Köln-Nizza (8): Bilbao

Bills Ballhaus in Bilbao
war das schönste auf dem ganzen Kontinent.
Dort gab’s für einen Dollar Krach und Wonne,
und was die Welt ihr Eigen nennt.

Ihr Lieben,

Bills Ballhaus ist ein Fantasieprodukt Bertolt Brechts für das Singspiel Happy End, das er gemeinsam mit Elisabeth Hauptmann und Kurt Weill schuf. Ich fand aber an der Plaza Berria, das ist quasi die Plaza Mayor von Bilbao, eine Cafe Bar Bilbao. Kommt dem ja immerhin schon nahe.

Bilbao heißt auf baskisch übrigens Bilbo. Möglicherweise hatte Tolkien die Inspiration für den Namen des weltbekannten Hobbits hierher. Jener hatte ja beschwerliche Reisen auf sich nehmen müssen, was mich mehr als elegant zur Biskaya-Durchfahrt überleiten lässt. Die Nacht war wunderbar, niemand ist aus dem Bett gefallen, alle Flügel standen noch an ihrem Platz, kein Passagier ging über Bord. Entweder ist der Golf besser als sein Ruf oder aber er war sehr gnädig zu uns.

Das Kreuzfahrtterminal Bilbaos liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Ich musste erst einmal 30 Minuten bis zu einer Metro-Station laufen und dann noch 16 Stationen in die Stadt fahren. Dort stieg ich an der Haltestelle Zazpikaleak aus, was wahrscheinlich Altstadt bedeutet. Die baskische Sprache mutet noch bayrischer an als die katalanische. Ich lief zu einem Platz, den ich fälschlicherweise für die Plaza Nueva hielt, daher verirrte ich mich kurz auf der Suche nach der Kathedrale, bzw. ich hielt eine völlig andere Kirche dafür. Ich startete von vorne und begab mich leise, über Google Maps schimpfend, zum Mercado de la Ribeira.

Ihr Lieben, das wird heute ein Tag der Superlative, schnallt Euch an. Der Erriberako Merkatua ist die mit 10.000 Quadratmetern größte überdachte Markthalle Europas. Behauptet das Internet und das irrt ja nie. Also, es gibt vielleicht kaum größere, aber es gibt definitiv schönere. Zwar ist die Halle im Art Deco-Stil erbaut, aber innendrin leider charmelos. Aber es gibt viiiiele leckere Sachen; wahrscheinlich habe ich noch auf keiner Reise erwähnt, wie sehr ich auf Markthallen stehe.

Ich drehte erneut eine Runde durch die Siete Calles, die sieben Straßen, die den Ursprung des Altstadtviertels bilden und fand die Kathedrale. Die Altstadt ist wirklich sehr hübsch und im Gegensatz zum fast ausgestorbenen Brest auch proppevoll. Allerdings hatten wir auch superschönes Wetter. Die Läden ähneln denen in anderen spanischen Städten, ich verkniff mir, in einem süßen Torrón-Laden wieder 10 Kilo Liebesersatzstoff zu kaufen und erstand auch nur einen (sic!) Kühlschrankmagneten. Auch bunten Socken und lustigen T-Shirts widerstand ich.

Ich hatte zuhause schon ein Ticket für das Guggenheim-Museum gebucht, Einlasszeit 14 Uhr. Ich schicke es vorweg, das hätte ich nicht gemusst, die Kassenschlange war nicht existent, aber ich bin ja, was Einlass-Stopp bei Sehenswürdigkeiten angeht, ein gebranntes Kind. Draußen tummelten sich tausende Menschen, aber denen waren 18 Euro Eintritt vielleicht zu teuer. Abrupter Themenwechsel: Nutzt Ihr KI? Ich mache das zuweilen und fragte sie, was ich denn unbedingt IM Museum sehen müsse. Da gebe es nichts besonderes, das Museum selbst sei der Hit, wurde mir erklärt. Und die Figuren DRAUSSEN. Die Riesenspinne von Louise Bourgeois und der Blumenhund von Jeff Koons. Was soll ich sagen: Die KI ist dumm!

Als Sonderausstellung gab es innen eine – nunja – interessante Klanginstallation von Steve McQueen (Wild is the Wind) und eine große Werkschau von Jasper Johns. Den muss man ja auch mögen. Wirklich spannend finde ich den selten. Aber dann die Sammlung… Basquiat, Baselitz, Kiefer, Twombly, Rothko, Koons… Nichts besonderes? Naja, schenkt mir halt eins von denen.

Natürlich ist die Architektur überwältigend. Außen mehr als innen. Aber definitiv ein Meisterwerk von Frank Gehry. Die Lage am Fluss und die malerische Umgebung tun ein übriges dazu. Ich fotografierte von der Pedro-Arrupe-Brücke, von der Puente de la Salve, von der Zubizuri Zubia aus. Meine Begeisterung ließ mich dann leider über einen herausragenden Kopfstein stolpern und ich legte mich mit 300 km/h hin. Sofort war ich umzingelt von einem Dutzend Leuten von einer Kaffeeterrasse, die mich wieder auf die Beine zerren wollten. Das war zwar sehr nett, in meinem Zustand der Verwirrung und des Schreckens aber nur bedingt hilfreich. Ich glaube der Schrecken war das schlimmste, obwohl meine Schulter gerade entsetzlich schmerzt. Lustig fand ich dann, dass alle Umstehenden den herausragenden Stein beschimpften. Sah zumindest so aus.

Zubizuri Zubia? Nein, das ist nicht den Folgen des Sturzes geschuldet. Das ist baskisch für die vom Stararchitekten Santiago Calatrava entworfene Fußgängerbrücke. Etwas östlich davon befindet sich die Standseilbahn, die auf den Monte Artxanda hinauffährt. Leutz, das war ein Drama. Es gibt, außer der Sperre, an der man sein Ticket scannen soll, keine wie immer geartete Zutrittskontrolle. Ein Gedränge und Geschubse, wie wenn weiland beim C&A im Winterschlussverkauf die Palomino-Parkas für die Hälfte über den Ladentisch gingen. Oben kann man sich dann aber mit dem bekannten Bilbao-Schriftzug selfizifieren. Jaja, das Wort gibt es, steht ja da. Und ich habe es versäumt. Ich bin vielleicht blöd.

Wieder unten, machte ich mich auf den Weg zum Schiff. Allerdings mit einem Zwischenstopp an der ältesten Schwebefähre der Welt. Sachma, hat der Gerry schon wieder sein Getränkepaket ausgereizt? Was soll das denn sein? Haha, Ihr Lieben, das ist eine Fähre, die an Seilen hängend über eine Tragekonstruktion den Fluss quert. Und die ist von 1893. In Köln diskutiert man ja über Tunnel oder Brücken. Da es weltweit keine 10 in Betrieb befindlichen Schwebefähren gibt, wäre das ja auch eine Option! Eine Touristenattroption.

