Köln-Nizza (15): Monaco

Ihr Lieben,

ich verliere mal keine weiteren Worte über meine Unterkunft. Hach, und verliere sie doch. Die Appartements sind ganz offensichtlich beliebt bei jungen Party-People. Was nicht verwundert, ist doch auch auf der Straße viel Party. Ich fürchte, Nizza ist ein Hot-Spot für laute Menschen. Das Frühstück hingegen war ganz nach meinem Geschmack. Naja, ich habe es ja selbst in meiner Kitchenette zubereitet, was soll ich anderes sagen? Ansonsten, Oropax ist ja immer im Gepäck mit dabei.

Ich war schon einmal mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder (und mit unserem Dackel Lümmel) in Nizza. Das war zu der Zeit, als ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alles Volk sich zählen lasse. Wir wollten nach Korsika übersetzen und irgendwas war mit der Fähre. Wir landeten in einem grauslichen Hotel in einer finsteren Gegend, das Auto wurde aus dem Fenster heraus die ganze Nacht von uns überwacht, ich hatte mein erstes Croissant in meinem Leben (und fand es eklig), und die Überfahrt, die dann bei Sturm am nächsten Morgen stattfand, tat ein übriges, eine nicht so tolle Erinnerung zu haben. Und nun? Ich hatte es bereits verraten, ich mag Nizza! Und was war ich jetzt gespannt auf Monaco. Für beide Städte hatte ich übrigens, seitdem feststand, dass ich dort hinfahre, mehr als 350 Tipps bekommen, was ich alles sehen müsse. Da kann man schon erahnen, dass auch eine Woche hier rumgebracht werden kann. Ich werde jedenfalls nur einen Bruchteil schaffen.

Die Fahrt von Nizza nach Monaco dauert nur etwas mehr als eine halbe Stunde. Vorher aber muss man eine Stunde am Fahrkartenautomaten anstehen. Ich empfehle, die TER-App am Abend vorher zu bemühen. Der Zug ist, man könnte meinen, die Herbstferien hätten begonnen, brechend voll. Die Bewölkung von gestern störte auch bei Abfahrt noch, aber, ich nehme es vorweg, es klarte oft auf und insgesamt war es ein schöner Tag. Wettertechnisch jedenfalls. Zu den unschönen Seiten kommen wir im Verlaufe des Berichts.

Die Zugstrecke ist wieder ein Traum. Schöne Bergdörfer, viel mehr Meer, Wälder, Zypressen, und – wieder habe ich Tränen in den Augen – pünktlich. Wenn man in Monaco Ville einfährt, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder erwandert man die Stadt von oben nach unten oder von unten nach oben. Ich nahm im Bahnhof die Aufzüge nach Monte-Carlo hoch. Früher standen dort Oliven- und Zitronenbäume. Fürst Charles dachte 1866, dass das da so nett ist, dass er die Erhebung nach sich selbst benannt hat, Karlsberg. Tja, Bescheidenheit kann man nicht kaufen. Zum Casino muss man noch ein ganzes Stück laufen, dabei geht es aber in der Regel moderat abwärts.

Das Casino selbst ist architektonisch nicht uninteressant, aber ansonsten eine Enttäuschung. Die Vorhalle darf man für umme sehen, wenn man aber in das Reich der MI6-Agenten und der Superschurken vordringen möchte, muss man 20 Euro blechen. Und dann läuft man in prunkvolle Säle, die voller elektronischer Spielautomaten stehen. Nur ganz hinten gibt es einen reinen „Tisch-Saal“ für Roulette und Black Jack, wie ich vermute. Whatever happened to class?? Einen James-Bond-Martini hätte man auch trinken können, für 23 Euro. Aber da kein Largo, keine Domino noch Xenia Onatopp zugegen waren, schenkte ich mir diese Erfahrung. Mich hat die ganze Erfahrung geschüttelt, nicht gerührt.

