Tag 17 – Santiago de Cuba: Eine Reise durch die Jahrtausende

Ihr Lieben,

es gab ein Frühstücksbüffet! Yeah! Naja, jetzt nicht so üppig, wie man das vom Parkhotel Nieder-Trottenheim kennt, aber für mich völlig ausreichend. Alles, was die letzten Tage mehr oder weniger fehlte, war da: Verschiedene Sorten Brot, Käse und Wurst, eine Eierzubereitungsstation! MILCH! für den Kaffee. Erstaunlicherweise haperte es nur an dem, was bisher immer im Überfluss vorhanden vor, nämlich Obst. Hauchdünne Scheiben Ananas waren als einziges im Angebot.

Ich hatte mir meinen Uralt-Reiseführer mit auf die Dachterrasse genommen und versuchte, herauszufinden, was denn die Must-Dos so sind. Und dermaßen gestärkt, fing ich an diese abzuklappern.

Ich startete im Barcadi-Museum. Jetzt denkt Ihr bestimmt, der olle Gerry, typisch, schon morgens Rum saufen. Nein, die Familie Bacardi hat sich auch kulturell (und politisch) sehr hervorgetan, insbesondere in der Person des Sohnes des Firmengründers, Emilio Bacardí Moreau. Er erwirkte, dass der Prado in Madrid Kunstwerke an Kuba übergab, er reiste in den Orient, um dort Exponate für die Sammlung der Familie zu erwerben. Nach der entschädigungslosen Enteignung 1960 emigrierte die Familie. Ihr politisches Handeln und ihr Einfluss auf die Entwicklung Kubas ist megainteressant, führt hier aber zu weit.

Das Museo Emilio Bacardí Moreau besteht aus drei großen Bereichen: Ausstellungsstücke zur Geschichte Kubas, zu Malerei und Bildhauerei sowie  zur Archäologie. Das  ist alles sehr sehenswert und kostete mich 6 Pesos Eintritt. Das sind weniger als 2 Cent. Es gibt – Achtung, gleich kommen Bilder, nix für schwache Nerven – neben wirklich schöner Kunst mehrere Mumien. Über die Frühzeit Kubas erfährt man hier allerdings fast gar nichts, die Highlights der archäologischen Abteilung kommen aus Kolumbien und Ägypten.

Der erste Bau am Platz der heutigen Kathedrale von Santiago stammte aus dem Jahr 1516. Mehrmals wurde sie zerstört und wiederaufgebaut. So, wie sie sich da heute in all ihrer Pracht zeigt, existiert sie seit 1922. Eigentlich wäre sie heute gar nicht geöffnet gewesen, aber ich hatte Glück, ich trampelte mitten in eine Hochzeit hinein. Das ließ ich mir natürlich nicht entgehen und guckte von der letzten Reihe aus ein bisschen zu. Highlight Nummer 1 war das wirklich sehr schön vorgetragene „Amazing Grace“ einer Sängerin, Nummer 2 der Auszug der Gesellschaft zu Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Da ich nicht versehentlich in ein familiäres Geherze und Geküsse geraten wollte, war das das Zeichen für mich, zu gehen.

Diego Velázques und Hernán Cortéz, die Namen haben wir alle irgendwie schon einmal gehört. Der erste Gouverneur Kubas (und nicht identisch mit dem berühmten Maler) und sein Oberbefehlshaber haben hier in Santiago die Eroberung Mexikos geplant. Das Haus des Gouverneurs von Anfang des 16. Jahrhunderts steht noch fast wie original an der Ecke des Céspedes-Parks. Hier nimmt man dann auch 100 Pesos Eintritt und man wird von aufmerksamen Mitarbeiterinnen belagert, die einem Fakten um die Ohren schleudern und dafür einen Obulus erwarten. Hier stehen, wie in dem Herrenhaus in Trinidad, kostbarste Möbel und Dekorationsstücke. Eine Besichtigung des Hauses sowie des angeschlossenen „Neubaus“ aus dem 19. Jhdt. empfehle ich dringend!

Der Céspedes-Park selbst ist der Mittelpunkt Santiagos. Hier tobt das Leben. Man wird ständig angequatscht (Frauen, Zigarrenverkäufer, Geldwechsler, Restaurantempfehler). Es ist ein kleines bisschen wie Spießrutenlaufen. Hier und da versammeln sich Musiker, um sich ein paar Pesos hinzuzuverdienen. Viele Bänke zum Hinsetzen, wobei es passieren kann, dass sich dann eine Dame neben einen fallen lässt, sich anschmiegt und „¡Hola, guapo!“ haucht. Herrjeh.

Ich freute mich auf einen Kaffee auf der unteren Hotelterrasse. Leider ist die Milch alle, Señor. Wir haben Zitronenlimonade, Kaffee ohne alles, Elchschweiß und Daiquiri. Tja, schwer zu erraten, was ich dann tat. Um übrigens dem Problem mit kanadischem Süßbier aus dem Weg zu gehen, kaufte ich auf meiner Kultur-Tour nebenbei noch einige Büchsen kubanischen Bieres.

Inzwischen war ich gut fertig. Die Busfahrt gestern hat natürlich das bewirkt, was ich erahnte, mir hatte erkältungstechnisch einen schweren Rückschlag. Ẹine Siesta wirkt dann aber meist Wunder (ich glaube, ich bin inzwischen ein bisschen besessen davon) und nach zwei Stunden ohne Klimaanlage (es ist das gleiche Spiel wie in Asien, ich stelle sie aus und irgendein Hotelmitarbeiter stellt sie wieder an!) war ich bereit für weitere Schandtaten.

Zwei weitere nahegelegene Sehenswürdigkeiten zum Abhaken waren der Balcón de Velázquez und die Stufen des Padre Pico. Man sollte einen eindrucksvollen Blick über die Stadt haben. Der Balkon war geschlossen und die Altstadttreppen eher unspektakulär. Aber so kam man mal durch weniger touristische, aber sehr belebte Viertel. Bisschen scheel beäugt wurde ich da zwar schon, aber wohl eher aus Neugier.

Ich fand eine ausschließlich mit Einheimischen besetzte, lieblos eingerichtete Art „Trinkhalle“, bekam dort aber einen Ron Collins. Ein sehr lebhafter Ort.

Ich lief die andere Richtung der Enmaradas, der Hauptstraße, entlang. Ebenfalls sehr belebt, mit interessanten Gestalten auf der Straße, einer Art Minivergnügungspark am Ende und einigen Restaurants. Eine Pizzeria war sehr voll, ich beschloss, das als gutes Zeichen zu werten.

War es irgendwie nicht. Ich hatte verdrängt, das die karibische Pizza nichts mit der italienischen gemein hat.

Auf jeden Fall habe ich heute gut was erlebt, gesehen und gelernt. War ein schöner Tag. Morgen werde ich um Taxis wohl nicht herumkommen. Habe etwas außerhalb Ziele entdeckt, die ich gerne besuchen würde.

Bis denne, sachichma. Euer Gerry

Und die Pariser glauben immer noch, sie hätten das Original…

Tag 16: Von Holguín nach Santiago de Cuba

Ihr Lieben,

all das Positive, was ich über die Viazules bisher gesagt habe, nehme ich zurück. Bei 36°C ohne Strom und ohne Internetverbindung wartete ich in einer stickigen Wartehalle ewig auf den Bus. Weiß Gott, von woher der kam. Bahamas? Doch von vorne: Am Morgen packte ich mal wieder meine Siebensachen, frühstückte in der Casona, bezahlte meine Schulden und machte einen letzten Spaziergang durch die Innenstadt von Holguín. Ich kaufte Trockenkekse und Dosensäfte für die Busfahrt und besorgte mir noch ein paar Stunden Etecsa-WiFi-Guthaben. Zum Busbahnhof kam ich wieder mit einem Bicitaxi, das ich von meinem Spaziergang direkt „mitnahm“ zur Casona.

Als ich mal schrieb, dass man mit den Stromausfällen durchaus leben könne… Naja, in Holguín wird das blöderweise massiv übertrieben. Mal zwei Stunden nachmittags oder nachts, wie in Trinidad, das übersteht man ja auch. Aber die letzten beiden Tage in Holguín war es definitiv too much! Die Bleibe heizt sich dermaßen auf, dass man versucht ist, vor dem Haus zu schlafen. Da kommt alle halbe Stunde wenigstens mal ein Windstößchen. Die Getränke in den Bars und im Kühlschrank meines Zimmer sind dann auch alle nur lauwarm. Gerade bei Fantaersatzprodukten mega. Dazu kommt, dass viele Häuser als einzigen natürlichen Lichteinfall die Vordertüre haben. Zähneputzen im Finstern ist das kleinste Problem. Internet ging teilweise gar nicht mehr, selbst beim Sendeturm nicht. Das ist doch sehr nervstrapazierend. Mich erstaunt die Gelassenheit der Bevölkerung. Liebe Regierung, das ist auch sehr begrüßenswert, diese Ruhe und Gelassenheit, ich wollte da keinen falschen Eindruck erwecken! Darf ich bitte komplikationslos ausreisen? Herrjeh, jetzt werde ich hier auch noch zum Verschwörungstheoretiker!

