Dublin, Tag 3: Ein nasser Museumstag

Ihr Lieben,

heute bin ich, gelinde gesagt, verstimmt. Ungehalten. Angepisst! Den ganzen Tag – wie eine eingeübte Choreographie – zwei Minuten Sonne, 15 Minuten Regen, zwei Minuten Sonne, 15 Minuten Regen. Das macht keinen Spaß! Aber von Anfang an (und vielleicht ohne weiteres Wetterbashing).

Gestern bin ich tatsächlich schon um 22 Uhr in die Federn gefallen. Was ganz gut war, musste ich doch heute früh um 8 Uhr schon zur Bushaltestelle, denn die Fahrt zur Guinness-Brauerei wurde mit anderthalb Stunden berechnet und man sollte 15 Minuten vor Beginn seines gebuchten Slots (bei mir 10 Uhr) vor Ort sein. Ich war tatsächlich dann um Punkt halb zehn da, eine halbe Stunde zu früh. Ich durfte dennoch schon mit der ersten Gruppe rein. Leider war das wieder ein sehr großer Pulk Menschen, der sich wie ein Slimey (die Blob-Masse aus der Dose, erinnert Ihr Euch?) an den Infotafeln und Schaustücken vorbeischob. Ich übersprang eine Etage (Thema: „Woraus wird eigentlich Bier gebraut?“) und hatte dann Platz um mich herum. Also, das ist schon ein nettes Museum, bis vor ein paar Jahren war es auch noch der tatsächliche Brauereibetrieb, das Gebäude ist herrlich industriell und sehr schön restauriert und dem Museumszweck entsprechend umgebaut. Alles ist ansprechend aufbereitet und es gibt schöne Aktivitäten, die man teilweise aber zubuchen muss.

Inkludiert ist ein kleines Guiness-Tasting, wo man ein Miniglas erhält und von einer geschulten Person erläutert bekommt, wie man das zu trinken und was man zu schmecken hat. Ich hatte das letzte Mal vor wahrscheinlich 40 Jahren Guiness getrunken und mochte es nicht. Heute schmeckte mir der kleine Schluck sehr gut. Weiter ging es durch die Ausstellung, bis ich zum Stoutie-Punkt kam. Da bekommt man ein großes Pint Stout (so die Typbezeichnung von Guinness) gezapft und dann wird ein vor Ort geschossenes Foto auf den Schaum aufgetragen. Man trinkt sich dann quasi selbst und kann auf diese Art Innenschau betreiben. Nach dem halben Pint war es aber aus mit der wiederentdeckten Zuneigung. Es ist mir dann doch zu süß und cremig und unbierig. Wahlweise hätte man auch einen Zapfkurs mit Zertifikat buchen können. Man sitzt dann ja so eine Weile rum, da füllt sich alles immer mehr und mehr. Also, Tipp am Rande: Ersten Slot buchen. Da nicht alle Zusatzprogramm gebucht hatten, kommt hinzu, dass die Gravity-Bar im 7. Stockwerk des Storehouses auch schon recht voll ist. Hier erhält man noch einen Drink aufs Haus, ich wechselte dann zu Lager, was aber auch sehr süß war. Ich kam mit Kanadiern und Australiern ins Gespräch, die mich fragten, ob ich Ire wäre. HAH! Deswegen verstehe ich die so gut. Nebenbei, die Kanadier verstand ich auch gut, bei den Aussies musste ich mir die Hälfte zusammenreimen. Die Aussicht von der Gravity-Bar ist, nebenbei bemerkt, fantastisch.

Bei den „Stouties“ wurden Paare übrigens gefragt, ob sie einzeln oder zusammen auf den Schaum wollten. Ich sach ma so: Wenn man sich dann trennt, ist das Bild für die Tonne. 🙂

Vor dem Storehouse wartete ich – ach, ich kanns nicht lassen – im strömenden Regen auf den Sightseeingbus, der gottseidank recht schnell kam. Mit dem fuhr ich bis zum IMMA, dem Irish Museum for Modern Art, das in dem alten Kilmainham-Hospital, das über 250 Jahre als Veteranenheim diente, untergebracht ist. Ein tolles Gebäude, eine hochgradige ständige Ausstellung (viele irische Künstler, aber auch z.B. de Saint Phalle, Freud, de Chirico) sowie Artists in Residence. Zur Zeit sind das die chilenische Künstlerin Cecilia Vicuña sowie Tarek Atoui, ein libanesischer Klangkünstler. Eine Sonderausstellung im Galeriehaus war Camille Souter und Alberta Whittle gewidmet. Insgesamt besuchenswert, auch wenn mir naturgemäß nicht jede*r Künstler*in zugesagt hatte. Nicht verschwiegen werden sollte, dass viele staatliche Museen in Irland keinen Eintritt kosten. Bildung für Alle halt. Wahrscheinlich musste die Regierung zur Querfinanzierung ein paar Armutsbetroffene und Renter killen. So, wie man es halt bei uns macht.

