Köln-Nizza (14): Marseille / Nizza

Ihr Lieben,

gestern kam es, wie auf allen Schiffsreisen üblich, noch zu rührenden Szenen. Kellner und Gäste veranstalten eine Polonaise (ohjeh) und lagen sich dann später in den Armen (das ist ja wiederum nett). Ich hatte viel Glück mit meinem 3/8-Tisch und Lira und Mark als unseren kulinarischen Betreuern. Glück hatte ich zudem, weil ich in der ersten Ausschiffungsgruppe war. Um 9 Uhr mussten alle die Kabine räumen, aber schon 20 Minuten später war ich an Land. In der 11-Uhr-Ausschiffungsgruppe wurde auch schwer gemotzt.

Dass ich so gedankenlos war, mir in Marseille keinen Stopover zu gönnen, erwähnte ich ja bereits. Nunja. Vielleicht unternehme ich im Ruhestand noch einmal eine ausführliche Tour durch die Provence/Cote d’Azur. Jetzt hieß es erst einmal, den Bahnhof zu finden. Im Hafen lagen etwa 10 Kreuzfahrtschiffe, unglaublich. Meins natürlich am Hafenende, so dass ich, ohnehin mit 50°C Fieber und 75 Kilogramm Gepäck, schon völlig derangiert an der Bushaltestelle am Hafeneingang ankam. Mit einem Umstieg an der Metro Joliette war ich dann viel zu früh am Bahnhof. Am Fahrkartenschalter informierte ich mich, ich dürfe mit meinem schon zuhause erworbenen Ticket auch einen früheren Zug nehmen. Und der war auch noch pünktlich.

Immerhin ein Foto aus Marseille.

Es gibt Schlimmeres, als mit dem Zug durch die Provence schaukeln zu müssen. Schöne Landschaften, nette Dörfer, ab und zu ein Blick aufs Meer, alles in goldenes Licht der Sonne getaucht. Schmucke Villen, noble Yachten und hochglanzlackierte Karossen gab es dann insbesondere in Cannes und Antibes zu sehen. Wir fuhren übrigens mitten durch einen Golfplatz, glaubt man’s?

Im Hotel in Nizza wurde ich von netten Gentlemen begrüßt, das Zimmer sei schon fertig, ich könne direkt einziehen. Tja, es nennt sich Studio, ist aber winzig. Und ziemlich abgeranzt. Ich hatte es wegen der idealen Nähe zum Bahnhof gewählt und weil es mit 165 Euro noch preiswert war. Nizza ist ziemlich voll, unsere Gammelbude ausgebucht. Wenigstens ist der Kühlschrank sauber und funktionstüchtig und es gibt eine Art Schreibtisch (man muss aber auf der Bettkante sitzen) und die Kaffeemaschine sieht neu aus. Für zwei Nächte wird es gehen.

Nun also Nizza. Vor meiner Haustür steht quasi die kleine Notre-Dame, ich habe es also nicht weit ins Zentrum. Eine Tageskarte ÖPNV kostet 7 Euro, die habe ich mir dann auch gegönnt, da ich mich körperlich etwas eingeschränkt fühlte. Meine erste Fahrt ging zur Haltestelle Opera/Vielle Ville. Von da aus lief ich am pompösen Opernhaus vorbei zur ellenlangen Promenade des Anglais am nizzaischen Stadtstrand. Oben links erblickte ich einen Wasserfall. Ja, ich war nicht wirklich gut vorbereitet. Kurz das Internet bemüht. Aha, da oben ist der Schlosspark. Und da fährt sogar ein klappriger Aufzug hoch. Habe ich dann mal genutzt, das Ding. Oben hat man fantastische Ausblicke und der Park und der Wasserfall sind auch ganz nett. Allein ein Schloss gibt es nicht mehr, das hat irgendein Louis der Genervte schleifen lassen, weil von dort aus gegen ihn intrigiert wurde. Oben gibt es mehrere Erfrischungsbuden, eine verkaufte „Monaco“ als alkoholisches Getränk. Das ist ein Bier-Limonaden-Mix mit Granatapfelsirup. „Ja, den nehme ich!“ – „Das ist doch nichts für Männer, das ist ein Baby-Getränk. Nimm ein ordentliches Bier!“ – … – „Na, Du musst es wissen!“. War übrigens sehr lecker.