Man kann die Konstruktion mit einem Aufzug hochfahren und dann zu Fuß auf die andere Seite laufen, das kostet schlappe 11 Euro, oder als Fußgänger mit der Fähre knapp über der Wasseroberfläche hinüberschweben, das kostet pro Strecke zur Zeit 60 Eurocent. Wenn das mal nicht ein auch für Familien erschwingliches Urlaubsabenteuer ist! Ich mag so was ja sehr. Also, verkehrstechnische Spielereien. Es gibt übrigens in der Stadt einen grässlichen Betonklotz, der mittels Aufzug die Unter- mit der Oberstadt verband (wie der Elevador de Santa Justa in Lissabon), aber der ist wegen irgendwelcher Rechtsstreits außer Betrieb. Sonst wäre ich natürlich auch mit dem gefahren.

Meine geschundenen Füße hatten inzwischen jeweils die Größe Lapplands angenommen, so war ich froh, dass es nur ein paar Hundert Meter von der Puente de Vizcaya, so heißt das Meisterwerk der Ingenieurskunst, einen Shuttlebus zum Hafen gab. Am Schiff angekommen, stürmte ich die erste Bar und trank die Biervorräte leer. Aber was für ein schöner Tag wieder!

Ich hoffe, unser kleiner Spaziergang durch Bilbao hat Euch genau so viel Spaß bereitet wie mir. Morgen können wir dann wieder bei einem Seetag ausruhen.

Bis denne, alles Liebe, Euer

Die Salbeko Zubia hat einen Aufzug, da hat sich eine Nachwuchs-Louise verewigt. 😁

Köln-Nizza (7): Brest

Ihr Lieben,

meine Familie und ich waren oft in der Bretagne. In Orten mit so verheißungsvollen Namen wie Questembert oder an der Presqu’île de Gavre haben wir Ferienhäuser gemietet und die Gegend erkundet, waren auf Musikfestivals, haben für zwei Francs Baguettes gekauft, Creperien leergefressen und fast mit Maden durchzogenen Käse gekaut. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir haben Rennes, Vannes, Concarneau, Quimper und und und besucht. Meines Wissens waren wir aber nie in Brest.

Lange wollte ich mal wieder in diese gastfreundliche und wunderschöne Ecke Frankreichs, wo ich nach einer 5 in Französisch von meinen Eltern gezwungen wurde, mit den Bauern in die Obstbäume zu klettern, um Kirschen zu ernten. Die Nachprüfung bestand ich sehr zum Ärger meiner verhassten Französischlehrerin mit einer 2. C’était très drôle.

Ich schrieb es, ich musste früh aufstehen, da ich um 8 Uhr im Zentrum sein wollte, um ausreichend Zeit für meine Pläne zu haben. 14.30 Uhr ist „Alle-an-Bord“-Zeit. Ein großer Nachteil bei Kreuzfahrten sind die oft schrägen Liegezeiten. Ein Nachtleben zu erkunden, z.B., ist selten möglich. Also, nicht, dass ich scharf darauf wäre. Aber man muss eben manchmal früh raus oder hat nur wenig Land-Zeit.

Der Hafen von Brest darf nicht selbst durchschritten werden, es ist ein immer noch aktiver Industriehafen mit ausreichend Verletzungspotenzial. Das Gute dabei ist, dass die Reederei bzw. die Hafenbehörde kostenlose Shuttle-Busse stellen muss, sonst käme man ja gar nicht vom Schiff weg. Und es waren auch ausreichend Busse vorhanden, so dass uns unschöne Prügelszenen erspart blieben.

Ntürlich war der Himmel grau und es regnete. Bei Elke und mir hat sich seit einiger Zeit eingeschlichen, dass wir bei Reisezielen mit schlechtem Wetter herumalbern, dass wir dann ja auch in die Bretagne hätten fahren können.

Brest ist im Krieg weitgehend zerstört worden. An altertümlichen Resten stehen noch die Zitadelle, ein Wehrturm und es existiert eine winzige Kopfsteinpflasterstraße aus vorigen Zeiten. Wir wurden am Jardin Kennedy aus dem Bus geworfen, von wo aus ich als erstes zur Téléphérique schlenderte, eine kurze Seilbahn, mit der man über den Fluss Penfeld gondelt. Es gab ein großes Getümmel am Ticketautomaten, der gemeine Kreuzfahrer (Crucero officinalis) war mit der Technik überfordert. Dabei gab es einen Kreditkartenleser. An den wollte ich, musste mich dafür aber durchdrängeln. Gott, was gab das einen Aufstand! Bis die Meute begriff, was da geschah, ab dann rannten sie alle hinterher. Die Fahrt war unspektakulär, da alle Scheiben beschlagen und die Gondel rappelsvoll war. Interessant ist, dass die beiden Gondeln nicht an Seilen nebeneinander fahren, sondern übereinander.

Am anderen Ende der Seilbahn warten die Ateliers des Capucins auf Besucher. Dringend! Es war nämlich absolut nichts los, die Geschäfte und Ateliers größtenteils geschlossen. Es handelt sich um eine ehemalige Maschinenhalle, vorher Militärarsenal, vorher Kapuzinerkloster. Riesig und modern, aufwändig saniert. Aber tot wie sonst was.

Wenn man hinter den Hallen ein paar Treppen hinunterläuft, wird man mehrere Jahrhunderte zurück katapultiert. Die Rue de St.-Malo hat das Bombardement einigermaßen überstanden. Sie ist kurz, aber man bekommt eine Ahnung, wie die Stadt einmal gewesen ist. Sehr schön auch der etwas versteckte Garten des Raymond Novion, benannt nach dem Tapissier, Maler und späteren Direktor der École des Beaux-Arts in Brest, der sich sehr für den Erhalt der St.-Malo-Straße eingesetzt hat, die öfters von Abriss oder Umgestaltung bedroht war. Das war mein persönliches Highlight in Brest.

Weiter ging es zum Jardin des Explorateurs, von wo aus man einen fantastischen Blick auf die Festung gehabt hätte, wenn es nicht so diesig gewesen wäre. Der Park ist französischen Entdeckungsreisenden gewidmet, zeigt exotische Pflanzen und hält einige Informationstafeln bereit. Nicht uninteressant. Einen Katzensprung davon entfernt stößt man auf den Tour Tanguy, einem Wehrturm aus dem 14. Jahrhundert, der heute ein stadtgeschichtliches Museum mit Dioramen beherbergt. Leider vormittags geschlossen.

