sollten. Ich hatte bei der Reservierung gelesen, dass das erforderlich ist. Ist aber auch ungewöhnlich. Später traf ich die Truppe in der Stadt, sie war dann sehr ausgelassen und fröhlich. Man muss sich eben halt manchmal mit den Gegebenheiten abfinden. Und man fühlt sich besser, wenn man sich darüber freut, als wenn man sich Sorgen macht. Binsenweisheit Nummer 1374, heute zum Sonderpreis.

Das Zimmer kostet übrigens ein Drittel von dem von gestern, ist aber genauso gut ausgestattet. Warum das eventuell so ist, erfahren wir gleich.

Damit ich morgen nicht allzu viel Zeit investiere, beschloss ich noch am Abend die zentralen Sehenswürdigkeiten von Daugavpils abzulaufen. Dies ist die Gegend um die Rigaer Straße, dort ein paar verstreute Kirchen, Theater, Konzertsäle und Parks. Die Zarenfestung werde ich erst morgen früh besuchen, da sie jetzt schon geschlossen ist. Wenn es irgendwie geht, besuche ich noch das Vierkirchenviertel, Dinaburga, und eventuell – je nachdem, wann ich aufstehe – das Altgläubigendorf, das ich heute verpasst habe.

Warum ist hier alles so billig? Bier 1,50! Juchhe (J.Brahms)! Der folgende Satz ist eine reine Feststellung: wir sind hier quasi in Russland. Die Jugend auf der Straße spricht russisch, die Verkäuferinnen im Laden sprechen russisch, das ganze Wesen der Menschen die hier leben, ist russisch. Die Mentalität unterscheidet sich deutlich von denen auf von mir bisher besuchten Gebieten im Baltikum. Dafür fühle ich mich an meine vielen Russlandaufenthalte umso mehr erinnert. Daugavpils versucht sich aufzuhübschen, aber in der russischen Mentalität endet der Sinn fürs Gemeinwohl hinter der Wohnungstüre, und damit meine ich die Seite zum Treppenhaus hin. Man ist eigentlich eher unfreundlich, ein bisschen laut, ein bisschen desinteressiert. Das ist jetzt natürlich alles über einen sehr, sehr groben Kamm geschert und ein Allgemeinplatz sondergleichen, aber wer Russland und dazu dann auch vielleicht das Baltikum kennt, würde mir möglicherweise zustimmen. Trotzdem fühle ich mich hier nicht unwohl. Aber eine touristische Erschließung wird sich hier noch hinziehen. Und das bedeutet: Kein Tourist, kein teuer.

Mein Abendessen heute war unspannend. Ich war in einem 24-Stunden-Supermarkt, bestaunte erneut Dinge, die ich nicht kannte und orderte an einer Art Fleischtheke Frikadellen und Blätterteiggebäck, aus dem Füllung quoll. Das nahm ich dann zu mir und es war auch sehr lecker.

Morgen muss ich recht früh aufbrechen, denn meine neue Vermieterin in Vilnius, wo ich ein Apartment für zwei Nächte gebucht habe, ist keiner mir bekannten Sprache mächtig; resp. ich keiner ihr bekannten. Als ich ihr erklärte, ich wollte hier in Daugavpils um 13:30 Uhr losfahren, schrieb sie, sie sei dann um 13 Uhr 30 in ihrem Apartment. In Vilnius, das mehr als zweieinhalb Stunden von hier entfernt ist. Nun ja, mal sehen, was ich alles in dieser kurzen Zeit schaffe. Aber ich bin ja nicht undankbar, dass ich das Apartment in Vilnius schon so früh beziehen kann, denn Vilnius ist die größte Stadt, die ich besuche, und daher gibt es wohl ausreichend zu entdecken. Ich will aber nur zwei Nächte bleiben, weil ich unbedingt auch Zeit an der Kurischen Nehrung verbringen will und auf dem Weg dorthin noch Trakai, Kaunas und den Berg der Kreuze sehen möchte.

Es werden noch Wetten angenommen, was ich wie in welcher Zeit schaffe.

Wenn ihr das erfahren möchtet, freue ich mich, Euch hier morgen wiederzusehen.

Euer Gerald

Oscar, Gerald und Eduard beim entspannten Plausch
Heino hat in Tartu offensichtlich eine Musikschule. Hannelore wird hier liebevoll Elleri genannt.

Tag 8: Viel mit Wasser

Ja see jätkub!

Heute morgen also mal wieder packen und abfahren. Das ist natürlich der Nachteil an einer Autorundreise, man lebt quasi aus dem Koffer. Das habe ich eigentlich nicht so gerne, aber es lässt sich ja nicht vermeiden; es macht mir nämlich auch keinen Spaß, jeden Abend und jeden Morgen den Koffer aus- bzw. wieder einzupacken.

Ich kam sehr gut aus Tallinn weg, habe dabei keine Marathonläufer überfahren müssen, und steuerte mein erstes Ziel an, die Jägala-Wasserfälle. Die sehen auf Fotos in Reiseführern etwas spektakulärer aus, als sie in Wirklichkeit sind. Es mag daran liegen, dass die Fälle zur Zeit nicht über die gesamte Breite der Terrasse fallen, sondern nur über etwa die Hälfte. Trotzdem ganz nett, ich mag Wasserfälle ja. Finde ja schon die Stromschnellen der Erft interessant.

Im Winter frieren die manchmal, das sieht dann wohl krass aus

Auf dem Parkplatz trank ich Wasser, als ich hörte, dass ein Mann sich bei einer Frau (auf deutsch) beschwerte, das Wasser sei ja abgestanden. Sie antwortete, er solle dann doch das von Gerald nehmen. Huch. Ich überlegte kurz, mich vorzustellen, ließ es aber dann doch sein. Ein strammes Programm lässt keinen Smalltalk zu!

Von Jägala aus fuhr ich in den Nationalpark Lahemaa. Dort gibt es sehr viele Gutshöfe, von denen das besterhaltene bzw. -restaurierte das Herrenhaus Palmse sein soll. Dieses besichtigte ich dann auch. Außer dem Herrenhaus gibt es eine Schmiede, ein Badehaus, eine Brauerei und, und, und…

Palmse mois

Alles ist sehr gut instandgesetzt und vermittelt einen Eindruck vom Leben eines Gutsbesitzers vom 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die Besitzer dieses Guts waren deutsche Adlige (von der Pahlen). Deutsche Adlige haben Russland ja immer in diversen militärischen Angelegenheiten unterstützt, diese Familie gehörte definitiv auch dazu. Mitglieder der Familie hatten Kontakt zum Zarenhof und zu Gelehrten, Dichtern und Denkern; so ist z.b. Isabell befreundet gewesen mit dem Philosophen Nietzsche. All das ist sehr sehenswert und ich hätte auch eine Weinprobe machen können. Obstweine, die dort produziert werden, aber das ging wegen des Autos ja nun nicht. Außerdem wurden sie alle als „schön süß“ angekündigt. Nun, ich war froh, dass ich eine Ausrede hatte.