Zurück zum stromlosen Busbahnhof. Ich schien auch lange Zeit der Einzige zu sein, der den Bus nach Santiago nehmen wollte. Das stresst, wie schon beschrieben, zusätzlich, da man alle naslang rausrennt, um zu gucken, was denn da für ein Bus jetzt gerade wieder angedockt hatte. Das Viazul-Personal verschwand dann auch gerne mal für eine halbe Stunde und ich war alleine mit der Señora, die schon seit Ewigkeiten den Boden wischte. Anzeigetafeln oder Durchsagen hier natürlich auch Fehlanzeige. Irgendwann kam, eigentlich viel zu spät, völlig aufgelöst ein anderer Fahrgast. Mit dem wartete ich dann den Rest der Zeit zusammen. Leider ohne Unterhaltung, denn sein Spanisch verstand ich überhaupt nicht, hätte auch balinesisch sein können.

Nach zwei Stunden tat sich etwas. Ja, da am Horizont… Ist das etwa…? Ja, er ist’s, der Zoch kütt! Äh, der Bus. Irgendeine Familie hatte aber beschlossen, dass der Umzug des Haushalts mit einem Viazul wohl preiswerter wäre, als mit einem Transportunternehmen. Das Ausladen der an die 50 Gepäckstücke dauerte daher mindestens eine halbe Stunde. Meine Laune sank weiter. Dann die Busfahrt. Man fühlte sich bei Minus 3°C offensichtlich pudelwohl. Meiner Bitte, aus der Tiefkühltruhe wieder einen Bus zu machen, wurde nicht entsprochen. So kleidete ich mich in mein Indira-Ghandi-Gedächtnis-Kostüm, d.h. mit vielen Schals und Decken und versuchte, nicht zu erfrieren.

Die weitere Reise verschlechterte meine Laune zusehends, hielt doch der Bus an jeder Ecke, damit Fahrer und Kontrolleur Umschläge gegen Waren tauschen, Kisten abgeben oder Personen zusätzlich aufnehmen, um sie irgendwo wieder rauslassen zu können. Das kam mehr als zwanzigmal vor. Unsere Verspätung wurde dadurch erstaunlicherweise nicht geringer. Naja, kubanische Nebenverdienste halt. Hoffentlich nichts illegales.

Am späten Abend kamen wir dann in Santiago de Kuba an. Ich stieg völlig verfroren aus dem Bus, um in eine aufgeheizt Waschküche zu treten. Herrjeh. Ich werde morgen ins Leichenschauhaus gebracht werden. Todesursache: Temperaturschocks unmenschlichen Ausmaßes.

Am Ausgang dann die Zunft der mehr oder weniger akkreditierten Taxistas. Immerhin gab es welche. Wieviel zur Casa Granda (sic!)? 20 Dollar. Hihihi. 15? Lachschlapp! 10? Komm mach hinne. Und dann das:

Die wohl größte Rostlaube auf Gottes weitem Autofriedhof. Vorne auf dem Beifahrersitz ein halbnackter Greis, der vertrieben wurde, hinten räkelte sich eine aufgedonnerte Chica. Die durfte bleiben. Hm. Sollte die Todesursache dann doch anders lauten? Naja, wir unterhielten uns nett (Thema: Was er alles organisieren könne, wenn ich wolle) und kamen auch bald am Hotel an.

Würde es noch schlimmer kommen? Würde das Hotel keine Reservierung vorliegen haben? Ich sach nur Albanien! Ich war völlig genervt und fertig, schleppte mich die erste Stufe hoch… Portier: Moment, ich nehme Ihren Koffer. Hier entlang. Rezeption: Hallo, Sie müssen Gerald sein, wir haben Sie erwartet, ich mache mal alles fertig. Stimme von hinten: Willkommen, bitte nehmen Sie einen Drink.

Ich habe ein supertolles Zimmer (der Safe funktionierte zuerst nicht, das wurde umgehend behoben!) mit sagenhaftem Blick auf die Kathedrale und über den Platz bis zum Hafen. Das Bad totalsaniert, die Betten ein Traum. Ich hatte fast Pipi in den Augen.

Es war schon sehr spät, aber ich wollte zumindest einen ersten Eindruck erhaschen, daher lief ich derangiert durch die Nachbarschaft. Leute, ich kenne ja jetzt nur den Kathedralplatz und die nähere Umgebung, aber Santiago de Cuba setzt noch einmal einen drauf! So schöne Häuser! Eine bemerkenswerte Kathedrale! Viele Restaurants.

Auch viele Mücken, viele leichte Mädchen und viele Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Inzwischen bin ich aber geübt darin, zwei Drittel davon loszuwerden. Nur die Mücken lassen sich nicht durch meine sarkastischen Bemerkungen beeindrucken. Da muss dann wieder mein Tropenspray ran!

Einige virtuell Mitreisende kennen mich ja persönlich und wissen, dass ich keineswegs ein toller Zeitgenosse bin, wenn ich niggelig werde. Aber erstaunlicherweise lasse ich mich auch gerne superschnell wieder hochziehen. Seit meiner Begrüßung im Hotel laufe ich mit breitem Grinsen durch die Gegend und freue mich total, dass ich in Santiago bin. Nach meinem Spaziergang machte ich mich tischfein und speiste auf der Dachterrasse des Hotels. Kann ich bitte die Speisekarte sehen? Nö, es gäbe nur Fisch oder Huhn. Aber vom Grill. Und man könne einen Salat hinbekommen. Das Bier sei aus Kanada, Cocktails gäbe es zur Zeit mangels Barkeeper nicht. Und das am besten Platz der Stadt, wie der „Taxifahrer“ sagte. Aber das hätte er bestimmt auch gesagt, wenn er mich ins Hafenbecken gefahren hätte. Es tat meiner Freude keinen Abbruch, der Fisch war super, der Salat megasuper! Das Bier, Moosehead, war merkwürdig. Ob so Elchschweiß schmeckt?

Jetzt bin ich auf meinem Zimmer, mit Strom, mit Internet, mit kanadischem Brauereierzeugnis, und frage mich, wie sehr ich mich mit einem solchen Hotel von meinem Ziel entferne, das richtige Kuba kennenzulernen. Ihr Lieben, ich bin da ehrlich. Das richtige Kuba ist anstrengend und ich nehme jetzt dankbar mal diese andere Erfahrung mit. Letztendlich bin ich doch ein verwöhnter, alter Knacker.

Morgen erkunde ich dann mal die zweitgrößte Stadt Kubas, die auch Stadt der Musik genannt wird. Ich freute mich, wenn Ihr mitlauftet.

Liebe Grüße, Euer wankelmütiger Gerry

Wieso Sex? Und warum zu einer so merkwürdigen Uhrzeit?

Tag 15: Vamos a la playa

Ihr Lieben,

zuallererst einmal „Awh! You’re sooo cuuuuute! Awh! Aaaahw! Soooo cuteeeee!“ und das mit hoher Piepsstimme. Bin ja schließlich den Gepflogenheiten der Bloggeretikette verpflichtet. Aber im Ernst, bin ja keine Influenza: Ganz vielen lieben Dank für Eure vielen Glückwünsche, ich bin ganz hin und weggerührt! Awh!

Gestern, das war ja noch ein Krimi mit der Reiseplanung. Kein Strom, kaum Internet und da soll man gescheit etwas organisieren. Ich deutete ja schon an, dass ich wenig Vertrauen in den Besitzer des Hostals bezüglich der Planung meines Geburtstagstrips hatte. Daher schrieb ich in die Facebook-Gruppe Cuba Travel Tips, ob mir jemand bei meinem Strandtransport behilflich sein könne. Es meldete sich George, ein Reiseführer aus Holguín. Er brauche aber Zeit, um etwas zu arrangieren. Inzwischen hatte sich aber auch Mario wieder gemeldet, der vom Hostal. Ob es mir etwas ausmachen würde, ein Taxi mit einem Pärchen zu teilen. 100 € würde es insgesamt kosten, daher für jeden nur 50. Jetzt war ich kein besonders großartiger Mathematik-Schüler, aber 100 durch 3 sind für mich bis heute nicht 50. Na gut, dann eben familienweise. Ich schrieb zurück, ich würde gerne noch auf das Angebot des anderen warten. Billiger als 50 € käme ich im Leben nie weg. Haha! Übrigens würden auch noch Tante und Onkel des Pärchens mitfahren, aber ich solle mir keine Sorgen machen, der Wagen sei groß genug. Wie denn dann die Preisverteilung sei, wollte ich wissen. Na ja, immer noch 50 € für mich! Da bekam ich schon leicht Krawatte. Inzwischen hatte der Stromausfall den Generator auch leer gefressen, und ich hatte kein WLAN mehr, die Verbindung zum Netz war ab diesem Zeitpunkt absolut instabil. Ich bekam in regelmäßigen Abständen Nachrichten von George, er sei dran, er sei dran, er sei dran. Ich schrieb, ich wolle ihn nicht zur Eile drängen aber jemand anderes warte noch auf Antwort von mir. Was denn dessen Preis wäre, dann könnte er möglicherweise besser planen. Er solle da einfach so gut planen wie irgendwie möglich. Auf meiner Stirn bildeten sich leichte Krisenpickel. Inzwischen hatte ich gar kein Internet mehr und ich musste wieder ins Zentrum laufen, um in der Nähe des Sendeturms Empfang zu haben. Dann die Erlösung, 100 € hin und zurück in einem 1953er Chevrolet. Das war jetzt natürlich teurer als mein 50€-Ticket von Mario, aber weil ich schon die Katze der Familie bei mir auf dem Schoß sitzen sah, während ich das Enkelkind stillte, entschied ich mich für die Oldtimer-Tour und sagte die Familienkutsche ab. Später kam Mario noch vorbei, um irgendwelche Hebel umzulegen, damit wir wieder Strom hatten. Er wirkte irgendwie griesgrämig. Weiß gar nicht, warum.

