Dublin, Tag 6: Howth Cliffs

Ihr Lieben,

heute wird es kurz, aber schön. Nein, nicht dieses „schön“! Natürlich regnete es heute auch wieder viel, aber nicht so oft und nicht so heftig. Einigermaßen ausgeschlafen hatte ich erst einmal ein mehr als ausgedehntes Frühstück. Es gab Rhabarber-Custard, allerdings aus der Milchfabrik. Vielleicht sollte ich mir vor Ende der Saison noch schnell zuhause eins nachkochen.

Was tun? Caolán empfahl gestern einen Spaziergang über die Klippen von Howth, tatsächlich hatte ich mir das in meinem Reiseführer auch markiert. Also brach ich um 10 Uhr gestiefelt und gespornt zu der Dublin vorgelagerten Halbinsel auf. Bis zum Bahnhof Clontarf Road lief alles glatt, als ich dort in den Zug, hier Dart genannt, umstieg, war mir klar, dass es nicht die genialste Idee war, an einem Sonntag in die Sommerfrische fahren zu wollen. Der Zug war brechend voll! Dennoch gelang es mir, Sitzplätze für mich und eine alte Dame zu organisieren. Dazu musste ich nur zwei italienische Teenager anblaffen, Sie müssten sich jetzt nicht auf die Sitzbänke legen. Ich glaube, die Dame war kutz davor, mir einen Antrag zu machen, so strahlte sie mich bis zur Endstation an. Italienische Jugendgangs fallen in Dublin gerade sehr auf. In riesigen Pulks pöbeln sie durch Dublin, immer die Mucke auf Anschlag. Ein Austauschprogramm von Besserungsanstalten? Man weiß es nicht. Und ja, ich war früher ein Engel! 😉

Die 3 Mrd. Menschen im Zug ergossen sich in Howth Terminus auf den Bahnsteig. Fast war ich dran, umzukehren. Aber im Ort verteilten sich die Mengen dann ganz gut. Ich besuchte zuerst ein paar Kitsch-Märkte und erstand beinahe eine sauteure Bienen-Creme für runzlige Hände, da fielen mir die drei Packungen asiatisches Tigerbalm ein, die ich beim Umzug ungeöffnet entsorgt hatte. Dann erlief ich mir ein bisschen den Fischerort, der wirklich ganz schöne Ecken hat. Man muss sich ein paar Sachen halt wegdenken. Am Hafenbecken gab es ein großes Geschrei, als eine Möwe im Sturzflug auf die von einem Kind gehaltene Pizzaschachtel stürzte und mit dem Schnabel ein ganzes Viertel davontrug. Aber nicht nur das Kind und die Eltern schrien, denn sofort stürzten sich Dutzende andere kreischender Möwen auf die Diebin und versuchten, dieser ihren Anteil zu entreißen. Was für ein Spektakel! Vielleicht sehen ja alle Möwen aus, als ob sie Emma hießen, aber es sind ganz schön fiese Tiere. Mir hat in Südafrika an der Waterfront eine kannibalistische Emma einmal ihren entfernten Cousin, ein halbes Hähnchen namens Ernst, vom Teller weggeschnappt.

Wenn man vom Hafen Richtung Osten läuft, kommt man am Balscadden House vorbei, da hat William Butler Yeats 1880 – 1883 gelebt. Mal was für Recherchierwütige: Ich habe mein ganzes Leben immer Jiehts gesagt, unser Tourguide gestern sprach dauernd von Jäits. Hm. Was mag da richtig sein. Im Zweifel ist da ja der Ire der Experte. Allerdings hat er auch erzählt, dass Katharina von Aragon geköpft worden sei, was ja nun nachweislich nicht stimmt (in Köln hat mal jemand hinter mir in der Linie 7 „Isch geh jetzt Uni“ in sein Telefon getrötet; vielleicht ist Bildung auch einfach überbewertet).

Nach ein paar hundert Metern kommt man auf den Howth Cliff Trail. Hier nahm die Bevölkerungsdichte wieder dramatisch zu. Aber Leute: Ist das schön da! Selbst bei diesem Schietwetter! Düster die See, dramatisch die Felsen, schauerlich das Möwengekreisch, geheimnisvoll die Ruinen und gespenstisch die Leuchttürme. Huch, da ist jetzt gerade etwas mit mir durchgegangen. Sorry.

Es lohnt sich, auch mal genauer in die Vegetation zu schauen, so viele Ericaceae und Blümchen. Der Wind war nicht ohne, wenn auch nicht so stark wie gestern an den Cliffs of Maher. Die Wege sind schmal, die Aussichten sind grandios.Hier ein Tipp für Fußkranke oder alte Menschen wie mich: Wenn man im Ort mit einem Bus der Linien 6 oder H3 bis Howth Summit fährt, erspart man sich steile Aufstiege und kann den halben Trail bis in den Hafen abwärts zurücklaufen. Ich wünschte, ich hätte das früher geschrieben, dann hätte ich das beherzigen können. Ganz Verwegene können sich übrigens im Klippenspringen versuchen, wie es die Herren auf Foto 1 unter viel Applaus taten.

Auf halber Höhe unter dem Howth Summit steht die Himmelfahrtskirche – Church of Assumption. Ich platzte da leider gerade in eine Taufe, daher keine Bilder von innen. Drumherum ist es auch ganz nett und nicht so überlaufen, wie im Ort oder auf dem Klippenpfad. Von da aus nahm ich dann den Bus H3 bis in die Stadt hinein. Kurz vor Endstation sah es nett aus und ich verließ den Bus in der Talbot Street. Die erinnert ein bisschen an den Eigelstein, allerdings in etwas bunter. An deren Ende, Ecke Connell, stößt man auf das Dublin Portal, direkt an der Spire-Nadel. Hier wird man per Video auf irgendeines der anderen weltweiten Portale gestreamt und kann der anderen Seite zuwinken. Die winken dann zurück. Finde ich total genial. Und es winken wirklich alle iwie mit. Ein geschichtsträchtiger Ort der irischen Geschichte ist das Hauptpostamt, wo beim Osteraufstand 1916 die irische Republik ausgerufen wurde. Nach 5 Tagen war der Aufstand niedergeschlagen, die Anführer wurden später hingerichtet (für das Gefängnis sind Monate keine Führungen zu bekommen). Dennoch markierten diese Tage einen Wendepunkt, insbesondere, was die Unterstützung der Bevölkerung anging.

Ich war ein bisschen durchgefroren und fußlahm, daher fuhr ich von The Spire aus wieder zur DCU, wo ich mich kurz hinlegte (das Zimmer lädt nicht wirklich zum Verweilen ein), dann Tagebuch schrieb. Jetzt werde ich in der DCU Students Bar einen preiswerten Burger vertilgen.

Morgen soll tatsächlich die Sonne scheinen. Naja, wer’s glaubt. Mal draußen sitzen und ein Pint in der Sonne trinken können, das wäre schon nett. Hofft Ihr mit mir? Liebe Grüße, Euer

„Mr. Joyce, können wir bitte auf Augenhöhe sprechen?“ – „Nein, Sie alberner Wilde-Verehrer, niemals!“

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