Die monströse Brücke über die Penfeld ist eine sogenannte Hubbrücke. Sie hat schon eine schwindelerregende Höhe, kann aber für Schiffe mit hohen Aufbauten noch weiter angehoben werden. Wenn man sie überquert, gelangt man an die Festung. Diese wird u.a. als Maritim-Museum genutzt. Es nieselte immer noch und ich war durchfeuchtet, ich sparte mir einen Besuch. Stattdessen lief ich die Rue de Siam hinauf, enterte den traditionsreichen Laden „La Trinitaine“ und kaufte ihn leer. Ich liebe bretonische Kekse und ich liebe Blechdosen. Da erwies sich der Laden als fatal!

Bepackt wie ein Esel lief ich zur Shuttlebusstation und fuhr zurück zum Schiff. Ich kam sogar noch rechtzeitig für ein Mittagessen. Leider. Denn an meinem Tisch saßen nörgelnde Deutsche, die den Spagat schafften, sich gegenseitig ihre Segelboote zu zeigen und darüber zu jammern, dass ihnen alles weggenommen werde. Und zwar von – Achtung! – „Obdachlosen, Schwulen, Linken“. Auch sonst wurde viel Unsinn geplappert („es gibt Schlimmeres, als dass der Russe kommt“). Ich outete mich und verließ mit der Anmerkung den Tisch, ich wolle nicht, dass jemand Angst haben müsse, ich klaue ihm oder ihr heimlich die Juwelen oder Brieftaschen.

Ich nahm Kaffee in der Hauptbar und schrieb gerade ein bisschen, als meine abendliche Tischgesellschaft zum Plausch vorbeikam. Über kurz oder lang läuft man sich halt immer über den Weg. Sie fanden Brest nicht so umwerfend. Und ich muss ihnen leider beipflichten. Nette Ecken, aber insgesamt sehr trostlos. Ein trauriges Denkmal der Künstler Véronique Millour und Philippe Meffroy erinnert an die Zerstörung und den hastigen Wiederaufbau. Es trägt den Namen „Ceux d’avant“, die von Früher.

Rue La Pérouse… Ceux d’avant le chaos. Ceux du rendez-vous d’amour, de travail ou de jeu. Passant, souviens-toi d’eux.

Ich nahm mir noch eine Limo mit auf die Kabine und wollte mich dort ein Stündchen hinlegen. Inzwischen war das Schiff in der Biskaya. Und ja, da ist ganz schön was los, wir wurden derart durchgeschüttelt, dass ich davon schnell wieder wach wurde.

Für heute lasse ich Euch mal in Ruhe, es stehen ja nur noch eine Varieté-Show und ein Abendessen an. Sollte es dort zu unerwarteten Ereignissen kommen, werde ich morgen davon berichten. Ich glaube, jetzt es ist Zeit für eine Gewerkschaftsbrause.

Liebe Grüße vom wackeligen Schiff, Euer

P.S.: Chlepfmoscht ist auch ein schöner schweizerischer Begriff. Wenn man das zu Schampus sagt, kann es sein, dass der Gastgeber sich erregt.

Köln-Nizza (6): zweiter Seetag

Ihr Lieben,

diese an Sachma!s nicht gerade arme Reise wird heute um ein weiteres ergänzt. Nach Veröffentlichung meines Tagebuchs trank ich gestern noch einen Rosé in einer Bar. Als ich danach einen doppelten Rosé für die Kabine mitnehmen wollte, erhielt ich vom Kellner die Auskunft, ich hätte mein Limit erreicht, ich könne nur einen einfachen Rosé bekommen. Verdattert nahm ich das erst einmal hin. Auf dem Zimmer googelte ich, Premium Getränkepaket heiße maximal 15 alkoholische Getränke, ansonsten ohne Limit. Tja, ich hatte aber keine 15 Alkoholika.

Ich zur Rezeption. „Nee, Sie haben noch fünf Drinks frei.“ Man ging mit mir zu einer Bar. „Nein, der Gentleman hat noch alle 15 Getränke frei.“ Was ist das für eine Reederei? Wo ich denn einsehen könne, was man mir alles belaste. Ich könne das nicht, aber ich könne jederzeit jeden Kellner fragen. Ich resümiere: An drei verschiedenen Punkten wurden mir drei verschiedene Auskünfte über meinen Kontostand erteilt. Und ich müsse „doch nur einfach fragen“? SACHMA!!

Zur Auflockerung ein Lotsenboot aus Rotterdam

Heute ist wieder Seetag, das Programm ist erneut ohne Highlights. Vor allem: es wiederholt sich. Puzzeln mit Inge, Tanzen mit Pablo, Spanisch mit Jesús. Und möchte ich heute wieder Jonglage und Handschattenspiele sehen? Ich gebe Euch einen Tipp: Nein. Nein, das möchte ich nicht.

Ich schlief lange und nahm das erste Mal Frühstück im Buffet-Restaurant ein. Mache ich dann auch nicht noch einmal. Was für ein Gewusel. Zwei Kaffeekannen für geschätzt 500 Gäste. Und man muss sich ja quasi alles an verschiedenen Ecken zusammensuchen – Eier, Brot, Obst, Kaffee, jedes Mal mit einer Schlange – und dann in einem unchoreografierten Pas de Mille zum Tisch spedieren.

Die Rezeption ließ mich per kleinem Brief unter der Tür wissen, man möchte mit mir sprechen. Die Schreiberin war aber nicht mehr im Dienst und so wurde von einem anderen Rezeptionisten gemutmaßt, was man mit mir besprechen wolle. Ich erwähnte die diversen Vorkommnisse. Ja, bei der Überschwemmung wäre viel los gewesen, in Ausflugsfragen sei man ja nicht involviert und „Ich kann sehen, Sie hatten heute erst einen Drink!“. What? Ja klar, zum Frühstück nehme ich immer gerne einen Cocktail. Ich hatte genau ein Wasser bis dahin.

Ich organisierte mir eine Limo und begab mich auf den Balkon. Dort glotzte ich die englische Küste an, las mich in die Sehenswürdigkeiten Brests ein und machte mich über das Guggenheim-Museum schlau.

Wenn Ihr genau hinseht, erkennt Ihr winkende Briten.

Hunger hatte ich zwar keinen, aber es galt, Zeit totzuschlagen, daher ging ich trotzdem zum Mittagessen, wo ich ein paar frittierte Meeresfrüchte knabberte. Diesmal mit einem betagten Schweizer Ehepaar und einem jungen, polnischen Pärchen. Beide Paare ausnehmend sympathisch. Wir hatten eine sehr angeregte Unterhaltung.