Es war auf jeden Fall die perfekte Wahl, denn Michel, der Fahrer, der mich morgens abholte, war total nett, das Auto war super, die Fahrt war toll, und ich hatte einen ganz wunderbaren Tag am Strand. Den lief ich einmal hoch und einmal wieder runter, machte ein paar Abstecher die Hügel rauf… Hier ist für alle Urlaub pur. Keine Armut, keine Warteschlangen, kein Dreck. Ich denke, das ist eben das, was die meisten Touristen in Kuba sehen. Und auch nur sehen wollen. Aber das ist ja vollkommen okay. Mir selbst hat es ebenfalls gut gefallen. Aber ein Tag Strand und heile Welt reicht dann auch.

Nach meinem zweistündigen Strandspaziergang (mit den Füßen im Wasser! Ich war quasi in der Karibik schwimmen!) hockte ich mich in eine Strandbar, wo das Fotografenteam des Bundes schon für das offizielle Geburtstagsfoto Aufstellung genommen hatte.

Als die fort waren, betrat Frank Ludovigo (Name von der Redaktion bis zur Unkenntlichkeit verfremdet) die Bühne. Ich sei doch Deutscher, das sähe er sofort. Ob er sich dazu setzen dürfe, er müsse mal wieder Deutsch sprechen und es wären ja kaum Deutsche hier. Also, was für eine krude Geschichte sich da auftat. Als Taxifahrer mit 50 aufgehört (aber immer gespart), lebt jetzt hier, macht Geschäfte in Panama und Nicaragua und organisiert alles. Geldgeschäfte, Verkupplung, Vermietung, alles! Was ich den für die Casas bezahlt hätte? Sooo viel! Das hätte er billiger bekommen. Taxifahrt? Viel billiger! Wechselkurs? Ach, hätte ich doch bloß ihn gefragt. Ob seine Freundin eine Freundin für mich organisieren solle? Ich wäre sehr glücklich mit meinem Freund, mit dem ich seit 30 Jahren zusammen wäre. Kein Problem, der Ricardo aus Villanueva, das wäre genau mein Typ. Er rufe ihn gerne an. Es war gleichzeitig amüsant und anstrengend. Und alles untermalt von Räuberpistolen sondergleichen. Der Millionär, der ihm noch Geld schuldet. Ein Promi, der sich hier immer aufführt wie König („kann keine Namen nennen“). Und seine vielen Freundinnen. Und was er alles organisieren kann. Also, Ihr Lieben, wenn ihr mal Rat braucht oder Hilfe auf Kuba… Ich kenne da jetzt jemanden. Im Moment sucht er dringend Reisende, die ihm Bargeld nach Kuba mitbringen können, er überweist das dann später zurück.

Ich floh dann trotz des Unterhaltungsfaktors unter einem Vorwand und bekam auch langsam Hunger. In einem nett anmutenden Restaurant fragte ich nach der Speisekarte. Brauche ich nicht, es gäbe nur Fischfilet. Ohjeh.
Ich lief ein wenig herum und landete irgendwie auf dem Gelände des 5-Sterne-Hotels Gran Muthu Almirante. Riesig. Bilderbuchatmosphäre. Ich fand bloß nicht mehr hinaus. Irgendwann stand ich in einem All-inclusive-Restaurant. Ich hatte zwar kein Bändchen, aber ich glaube, niemandem wäre es aufgefallen, wenn ich… Aber ich entschloss mich dagegen. Nur mithilfe des Personals fand ich den Ausgang.

Ich ließ mich in einer Hamburguesería nieder und aß den wohl traurigsten Burger meines Lebens.
Ich suchte noch eine Bar auf, wo ungelogen drei Minderjährige Cocktails mixten und Alkohol ausschenkten. Der Padrón war als Cowboy verkleidet. Skurril.

Und dann war mein Strandtag auch schon rum. Michel holte mich pünktlich ab, wir hatten eine sehr nette Unterhaltung über sein Leben mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern und wie schwierig sich das gestalte. Er war früher LKW-Fahrer und erhielt im Monat dafür 2500 Pesos, das sind, Wechselkurse hin oder her, 10 Euro im Monat. Der Wagen gehört seinem Cousin, der in den Staaten lebt. Ob der Geld abhaben will vom Verdienst? Und was muss er an die Vermittler zahlen? Strandparadiesurlaub können sich wohl nur Exilkubaner leisten.

Es tut mit ein bisschen Leid, dass ich so auf den Themen Armut und Ungerechtigkeit herumreite. Ich würde lieber auch nur lustige Geschichten, wie über unseren deutschen Halbitaliener, schreiben. Und, ich meine, machen wir uns nichts vor. Auch auf der kommenden Reise in Ägypten werden meine Freunde und ich absolut priveligiert sein.

Holguín hat seit meiner Rückkehr wieder keinen Strom. Kein Restaurant kann etwas vernünftiges zubereiten. Alle sitzen im Dunklen, können ihren Geschäften nicht nachgehen. Ich fand ein Eckrestaurant, das mir Croquetas servieren konnte.

Also, Ihr seht, ein sehr durchmischter Geburtstag. Ich wollte Hummer und bekam ein trauriges Brötchen und lauwarme Croquetas. Die Fischsuppe, die man noch auftischen konnte, war lecker. Was alles mehr war, als sich andere Menschen hier leisten können.

Morgen geht es in die nach Havanna zweitgrößte Stadt Kubas, Santiago de Cuba. Michel erzählte, es sei eine schöne Stadt, leide aber besonders unter Kriminalität. Ich versprach ihm, auf mich aufzupassen.

Fahrt ihr wieder mit?

Liebe Grüße, Euer Gerry

P.S.: Zum Welttag der Kakophonie (wann auch immer der ist…)

Tag 14 – Holguin: Auf Wallfahrt

Ihr Lieben,

heute endlich wieder mal organisiertes Frühstück. Das war ein bisschen speziell, so mit Thunfischsalat, Babybel und Crackern, dazu eine Scheibe Speck, Milchpulver, naja, aber wenigstens herrscht auf der Insel absolut kein Mangel an dem wirklich wunderbaren Obst!

Ich nahm mir vor, den Kreuzhügel zu ersteigen. Auf dem Weg dahin lenkte mich das Museum für Naturkunde ab. Was denn der Eintritt koste? Was ich denn bezahlen wolle? Kuba. Also, irgendwie nett, obwohl die meisten Exponate einem gestandenen Taxidermisten die Tränen in die Augen treiben würden, so zerrupft waren einige von ihnen. Mit mir war eine Gruppe Schülerinnen und Schüler in der Ausstellung, von denen mich einer ansprach, woher ich denn käme. Ob ich wohl ein paar seiner Freundinnen und Freunde kennenlernen möchte? Es wurden dann erstmal Dutzende kleine Hände geschüttelt. Ich bat dann aber darum, dass auch jemand die Begleitperson hole, das war dann eine zierliche Profesora. Ich hielt einen kleinen, erbaulichen Vortrag über die Wichtigkeit des Lernens (ich alter Heuchler), wobei ich mich für mein schlechtes Spanisch entschuldigte. Wie denn Deutsch klänge? Ich sagte etwas auf Deutsch. Ungläubiges Staunen, Gelächter und Gekreische. Bitte mehr. Mehr Deutsch, mehr Freude, mehr Gelächter. Ein Mädchen stemmte ihre kleinen Fäuste in die Seiten und erklärte mit ernstem Blick: „Creo que prefiero aprender inglés.“. Ja, so nützlich kann ich als Botschafter deutscher Kultur in Kuba sein! Was mir gefiel, waren das Interesse, die Höflichkeit und die Freude. Ich würde mal behaupten, in Deutschland wäre einem ‚exotischen‘ Besucher möglicherweise gesagt worden, er solle sich verpieseln.