Ich wanderte noch ein wenig durch den Nationalpark, insbesondere über das Gutsanwesen, wo es schöne Pavillons, Seen, Brücken et cetera zu bestaunen gibt. Ein Besuch lohnt sich wirklich!

Mein nächstes Ziel war das Fischerdorf Altja an der Ostsee. Es ist ganz pittoresk, es gibt dort sogenannte Netzhäuser (nein, nicht von Vodafone und Telekom!), Holzhäuser, in den Fischernetze aufbewahrt wurden und die ein immer wiederkehrendes Postkartenmotiv dieser Region sind. Ansonsten sehr viel Natur. Nadelwald und Meer = tolle Kombi! Auf dem Weg in dieses Dorf wurde ich von einer Motorradgang überholt, die meinen Wagen beim Überholen sowohl hinten als auch vorne immer um Haaresbreite schnitten, die traf ich dann in Altja wieder. Sie sind aber nicht zu den pittoresken Fischerhäuschen gegangen, sondern sofort in die nächste Bar eingekehrt. Und dreimal dürft Ihr raten… sie haben keinen Kaffee getrunken! Ich weiß, man tut das nicht, aber ich wünsche allen einen schönen Unfalltod. Hoffentlich ohne jemand anderen mitzureißen.

Der Himmel zog sich gegen 15 Uhr zu, bis dahin hatte ich Glück, und als ich in Rakvere an der Ordensburg ankam, war es grau und dunkel. Dazu passte dann auch, dass die Burg schon geschlossen hatte und ich sie so nicht besichtigen konnte. Wir reden über 15 Uhr 30. Ich verließ Rakvere dann bald wieder. Wahrzeichen ist übrigens nicht die mächtige Burg, sondern seit 2002 ein riesiger Auerochse.

Angepriesen wurden als nächster Punkt der Reise die sogenannten Altgläubigendörfer am Peipussee, z.B. Mustvee und Kallaste. Aber diesen Schlenker hätte ich mir sparen können. Nicht wirklich interessant genug, um einen Umweg von fast 100 km zu fahren. Ein paar kleine Kirchlein, ein paar bunte Häuser, aber wenigstens war ich am Peipussee, an der Grenze zu Russland gelegen, das ist immerhin ein geschichtsträchtiger Ort. Man lese dazu über Alexander Newski, der ist uns schon als Kathedralennamensgeber begegnet.

Um 18 Uhr 30 kam ich dann in Tartu an, fand sofort mein Hotel, dieses hat auch einen Parkplatz, was ich sehr begrüße, der Empfang war sehr nett, aber das Zimmer ist nur Durchschnitt. In einem Vier-Sterne-Hotel. Es ist bisher die teuerste Unterkunft der Reise. Aber ich will nicht zu sehr mosern, Parkplatz (Ludwig Zisch findet ihn allerdings ein wenig eng) und Frühstück und Klimaanlage und total zentral.

Dem Herrn Autor sein Hotel, ich wohne ganz oben rechts über der Regenrinne.

Nach dem Einchecken erkundete ich den Rathausplatz. Der ist schon einmal ganz hübsch, mit – klar – dem schönen Rathaus, den küssenden Studenten und dem schiefen Haus. Die küssenden Studenten sind übrigens aus Bronze, nicht, dass mich nachher noch jemand für einen Spanner hält.

2024 wird Tartu Kulturhauptstadt Europas

Ich glaube die anderen Attraktionen von Tartu lassen sich sehr gut morgen früh erkunden, so dass ich am frühen Nachmittag aufbrechen werde Richtung Vilnius; da aber diese Strecke sehr lang ist, werde ich mir überlegen müssen, wo ich einen Zwischenstopp zu Übernachtung einlege.

Also ist noch nicht klar, ob wir uns morgen wieder in Lettland sehen, oder aber dann in Litauen. Ich hoffe ihr seid morgen abend wieder bei mir. Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit!

Euer Gerald

Estland war die erste der ehemaligen Sowjetrepubliken, die 2014 die gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingeführt hat. Ob diese Bronze daran erinnert, weiß ich allerdings nicht.
Warum Ihr keine Souvenirs erwarten dürft… Ich hoffe, Ihr seid froh deswegen!

Tag 7: Linie 1 – kein Musical

Lugupeetud lugejad!

Heute Morgen hat es sich irgendwie eingenieselt, da habe ich den Tag ruhig angehen lassen und erst einmal ausgiebig Kaffee getrunken, ein bisschen Zeitung gelesen und rumgedöst. Irgendwann überkam mich dann aber doch die Lust, den Tag endlich zu starten, trotz des Regens, denn ich bin ja schließlich nicht aus Zucker. Kaum dass ich vor die Tür trat, entwickelte sich der Nieselregen zu einem Wolkenbruch. Und ich musste feststellen, dass ich doch aus Zucker bin. Ich wartete zehn Minuten unter dem Vordach, dann ließ der Regen erstaunlicherweise nach. Ich war schon kurz davor, zum im Gebäude befindlichen Friseur zu gehen, um mir die Haare schneiden zu lassen. Fünf Minuten später sah der Himmel fast so aus, als hätte es hier noch nie Regen gegeben. Das Wetter ist schon sehr komisch in Estland.

Was hat Ihnen denn die Stimmung so verregnet?

Als erstes erkundete ich den Hafen, ich wollte ein paar Kreuzfahrtschiffe sehen. Ich landete am Fährhafen, wo einige der wirkliche riesigen Fähren nach Helsinki und sonstwo lagen, das Kreuzfahrtschiffterminal scheint aber woanders zu sein. Trotzdem hatte ich etwas Hafenatmosphäre geschnuppert, das finde ich immer sehr spannend. Ich glaube mein Sternzeichen ist nicht Widder, sondern Boot mit Aszendent Nixe, irgendwas ist da mit mir und dem Wasser.

Man ist von Tallinn aus – mit der schnellsten Fähre – in anderthalb Stunden in Helsinki

Dann versuchte ich, das Viertel Telliskivi zu finden, das mir als sehenswert beschrieben wurde. Ein Viertel, in dem Künstler und Kreative sich ausgebreitet und dem Viertel so einen Aufschwung gegeben haben sollen. Leider waren meine diversen Navigations-Apps mal wieder sehr uneinig, wie ich dorthin gelangen sollte. Ich glaube, für den Fußgängermodus sind sie noch nicht ausgereift genug.

Ich beschloss dann einfach, in eine Straßenbahn der Linie 1 zu steigen und an die Endhaltestelle zu fahren. Zu meinem Erstaunen fuhr die Straßenbahn dann über eine Haltestelle namens Telliskivi. Ich blieb trotzdem erst einmal bis zum Schluss sitzen, der hieß dann Kopli – laut meines Reiseführers ein verrufener Stadtteil. Dort gibt es nicht rasend viel zu sehen, es ist eine der nordwestlichen Landzungen Tallins. Erstaunlicherweise tummelten sich in der Bucht Hunderte von Schwänen, von denen ich bisher immer glaubte, sie seien Süßwasservögel. Außerdem gibt es dort noch eine Retro-Kneipe, die vielleicht für Trambahnfahrer gedacht war, in einem 50er- oder 60er-Jahre-Stil eingerichtet, und wo man sich preiswerter besaufen kann, als in der Innenstadt. Dort gibt es auch bezahlbare klassische Gerichte wie Soljanka und Pelmeni. Etwas Russisch angehaucht halt. Ach, und die Marineakademie steht da auch noch etwas protzig herum.