Wieder auf dem Zimmer fand ich einen Brief des Ausflugsteams vor. Man bedaure, dass man meine Ausflugsplanung durcheinander gebracht habe. Ich möge doch bitte auf Einladung an einer anderen, wenn auch kleineren Schiffstour teilnehmen. Das fand ich dann irgendwie ganz nett.

Den Nachmittag verbrachte ich mit Handydaddelei auf der Kabine, mein Brest-Rundgang ist auch fertig geplant. Und ich weiß, dass ich im Museum anderes zu erwarten habe, als gedacht.

Zur Auflockerung ein Lotsenboot aus Warnemünde

Als Vorabendprogramm hörte ich mir in einer der kleineren Bars Easy Listening-Musik an. Songs zum Mitsummen. Mag ich. Das Abendessen war wegen zweier Missverständnisse unglaublich reichhaltig, da ich zwei Vorspeisen und zwei Desserts bekam. Wie bitte? Unverschämtheit! Ich sagte doch, es war ein Missverständnis!

So, jetzt langweile ich Euch nur noch mit ein paar Food-Fotos. Ja, alles von heute. 🫣

Morgen landen wir um 7 Uhr an und fahren um 15 Uhr schon weiter, da muss ich früh raus. Habt einen schönen Abend, bis morgen! Euer

P.S.: Die Bullaugen in den Restaurants auf den unteren Decks sind konvex gewölbt. So entsteht der Eindruck, das Meer sei gebirgig.

Köln-Nizza (5): Rotterdam

Ihr Lieben,

ich glaub’s ja nicht: jetzt haben selbst Kreuzfahrtschiffe schon Verspätung! Auf der Nieuwe Maas herrschte so viel Verkehr, dass wir 30 Minuten später als geplant anlandeten. Anzeige ist raus!!

Das Frühstück war heute als Brunch getarnt. Um 9 Uhr früh konnte man Burger und Steak bestellen! Und einige taten das auch. Was stimmt mit denen nicht? Ich beließ es bei Egg Benedikt. Für den Speck hätte ich allerdings mehr Implantate benötigt. Vielleicht die von Jaws (aka Beißer) aus den Bond-Filmen. Heute wurde auch nicht viel geredet, es waren ausgesprochen muffelige Mitreisende an meinem Tisch. Ob denen nachts das Klo übergelaufen war? Man weiß es nicht.

Um 11:30 Uhr konnte ich vom Schiff runter. Ich ließ Suchmaschinen bestimmen, was ich zu sehen hatte. So führte mich mein erster Weg über die Erasmusbrücke am Leuvehaven vorbei bis zur modernen Markthalle. Große Teile von Rotterdam sind übrigens als modern zu bezeichnen, da die Nazis die Innenstadt 1940 durch Flächenbombardement fast komplett zerstörten. Die Markthalle hat riesige Ausmaße und ist für ihre Deckenmalerei bekannt. Es gibt einige nette Geschäfte dort, unter anderem – laut Eigenwerbung – den ersten Erdnussbuttersupermarkt der Welt. Alles ist aber einen Tacken touristisch und nicht preiswert. In der unteren Etage ist das dann nicht mehr ganz so.

Direkt neben der Markthalle stehen die von Piet Blom geplanten Kubushäuser, die Anfang der 80er Jahre gebaut wurden. Man mag es zwar kaum glauben, aber da leben wirklich Menschen drin. Nur zwei Kuben (eigene Recherche, also nicht verlässlich) sind zugänglich. Ein kleines Kunstprojekt (4 Euro Eintritt) sowie das offizielle Kijk-Kubus-Museum (3,50 Euro). Letzeres gönnte ich mir trotz bzw. wegen kurzer Warteschlange. Innen ist alles etwas abgeranzt, man erahnt es vielleicht auf den Bildern. Und wie Speditionen da einen Flügel reinbekommen sollen, ist mir schleierhaft. Die Treppen sind „Haxenbrecher“!

Auf der anderen Seite der Markthalle befindet sich die Sint-Laurents-Kerk. Die hätte ich gerne als einzig erhaltenes mittelalterliches Zeugnis nach der Bombardierung besichtigt, sie war aber wegen einer Privatfeier für die Öffentlichkeit gesperrt. Die Kirche war damals und ist halt auch heute immer noch käuflich. Und dabei hätte ich so gerne gebetet. Ehrlich! Vor der Kirche dann die Statue des berühmtesten Sohnes der Stadt: Erasmus da Vinci. Scherz. Er wird Fürst der Humanisten genannt, setzte sich kritisch mit Kirche, Adel und Lehre auseinander. Der Gute lag sich auch sehr mit Martin Luther in den Haaren.

Die Einkaufsstraße, die mich den nächsten Zielen näherbringen sollte, ist ein bisschen langweilig, eine Schildergasse gleicht ja der anderen. Nur hier gibt es dann auch mal eine offene „unterirdische“ Passage und man kommt am World Trade Center und an der Börse vorbei. Wenn man dann in den Mauritsweg abbiegt, dort stehen ein paar markante Skulpturen u.a. von Rodin, Laurens oder Wotruba an einem kleinen Wasserlauf, stößt man automatisch auf die Eendrachtsplein. Um diesen Platz zu verschönern, kaufte die Stadt Rotterdam 2001 für 180.000 Euro die sechs Meter hohe Statue „Santa Claus“ des amerikanischen Künstlers Paul McCarthy. Leider sieht der Weihnachtsmann nicht wie ein Weihnachtsmann aus und der Weihnachtsbaum auch nicht wie ein Weihnachtsbaum. Die Einheimischen regten sich ein bisschen auf und tauften das Werk Kabouter Buttplug, frei übersetzt „Zwerg Analstöpsel“. Paul McCarthy stört diese Interpretation angeblich nicht.

Ein paar Schritte weiter findet sich das Art Depot Museum Boijmans Van Beuningen, dahinter der Museumspark. Das Gebäude spiegelt die Umgebung in seiner reflektierenden Fassade. Ein beeindruckender Anblick, der auf meinen Bildern leider nicht so herauskommt, da im Gegenlicht und bei Bewölkung fotografiert. Auch in der Umgebung wieder viel Kunst im öffentlichen Raum.

Über den Nieuwe Binnenweg (eine nette Multikulti-Läden-Straße) lief ich weiter Richtung Delfshaven. Wie der Name schon sagt, war dieser Ort der Hafen von Delft, den die dortigen Stadtväter anlegten, um Steuerzahlungen an Rotterdam zu umgehen. Apropos Väter: Hier brachen auch die „Pilgerväter“ mit dem Schiff Speedwell nach England auf, um dort auf die Mayflower umzusteigen. Sie selbst nannten sich übrigens nicht selbst Pilgerväter, sondern ganz bescheiden „Saints“, Heilige. Die Kirche des Aufbruchs heißt Pilgervaterkirche und daneben residiert die Brauerei Pelgrim, die einzige ihrer Art in Rotterdam. Ich trank dort ein seeehr süffiges Lager namens Speedwell. Für einen sehr siffigen Preis. Naja, nichts gegen die Preise in Norwegen.