Es half nix, ich hatte mir ja etwas vorgenommen. Nach einem ohnehin schon langen Spaziergang stand ich vor dem Berg von Stufen. Und nicht etwa deutsches Standardmaß gemäß DIN 18065, sondern irgendwie halbmeterhohe Blöcke, so fühlte es sich jedenfalls schon nach 10 Stufen an. Hatte aber auch meinen Zollstock in der Unterkunft vergessen.

Auf jedem Absatz, d.h. nach etwa jeweils 25 Stufen der Treppe, befanden sich Bänke. Habe ich diverse Male gerne in Anspruch genommen. Über mir kreisten Greifvögel. Waren die extra wegen mir gekommen? Irgendwann kam dann oben etwas an, das gewisse Ähnlichkeit mit mir hatte. Und dafür, dass mit mir zusammen nur zwei weitere Personen sich da hochgequält hatten (beide haben mich ohne Luftnot überholt, mögen sie den Rest des Tages nur schales Bier aus Plastikflaschen bekommen!), war es dann erstaunlich voll. Souvenirstände und Getränkebuden waren von Menschen belagert, die sich mit einem Reisebus hatten hochkutschieren lassen. Faule, unaufrichtige Bande! Man hat von oben einen sagenhaften Fernblick. Es gibt ein paar Bettler hier und leider viel Müll.

Wenn man sich so einen Kreuzberg hochschleppt, hat(te) man ja, zumindest früher, Anliegen. Fruchtbar zu sein, von Krankheiten geheilt oder reich zu werden, dass das Kind keine Segelohren bekommt. Ja, lacht nicht, da gibt es einen Jesus in Köln, zu dem man aus eben diesem Grund gepilgert ist. Mir reichte schon ein Bier.

Ich nahm ein kleines Video für meinen Vater auf, der heute 87 Jahre alt geworden ist. Noch einmal herzlichen Glückwunsch und alles Liebe und Gute, Papi! Das wollte ich dann verschicken, wenn mal wieder Internet vorhanden war. Das ist heute nämlich äußerst mau. Ja, und dann ging’s den ganzen Weg wieder abwärts. Unten waren meine Beine dann quasi Pudding.

Ich wechselte in der Casa mal mein Kreuzfahrershirt und erkundete dann zuerst die kleine, unspektakuläre Markthalle und dann das Haus der Künste. Da gab es eine kleine Dauerausstellung, die war ganz okay, und eine Ausstellung eines heimischen Künstlers, die extra für mich illuminiert wurde. Ich hoffe, der Künstler liest das jetzt nicht, aber ich finde es durchaus legitim, dass da Strom gespart wird. Der Dame, die mir auf Schritt und Tritt durch diese Ausstellung folgte, erklärte ich, die Bilder sprächen zu mir, aber ich würde sie vielleicht noch nicht in ihrer vollen Bedeutung begreifen. Dennoch wäre mein Herz mit Freude erfüllt.

Es war wieder Zeit für einen Cuba Libre. Den nahm ich am St.-Ballermann-Platz ein, wo es schon wieder gut rundging. Holguín geriert sich an vielen Ecken wirklich wie ein Touri-Ort. Man bietet Tai Chi auf dem Marktplatz an! Hömma! Fehlt eigentlich nur das Meer. Ich habe die Badeorte in meiner Reiseplanung ausgelassen, ich hatte ja in Havanna Meer und verspreche mir auch ein bisschen Wasser in Santiago. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es in Varadero, Cayo Largo oder Baracoa so zugeht.

Was ist denn so im Süden der Maceo so los? Ich lief mal die andere Richtung entlang. Am Platz José Martí vorbei, wo gerade eine Reihe Bronzeköpfe der Revolution einen neuen Anstrich erhielten, was stank, wie sonst nichts. Die armen Arbeiter. Die Maceo endet dann am Hauptbahnhof von Holguín. Ich hatte daheim auch die Bahn als Fortbewegungsmittel auf Kuba in Betracht gezogen, man riet aber in Facebook-Gruppen davon ab. Die neuen chinesischen Züge seien sicher und bequem, aber die Abwicklung sei furchtbar. Ja, und heute kam quasi der Beweis. Der Zug stand im Gleis, die Menschenmassen drängelten sich vor den Toren. Das sah in echt schlimmer aus, als auf dem Foto, denn da sieht man die menschlichen Fleischberge vor dem Zaun nicht. Ich glaube, das hätte mich tatsächlich ziemlich gestresst.

Auf der Terrasse meiner Casa mixte ich mir einen Tinto de Verrano, als mein Vermieter auftauchte. Der war mir noch die Organisation eines Ausflugs für morgen schuldig, die ich schon mehrmals, selbst schon von zuhause!, angefragt hatte. Er scheint eher so der Typ „null problemo“, aber mit einem fatalen Hang zur Vergesslichkeit. Null problemo, er meldet sich auf jeden Fall später noch. Zumindest konnte er meine Unterkunft ins W-LAN-Netz einklinken. Mit Etecsa-Karten kann ich dort jetzt Guthaben abnetzifizieren.

Es wurde Zeit für ein Abendbrot. Ich hatte schon gestern ein Restaurant entdeckt, das ich nett fand. Das 1545. Obwohl mal wieder Stromausfall war und die Hälfte der Restaurants im Dunkeln lagen, war ich alleine. Zusammen mit ca. 25 Beschäftigten. Aus der Anlage schollen spanisch übersetzte Rockklassiker wie z.B. Bed of Roses. Die Karte war eher schlicht. Schade für einen so schönen Schuppen. Aber man muss ja kochen mit dem, was man hat.

Am Abend hatte ich an der Hauptkirche eine Probe zu einem offensichtlich nicht kleinen Konzert gesehen, da ging ich dann abends hin. Da war aber dann nichts. Schon vorbei oder kein Strom? Schade.

So, bin gespannt, wie mein Geburtstag morgen verläuft. So, wie es aussieht, nicht am Strand. Aber dann mache ich halt das Beste draus, stürme in das nächstgelegene Parteibüro und verlange als Freund der Revolution eine Tour zum Geburtshaus der Familie Castro. Ob das klappt?

Liebe Grüße, Euer Gerry

P.S.: Autos, die nach den Prinzipien des Fengchi gebaut wurden, verbrauchen wesentlich weniger Benzin als z.B. SUVs.

Tag 13: Von Camagüey nach Holguín

Ihr Lieben,

man soll ja die Lottozahlen nicht vor der Ziehung loben. Natürlich wachte ich mitten in der Nacht mit vollkommen verstopftem Riechkolben und Schluckbeschwerden auf. Also, wieder fleißig Tabletten gekaut, gelutscht und geschluckt. Den Rest der Nacht konnte ich dann irgendwie knicken. Um 6 Uhr räumte ich auf, machte mich tagfein und wartete auf die Vermieterin und mein Fahrradtaxi. Das klappte prima und ich war mehr als pünktlich am Busbahnhof. Dort wurde ich von einer wogenden Menschenmenge empfangen. Jeder wollte, dass ich sein Taxi nehme. Erst dachte ich, was ein Quatsch, wenn ich zum Bahnhof fahre, habe ich ja im Zweifelsfall ein Ticket für den Bus. Aber man könnte natürlich auch versuchen, mit anderen eine Fahrgemeinschaft zu bilden und so schneller (preiswerter eher nicht) ans Ziel kommen. Und wenn das nicht klappt, eben doch einen Restplatz für den Bus ergattern. Die Fahrt habe ich dann irgendwie verdöspennt.

Anders verhielt es sich dann am Busbahnhof in Holguín. Hier wogte mal so gar nichts und ich wusste, der Fußweg wäre nicht ohne. Resigniert lief ich zur Straße, wo mir ein Mofa mit Beiwagen entgegenkam. Taxi? Heißa. Es dauerte etwas, um mich und meine Plünnen zu verstauen, der Beiwagen war eher für Hamster konzipiert und nicht für gestandene Koffer mit ihren prallen Besitzern. Dann wurde mir ein Helm übergestülpt. Wer den wohl zuletzt aufhatte? Sauber war der keinesfalls. Wenn mir jetzt die Haare ausfallen… Der gute Taxista verfuhr sich ordentlich und wollte am Ende mehr als das vereinbarte Geld, es hätte ja jetzt viel länger gedauert als geplant. Geschenkt, wir redeten über 60 Cent.

Die Begeisterung ist grenzenlos!

Im Hostal war erst einmal niemand. Supi. Ein kleiner Junge ging auf die Suche nach jemandem. Eine Dame kam, öffnete und wusste offensichtlich nichts mit mir anzufangen. Sie musste jemanden suchen, die dann jemanden suchen musste. Diese Person war dann richtig. Ich bekam ein Zimmer in einem Nebengebäude, das ist sauber, ruhig und nett.