Es hatte sich eingenieselt. Jaja, ich weiß, ich wollte nicht mehr mosern… da erklomm ich wieder den roten Bus und ließ mich zu den Collins-Barracks kutschieren, dem Nationalmuseum; sie sind nach dem irischen Unabhängigkeitskämpfer benannt. Davor befindet sich ein kleiner Gedenkpark für die Gefallenen der Befreiungskriege samt einiger Denkmäler. Von da aus erklimmt man einen kleinen Hügel zu dem imposanten Museum. Mehr als 100 Paces im Quadrat (die Abmessungen des Exerzierhofes), vier Etagen! Ich begab mich erst einmal ins Museumscafé, trank eine Cola und aß zwei Stücke Kuchen, die ganz fantastisch aussahen (Apfel-Mandel und Blaubeer-Rhabarber), deren Teig aber ganz furchtbar schmeckte. Inselküche, sorry to say so.

Nationalmuseen sind ja eine ganz eigene Spezies. Ich erinnerte mich an eines auf der Balkanreise, über das ich sinngemäß schrieb, dass man völlig irritiert da raustorkelt und schwört, nie wieder ohne eine Strategie reinzugehen. So verhält sich das auch mit dem in Dublin. Eine krude Mischung PLUS eine nicht wirklich nachvollziehbare Teilnutzung und somit Zersiedelung der Ausstellung in den riesigen, beeindruckenden Kasernenbauten. Klar, es dreht sich viel um Irland, vor allem Revolutionen und Befreiungskämpfe. Daher sieht man viel Militärisches, was ja zum Gebäude passt. Aber es gibt auch eine semigruselige Sammlung ausgestopfter Tiere (genannt „The Dead Zoo“), Alltagsgegenstände, Ostasiatika, Glasmalereien, Mode, Designerstücke. Ja eben. Großes Durcheinander. Allein die Tinneff-Sammlung von Porzellan und Vasen und Fläschchen und Figurinen umfasst mehrere Säle mit je Dutzenden von Vitrinen. Hömma, da möchte ich aber auch nicht wirklich putzen! Zusammenfassend würde ich sagen, dass man durchaus mehrere Wochen in dem Museum verbringen könnte, um alles zu studieren. Aber möchte man das auch?

Man sieht auf einem der Bilder übrigens den berühmten Tisch E.1027 der irischen Designerin und Architektin Eileen Gray. Aus keinem Einrichtungshaus mehr wegzudenken!

Vor dem Museum fährt eine Straßenbahn, mit der wollte ich zum Umstieg der Busse nach Hause gondeln, als plötzlich die Durchsage „soundso-Straße, Einkaufszentrum“ kam. Ach, das gucke ich mir mal an. Was soll ich sagen. Auch das hat nicht gelohnt. Fast nur auch bei uns bekannte Ketten, allerdings wesentlich teurer. Ralf Sotschek, Inselkorrespondent der taz, hat 2022 einen interessanten Artikel über Irlands Preise geschrieben, der meine Vermutung bestätigt hat. Quintessenz: Mit Dänemark zusammen zweitteuerstes Fleckchen der EU.

Ich kaufte dann im gleichen Supermarkt wie gestern noch Wein und Salate (hört hört! heißt auf englisch übrigens hear hear!) ein, da der Rosé von da mir schmeckte und nur 10 Euro kostete. Dann ging es in einem total überfüllten Bus (mit Reisegruppe von 10 Personen, alle mit Gepäck) im Schneckentempo gen Uni, wo ich ganz knapp einen Anschluss verpasste, so dass ich die restlichen anderthalb Kilometer nach Hause schwamm. Den Thunfisch-Mais-Nudelsalat schlabbere ich übrigens beim Schreiben nebenher und der schmeckt ausgezeichet. Er ist nach italienischem Rezept. Dem Italien, wo es wahrscheinlich gerade nicht regnet.

Tatsächlich sieht die Wettervorhersage für die kommenden Tage gar nicht gut aus. Ich habe jetzt noch ein paar Stunden Zeit, mir zu überlegen, ob ich den Ausflug nach Galway am Samstag storniere. 13 Stunden im Regen durch die Pampa zu fahren, um dreimal für je 10 Minuten und einmal für 90 Minuten auszusteigen, um durchnässt zu werden? Na, ich berichte morgen, wie ich mich entschieden habe. Freitag geht es erstmal wieder in die Innenstadt, Kirchen und Museen besuchen. Aber vorher ausschlafen, denn abends plane ich einen Besuch im legendären „The George“ ein. Würde mich freuen, wenn Ihr das morgen auch alles wieder mitmacht. Viele liebe Grüße, Euer

Den ganzen Tag lang immer und immer wieder…
Der Mönch mit dem Flunsch

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