Das entscheidende an Delfshaven ist, dass das Bombardement an ihm vorbeigegangen ist. Daher erlebt man hier einen zauberhaften Stadtteil, mit Grachten, Zugbrücken, Giebel- und Stapelhäusern, mit einer Mühle, Glockenspielen und charmanten Gebäuden. An den Ufern sind Schiffe angetäut, es gibt schöne Außenterrassen. Zauberhaft!, ich erwähnte es bereits. Insgesamt hat mich Rotterdam überrascht. Die Moderne hat sich um Ansehnlichkeit bemüht, das Alte wurde großteils gewürdigt. Dann kommt dazu ja auch noch der Hafen, der größte Seehafen Europas. Und wer mich kennt, weiß, dass Häfen auf mich eine emotionale Wirkung haben. Also, die Stadt ist definitiv eine eigene Reise wert!

Was auf meiner To-Do-List stand war eine Wassertaxi-Fahrt. Die aber sind so begehrt, dass man ohne Vorbuchung in der Wassertaxi-App keine Chance auf einen Transfer hat. Wenn ich in Delfshaven drei Stunden gewartet hätte, hätte mich eins mitgenommen. Und da ich schon vier Stunden gelaufen war (na gut, 30 Minuten Bier-Tasting abziehen), nahm ich die Metro zurück zum Cruise-Terminal. War auch schön! Man geht übrigens mit der Kreditkarte durch die Schranken. Ein System, das ich seit Jahren lobpreise! Und alle zwei Minuten kommt ein Zug. Kann man auch nicht genug lobpreisen!

Das Schöne an Landgängen ist, dass man die Kalorienzufuhr der Seetage zumindest etwas kompensiert. Einmal durch Wegfall der Möglichkeit des Sich-permanent-Vollstopfens, als auch durch die Zahl der Schritte, die man getan. Erwähnte ich eigentlich, dass ich mir zwei neue Paar Sneakers für die Reise geleistet hatte? Und nur diese mithabe? Was wäre ich jetzt dankbar für meine ausgelatschten Treter! Kurz überlegte ich, ob es jemanden störte, wenn ich auf Socken herumliefe.

Als Show-Act gab es heute irgendetwas mit elektronischer Geige. Ich wette, das war ein toller Auftritt, leider finde ich Geige aber per se schwierig, insbesondere, wenn sie elektronisch (oder „rockig“) ist. Daher schenkte ich mir das. David Garrett und Vanessa-Mae verursachen mir z.B. körperliche Schmerzen. Selbst bei Anne-Sofie Mutters Aufführung des 2. Violinkonzerts von Bartok in den 90ern in der Kölner Philharmonie hat es mich schwer geschüttelt. Aber ich schweife schon wieder ab. Statt also auf Suche nach Unterhaltung zu gehen, begann ich mein Tagebuch in einer der Bars zu schreiben, nahm mir dann ein Glas Sekt mit auf die Kabine, setzte mich auf den rauchfreien (yeah!) Balkon und seufzte. Was für ein schöner Tag das heute gewesen ist! Das sagt man sich viel zu selten. Gut, bei mir war das einfach. Gebt dem Gerry das Meer, Gewässer, eine interessante Stadt, ein leckeres Bier und gutes Wetter. Dann ist er… warum redest Du eigentlich in der dritten Person von Dir? Und jetzt in der zweiten? Oooops, sorry, dann bin ich zufrieden!

Nach der Ausfahrt im Rückwärtsgang ging es ins Restaurant. Das Abendessen war wieder völlig in Ordnung (butterzarter Sepia, saftiges Bouef Bourgignon); Marc und Lira kümmern sich toll um uns drei (ja, die anderen 5 Personen bleiben verschollen), und wir bringen ihnen Deutsch bei und sie uns Tagalog. Nicht, dass ich das nicht schon vorher perfekt beherrscht hätte 🙂

Morgen dann wieder ein Seetag, bevor wir in Brest anlanden. Lässt sich ja auch überstehen. Ich werde mich mal ausführlich über das Guggenheim-Museum informieren. Einer der Söhne der australischen Lehrerin i.R., die gestern beim Mittagessen neben mir saß, ist Ressortchef Kultur einer auflagenstarken Zeitung und hat in mehreren berühmten Museen hospitieren dürfen; zwei Monate war er z.B. in Bilbao im Guggenheim. Es gibt schon tolle Jobs (ich musste allerdings an Mr. Bean und das Bildnis von Whistlers Mutter denken)!

Ihr Lieben, wir sehen uns morgen wieder bei einem entspannten Tag ohne Verpflichtungen, wenn Ihr mögt. Bis dahin Euch allen alles Liebe und Gute! Euer

Share Coffee, share Love!

Köln-Nizza (4): erster Seetag

Ihr Lieben,

gestern gönnte ich mir nach der Ausfahrt erst einmal einen Schampus. Der war nämlich in meinem Getränkepaket enthalten, das auch entsprechend teuer war. Aber bei der Buchung saßen rechts auf meiner Schulter ein angeheitertes und links ein beschwipstes Engelchen, da musste ich zugreifen. Streamende und chattende Engelchen tauchten hingegen nicht auf, für das Internetpaket (200 Euro!!!) war ich daher nicht aufgeschlossen genug.

Um 19 Uhr ging es wieder ins Theater, es war Showabend. Und irgendwie musste ich ja die Zeit bis zum Abendessen herumbekommen. Es gibt nämlich Tischzeiten. Die erste um 17.45 Uhr, die zweite angeblich drei Stunden später (zweieinhalb, wie sich später herausstellte). Man hatte mich bei der Buchung wohl im Altersheim verortet und mir ohne Nachfrage die frühe Tischzeit zugeteilt. Herrjeh. Das änderte ich sofort, dann lieber erst nachts speisen. Notfalls könnte man auch jederzeit ins Buffet-Restaurant gehen, wobei das für mich Pingel nur zweite Option wäre.

Aber ich war ja eigentlich bei der Show. Ein Jongleur und eine Handschattenspielerin bespaßten uns knapp 40 Minuten lang. Das war jetzt nicht Celine Dion, aber ganz unterhaltsam. Auch die Kreuzfahrtdirektorin stellte sich in dieser Show vor. Ein bisschen zäh wurden beide Veranstaltungen, da alle Ansagen in fünf Sprachen vorgetragen wurden.