Bei der Hinfahrt wurde mir klar, dass diese Linie 1 am anderen Ende zum Schloss von Tallinn fährt, Kadriorg. Also nichts wie hin. Das Schloss liegt in einem sehr schönen Park, es gibt zudem ein Kunstmuseum, das Gästehaus von Peter dem Großen sowie andere nette Kleinigkeiten, wie Pavillons und Teiche. Es ist wirklich alles sehr hübsch. Eintrittsgelder habe ich mir aber gespart, da die Ausstellung im Schloss über alte dänische Meister ging, was mich nicht wirklich interessierte, und die Ausstellung im Kunstmuseum zu umfangreich war, um damit die kostbare, kurze Zeit in Tallinn zu vergeuden. Beinahe hätte ich aber im Museumscafé des Schlosses eine Pavlova gegessen, die sah so verführerisch aus! Aber dann hätte ich mich nur noch den Hügel herunterrollen können, um dann am nächsten Gegenstand, gegen den ich geprallt wäre, den Rest des Tages liegen zu bleiben. Oder man stelle sich vor, da wäre nur ein Teich gewesen! Blubb! Die Pavlova ist zwar nach der russischen Ballerina benannt, ist aber ein neuseeländisches Dessert, das kreiert wurde, als sie dort einmal auftrat. Nutzloses Wissen Teil 38164. Siehe auch Pêche Melba.

Ich lief also lieber noch zum Präsidialamt, so glaube ich jedenfalls, irgendetwas mit dem Präsidenten auf jeden Fall, und wanderte ein bisschen durch die Parkanlagen. Man pflanzte hier übrigens zwischen Blühpflanzen auch sehr viel krause Petersilie. So in Büschen von einem Meter Länge sieht das sehr gut aus. Eine pfiffige Idee. Und das Präsidialamt hat eigene Bienenstöcke.

Dann wieder in die Straßenbahn, wieder Richtung Kopli, aber diesmal an der Haltestelle Telliskivi ausgestiegen. Nun, das Viertel sieht irgendwie ganz hip aus, aber es ist ja in der heutigen Zeit sehr schwer, etwas wirklich hippes zu machen. Es ist, seien wir mal nett, nett. Ein bisschen sehr kommerziell, es gibt viele Läden für Klamotten, Handgeschnitztes, von führenden Pädagogen empfohlenes, unbezahlbares Spielzeug und dergleichen mehr. Dazu einige hippe Kneipen, aus denen mehr oder weniger laut Musik schallt, und alles über und über mit Graffiti beschmiert. Fertig ist das Künstlerviertel. Einige der Graffitis sind dann ganz nett. Aber die Fressbuden haben mich nicht gereizt.

Hier probte eine Heavy-Metal-Band… Diese Kneipe war daher besonders gut besucht.
Wer die Ironie in dieser Komposition findet….

Ich lief über den Bahnhof zurück Richtung Altstadt. Ich kam sogar an den „Drei Schwestern“ vorbei, wo, wir erinnern uns, die Präsidentensuite für n Appel und n Ei zu haben ist. Zudem fand ich noch einige hübsche, kleine Passagen, Häuser und Kirchen. Ich lief noch außerhalb der Stadtmauern ungefähr ein Viertel der Stadt entlang, bog dann wieder in die Stadt ein und kam auf einen großen Platz, wo sich alle auf den Marathon vorbereiten, der morgen und Sonntag hier stattfinden soll. Ich hoffe, der kommt mir bei meiner Abfahrt nicht in die Quere. Ich werde wohl sehr früh aufbrechen, damit die Gefahr minimiert wird. Abgesehen davon habe ich, nach der Lektüre meines Reiseführers, eine für morgen doch mehr als ambitionierte Route mit mehreren Zwischenstopps festgelegt.

Straßenbahnfahren ist in Tallinn eigentlich sehr günstig. Ich hätte eine Tageskarte für 3 € kaufen können, aber das hat auf der App leider nicht funktioniert (der Anmeldeprozess startet auf Wunsch übrigens in Englisch, wechselt aber bei der Zahlungsoption ins Estnische – da ist dann eine gute Intuition gefragt). Ich habe also mehrere Einzeltickets gekauft, bis ich herausfand dass in der App QR-Tickets (Strichcodes) gekauft werden können, die dann nur die Hälfte kosten. Die Straßenbahnfahrerinnen und – fahrer selber bimmeln, was das Zeug hält, die Vorfahrt ist wohl eingebaut. Als die Bahn Richtung Schloss einmal nicht weiter kam, weil ein Auto auf den Schienen stand (was lernen wir in der Fahrschule? Fahre nie in eine besetzte Kreuzung ein!), erlebten wir eine völlig entfesselte Fahrerin. Sie bimmelte sich die Seele aus dem Leib, obwohl sie damit überhaupt nichts erreichen konnte. Aber es schien sehr befreiend für sie zu sein.

Fünf Stunden war ich so insgesamt unterwegs, den meisten Teil der Zeit zu Fuß. Eigentlich wollte ich heute Abend noch eine nächtliche Bootsfahrt unternehmen und davor sogar noch auf den Fernsehturm fahren. Aber, und jetzt bitte einmal alle mitfühlend etwas passendes murmeln: ich bin inzwischen auch in einem Alter angekommen, wo man einfach mal eine Pause braucht. Und ein Bier!

Ich war dann nach einem kurzen Zwischenstopp im Apartment nur noch essen, dann doch in der Brauerei um die Ecke, und diesmal störte es mich überhaupt nicht, dass der Laden fast leer war. Es hat auch gut geschmeckt (Speckplatte und geschmorter Elch mit Pü) und das selbstgebraute Bier dort ist sehr süffig. Als dann aber die Liveband den ersten Soundcheck machte, machte ich mich vom Acker. Denn es klang sehr…. nach kölschem Karneval auf jazzig.

Die Großbaustelle hat sich inzwischen sehr verändert; ich hatte schon einen Plan, wie ich hier wieder rauskomme, aber den kann ich verwerfen. Denn die Straßenführung ist komplett anders als gestern. Das wird ein Spaß!

Hüvasti Tartus, Ihr Lieben! Wenn Ihr mögt…
Euer Gerald

Also, für mich kommt ja so ein Njet nicht in Frage 🙂 Grenzt ja an Unhöflichkeit!
Ach, ich glaube, den gibt es irgendwie üüberaall.

Tag 6: Reval ist nicht nur eine Zigarettenmarke

Tschüss, Pärnu!