Holguín war dann in weniger als 2 Stunden erkundet. Die sehenswerten Plätze liegen alle an der Straße meiner Unterkunft. Hübsche Kolonialhäuser, Kirchen, Monumente. Am Ende der Straße, Maceo genannt, erhebt sich der Kreuzhügel, dessen Ersteigung über 458 Stufen einer kleinen Wallfahrt gleicht. Dreimal dürft ihr raten, wer in Windeseile… Na, ich heute mal nicht. Je weiter ich nach Osten komme, desto heißer wird es. Und dann mit der dicken Rübe. Vielleicht morgen. Ansonsten gibt es auch hier viele Museen. Ich werde den Tag schon herum bekommen.

Das Zentrum von Holguín macht einen erstaunlich wohlhabenden Eindruck. Die Läden sind gefüllt, Bettler gibt es kaum, alles gefegt, hübsche Menschen… Man könnte sich auf den Kanaren wähnen, wenn man nicht genau hinschaute. Ich kaufte mir im Dollar-Markt mal eine Flasche spanischen Wein, damit ich auf meiner kleinen Terrasse auch mal was anderes als Bier trinken kann.

Für Siesta war es jetzt zu spät, ich setzte mich in die Bar des Hotel Esmeralda und machte dort einen auf Hemingway. Trinken und Schreiben halt. Und Glotzen, das mache ich bekanntlicherweise ja gerne. Ob Ernest das auch gerne tat, entzieht sich aber meiner Kenntnis.

Am Abend wollte ich relativ früh essen gehen, ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen, aber das macht man hier einfach nicht, früh essen. Ich wäre immer der einzige Gast gewesen. Ich fand dann aber eine große Terrasse, auf der das Leben tobte. Man trinkt hier gerne Bier aus riesigen Plastikzapfanlagen oder stülpt sich Bierflaschen in einen roten Cocktail. Igitt. Ansonsten ist man sehr laut, raucht wie ein Schlot und fuchtelt viel mit den Armen. War ich am Ballermann? Ja, so ein bisschen schon. Aus allen Anlagen ballerte Musik, aus der linken Rap, aus der rechten Pop, in der Mitte lief Salsa. Das hielt eine Gruppe Cowboys mit Gitarren und Akkordeons nicht davon ab, von Tisch zu Tisch zu laufen und die Kakophonie zu komplettieren.

Als es mir zu viel wurde, suchte ich wieder nach einem Platz zum essen. Inzwischen war aber mal wieder Stromausfall, so dass die Auswahl sehr eingeschränkt war. Wer hatte einen Generator? Ich suchte mir das Hotel Saratoga aus. Der Rindereintopf war dann sogar sehr lecker. Und just als ich fertig war, saßen wir auch da im Dunklen. Aber nur etwa 10 Minuten.

So, das war – bis auf meinen wilden Mofaritt – ein eher ruhiger Tag, mal sehen, was morgen so passiert.

Liebe Grüße, Euer Gerry

Tag 12 – Camagüey: (K)ein finsterer Tag

Ihr Lieben,

die gute Nachricht zuerst, ich musste nicht verhungern (ich habe zur Not ja auch noch ausreichend Reserven). Als ich Gummibärchen auspackte und aß, ging es plötzlich ganz schnell. Das Essen war dann allerdings eher mau. Als hätte es (hat es?) ewig am Pass gestanden: die Panade des Fisches matschig, das Hauptgericht kalt. Der Laden war bimsvoll, die Nachbarrestaurants hingegen fast verwaist. Ich bin fast versucht, eins von denen auszuprobieren.

Heute blieb ich mal etwas länger im Bett. Ich habe ja schließlich Urlaub. Ich hatte auch Kopfschmerzen, was ich zuerst auf das gestrige Bier schob. Außerdem habe ich quasi alles gesehen, was es in Camagüey zu sehen gibt. Muss ich nachher etwa doch in den Zoo? Na, mal sehen. Erst einmal wieder in einen Minimarkt, denn das Plastikbier war – wie oben angedeutet – nicht trinkbar. Es hat nicht geschäumt, hatte keine Kohlensäure und war eher süßlich. Puh. Die Einkaufsstraße war weniger deprimierend als gestern, da echt gut besucht. Aber die meisten Läden waren immer noch leer, die Schlangen immer noch lang. Ein Supermarkt stach heraus und quoll über vor Kunden. Der hatte wundersamerweise auch bis unter die Decke gefüllte Regale.

Heute war die Kirche La nuestra Señora de la Merced für Touristen geöffnet. Sie ist bekannt für den wundertätigen Jesus de Praga. Den habe ich nicht gefunden, aber der Besuch war wegen einiger kostbarer Schnitzereien dennoch interessant.

Ich wollte in einem Innenhofcafé frühstücken, das ich gestern in der Nähe gefunden hatte. Ich bestellte einen Kaffee und die Kellnerin eilte davon. Moment! Sandwich, Fruchtsaft, Wasser? Alles nicht da, nur Kaffee… Und der war bitter wie nix. Aber der Innenhof war schön…

Ich besuchte das Atelier der bekannten Künstlerin Martha Jiménez an der Plaza del Carmen. Bevor eine Reisegruppe von Berge und Meer (ihr wisst schon, das sind die, die meine Südamerikareise so kurzfristig stornierten und die sich mit der Rückzahlung der Anzahlung seeeehr viel Zeit ließen) das Atelier stürmte, wurde mir einiges über ihr Leben und Werk erklärt. Sie ist als Bildhauerin und Malerin unterwegs und ist in einigen Städten im Ausland mit ihren Werken in Museen vertreten. Mir gefällt ihre Kunst sehr. Allerdings ist sie (gut für mich) sehr schwer zu transportieren… Sie zeichnet auch verantwortlich für die sehr gelungene Gestaltung des Platzes (siehe gestern).
Ich nahm gegenüber einen Cappuccino und einen Mangosaft (stilecht aus dem Tetrapack) ein und beobachtete die Bustouristen. Die Frauen verzückt ahs und ohs ausstoßend, die Männer gelangweilt in der Sonne schwitzend und verstohlen nach der Bar schielend. Ich komme zwar keineswegs billiger weg als mit so einer Reisegruppe, aber ich bin schlussendlich doch froh, mich für eine Individualerkundung entschieden zu haben.

Ich lief noch einmal zur Plaza San Juan, da gibt es auch noch so einige Galerien. Viel Talent auf kleinem Raum. Das Hostal San Rafael hatte ich ja in guter Erinnerung, da trank ich dann einen Sommerwein, einen Tinto de Verrano,bevor ich zu einer sehr späten Siesta in die Casa zurückkehrte.

Inzwischen hatten sich die Kopfschmerzen ausgebreitet und ich fing an rumzuschnupfen. Der Hals kratzte und insgesamt fühlte ich mich sehr schlapp. Leichte Temperatur hatte ich auch. Na super. Ich fühlte mich an Asien erinnert! Ich nahm Pillen und beschloss, das Bett bis zur morgigen Abreise nicht zu verlassen. Das war ein unsinniges Unterfangen, hatte ich heute gerade mal drei Kekse gegessen. Aber nach fast vier Stunden Schlaf ging es auch etwas besser, die Pillen schlugen an und der Hals war GOTTSEIDANK!!! nicht mehr akut. Habe halt einen handfesten Schnupfen, den ich wohl überleben werde, obwohl Männer ja nachweislich wesentlich schlimmer erkranken als Frauen… 😉

Ich sprang in meine Plünnen und lief zur Plaza de Colón. Columbus ist hier allgegenwärtig, hat er doch Kuba entd… äh… warte mal, lebten zu der Zeit nicht schon Leute da? An diesem Platz lag ein weiteres Restaurant, das Irenia empfohlen hatte, das Eleazar. Das hatte im Innenhof einen Kinderspielplatz und einen Pool. Und war sehr laut. Aber die Hühnerbrust war okay und der Salat lecker. Bier ging auch schon wieder.

Und was soll jetzt diese kryptische Überschrift? Finsterer Tag? Wegen eines Schnupfens? Übertreib doch nicht so! Nein, Kuba sollte heute eine partielle Sonnenfinsternis erleben, die mich in Abständen die Dachterrasse erklimmen ließen. Da war aber nix. Später fand ich heraus, dass ich einfach zu weit östlich war. Lügenpresse! Da schreibt man dann doch „in Kuba, aber nicht bei Dir, Du Torf!“.

Morgen kommt hoffentlich um 7 Uhr 45 ein vorbestelltes Bici-Taxi, um mich zum Busbahnhof zu bringen. Um 9 Uhr 15 geht es (spätestens, wie wir inzwischen wissen) nach Holguín. Der Gastgeber dort freut sich schon. Es klappt bisher wirklich ausgezeichnet mit den Airbnb-Buchungen. Die Busfahrt ist etwas kürzer als die bisherigen, das ist ja auch mal schön.

¿Nos vemos en Holguín, compañeros?