Das Abendessen: Neben den festen Zeiten gibt es auch noch feste Plätze. Das kann Vorteile haben, birgt jedoch auch Gefahren. Aber von acht Gästen waren nur drei am Tisch und meine beiden Mitspeisenden erwiesen sich als sehr nettes, vielgereistes, junges Paar aus Hannover. Das Essen war so lala, dafür war die Weinkellnerin flott.

Zum Absacken versuchte ich, eine ruhige Bar zu finden, allein, man war irgendwie auf Krawall aus. Das ruhigste war ein Schlagerabend, aber wer mich kennt, weiß, was das mit meinen Zehennägeln anrichtet. Ich entschied mich für die Karaoke – Bar, da waren erstaunlich stimmstarke Auftritte dabei. Unter anderem ein junger Alice Cooper, bei dem ich mich fragte, wie der sich auf das Schiff verirrt hatte.

Einmal wechselte ich dann noch ins Foyer, um einem Pianospieler zu lauschen. Gegen Mitternacht fühlte ich mich bettreif, ging noch einmal ins Bad und betätigte die Toilettenspülung. Leider hörte das Wasser danach nicht mehr auf, zu fließen. Und das ist bei Schiffstoiletten ein Problem. Das Klo lief über und flutete mein Bad. Immerhin gibt es einen Abfluss am Boden, der schlimmeres verhinderte. Ich rief die Rezeption mehrmals an, man drückte mich weg. Ich lief hinunter. Eine Rezeptionistin und zwei erregte Klientinnen. Ich drängelte mich vor, es sei ein Notfall. Jaja, es käme jemand vorbei.

Ich wartete 20 Minuten. Es kam niemand. Ich sprach einen Maler an, der Ausbesserungsarbeiten im Flur vornahm. Der organisierte einen Klempner, einen würdigen alten Mann, den ich sofort als englischen Lord für einen Film casten würde, begleitet durch ein weiteres Crew-Mitglied. Der Lord fummelte dann noch einmal 20 Minuten herum, bis das Problem gelöst war. Man verabschiedete sich; dass das Bad noch überflutet war, interessierte keinen. Egal, ich streute Handtücher aus. Gerade, als ich wieder im Bett lag, rief die Rezeptionistin an. Ich möge doch zukünftig anrufen, wenn ich Probleme hätte, und nicht herunterkommen. Sachma!!

Gegen 4 Uhr nachts wurde ich wach, es pfiff durch alle Ritzen und das Schiff krängte, rollte und stampfte. Jaja, Kattegat und Skagerrak haben es faustdick hinter den Ohren! War aber nicht allzu dramatisch.

Das Frühstück nahm ich im Restaurant ein. Man hat reichlich Auswahl aus einer Karte und alles ist von guter Qualität. Am Tisch auch Kanadier, es sind angeblich über 50 Nationen an Bord. Spannend. Die Deutschen stellen aber – so die, Achtung!, „Guest Experience Ambassador für deutschsprachige Gäste“, Monika – 51%. Dä! Die Hunnen kommen!

Eine Bar geschmackvoller als die andere.

Ja, was treibt man denn nun an so Seetagen? So gut wie nix. Man gibt sich bordseits redlich Mühe, für jeden Passagier etwas zu finden, um ihn zu unterhlten, aber ich bin da ein schwieriger Kandidat. Cocktailkurse, Brotbackseminare und Weinverkostungen wurden ohnehin nicht angeboten, Puzzlechallenges, Yoga und Tanzkurse sind bekanntlich nicht meins. Also besuchte ich „Spanisch mit Jesús“, aber leider bin ich schon etwas weiter als „Hola, me llamo Gerald“. Eine Dreiviertelstunde später versuchte ich mich in Italienisch, das war dann zum Auffrischen des Basisvokabulars ganz nett. Die Vortragende war zudem sehr humorvoll.

Ansonsten frisst und säuft man, dreht Runden durch das Schiff, bestaunt keifende Ehepaare, ältere, aufgetakelte Damen, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheinen (Nerzstola) und japanische Teenies, die hysterisch kreischen, wenn sie beim Shuffleboard Punkte einfahren. Apropos Teenies. Das Durchschnittsalter an Bord liegt (von der Crew mal abgesehen) gefühlt bei etwa 70 Jahren. Ein bisschen sind Seetage wie Ruhestand bei Regenwetter, nur ohne Einkaufsstress. Um auf dem Oberdeck herumzulungern ist es übrigens heute viel zu kalt und windig.

Nach dem Mittagessen (mit drei australischen Pensionisten am Tisch) gab es einen schaukelnden Mittagsschlaf, dann Kaffee und Kuchen, dann Champagner, dann Abendessen. Heute das gefürchtete Galadinner mit Kapitänsgedöns und „eleganter Garderobe“. Ich fühlte mich in weißer Leinenhose, weißem Leinenhemd und weißen Sneakern elegant genug, auch wenn ich fast aussah, wie ein Guru. Fehlte nur noch die Holzperlenkette.

Bevor ich aber zum Abendessen aufbrach, musste ich noch zum Ausflugsbüro. Man hatte die Bordbesichtigung, die ich gebucht hatte, kurzerhand gesplittet und einen der beiden Teile auf Tage gelegt, an denen ich a) im Guggenheim-Museum bzw. b) in Guimaraes zu verweilen gedachte. „Na, dann nur den ersten Teil“, erklärte mir die Dame am Tresen mit gewinnendem Lächeln. Häh? „Sorry, das ist doof jetzt“, „Oh, wie schade, tut uns leid“? Fehlanzeige. Ich cancelte die ganze Tour. Ob ich bitte eine Bestätigung bekommen könne, wegen der Rückerstattung der Kosten? Das gewinnende Lächeln war längst weg: „Nein, das sehen Sie dann ja irgendwann auf Ihrem Bordkonto.“ Sachma!!

Ich hatte immer noch Schicht 2 beim Abendessen und schaute mir vorher eine kurze Show und ein Grußwort des Capitán im Theater an.

Das Abendessen war wieder sehr nett, wieder fehlten die 5 anderen Gäste, was uns aber nicht störte. Zudem war das Essen sehr gut, einer der Vorteile eines Galaabends, dann ist immer alles sehr erlesen.

Zum Abschluss möchte ich auch noch – ich motze ja oft ein bisschen herum – etwas ausgesprochen positives loswerden: Der Kabinensteward, die Servicekräfte in den Bars und Restaurants (die meisten von den Philippinen, wie auf fast allen Schiffen) und der Großteil der restlichen Belegschaft sind grandiose Menschen.