Wenn einer keine Reise tut, dann kann er nichts erzählen.
Wenn einer keine Liebe hat, dann kann er niemand quälen.
Wenn einer keinen Hammer hat, dann hat er nichts zu klopfen.
Wenn einer keine Mäuler hat, dann hat er nichts zu stopfen.
Wenn einer keine Brüder hat, dann hat er nichts zu schwestern.
Wenn einer keine Ostern hat, dann hat er nichts zu western.
Wenn einer keine Götter hat, dann hat er nichts zu lästern.
(Robert Gernhardt, geb. 1937 in Tallinn, gest. 2006 in Frankfurt/Main)

Tach auch aus Tallinn!

Heute beginnt der Bericht mit einem Werk von Robert Gernhardt, den ich sehr schätze. Er ist in Tallinn geboren, hat tolle Gedichte geschrieben, Romane, Novellen, Berichte und Beiträge für bekannte Komiker und Satirezeitschriften. Er ist einer meiner Lieblingsautoren!

Aber nun zum Tag: Heute früh musste ich die schöne Villa Ammende am Ende doch verlassen. Nach einem erneut sehr leckeren Frühstück packte ich mein Zeug zusammen, checkte aus und fuhr zum Museum für moderne Kunst (Uue Kunsti Muuseum) in Pärnu. Dieses Museum sollte laut Google ab 9 Uhr geöffnet sein, es war inzwischen zehn. Vom Frühstückstisch aus hatte ich noch in Tallinn angerufen und meiner Vermieterin Katrin mitgeteilt, ich würde ihr um 14 Uhr die ungefähre Ankunftszeit angeben. Für das Museum hatte ich zwei Stunden eingeplant. Leider war dieses Museum nun geschlossen, genau für diese eine Woche. Ich nahm mir also vor, den Wagen noch einmal in Pärnu City zu parken, und die Stadt zu Fuß zu erkunden, aber nicht ohne vorher im Tourismusbüro gefragt zu haben, was man denn gesehen haben müsse.

Katharinenkirche in Pärnu

Der einzige Mitarbeiter dieses Tourismusbüros war aber dermaßen mit telefonieren beschäftigt, dass ich nach einer Viertelstunde die Lust verlor, ihn anzustarren und einfach so los lief. Es stellte sich heraus, dass Pärnu doch auch abseits meines Villenviertels ein paar schöne Ecken zu bieten hat. Schöne alte Häuser, Teile der alten Stadtbefestigung, wunderbare Cafés, schön geschmückte Straßenzüge. Also, ich kann Pärnu von vorne bis hinten nur wärmstens empfehlen! Und wenn ihr schon mal dahin fahren solltet, dann übernachtet in der Villa Ammende, denn sie ist ein Traum!

Der rote Turm. Schwer zu finden!

Abends im Reiseführer habe ich übrigens einen kleinen Artikel über die Villa entdeckt. Dort heißt es sinngemäß, dass man sie ansehen sollte, auch wenn man sie sich überhaupt nicht leisten kann. Ich persönlich finde 75 € für eine Übernachtung in einer Jugendstil-Villa inklusive Frühstück ist nun wirklich nicht die Welt! Aber wahrscheinlich reden die über Preise während der Hauptsaison.

Die Fahrt nach Tallinn verlief dann sehr, sehr ruhig, mit den gewohnten 90 Stundenkilometern und das über eine Strecke von ca. 130 km. Nur Tallinn hat mich dann etwas gestresst, da man beschlossen hat, alle Straßen gleichzeitig auf einmal aufzureißen. Mein Navigationsgerät akzeptierte nicht, dass ich nicht überall hinfahren konnte, und bat mich beispielsweise, in Einbahnstraßen zu wenden. Ich parkte sehr nah meiner neuen Unterkunft und rief verzweifelt Katrin an. Ich käme nicht durch. Sie versprach, sich ins Auto zu setzen, um mich abzuholen, um dann Kolonne zu fahren, sie kenne sich ja aus. In der Zwischenzeit habe ich dann auf das Navigationsgerät verzichtet und mir auf einem Straßenplan angeguckt, wo die Unterkunft liegt. So konnte ich dann unter Umgehung sämtlicher Großbaustellen doch noch vor das Apartment fahren. Ich informierte Katrin per WhatsApp, wir trafen uns, die Wohnung wurde übergeben. Das Apartment ist sehr schön, ich habe einen Blick auf den Fährhafen, von einem kleinen Balkon aus, der allerdings komplett hinter Glas liegt, ein Wintergärtchen sozusagen. Katrin hat auch schon Bier, Wasser, Kaffee und Bonbons bereitgestellt, was ich sehr aufmerksam finde. Eine glückliche Wahl. Denn diese Anmietung war bisher die schwerste Geburt. Ich brauchte ja einen Parkplatz und so gab es wenig freie Unterkünfte. Parken in der Altstadt kostet nämlich 20 Euro pro Tag.

Blick vom Balkon meiner Unterkunft

Nachdem ich alles einigermaßen verstaut hatte, begab ich mich sofort in die Altstadt von Tallinn. Sie liegt keine zehn Minuten von hier entfernt und ich muss, um zu ihr hin zu gelangen, durch das sogenannte Rotermannviertel. Dies ist zwar modern, aber auch sehr hübsch. Modern kann auch schön sein, dieses Viertel ist das beste Beispiel dafür.

Rotermannviertel. Und welches Sternzeichen sind Sie?

Die Altstadt von Tallinn ist größer als die von Riga. Obwohl Riga die größere Stadt ist. Ich schrieb ja über Riga, als ich in der Nacht ankam, dass es sehr voll sei. Tagsüber hat sich das dann ja relativiert, aber in Tallinn ist es tatsächlich auch tagsüber voll. Es liegen aber, glaube ich, auch Kreuzfahrtschiffe auf Reede. Das ist natürlich für jede Stadt eine Herausforderung.

Ich musste sieben Minuten mit gezückter Kamera warten, bis kein Kopf mir vor die Linse lief 🙂

Tallinn gefällt mir sehr gut. Es gibt fast keine nicht schöne Ecke. Ich sah den Rathausplatz, stieg dort den Turm hoch, von dem man aus eine wunderbare Aussicht hat (eigentlich bin ich zu alt für – am Ende – kniehohe Stufen!), wenn auch nicht viel Platz ist, um sich zu drehen und zu wenden. Dann bimmelte die Glocke über mir auch noch dreimal und ich fiel vor Schreck fast die steile Treppe runter. Oben hatte ich auch noch ein nettes Gespräch mit einem Kanadier. Als wir uns beim Vorstellen die Hände schüttelten, erschlugen wir damit fast die nächste Touristin (sie war Filipina), die sich auf die Plattform zwängen wollte. Mich erstaunt die Vielfalt der Nationen hier, ist doch das Baltikum eher klein. Aber Lars aus Halifax erzählte, dass er gerne kleine Länder bereise. Belgien, Andorra, Estland. Immerhin sei er in Deutschland ja in Frankfurt zwischengelandet.