Liebe Grüße, Euer Gerry

Bienen suchen ein Zuhause

Tag 11 – Camagüey: Es gibt mehr Bier auf Hawai’i…

Ihr Lieben,

… als Milch in Camagüey. Mein Frühstück in der Casa bestand aus Limonade aus der Dose und Keksen. Ich machte mich also zuerst einmal auf, um irgendwo Milch zu erstehen. Mein Travel Tip Nr. 1 für Kuba: Solltet ihr irgendwo welche finden, packt direkt genug für den Rest der Reise in den Koffer. Ich fand nämlich keine. Dafür wieder Schlangen von Menschen vor Banken und Brotläden.

Der erste Eindruck von der Stadt ist ganz gut. Natürlich wesentlich untouristischer als Trinidad. Interessante Kirchen, nette Plätze, schöne Straßen. Aber die Läden leer, der Putz blättert, alles etwas heruntergekommen. Aber relativ sauber. Hier ist die Stadtreinigung aktiv. Insgesamt wirkt es so, als wolle man sich von der besten Seite zeigen, damit die Stadt interessanter für Besucher wird. Ich finde, das ist gelungen. Man sollte, wenn es auf dem Weg liegt, definitiv einen Stopp einplanen.

Als ich an der Kathedrale von Camagüey ankam, fand gerade ein Gottesdienst statt. Gut besucht. Ich erklomm für 1 Dollar den Turm. Das Wetter war dafür wie geschaffen, mit strahlend blauem Himmel hatte man einen schönen Blick über die Stadt. Die Treppe allerdings hatte es mal wieder in sich.

An der Plaza de San Juan de Dios fand ich ein nettes Frühstücksrestaurant, im Hostal San Rafael. Letzteres sieht sehr einladend aus und wäre auf jeden Fall für einen Wiederholungsbesuch eine Option für eine Übernachtung. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit ja eher gering, da es noch so viele andere Ecken zu entdecken gibt. Ich setzte mich zuerst ans Fenster mit Blick auf den Platz. Das war keine gute Idee, denn ein Bettler nach dem anderen wurde vorstellig. Oft Seniorinnen. Und irgendwann waren die kleinen Scheine alle. Ich zog mich weiter ins Ladeninnere zurück, so leid mir das tat.

Gestärkt von Kaffee und Käsetoast erwanderte ich mir eine Sehenswürdigkeit nach der anderen. Kirchen, Plätze, Geburtshäuser von Menschen, von denen ich noch nie gehört hatte und nach denen mich Günther Jauch selbst bei einer Million Euro nie fragen würde. Besonders schön ist die Plaza del Carmen mit vielen Bronzestatuen und einer sehr sehenswerten Galerie (ojeh). Die Kerze auf dem Bild des Liebespaares soll man anfassen, dann bringt sie Licht in Dein Leben. Und um die Ecke herum versteckt sich ein österreichisches Café.

Aber auch San Juan, Plaza Maceo, die Calle Principal usw. sind sehenswert. Ein Flüsschen trennt das Zentrum von der Südstadt. Direkt dahinter befinden sich Parkanlagen, Monumente zur Erinnerung an kubanische Helden sowie ein zoologischer Garten. An einem Sonntag ist da natürlich gut was los. Den Zoobesuch ersparte ich mir.

Ich fand einen Laden, der immerhin Kondensmilch und Milchpulver hatte. Ich fragte direkt auch nach Bier, das kam dann in der anderthalb Liter fassenden Plastikflasche. Naja, bin gespannt. Zuhause machte ich dann statt Siesta mal ein Kaffeekränzchen mit mir selbst. Die Cafetera der Casa hatte mehr Stalagmiten als die Atta-Höhle, daher kochte ich mir Kaffee in einem Topf und trank das mit der stark gezuckerten und zähflüssigen Milch. Hat was. Weiß nur nicht genau, was.

Auf meiner Terrasse steht ein stabiler Schaukelstuhl. Und es gibt einen Karambole-Baum. Die Früchte sind leider noch nicht reif, aber ein bisschen sauer macht ja lustig. Ein Stündchen rumschaukeln und dabei Zeitung lesen entspannte mich ausreichend, um über die República mal in den Norden der Stadt zu laufen.

In meinem völlig nutzlosen Reiseführer wird unter anderem ein Geschäft auf dieser Straße angepriesen, das tolles kubanisches Kunsthandwerk anböte. Hustepiepen, da ist jetzt ein trauriger Gemischtwarenladen drin. Am Ende der República gibt es ein riesiges Eisenbahnmuseum. Ob das noch betrieben wird, erschloss sich mir nicht. Draußen stehen aber ein paar interessante Lokomotiven aus längst vergangenen Zeiten.
Ansonsten ist es, vielleicht auch, da Sonntagsnachmittags alles geschlossen hat, sehr trist auf der Haupteinkaufsstraße. Die Devisenläden voll, die privaten Läden dürftig, die staatlichen Läden fast gar nicht bestückt. Viel Leerstand. Überhaupt fällt auf, wie viele Häuser auch zum Verkauf stehen.

Mir war nach einem Drink. Im Gegensatz zu Havanna und Trinidad gibt es hier eher wenige Bars. Keine davon irgendwie besucht. Heute morgen lief ich einer deutschen Reisegruppe über den Weg. Fast war ich versucht zu fragen, ob es die gewesen wäre, die ich beinahe gebucht hätte. Ich konnte mich aber beherrschen. Jetzt scheine ich der einzige Tourist in der 320. 000-Seelen-Stadt zu sein. Ich ließ mich in der Bar Bodegón nieder und war deren einziger Kunde. Der Kellner erzählte, dass seine Schwester seit vielen Jahren in  der Schweiz lebt und er gerne nach Deutschland auswandern würde. Dabei guckte er mich fast flehentlich an. Ob seine Schwester denn zu Besuch käme? Nein, er habe sie ewig nicht gesehen. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, ob sie die Familie in der Heimat unterstützt. Aber ich las, dass Exilkubaner um die 2,2 Milliarden Euro Devisen nach Kuba bringen.

Zum Abendessen lud ich mich ins 1800 an der Plaza San Juan de Dios ein. Auch eine Empfehlung von Irenia. Wunderschön wäre es draußen gewesen, aber es hatte sich bedrohlich zugezogen. Ich hatte die Vorstellung, dass alle von der Terrasse bei Regen nach innen stürmen würden und sicherte mir daher schon von vorneherein einen Platz dort. Natürlich gab es das, was ich mir ausgesucht hatte, nicht. Ich bestellte etwas anderes, würde also nicht verhungern. Dachte ich. Denn es vergingen 20 Minuten. 45 Minuten. Anderthalb Stunden. Und hatte immer noch nichts zu essen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon leicht angetütert. Von chinesischem Bier, kubanisches gab es nicht. Herrjeh.

Bringt also Kekse mit, wenn Ihr das Restaurant besucht.

Ich berichte dann morgen, ob ich verhungert bin. Ach jeh, das ginge dann ja gar nicht. Also, wenn Ihr nichts mehr von mir hören solltet…

Bis morgen oder eben auch nicht, Euer Gerry

Kubanischer Durchlauferhitzer. Der Autor hatte schon Bedenken, dort zu duschen.

Tag 10: Von Trinidad nach Camagüey

Ihr Lieben

heute gibt es ja eigentlich nicht rasend viel zu berichten… Morgens habe ich gefrühstückt, meine Plünnen zusammengesucht, die Endabrechnung beglichen und mich von Yaniris und Xenia verabschiedet. Ich durfte bis 13 Uhr, da musste ich mich zur Busstation aufmachen, noch in der Casa bleiben. Zusammenfassend war das Haus eine gute Wahl! Es hat Charme, die schöne Terrasse, es gab exzellentes Frühstück und ist zentral gelegen. Yaniris und Xenia waren bezaubernde Gastgeberinnen.

Die Zeit bis zur Abfahrt nutzte ich für einen letzten Spaziergang durch Trinidad. Davon ein paar Eindrücke: Die Eisdiele hat heute eine Sorte, die aus einem Eimer kommt, der Geldautomat scheint gefüllt zu sein, das Theater noch nicht besucht, das Fitnessstudio um so mehr und der Devisensupermarkt lässt kaum Wünsche offen. Kubanische Lebensmittelmarken helfen hier aber nicht weiter.

Bei den Viazules gibt es, wie bei uns am Flughafen, Check-in-Zeiten. Wennste zu spät bis, is der Platz wech. Also hängt man theoretisch eine gute Zeit lang in der Wartehalle rum. Theoretisch. In Kuba läuft das anders. Da es eine Reservierungspflicht gibt, weiß man vor Ort ja, ob schon alle da sind. Und wenn das so ist, fährt man auch einfach mal 40 Minuten eher los. Jippieh!

Wir hatten mehrere Stopps, Sancti Spíritus, Ciego de Ávila, Florida, dazu einen Alle-Aussteigen-und-Pizza-Essen-Halt in Jatibonico. Was die Betreiber wohl für dieses Privileg blechen? Drei Autobuses Nacionales versammelten sich da. Die Pizza sah äußerst befremdlich aus, mit fast knallrotem Teig und ein paar Sprenkeln Käse drauf. Eher wie Foccacia.