So, morgen Rotterdam. Da war ich noch nie, soll man es glauben? Das Schiff verkauft teure Karten für einen Shuttlebus ins Zentrum. Naja, das ist 5 Minuten vom Hafen entfernt, das kann man auch selbst bewältigen. Da laufe ich dann fast ziellos rum. Lauft Ihr mit? Würde mich sehr freuen. Liebe Grüße von hoher See, Euer

P.S.: Ich habe jetzt doch ein Internetpaket erstanden. Ich wollte heute viel zu viel ergoogeln und ein bisschen Erreichbarkeit ist ja auch wichtig. Was? Okay, bin ich halt süchtig.

Köln-Nizza (3): Die Einschiffung

Ihr Lieben,

wie immer, das Wichtigste vom Tage zuerst: das Frühstück war absolut hinnehmbar, toll war das Fisch-Büffet. Auch ein Gläschen Sekt gab es. Alles in allem ein gutes Hotel, auch wenn an einigen Ecken das Design die Funktion veräppelte. Und wenn man um 22 Uhr abends eine Nachricht erhält, man solle sich selbst schon elektronisch hinauskomplimentieren, finde ich das grenzwertig. Self-check-out heißt das wohl. Leutz!

Drei Stunden musste ich bis zur Einschiffung totschlagen. So lief ich erst einmal zum Cruise-Terminal, um den Pott zu bestaunen. Er ist riesig. Ich lief durch Seitenstraßen bis zum Hotel Neptun, einer Scheußlichkeit aus den 70er Jahren, die Warnemünde haushoch (hihi) überragt. Gut, das Schiff ist ja auch gewissermaßen eine Monstrosität. Im „Teepott“ trank ich dann widerrechtlich einen Kaffee und glotzte auf die Ostsee und die vorbeiflanierenden Menschen. Man merkt, dass MSC eine italienische Reederei ist, italienisch ist jetzt vorherrschend im babylonischen Sprachgewirr auf den Promenaden und Terrassen.

Ich holte meine Siebensachen aus dem Hotel und begab mich zum Auswanderungsbüro am Hafen. Das Einschiffen war easy, die Rettungsübung erfolgte per TV und Anruf einer Nummer, dass man alles verstanden habe.

Die Kabine ist okay, ich bin 3 Stockwerke über dem 8. Rettungsboot von rechts. Mein Gepäck kam später, daher machte ich, was man gemeinhin auf Schiffen so macht: Fressen und Saufen. Das Begrüßungsmenü gab es in einem Restaurant, wo ich mit Süddeutschen platziert wurde, deren Dialekt ich nur mit großer Anstrengung folgen konnte. War dennoch sehr unterhaltsam. Alles weitgereiste Greise. Naja, wie ich halt.

Ich bbesichtigte das Schiff, erwähnte ich, dass es riesig ist? Dabei ist es laut Eigenbeschreibung eines der kleineren der Música-Klasse. Puh! Es gibt ein paar Restaurants, viele Bars, viel Animation (meistens mit viel Geräusch verbunden), Spas, Pools, Spieleecken. Und zu essen gibt es 24/7.

Um 16 Uhr fand ich mich zu einer Begrüßung der deutschsprachigen Gäste ein. Das war dann aber später mehr eine Verkaufsveranstaltung. Aber so lernte ich auf dem Weg ins große (und sehr kitschige) Theater auch weitere mittelgroße (und stellenweise sehr kitschige) Bars kennen. Um 17 Uhr verließen wir recht unspektakulär den Hafen Rostocks, mit viel weniger Zuschauern als gestern die Aida.

Für heute ist dann auch erstmal Schluss, ich melde mich, wenn ich wieder sicheren Empfang habe. Bis denne, Euer

Köln-Nizza (2): Warnemünde

Ihr Lieben,

gestern sitze ich dumm an meinem Schreibtisch herum, da klingelt um 21 Uhr mein Handy. Nummer aus Innsbruck. Weggedrückt, was habe ich mit Innsbruck zu schaffen? 10 Minuten später: Nummer aus Innsbruck. Ich unwirsch: „WAS???“. „Hotel xyz hier. Wo bleiben Sie, Sie wollten um 17 Uhr einchecken?“. Meine Stornierung war im System nicht vermerkt worden. Es konnte aber aufgeklärt werden, ich hatte die Storno-Bestätigung aufgehoben.

Was inzwischen weltweit bekannt sein dürfte: ich liiiiebe reisen, aber hasse packen! Immerhin habe ich seit 100 Jahren eine Kofferpackliste, so dass ich nichts vergesse. Da stehen merkwürdige Sachen drin, Anzug und Krawatte z.B. Herrjeh. Bräuchte man beim Käpt’ns Dinner, aber da habe ich prinzipiell wenig Lust drauf, das ist mir zu viel Chi-chi. Bleiben also zuhause. Auch sonst gebe ich mir inzwischen wenig Mühe. Koffer unter das Schrankbrett, einmal mit dem Arm alles rauswischen, fertig.

Sonntags um 8:45 Uhr musste ich am Kölner Hauptbahnhof sein, und das am Tag des Köln-Marathons. Puh! Ich stand früh auf und machte mich eine halbe Stunde eher als eigentlich erforderlich auf. Das war gut so, denn es fiel schon die erste Straßenbahn aus. In Deutz stieg ich in die S-Bahn zum Hauptbahnhof um. Vor dem Bahnhof alles gesperrt und voll von Menschen in bunter Funktionskleidung. Tausende! Ich hoffe, alle hatten Spaß beim Rennen.

Ihr Lieben, Ihr wisst, wie gern ich auf der Bahn rumhacke, aber heute geschah ein Wunder. Meine fast 7-stündige Reise verlief ohne jedwedes Problem, ich kam auf die Minute pünktlich in Warnemünde an. Tränen der Rührung wegen der Erinnerung an bessere Zeiten kullerten mir die Wange herunter. Es schienen aber nicht alle so ein Glück gehabt zu haben, denn der Zug war brechend voll von Menschen, deren Züge ausgefallen oder massiv verspätet waren. Die stritten sich dann mit den Menschen, die für den ICE Rügen, so heißt die Verbindung Köln-Rostock, keine Sitzplatz-Reservierung hatten um die wenigen freien Plätze.

Das Hotel macht einen sehr guten ersten Eindruck, ich schaue zwar in den Hinterhof, aber ich wollte ja auch nicht glotzend auf der Bettkante sitzen. Ich schmiss meine Plünnen ins Zimmer und begab mich auf Entdeckungstour. Vor fünf Jahren war ich schon einmal in Warnemünde, daher schlenderte ich entspannt über die pittoreske Alexandrinenstraße zum Strand, zum Teepott, einer Art Kurhaus, die aber eher an die schwangere Auster Berlins als an einen Teepott erinnert, zum Leuchtturm und zu den Leuchtfeuern.