Blick vom Rathausturm

Ich ging anschließend hoch zur Alexander-Newski-Kathedrale (an einer Hochzeitsgesellschaft vorbei, was einer japanischen Reisegruppe Entzückensschreie und Kameras entlockte, was wiederum das Brautpaar sichtlich genoss), dann zum Dom (wo jemand wunderbar Orgel spielte, was ja, leidgeprüfte Spieler UND Hörer wissen das, nicht so einfach ist!), die Befestigungsmauern entlang und sah den „Kiek in die Kök“. Ganz ehrlich, hier habe ich zuerst an ein Restaurant gedacht. „Guck mal in die Küche“. Heißt es zwar auch, aber es handelt sich trotzdem um den Kanonenturm der alten Bastei.

Eindrücke aus Tallinn:

Nach drei Stunden Fußmarsch durch die Altstadt entschied ich mich, auf dem Rathausplatz ein Bier zu trinken. 6,50 € für ein Bier! Naja , der Blick ist halt mit bezahlt. Jetzt sitze ich wieder im Wintergarten meines Apartments, und schreibe den ersten Teil meines Tagebuchs. Es ist schon weit nach 18 Uhr, aber die Baustelle, in deren Zentrum ich quasi ja wohne, ist immer noch unglaublich betriebsam. Der estnische Bauarbeiter schmeißt seinen Helm offensichtlich nicht um 15 Uhr in die Baracke. Ich gucke auf sehr große Fährschiffe, auf die Türme der Altstadt und auf ein riesiges Einkaufszentrum direkt vor der Tür. Vorhin hat es gegen halb sechs angefangen zu nieseln. Also, wenn es morgen schütten sollte, habe ich etwas direkt vor der Nase, wo ich mich mit Schuhen von Deichmann, Klamotten von H&M und Takko, …. die Welt ist einkaufstechnisch ein Dorf.

Rimi ist hier DIE Supermarktkette

…Werbepause…

Kurzer Teil 2 des Tages: Katrin erzählte mir, dass um die Ecke eine schöne kleine Brauerei leckeres estnisches Essen bereit hielte. Ich hatte noch keine Milch, ging also runter, um welche zu kaufen und plante dann, in dieser Brauerei zu essen. Sie sieht ganz wunderbar aus, aber ich wäre neben einer griesgrämig dreinschauenden Dame der einzige Gast in einer riesigen Halle gewesen. Das wollte ich dann irgendwie nicht. Also, wieder in den Supermarkt, original lettischen Käse (die No. 1!) und lettische Wurst und lettisches Schwarzbrot gekauft und wieder in mein schönes Apartment. Was soll ich sagen? Schmeckt wie Gouda, Salami und weiches Graubrot. Morgen Abend esse ich in der Altstadt!

„Haben Sie reserviert? Nicht? Dann muss ich mal schauen!“

So, Ihr Lieben. Hier ist es gleich 22 Uhr, ich muss jetzt mal gucken, wie ich den Tag morgen verbringen möchte. Das Auto bleibt jedenfalls in der Tiefgarage!

Solltet Ihr Lust haben, dann sehen wir uns morgen Abend wieder hier.

Ar laba vēlējumiem,
Euer Gerald

Das „Vorher“-Bild habe ich nicht gefunden.
Die deutsche Rechtschreibreform macht auch vor Ländergrenzen nicht Halt!

P.S.: Rolf, das ist jetzt nur für Dich! ? ? und ?

Tag 5: Die weiße Dame

Mere õhtut, Ihr Lieben!

Ich habe heute Nacht ganz wunderbar geschlafen, es war einfach ein so schöner Tag, und ich war sehr entspannt. Auf dem Weg ins Frühstückszimmer wurde ich abgefangen und begleitet. Wirklich aufmerksam. Der erste Blick auf das Buffet entlockte mir ein mentales „naja“. Schöne Sachen, aber nicht eben viel Auswahl. Dann kam die Kellnerin und brachte mir eine Speisekarte, die von oben bis unten voller leckerer Sachen war, die ich alle bestellen durfte. Habe ich natürlich nicht gemacht, wollte ja noch ins Auto passen. Aber es gab frisches Rührei, einen ganz wunderbaren Obstsalat, und einen sehr leckeren Joghurt. Dazu habe ich etwas Räucherlachs gegessen und das Frühstück war perfekt. Ich hätte sogar Sekt trinken können, aber da ich ja vorhatte, noch Auto zu fahren, ließ ich das bleiben.

Dieser Salat spiegelt das ganze Hotel wieder. Der lieblos draufgeklatschte Joghurt ist von mir.

Ich schlendriante etwas in den Tag hinein, bis ich um kurz nach 11 Uhr dachte, jetzt müsse ich aber mal loslegen. Ich plante eigentlich, nach Saaremaa zu fahren, aber beide Navigations-Apps ermittelten unabhängig voneinander eine mehr als dreistündige Fahrt dorthin, obwohl es nur 150 km entfernt ist. Aber es kommt die Fähre dazu, und scheinbar gibt es dort auch wieder Schotterpisten. 7 Stunden Fahrt für 2 Stunden Aufenthalt wollte ich mir dann doch nicht antun, und begab mich alternativ nach Haapsalu, wo es eine mächtige, in Teilen noch gut erhaltene Bischofsburg geben sollte. Auch das nicht gerade um die Ecke, aber als sehr sehenswert angepriesen. Und jetzt bin ich froh dass ich es gemacht habe.

Der ehemalige Sitz der Bischöfe von Ösel-Wiek

Auf der Fahrt gab es leider einen massiven Wolkenbruch, so dass ich stellenweise auf der letzten Teilstrecke eher Wasserski als Auto gefahren bin. Mir schwante schon Übles. Aber wirklich auf die Minute genau, als ich meinen Wagen auf dem Platz vor der Burg abstellte, hörte es auf zu regnen und fünf Minuten später brach die Sonne durch den Himmel. Ein Wunder! Ich sollte öfters mal Kerzen anzünden, wenn ich auf Reisen bin. Scheint zu helfen.

Blick vom Burgturm aus.

Sehenswert ist Haapsalu in der Tat! Die Burg ist ganz wunderbar. Sehr groß. Wenn man in den Museums- und Kathedralteil möchte, muss man 12 € bezahlen. Aber auch das lohnt sich, die Ausstellung ist ausgezeichnet gemacht, es bereitet richtig Freude, sie anzusehen. Selbst die Toilette in einem Gewölbekeller ist fast schon einen Besuch wert. Die Erklärungen und Skizzen sind auf Glas gemalt und an die Wand gehängt, damit man die Mauern dahinter noch erkennen kann. Die Ausstellungsstücke ziehen sich durch alle Lebensbereiche: Waffen (ein ganz typischer Lebensbereich für uns), Töpferei, Gebrauchsgegenstände, Bischofsinsignien und die Erklärungen schildern das Leben auf der Burg zu damaliger Zeit. Die Kathedrale ist eher schlicht, aber strahlt etwas würdevolles und ruhiges aus.