Der Bus war zwar nicht voll, aber einige Sitze hingen ziemlich in den Seilen. Ich fand mich zuerst vor einem Mann wieder, der aber ohne Unterlass Texte in sein Handy kloppte. Mit angeschaltetem Tastenton!! Kreisch!!! Wer macht denn sowas? Ich wechselte, um schräg hinter mir eine Dame zu haben, die im Fünf-Minuten-Rhythmus die Nase hochzog. Nach einer halben Stunde beschloss ich, sie zu töten. Dann fiel mir ein, dass mein Knast vielleicht keine Brauerei ist und reichte ihr ein Taschentuch. Siehe da, sie brauchte es und schien sehr dankbar. Manchmal lösen sich Probleme einfacher als gedacht.

Die Landschaft war karger, als auf der ersten Überlandfahrt, dafür kamen wir aber durch mehrere Dörfer. Einige davon schienen auch ganz nett. Florida zum Beispiel. Aber es zog sich. Auch weil öfter mal grundlos irgendwo angehalten wurde, jemand aus dem Bus sprang, um wasweißich zu erledigen. Ich fühlte mich an Paul Winkelmanns Reise nach Italien erinnert…

Wir kamen dann zur vorhergesagten Zeit in Camagüey an. Dort war klar: Ich brauche ein Taxi. Es standen auch etwa 50 Taxistas vor der Tür. Einer sprang mich an, umklammerte mich und ließ mich nicht mehr los. Ich hatte meinen Geschäftspartner gefunden. Leider konnte er mit der Adresse so gar nichts anfangen und fragte Hinz und Kunz, wie er zu fahren habe, sowohl am Busbahnhof, als auch auf dem Weg. Mir schwante nix Gutes. Aber wir hatten ja einen Festpreis, da war es fast egal, an welchem Wochentag wir ankamen. Noch schöner war dann sein Fahrzeug. Eine Art Pritschenmofa, auf dessen Ladefläche ich mich mit Mühe und Not hievte. Er wuchtete dann mein Gepäck hinterher, zeigte seine Muskeln und strahlte wie Cäsium-137. Ich wurde in seinem Touri-Karren durchgeschüttelt wie nix, dazu lief mit 120 Dezibel kubanische Frohsinnsmusik. Auf TripAdvisor würde ich ihm wegen des Abenteuereffektes glatt die volle Punktzahl geben.

Wir erreichten lebend (das finde ich nicht selbstverständlich) die Lopez Recio 109 und meine Gastgeberin Irenia wartete schon auf mich. Sie ist sehr nett, eine der wenigen Personen auf Kuba, die ich ohne ständiges Nachfragen gut verstand. Sie zeigte mir die Wohnung und erklärte mir alles. Was soll ich sagen. Sehr schlicht und originell würde es vielleicht treffen. Groß, mit Dachterrasse, Gaskochstelle, Kühlschrank, Bett, ohne Glas in den Fenstern… Yep. Ich bin gespannt, wie viele Stechviecher sich diese Tatsache zunutze machen.

Irenia hatte mir ein paar Restaurants auf der Karte markiert, aber wo ich jetzt Milch oder Kaffee herbekäme, könne sie mir auch nicht sagen. Ich lief also erst einmal los, um Fensterlädengeschäfte (Privatpersonen, die quasi aus ihrem Wohnzimmer heraus verkaufen) abzuklappern. Ich wurde bei fast allem fündig, nur Milch gab es nirgendwo.

Ich machte mich auf in das „La Peregrina“, eines der empfohlenen Restaurants und praktischerweise direkt um die Ecke gelegen. Es sei etwas teurer, meinte meine Gastgeberin. Naja, die Schinken-Käse-Platte hier kostete nur ein Viertel von der in Trinidad. Danach noch Tagliatelle mit Shrimps, die Sauce eher aus der Tüte, und die Tagliatelle hatten erschreckende Ähnlichkeit mit Spaghetti. Aber was willst du meckern für umgerechnet 2,50 Euro?

Dafür musste man einen Stehgeiger ertragen. Das war mir zuletzt 1985 in Budapest passiert, dass sich jemand neben den Tisch stellt und sein Instrument dermaßen vergewaltigt, dass sogar das Bier im Glas ausflockte. Merke: Wenn bei einem Stehgeiger Tränen fließen, hat es oft wenig mit Rührung zu tun.

Von Camagüey habe ich natürlich noch nicht viel gesehen, aber das wird sich morgen ja ändern. Camagüey, benannt nach einem indigenen Anführer, ist ebenfalls Weltkulturerbe und wird auf Kuba Stadt der Kirchen genannt.

Geht Ihr mit mir auf Stadterkundung? Würde mich sehr freuen.

Liebe Grüße, Euer Gerry

Tag 9 – Trinidad: Extreme-lazying in the Rain

Ihr Lieben,

ein Strandtag, schoss es mir gestern durch den Kopf, das wäre doch was Feines, so am Wasser… Das Wasser ersparte mir den Weg und kam zu mir. Es regnete. Und zwar nicht nur 5 Minuten. Hm. Frühstück also erstmal in der Essecke statt auf der Dachterrasse. Wird bestimmt bald aufhören. Bestimmt!

Nach einer Stunde gab ich die Hoffnung auf einen spontanen Komplettwetterwechsel auf und bereitete mich auf einen nassen Tag in Trinidad vor. Nix mit Wandern, nix mit Strand. Meine Casa hat eine Wohnecke, die überdachte Dachterrasse und in der Essecke ein Domino-Spiel. Hm. Mit mir selbst Domino zu spielen schien mir doch mehr als verzweifelt. Also galt es, ein bisschen was aus dem Tag zu machen.

Waren die Schauer Rache der zuvor verschmähten Museen? Das Museo Romántico hatte mir doch so gut gefallen! Wieso sollten andere nicht auch ganz toll sein? Um die Plaza Mayor herum liegen sich das Museo de la Arquitectura sowie das Museo de la Arqueológia gegenüber. Während Nr. 1 einen US€ von mir nahm, konnte ich Nr. 2 für 80 Pesos besuchen. Ich hatte schon darüber gelesen, dass Museumsangestellte für Touristen gerne die Preise erhöhen. „Chef, heute war absolut niemand im Museum! Niemand! Schwör!“. Im Architekturmuseum fiel ich vor Langeweile fast in Ohnmacht. Das dies nicht passierte, lag an einer quirligen Oma, die in einem unverständlichen Kauderwelsch auf mich einredete, das offensichtliche betonend.“blablablaPUERTASblablabla!“ oder „blablablaTECHOSblablabla.“. Insgesamt würde ich den Besuch nicht empfehlen, es sei denn, es regnet stark und es ist für Cocktails noch zu früh. Wie in meinem Fall halt. Eine Puppenausstellung gegen Ende (wohl ein Schulprojekt) war noch ganz nett.

Das zweite Museum war sehenswerter, wenn auch etwas lieblos kuratiert. Aber einige der Ausstellungsstücke weckten mein Interesse, wie z.B. Skelette, die man bei Ausgrabungen gefunden hatte, oder Schmuck, der aus Fischknochen bestand. Einige ausgestopfte Tiere komplettierten die Sammlung.

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, eine bestimmte Galerie wiederzufinden. Ihr erinnert Euch? Zwei, die tatsächlich etwas Besonderes anbieten hatte ich entdeckt. Eine davon bei mir in der Nachbarschaft, mit sehr steilen Preisen. Da ich aber mit meinem Bargeld bis zum Ende der Reise auskommen muss, kann ich die aufgerufenen Beträge nicht auszahlen. Die andere Galerie? Der Altstadtkern von Trinidad ist wirklich nicht groß, aber ich fand bestimmte Dinge nicht wieder, auch wenn ich fast jede Straße ablief, was ich heute tat. Auch ein Restaurant, das ich mir merken wollte… Einfach weg. Merkposten für die nächste Stadt: Markierungen auf den Karten-Apps des Handys setzen.

Ich entdeckte bei meinem Rundgang aber schöne Autos, leere Läden und Apotheken, sonstige Fotomotive.

Siesta, Cocktail (diesmal wieder Piña Colada), Einkäufe (in der Casa gibt es Importbier, aber das kubanische „Cristal“ ist mein Favorit), Langeweile, Galerie, Cocktail, Galerie, Bilderkauf. Mist, bin mal wieder auf mich selbst reingefallen. Dann bisschen Gepäck umsortieren (heute wurde mal gewaschen und gebügelt), Devisen zählen und Abendessen.

Das Abendessen nahm ich im berühmt-berüchtigten Restaurant San José ein. Viele sagten mir, es sei das Beste der Stadt. Es ist ziemlich groß und liegt nur 50 Meter von meiner Casa entfernt. Die Dachterrasse ein Träumchen, die Band spielte Jazz, mal eine Abwechslung zu Rumba, Salsa und Son. Natürlich saß ich wieder quasi direkt vor denen. Aber war eine gute Combo.