Zurück ging es dann den Alten Strom entlang , wo ich aufschnappte, dass ein Schiffskonvoi die Ausfahrt des Kreuzfahrtschiffes AIDAmar begleiten würde. Das klang doch prima. An Bahnhof und Riesenrad vorbei lief ich zum Ufer vor dem Cruise-Terminal, wo halb Warnemünde versammelt war. Leutz, ich weiß, es ist ökologisch Scheiße, aber ich bin Muschelschubser und liebe das Meer, Boote, Schiffe, ferne Welten. Und als alle um die Wette tuteten, sich das majestätische Schiff und die ganzen Ausflugskutter zu einer Parade formierten, da floss mein Herz über. Morgen, da wird man mir dann zuwinken. Leider ist mein Balkon auf der falschen Seite…

Eine Kollegin riet mir, in Warnemünde das DDR-Schnitzel zu essen. Panierte Jagdwurst mit Spirelli und Tomatensauce. Ich fand es auf keiner Karte der Restaurants am Strom (übrigens angesichts des Gewässers ein etwas hochtrabender Name), daher ließ ich mich auf Fischsuppe und Würzfleisch (ist ja auch eine DDR-Spezialität) nieder und guckte dem Treiben auf der Promenade zu. Als ich ankam, war Warnemünde proppevoll, und auch als die Aida schon lange weg war, gab es genug Publikum aus aller Welt zu bestaunen. Das Essen auf der Terrasse des „Twee“ war übrigens sehr lecker! Es gibt Worcestershiresauce Dresdner Art hier, kein Scherz.

Zwar lag auf meinem Zimmer eine Broschüre einer Discothek, aber ich wollte meinen inneren Travolta nicht wecken. Er schläft schon so lange. Daher zog ich mich ins Hotelzimmer zurück, schrieb Tagebuch und werde jetzt ein bisschen streamen.

Morgen um 13 Uhr ist Einschiffung. Zu sehen an Land gibt es dann erst wieder etwas in zwei Tagen in Rotterdam. Übrigens, ganz wichtige Info für Euch: Meine Kabinennummer ist 11160; solltet ihr gerne einen Obstkorb oder eine Flasche Wein für mich ordern wollen (insbesondere letzteres beflügelt ja mein Dichterherz!).

Also, ich hoffe, wir lesen uns morgen Abend wieder. Kann allerdings sein, dass ich auf See kein Netz habe und der Bericht verspätet kommt.

Liebe Grüße aus Warnemünde, Euer

„Aber ich bin der Koch!!!“ – „Vorschrift ist Vorschrift.“

Köln-Nizza (1): Der Prolog

Ihr Lieben,

ich hatte es schon in irgendeinem Schnipsel erwähnt: ich fühlte mich zu erschöpft für meine geplante (genauer: schon durchgebuchte) Autoreise durch Europas Süden. Die Vorstellung, 3.600 Kilometer in 18 Tagen zu fahren, dabei in 11 Hotels zu übernachten, immer Ein- und Auscheckzeiten zu beachten, die Reiseroute zu kontrollieren… das war mir auf einmal zu viel. So beschloss ich am Abend einer Rückkehr von einer Dienstreise nach Braunschweig, alles zu stornieren und gar nichts zu machen. Einfach nur zuhause sein. HAH! Bei einem Hotel hatte ich die Stornofrist überschritten, man war aber so kulant, mir den Betrag dennoch rückzuerstatten.

Einen Tag später erhielt ich eine Werbemail. MSC, eine italienische Kreuzfahrtreederei, haue Restposten zum Schleuderpreis raus. 12 Tage von Warnemünde nach Marseille für ’n Appel und ’n Ei. Ich erwähnte das einer kreuzfahrterfahrenen Kollegin gegenüber, die beim Namen der Reederei deutlich zusammenzuckte. Beim Schiffsnamen dann schüttelte es sie. Normalerweise hätte ich auf sie gehört, da ich sie sehr schätze, aber das Bild weißgewandeter Stewards, die mir farbenfrohe Cocktails servieren, vernebelte mir das Hirn und ich buchte eine Kabine. Es hieß, die hätte auf jeden Fall ein Fenster, es könne aber sein, dass ich massive Sichtbeschränkungen hätte. Hm. Es wurde eine Balkonkabine. Yeah. Und bei italienischen Reedereien herrscht dort Rauchverbot. YEAHYEAH! Das hat mich damals bei „Mein Schiff“ sehr gestört, ich konnte den Balkon wegen dauerquarzender Nachbarn quasi gar nicht nutzen.

Auf die Bahn kann und will ich mich ja nicht mehr verlassen, daher buchte ich außerdem ein Hotelzimmer in Warnemünde und ein Zugticket, um mit der DB 30 Stunden vor Einschiffung abzureisen. Hoffentlich reicht die Zeit!

Ausflüge habe ich kaum gebucht, ich will einfach nur viel in den angelaufenen Städten herumlaufen. Klar, für das Guggenheim-Museum in Bilbao habe ich mir einen Eintritt reserviert, da fahre ich dann mit einer Taxe hin. Und für Portugal habe ich einen Ausflug nach Guimarães gebucht, da ich Porto schon kenne und im August 2027 wieder dort sein werde. Apropos: die Stationen sind Rotterdam, Brest, Bilbao, Porto (Leixões), Malaga und Marseille. Nach Nizza fahre ich dann mit dem Zug.

Ein Getränkepaket habe ich mir geleistet, eine Wifi-Flatrate nicht. Beides kostet etwa gleich viel. Möglicherweise werde ich daher an den vielen Seetagen keinen Empfang haben und meine Reiseberichte werden mit Sicherheit zeitversetzt online gehen. Aber immerhin wisst Ihr jetzt, dass, wenn Ihr mal nichts von mir hört, es nicht an den turmhohen Wellen im Golf von Biskaya liegt, die mich von Bord rissen, weshalb ich gezwungen bin, den Rest meines Lebens auf dem Meeresgrund in Mr. Crabs Diner zu arbeiten (hat da überhaupt schon mal wer Trinkgeld gegeben?).

Ich freue mich sehr auf die Reise! Freut Ihr Euch auch schon? Wollen wir uns zusammen freuen? Ich freue mich ja bekanntermaßen auch über virtuelle Begleitung! So, nun aber genug vorgefreut, Sonntag geht es los. Viele liebe Grüße, Euer

P.S.: Das Vorschaubild ist von meiner Norwegen/Dänemark-Schiffsreise 2021 und zeigt die Leuchtfeuer in Warnemünde.

P.P.S.: Serviert man in Mr. Crabs Diner eigentlich auch Sea-Food?