Der Ort Haapsalu selbst ist auch entzückend. Wieder viele bunte Holzhäuser, stellenweise etwas verfallen, aber das gibt dem Ganzen einen gewissen Charme, dazu kleine Kirchlein, nette Grünanlagen und ein schöner Blick auf das baltische Meer.

Nach zweieinhalb Stunden Aufenthalt trat ich die Rückfahrt an. Sowohl auf der Hin-, als auch auf der Rückfahrt war ich manchmal kilometerlang alleine, ohne ein anderes Auto zu sehen. Nun ja, das gesamte Baltikum ist etwa halb so groß wie Deutschland, es wohnen aber nur ca. 6 Millionen Menschen hier. Die haben es gut. So viel Platz. Manchmal stand ein herrenloses Tier auf der Straße. Da muss man ein bisschen aufpassen. Ansonsten ist es sehr entspannend, mit 90 km/h Höchstgeschwindigkeit über die Landstraßen zu fahren, mehr ist hier nicht gestattet.

Auf der Rückfahrt hielt ich in Pärnu City an, das aber nicht so sehenswert ist, wie das Viertel, in dem ich wohne. Ich kaufte aber noch in einem Supermarkt ein paar Dinge ein, begab mich dann zur Villa, schnappte mir dort zwei Dosen Bier aus meinem Vorrat und setzte mich an den Strand, um den Ausblick auf das Meer zu genießen. Es wehte eine ganz schön steife Brise. Nix für Toupetträger!

Ob mir so ein Schnäuzer auch stehen würde?

Am Ende des Strandes tummeln sich ganz viele von diesen Kitesurfern, ich glaube das heißt so, wenn man mit einem Lenkdrachen auf dem Surfbrett steht, ich weiß es nicht so ganz genau. Aber es ist ein wunderschönes Bild. Auf dem Weg zurück schlenderte ich noch über die Skulpurenpromenade. Ganz nett.

Diese Reise ist bisher wirklich wunderschön, ich hätte nicht gedacht, dass das Baltikum mir so gefällt. Ich nehme an, dass es Ecken in Skandinavien gibt, die so ähnlich sind, und verstehe jetzt die Begeisterung einiger Bekannter, die gar nicht mehr woanders hinfahren mögen.

Es ist alles sehr schön ruhig und friedlich, es gibt unglaublich viel Grün, es gibt das Meer, es gibt Kultur ohne Ende und die Balten sind ein sehr freundliches und liebenswürdiges Volk. Ich kann jedem nur empfehlen, sich auch mal auf den Weg zu machen.

Abends habe ich mich ganz unspektakulär mit einem belegten Brot aufs Zimmer begeben, um dies hier zu schreiben.

Morgen werde ich diesen schönen Ort verlassen, um nach Tallinn zu fahren. Aber auch darauf freue ich mich schon sehr, denn es soll eine komplett erhaltene mittelalterliche Innenstadt geben, da stehe ich ja drauf, und habe erst einmal für zwei Nächte ein Appartement am Hafen gebucht. Dann sehen wir mal weiter.

Ich freue mich, wenn ihr mich morgen wieder begleitet. Bis dahin Allen alles Gute.

Euer Gerald

P.S.: Was das mit der weißen Frau in der Überschrift bedeutet? Prima! Ihr habt aufgepasst! Hier die Erklärung:

Gänsehaut!
Ich suche nach zwei Nächten Tallinn. Booking.com so….
… ich so! (Pst… Sparpreis)

Tag 4: Von Riga nach Pärnu

Ardievu, Latvija! Tere tulemast, Eesti!

Der Tag begann wie üblich mit Aufstehen, Waschen, Frühstücken, Packen und Auschecken. Moment, Packen und Auschecken sind ja gar nicht gewöhnlich. Oh, schade, ich werde Riga heute verlassen. War schön hier. Ich habe mich mit meinem Gepäck, einem sehr schweren Koffer und zwei Taschen sowie einem Rucksack, zum Bahnhof gequält und habe mich dabei natürlich mehrmals verlaufen.

Meine Begleitung für 10 Tage, er heißt Ludwig Zisch

Mit Ach und Krach schaffte ich es pünktlich zu meinem Termin mit dem Hertz-Meet-and-Greet-Man. Er sehr proper, jung, adrett, im Anzug. Ich dagegen verschwitzt wie eine alte fette Sau. Aber egal, ich war ja der Kunde. Der junge Mann sprach nicht allzu gut Englisch und war etwas fahrig, auch wollte er mich partout nicht ohne zusätzliche Versicherung fahren lassen, ich denke man hat es ihm so beigebracht. Ich sprach erneut mit der Hertzzentrale in Riga und erklärte, dass ich schon alle erforderlichen Versicherungen daheim abgeschlossen hätte. Man ließ mich also endlich fahren. Da ich ja nur alle Jubelmonate in einem Auto sitze, hatte ich etwas Bedenken, wieder – Achtung Kalauer – in Fahrt zu kommen. Aber es klappte ganz gut. Ein anfängliches Piepen, dass mich sehr gestört hat, erwies sich als nicht richtig geschlossene Heckklappe, das war schnell behoben. Ansonsten ist das Auto sehr schön, es ist ein Toyota Auris, scheckheftgepflegt, und fährt sich sehr, sehr angenehm. Bis ich aus Riga heraus war, verging einige Zeit. Das sehenswerte Riga aka Altstadt ist recht schnell erkundet, aber die Vororte ziehen sich wie Kaugummi. Und es ist außerhalb der Altstadt ziemlich viel Verkehr. Und es gibt Straßen, die in einem Zustand sind, dass alle, obwohl zweispurig, auf der vermeintlich besseren Spur fahren.

Turaida, einstmals Wohnstatt der bedauernswerten Maija.

Mein erster Weg führte mich nach Sigulda, ein an sich nicht weiter spektakulärer Ort, aber in der Umgebung gibt es einige Sehenswürdigkeiten. So besuchte ich das Schloss Turaida, wo sich schon im 17. Jahrhundert hochdramatische Szenen abspielten; man googele (?) mal nach der Rose von Turaida. Unbedingt den Turm raufkraxeln. Ganz tolle Aussichten!

Angeschlossen ist ein Dorf, wo es Ausstellungen gibt aus früheren Zeiten. In der Schmiede arbeiteten noch zwei Männer, wahrscheinlich den ganzen Tag für die Touristen. Ich erwartete dann natürlich, dass auch für die Touristen im Badehaus ein paar Mitarbeiter den ganzen Tag baden, bis sie schrumpeln und aussehen wie Gollum. War dann aber nicht so. Soll heißen, es wurde gar nicht gebadet!

Außerdem besuchte ich das Schloss des livländischen Ritterordens (gerade verhüllt, wenn auch leider nicht von Christo) und die Schwertordenburg. Inzwischen war es schon sehr spät, dass ich mir die Seilbahn, die ich mir vorgenommen hatte, sowie den Besuch weiterer Schlösser und Ruinen gespart habe.