Hinter dem Casino geht es zu einem der Häfen hinunter, da liegen die Ruderboote der Schönen und Reichen. Man geht dann eine Serpentine hoch und steht an der Bushaltestelle, von der Busse nach Monaco Ville, der Altstadt fahren. War ich vom Hochhaus-Monaco und der Casino-Umgebung eher enttäuscht, hat mich die Altstadt vor dem Fürstenpalast begeistert. Es war überraschend wenig los, es gibt viele nette Restaurants, Souvenirshops, Gassen und Plätzchen. Und dann noch den exotischen Garten (Grace-Kelly-Statue!) sowie die prachtvolle Kathedrale. An einem Punkt neben dem Altarraum knubbelte es sich etwas. Wer errät es? Hier findet sich die letzte Ruhestätte der Princessa Gracia Patricia Grimaldi de Monaco. Mein übliches Kerzchen für alle Reisenden zündete ich allerdings in der kleinen Gnadenkapelle am Altstadteingang an, Chapelle de Misericordia. Die Madonna, die dort den Innenraum beherrscht, könnte auch in einem dystopischen Vampirfilm mitspielen, sie wird unheimlich von unten angestrahlt. Schöne Ausblicke hat man übrigens auch von da oben und der Palast wird von einem schmucken Gardisten bewacht, der in einem Pas de Un zwischen den Wachhäuschen hin- und hertänzelt.

Am ozeanografischen, gigantomanischen Museumsbau vorbei hangelte ich mich wieder in die Unterstadt, wo ich in eine Kirmes geriet. Ich hatte das Gefühl, ich hätte das Wesen von Monaco jetzt einigermaßen erfasst und nahm mein Handy heraus, um nach dem Weg zum Bahnhof zu suchen. Schock! „Sie haben das von Ihnen festgelegte Kostenlimit für Datentransfer im Ausland erreicht“, leuchtete es mir entgegen. Ich hatte in nicht einmal 4 Stunden Monaco 60 Euro mehr auf meiner Telefonrechnung! WHAT??? He, raus aus dem Euroraum, Ihr schmierigen Gierhälse! Ausreise nur noch gegen Visa. Also so was!
Ihr Lieben, stellt Euer Handy auf Flugmodus, sonst wird’s teuer.

Am Bahnhof hatte ich Glück, der Zug nach Grasse fuhr gerade ein, als ich ankam. Am Bahnhof Nizza dann die nächste Überraschung: Der Bahnhof war gesperrt, die Reisenden mussten um das Bahnhofsgebäude herum die Gleise verlassen. An einem winzigen Durchgang standen schon hunderte an, um in die Gleisbereiche zu gelangen. Was war passiert? Bombendrohung? Brandräumung? Ein paar Schritte in Richtung Hotel wurde klar, dass das wahrscheinlich einer Demonstration geschuldet war. Am Place Gare Thiers wurde für Palästina demonstriert, am Place Masséna gegen Sozialabbau. Auf der Avenue Jean Médecin vermischte sich das ein bisschen. Ich hatte Bierdurst und setzte mich ins Grand Café de Lyon auf die Terrasse, keine 100 Meter von meinem Zimmer entfernt. Und dann wurde es schnell ungemütlich. Böller wurden geworfen. Das Café räumte Aufsteller rein und schloss die Fensterfronten zur Terrasse. Ob ich bitte zahlen könne. Ich konnte. Demonstranten begannen, Schaufensterscheiben einzuschlagen und Läden zu plündern. Es wurde mir zu tumultig und ich lief über Umwege ins Hotel, wo ich jetzt, während ich dies schreibe, immer noch Gekreische, Sirenen und Böller höre. Demonstrationen für Frieden und Soziale Gerechtigkeit, unter solchen Fahnen darf so etwas nicht passieren.

Ein unschöner Abschluss eines eigentlich ganz netten Tages. Morgen geht mein Flieger erst um 15 Uhr 30, aber ich werde schon um 11 Uhr zum Flughafen aufbrechen, denn spontane Demos könnten wieder den ganzen Verkehr zum Erliegen bringen, und dann käme ich notfalls auch zu Fuß bzw. über Umwege zum Airport.

Ihr Lieben, morgen werde ich mal auf den üblichen Epilog verzichten, ich werde mich nach Ankunft zuhause ins Erkältungsbad und dann ins Bett begeben.

Ich hoffe, unsere kleine Reise hat Euch ein bisschen Freude bereitet und Euch zu neuen Zielen inspiriert. Ich fand es toll, wieder von Euch virtuell begleitet worden zu sein. Wir sehen uns Ende Dezember in Bologna und Umgebung, wenn Ihr mögt. In der Zwischenzeit schnipsele und koche ich aber auch. Bis bald, Euer

P.S.: Eigentlich wollte ich ja unbedingt einen originalen Salade niçoise hier essen, aber draußen werden immer noch Gegenstände geworfen, da nehme ich mit ein bisschen Meeresfrüchtesalat und Kaninchenpastete vorlieb, die ich im Supermarkt ergattert habe.

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