Wieder unten lief ich über den schon abgeräumten, berühmten Blumenmarkt am Cours Saleya. Aber auch ohne Markt ganz zauberhaft. Schöne Häuser, wohin man blickt. Ich lustwandelte durch die viele verwinkelten Gassen, stieß auf den Place Rosetti mit der tollen Kathedrale Sainte-Réparate und aß dort bei Fenocchio ein Eis. Diese Eisdiele soll mehr als 70 Sorten führen. Mein Französisch ist ja ein bisschen eingerostet, aber ich meine, Mottenflügel und Krähenfüße entdeckt zu haben. Ich war so gar nicht experimentierfreudig und traute mich nur an Fleur d’Orange ran. Das war speziell genug. Vielleicht eskaliere ich ja total und nehme mir morgen mal ein Lavendeleis, mal sehen.

Weiter ging es durch die Gassen. Klar, es gibt viel Touristenquatsch, jeder 3. Laden verkauft selbstgemachte Seife. Komisch, dass die dennoch alle gleich aussehen. Aber es gibt auch ganz entzückende Geschäfte für meine Hobbys, wie z.B. Wein und Schokolade. Am Place Masséna ließ ich mich dann auf ein Männerbier nieder. Ein teures Männerbier. Aber wenigstens gab es Knabberkram dazu. Und es gab was zu glotzen. Zwischen den markanten, zumeist roten Häusern am Platz stehen die von Jaume Plensa gestalteten Figurenstelen mit dem Titel „Conversation à Nice“, die die 7 Kontinente darstellen sollen. Und darunter Menschen aus aller Herren Länder. So mag ich Kunst.

Ich beschloss, noch zu einer Sehenswürdigkeit zu tingeln, bevor ich mich in meinen Palazzo Putzig zurückbegab. Im Jahr 1865 starb Zarewitsch Nikolai Alexandrowitsch in Nizza an den Folgen einer tuberkulösen Meningitis. Ihm zum Gedenken ließ sein Neffe Nikolaus II später die größte russisch-orthodoxe Kirche außerhalb Russlands bauen. Was auch der Tatsache geschuldet war, dass die russische Gemeinde in Nizza inzwischen unglaublich angewachsen war. Ich war zu spät für eine kostenpflichtige Innenbesichtigung, so warf ich nur einen kurzen Blick ins Innere. Ein paar fromme Sestras schlossen schon alles ab. Als ich das Gelände verlassen wollte, kam eine verhüllte junge Frau durch das Tor, die sich dann erst einmal theatralisch zu Boden warf. Manche Menschen sind schon sehr pathetisch. Der Unterhalt der Kirche wird übrigens vom Kreml finanziert. Ist sie also eine Brutstätte staatlichen Terrorismus‘?

Mit dem Bus ging es zurück zur Notre-Dame, wo ich in einen Monoprix abtauchte. Ach, ich wünsche mir solche Supermärkte in Köln. Mit Fischtheke, 10 Metern Käse, eine Boulangerie, einer Kochtheke undundund. Ich fand den Wein vom Schiff für 8 Euro 50 die Flasche (wir erinnern uns: 13 Euro pro Glas auf der MSC) und erwarb Brot und Fischpastete sowie Kaffee, Milch, Obst und Käse fürs Frühstück.

Ihr Lieben, Nizza ist eine tolle Stadt, das habe ich so nicht erwartet. Hier könnte ich auch mal eine ganze Woche verbringen. Morgen geht es aber erst mal nach Monaco, Vielleicht bekomme ich ja bei Fürstens ein Tässchen Tee. Oder ein Glas Monaco.

Die Bahnfahrt ist kurz, die Tickets nicht teuer, ich würde vorschlagen, Ihr kommt einfach mit. Bis denne, Euer

P.S.: Der Himmel hat sich vorhin bedrohlich zugezogen, aber ich hoffe, das verzieht sich wieder.

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