Die Burg von Sigulda…. der Autor hätte auch mal vorher zur Kosmetik gehen können…..!

Beide Ausflugsziele sind einen Besuch wert. Und das hat sich wohl herumgesprochen, denn ich wurde in Sigulda von zwei asiatischen Gruppen angesprochen, wie sie denn zu den Burgen kämen… Paar Kilometer sagte ich. Wo denn hier Busse fahren? Ich konnte leider nicht helfen. Konnte ja schlecht 9 Asiaten in meinen Auris packen.

Weiter ging es nach Cėsis, einer sehr hübschen Stadt mit einer sehr sehenswerten Schloss-/Burganlage mit einem wunderbaren Park. Hier blieb ich länger als geplant, denn es ist wirklich pittoresk dort. Hübsche Häuser auch.

Impressionen aus Cesis

Die Fahrt nach Pärnu war dann etwas anstrengend! Das erste Teilstück war noch asphaltiert, dann bog ich auf die Bundes(?)straße v132 oder 158, ich weiß es nicht mehr so genau, um mich dann über Dutzende von Kilometern auf Schotterpisten fortzubewegen. Navi sei Dank. Mein scheckheftgepflegtes Auto! Herrje!

Und das kilometerlang. Inzwischen habe ich eine Straßenkarte. Der zufolge hätte das nicht sein müssen. Navis gehören definitiv nicht zu den KI-Errungenschaften! ?

Irgendwann kam ich dann an die A1, die Riga mit Tallinn verbindet (wegen der Ausflüge habe ich einen mehr als kleinen Umweg genommen), aber hier war schnelles Vorankommen auch nicht möglich. Diese von vielen Lastern befahrene Strecke ist zweispurig und es gibt keine Überholspur. Also tuckert alles mit pi x Daumen 80 Stundenkilometern durch die Pampa. Um 19 Uhr kam ich in Pärnu an und suchte mein Hotel, die Villa Ammende.

Dort wurde ich sehr herzlich empfangen, bekam mein Zimmer gezeigt, dass mir ein wenig klein vorkam, und bekam sofort ein viel größeres im Gärtnerhaus. Ob es mich denn nicht störe, dass ich nicht im Haupthaus untergebracht sei?

Alles ist hier wunder-, wunderschön! Alles im Jugendstil, alles antik. Das Personal reißt sich ein Bein aus, und ist an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft kaum zu übertreffen. Nach der langen Fahrt nahm ich natürlich erst einmal ein Bier zu mir. Imperial Gold. So fühlte ich mich auch. Das Zimmer dass ich hier habe, ist zwar ganz günstig, aber dafür haben die Getränkepreise es in sich. Aber ich sehe das einfach mal als Ausgleich: ich wohne hochherrschaftlich, zahle wenig für die Übernachtung, dafür aber mehr für die „Lebensmittel“. Ausgleichende Gerechtigkeit halt.

Nach dem Bier ging ich runter zum Strand, keine drei Minuten von der Villa entfernt. Wenn ich mich in der Villa schon in einer anderen Welt gefühlt habe, dann bin ich am Strand nachgeradezu ausgeflippt. Gott sei Dank konnte mich niemand beobachten. Ich bin ein Kind des Meeres. Es ist so wunderwunderwunderwunderwunderwunderschön hier, die Sonne, die über dem Meer untergeht, die hölzernen Bademeisterhäuschen, die Liegen, die Schirme, der feine weiße Sand und das Rauschen des Meeres. Ein Traum!

Man merkt aber deutlich, dass Nachsaison ist. Auf der Suche nach etwas zu Essen musste ich gut eine halbe Stunde durch den Ort laufen, um in einer Pizzeria einzukehren, die aber wagenradgroße Pizzen serviert. Auch hier mit einer Freundlichkeit…

Wer schenkt mir ein Häuschen am Meer?????

Auf dem Weg durch den Ort sah ich viele bunte, hübsche Holzhäuser. Auch gibt es hier schöne Cafés und Parks und dergleichen mehr. Ich beschloss spontan, noch eine Nacht länger zu bleiben und fragte Karl, den Rezeptionisten, ob das Zimmer denn noch zu dem Preis verfügbar wäre. Ist es!

Und während ich dies hier schreibe, sitze ich im Salon, trinke einen Alto-Adige-Pinot…. dann kommt Karl, ob er mich stören dürfe, er hätte ein paar Seiten ausgedruckt, was man hier so alles unternehmen könne und wegen meines Interesses an Saaremaa auch die Fährzeiten. Ehrlich: Ich war kurz vorm Heulen. So kundenorientiert und das ganz, ohne devot zu sein. Auch die Weinkellnerin ist kompetent und nett.

Jetzt noch ein Weinchen und dann vielleicht noch eins… ?

Bis morgen, wenn Ihr mögt.

Liebe Grüße von einem gerade sehr, sehr glücklichen Gerald.

P.S.: Vom Wohl und Wehe des Alleinreisenden….
Heute früh beim Frühstück in Riga.
1: „Dann fahrn wir doch um 10 Uhr dahin!“
2: „Eh, darf ich jetzt erstmal frühstücken?“
1: „Na dann halb 11.“
3: „Bisse bescheuert? Da dusche ich gerade noch!“
4: „Sollen wir nicht hierbleiben? Soll regnen!“
1: „Ihr kotzt mich an!“
3: „Heul doch!“
4: „Also, ich bleib hier.“
2: „Mit Euch frühstücken ist scheiße!“

Geht doch!
Dem ist absolut nichts hinzuzufügen! (Graffiti an einer Wand des Konventa Seta)

Tag 3: Auf dem Wasser und unter Wasser

Sveiki kopā!

Letzte Nacht war dann ganz angenehm – zumindest von der Lautstärke. Die Matratzen hatten leider etwas klösterliches, sie waren sehr, sehr hart. Ach, dieser Gerry, immer was zu mosern und zu meckern! Also ehrlich, es war eine deutliche Verbesserung.

Heute beschloss ich, meinen geschundenen Füßen etwas Gutes zu tun und Boot zu fahren. Am Basteihügel fahren regelmäßig Boote den Kanal hinunter, biegen dann auf die Daugava (dt. Düna) ab, fahren an der Altstadt vorbei, um am Hafen wieder in den Kanal einzubiegen. Diese Rundfahrt dauert ca. eine Stunde und kostet 18 €.

„…mi’m Müllemer Böötsche fahre mer su jään…“

Ich wurde von zwei Australiern (Vater und Tochter) angesprochen, ob dies nicht sehr teuer sei. Auf meine Anmerkung hin, wie oft man das im Leben denn täte, stiegen sie auch ein. Ich hielt sie zuerst für ein japanisches Paar; das mit Japan sagte ich, das mit dem Paar gottseidank nicht. Das wäre unangenehm gewesen. Die Beiden erkunden das Baltikum per Fernbus und sind sehr glücklich mit dieser Reisemethode. Die Tochter soll im Herbst auf die Uni und sollte vorher noch etwas erleben.