Das Essen war speziell, was aber wohl allein meiner Auswahl zu schulden ist. Fritiertes, knuspriges Rindfleisch mit Zwiebeln, musste wohl so sein. Der Nachtisch machte mich zur Attraktion der näheren Umgebung. Er hieß „Overload Tres Leches“. Und es war overloaded. Puh! Ich glaube nicht, dass das schon jemand mal komplett essen konnte.

Ausklingen ließ ich den Tag dann auf meiner Dachterrasse, da sieht man zwar nicht besonders viel, aber bekommt sehr viel Besuch von Katzen. Yeah!

Morgen dann wieder stundenlange Busfahrt und ein neuer Ort, den es zu erkunden gilt. Bin gespannt auf Camagüey, Ihr auch?

Liebe Grüße, Euer Gerry

Tag 8 – Trinidad: das geniale Tal

Ihr Lieben,

heute früh dachte ich, man demonstriert vor meinem Haus. Trillerpfeifen, Trommeln, Gejohle. Das musste ich mir ansehen. Es waren dann hauptsächlich Kinder, die in einer Art Tambour-Kostüm tanzten und herumtrommelten, begleitet von einer Schar Schaulustiger. Yaniris klärte mich später auf: heute sei Día del estudiantes, Tag der Schüler. Am 4. April wurde auch die kommunistische Jugend Kubas gegründet, die zur Zeit einen großen Kongress hier ausrichtet. Das ist ja ausreichend Grund zum Trommeln.

In der Nähe von Trinidad gibt es ein weiteres Erbe der Weltkultur zu bestaunen, das Valle de los Ingenios. Ingenio heißt erfindungsreich, Genie. Hier sind aber die Zuckermühlen gemeint. Kuba wurde reich durch Tabak, Kaffee, Südfrüchte und Zuckerrohrprodukte, Rum ist immer noch ein lukratives Exportgut. Ich mag den ja auch sehr… insbesondere in Cocktails.

Yaniris hatte mir einen Fahrer organisiert, Rafael, der mich für 30US$ zu den interessantesten Punkten des Tales fuhr. In Trinidad selbst fuhren wir durch das Zentrum, wo wieder viele Schulkinder aufmarschierten, an der Plaza Santa Ana mit seiner finsteren Kirchenruine vorbei, gegenüber das alte Gefängnis, das jetzt eine Brauerei beherbergt. Schwerter zu Pflugscharen neu interpretiert!

Vor den Toren der Stadt hielten wir am Mirador de la Loma del Puerto. Früher ein Aussichtspunkt, um herannahende Piraten zu orten. Man blickt kilometerweit bis auf das Meer auf der einen und weit in die Berge auf der andern Seite. Die Palmeras meerseits sind leider durch Brände schwer in Mitleidenschaft gezogen worden.

Unser nächster Halt war die Hazienda Iznaga, eine ehemalige Zuckerrohrplantage, deren Wahrzeichen ein 50 Meter hoher Turm ist. Dieser diente der Überwachung der vielen Sklaven. Zum Turm hin läuft man scheinbar durch eine Wäscherei. Ein Meer weißer Tischdecken, Anziehsachen und sonstiger Stoffartikel erwecken diesen Eindruck. Man versucht, diese sowie Früchte, Säfte, Holzspielzeug und Puppen an die Frau bzw. den Mann zu bringen. Ich frage mich, wer so etwas kauft… äh… ja.

Der Turm selbst ist wieder eine Herausforderung. Die Treppen machen einen morschen Eindruck und ich bin ja bekanntlich keine Elfe. Dazu meine Höhenangst. Musste durch, stell Dich nich so an! Oben dann spektakuläre Ausblicke! Und ich war trotz hohen Touristenaufkommens vor Ort alleine oben. Lag es an der Struktur des Turmes oder an den 70 Pesos Eintritt? Runterzukommen war dann nochmal herausfordernder als umgekehrt, da man ja diesmal deutlicher sehen konnte, wohin man stürzt.

Ich besuchte dann noch kurz das Herrenhaus, jetzt ein Restaurant und lief ein bisschen herum. In den Tälern Kubas ist Reiten eine beliebte Touristenattraktion. Hier nicht anders, am Eingang zur Hazienda wurden zwei Busladungen Touristen auf Pferde verfrachtet. Ich stehe so etwas ja eher skeptisch gegenüber, aber immerhin sahen die Pferde nicht völlig kachektisch oder sonstwie krank aus. Wobei Menschen meiner Statur sich das ja wirklich verkneifen könnten. Manche Reiterinnen und Reiter schienen das gleiche Gewicht auf die Waage zu bringen, wie der Gaul. In Havanna hatte ich mal einem Touristenkutscher gesagt, sein Pferd tue mir leid. Er fragte, was denn mit ihm sei. Hm. Was soll man da antworten?

Unser letzter Halt war dann die ehemalige Hacienda, jetzt Hotel und Restaurant Buena Vista. Fast fühlte ich mich an die Weingüter Südafrikas erinnert. So ein schönes Haus in so schöner Landschaft. Ich wollte Rafael zu einem Kaffee einladen, doch die Maschine war kaputt. Die Dame hinter dem Tresen ächzte noch, dass ausgerechnet heute zwei Busse voller Niederländer zum Essen erwartet würden. Wir bekamen dann Mangosaft, war auch okay. Und die Touristen ein ganzes Spanferkel, das schon vor sich hin brutzelte.

Das war ein schöner Vormittagsausflug. Rafael hat auch langsam und mit einfachen Vokabeln gesprochen, so dass ich alles verstand. Er hat 45 Jahre lang für eine Behörde gearbeitet und erhält nun etwa 1.500 Pesos Rente pro Monat dafür. Der monatliche Mindestlohn liegt bei 2.100 CUP. Ohne sein Ladataxi, sagt er, müsse er verhungern. Ein Huhn koste ja schon 500 Pesos. In dem Zusammenhang auch unglaublich: kubanische Ärzte gelten als gut ausgebildet. Sie bleiben aber nicht auf Kuba, sondern praktizieren mit ausdrücklichem Einverständnis (bzw. auf Druck?) der Regierung im Ausland. Diese erhält dafür Milliarden (!!!) Dollar Entsendegelder. Die verschickten Ärzte haben da nicht rasend viel von.

Es folgte die obligatorische Siesta. Danach machte ich mich auf ins Zentrum und landete dann doch in einem Museum. In einem riesigen Haus an der Plaza Mayor befindet sich das Museo Romántico. Ich dachte zuerst an Pyramos und Thisbe, Romeo und Julia, Ernie und Bert, Gerald und Cora. Aber es geht gar nicht um eine Romanze, sondern um die Epoche. Es ist das älteste Museum in Trinidad und das Haus gehörte einstmals dem Conde de Brunet und seiner Gattin Angela Josefa Borrell y Lemus mit ihren 12 Kindern. PUH! Es ist besonders wegen der originalen Möbel und Einrichtungsgegenstände aus aller Welt so sehenswert. Porzellan, Silber, Intarsienmobiliar, Muranoglas und und und. Die Familie muss vor Geld gestunken haben! Der Verkauf der Sachen aus allein einem der Dutzend Zimmer würde mir wahrscheinlich ein Auskommen für den Rest meines Lebens sichern. Und zwar kein schlechtes…

Ich entdeckte einen schönen Innenhof und ließ mich dort für einen Cóctel nieder. Nachdem ich ohne auf die Karte zu schauen einen bestellte, brachte der Kellner dann noch einen Aufsteller für den Tisch, der mich tief Luft holen ließ. Tequila und Rum ab mindestens zweistelligem €-Bereich. Aber es war gottseidank nur eine Spezialitätenkarte, der Cocktail war normalpreisig. War wahrscheinlich Rum, den der Conde de Brunet noch selbst handgezapft hat.

Um die Ecke spielten meine alten Bekannten von vorgestern, verstärkt durch einen weiteren talentierten Sänger. Aber ich war jetzt hungrig. Ich suchte mir die schöne Terrasse im Restaurant Las Conspiradores aus. Am Ende das bisher teuerste, was ich auf Kuba je hatte, aber definitiv auch das beste! Ceviche a la casa, arroz pesquero und Flan cubano de la nonna. Und die Hausband war auch nicht schlecht.

Eigentlich wollte ich dann noch das Tanzbein schwingen, aber ich war dann trotz der Siesta ziemlich erschöpft von meinen Urlaubsaktivitäten. Stattdessen lief ich noch ein paar Schritte durch die Gasse und probierte den Nachtaufnahmemodus meiner Handykamera aus.

Morgen ist mein letzter Tag in Trinidad, ich glaube, ich verlasse wieder kurz die Stadt. Darauf verlassen könnt Ihr Euch aber nicht. Liebe Grüße, Euer Gerry

P.S.: Ach so…