Die Bootsfahrt ist ganz nett. Die Boote sind klein, und mit 12 Personen dann auch schon voll. Die Erklärungen kommen auf englisch, sind gut verständlich und die Fahrt bietet noch einmal einen anderen Blick auf Riga. Wir fuhren vorbei an der Nationalbibliothek, einem sehr futuristischen Gebäude, unter diversen Brücken hindurch, sahen die Altstadt vom Fluss aus, die Insel Kipsala am anderen Ufer, die mit alten und hübschen Holzhäusern aufwarten kann, waren am Kreuzfahrt- und Industriehafen, und schipperten an vielen kleinen Parkanlagen vorbei.

Die Düna
Nationalbibliothek
Altstadt vom Fluss aus

Von der Bootsanlegestelle lief ich am Freiheitsmonument vorbei zur Geburtskathedrale, der größten orthodoxen Kirche im Baltikum. Ich wollte die Kirche eigentlich nicht betreten, weil ich kurze Hosen trug. Aber einer der Kirchenmitarbeiter winkte mich herein, und so hatte ich das Glück, einer Zeremonie beizuwohnen. Es wird viel und harmonisch gesungen, viel geküsst – also, die Ikonen – und sich sehr viel bekreuzigt. Der Priester trug sehr kostbar aussehende liturgische Gewänder.

Der Kölner Dom mal so ganz anders.

Danach ging ich durch einige Parkanlagen Richtung Zentralbahnhof. Denn ich hatte gestern abend gelesen, dass viele Beschwerden bei Google eingegangen sind, dort gäbe es keine Auto-Anmietstation von Hertz. Ich schrieb an meinen Mietwagenvermittler, der mir heute früh antwortete, das Büro befände sich auf der ersten Etage im Gebäudeblock A. Ich wollte sichergehen, dass morgen nichts schief geht und mich selbst davon überzeugen, dass ich das Büro finde. Natürlich gibt es keins, wie die vielen Beschwerdeführer schon schrieben. Ich kontaktierte also wieder den Vermittler. Ich bekam umgehend Antwort, ich möge die Hertz-Zentrale hier vor Ort anrufen, um einen Treffpunkt auszumachen. Um was man sich alles kümmern muss! Nee nee nee! Ich telefonierte also mit der hinterlegten Nummer, um die Information zu erhalten, ich möge mich pünktlich um 11 Uhr beim Informationsschalter einfinden, an dem ich ja bereits vorher gefragt hatte, wo die Hertz-Autos übergeben werden. Ich bin sehr gespannt, ob das klappt! Vorsichtshalber habe ich auf meinem Weg zurück in der Altstadt nachgeschaut, ob es mein „Heimreisehotel“ wirklich gibt. Tadaah! Es existiert.

Vor dem Bahnhof gibt es übrigens einen „Riga Walk of Fame“. Leicht zu verfehlen.

Meine Mittagspause verbrachte ich bei einem Bier an einer kleinen Kreuzung in der Altstadt. Einer dieser Glotzmomente, die ich immer so sehr genieße. Ein Ambulanzwagen ist hier mit 5 mm Abstand zu parkenden Autos und Biertrinkern durchgepest, E-Roller-Fahrer nieteten Fußgänger um, Touristen stolperten über die Kopfsteinpflaster. Hier ist wohl immer etwas los! Und man hört viele, viele Sprachen. Auch so exotische wie bayrisch.

Die Nationaloper. Gestern gab es La Traviata, ich hätte für 5 Euro eine Karte bekommen. Aber ich musste ja die Matratze testen…..

Um 15 Uhr fand ich mich dann an der Nationaloper ein, um an einem weiteren Rundgang der Riga Free Tours teilzunehmen, dem Besuch des Jugendstil-Viertels. Kaspars war zwar auch einer der Guides, aber ich wurde Liga zugeteilt, einer jungen und ebenfalls sehr gut englischsprechenden Führerin, die ihre Sache auch sonst sehr gut gemacht hat. Leider spielte das Wetter so gar nicht mit, denn schon nach fünf Minuten Fußweg kamen wir in einen Wolkenbruch. Wir deckten uns umgehend in der nächsten Drogerie mit Ponchos und Regenschirmen ein, aber trotzdem schrumpfte die Gruppe wegen des immer stärker werdenden Regens von ca. 30 Personen auf tapfere sechs. Mit Liga waren wir quasi die sieben tapferen Schneiderlein. Hmmm, äh…. ich glaube das Märchen hieß anders.

Universität Riga

Wir sahen sehr viele Jugendstilhäuser, die in der Zeit von 1899 bis 1915 in Riga gebaut wurden; es gibt mehrere hundert davon; daraus lässt sich ableiten, wie wohlhabend Riga in dieser Zeit war. Ein Fokus lag auf den Häusern von Michail Eisenstein, dem Vater des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein. Er gestaltete ganze Straßenzüge. Auch im strömenden Regen eine sehr eindrucksvolle Tour.

Zudem sahen wir die Universität, die Kirche der heiligen Gertrud (Schutzpatronin der Reisenden), sowie ich auf meinem Rückweg zum Hotel noch das Nationaltheater. Ich habe inzwischen erzählt bekommen, dass es diese Touren auch in Tallinn und in Vilnius gibt und werde sie dort auf jeden Fall mitmachen, denn sie sind sehr informativ und werden auf eine charmante Art und Weise durchgeführt.

Der Regen hatte zwar schon gegen Ende der Tour nachgelassen, aber es nieselte und nieselte und nieselte. Daher habe ich mich dann um 17:30 Uhr auf das Hotelzimmer begeben, wo ich von meinen Biervorräten zehrte. Ein positiver Aspekt des Zimmers ist, dass der Kühlschrank wie Bolle kühlt und ich fast tiefgefrorene Getränke habe. Das finde ich persönlich ausgezeichnet.

Am Abend ging ich dann nicht aus, da ich mir überlegen muss, wie ich morgen wann wohin fahre. Das sieht im Restaurant mit Tablet und dergleichen immer ein bisschen wichtigtuerisch aus, oder? Daher gibt es jetzt Snacks aus einem Imbiss (Miniwraps und Hähnchen) und dazu einen spanischen Rosé. Olé!

Morgen sehen wir uns voraussichtlich in einem anderen Land. Und ich habe die nächsten zehn Tage noch keine Unterkunft. Ich werde meinem ersten Zimmer irgendwann tränenüberströmt hinterhertrauern!

Also, vielleicht bis morgen in Estland oder Litauen (ich gucke mal aufs Wetter).
Euer Gerald

Wir erfahren hier zweierlei: Erstens ist nach Frau Merkel in Riga eine Hauptstraße benannt, zum zweiten gibt es hier an jeder Ecke Drogen.
Zahlreiche Schaulustige versammelten sich, um mich zur Geburtskathedrale gehen zu sehen. Oder aber es war erster Schultag. Eins von beiden…. Die Letten haben übrigens drei Monate Sommerferien!!!