Ihr Lieben,
gestern gönnte ich mir nach der Ausfahrt erst einmal einen Schampus. Der war nämlich in meinem Getränkepaket enthalten, das auch entsprechend teuer war. Aber bei der Buchung saßen rechts auf meiner Schulter ein angeheitertes und links ein beschwipstes Engelchen, da musste ich zugreifen. Streamende und chattende Engelchen tauchten hingegen nicht auf, für das Internetpaket (200 Euro!!!) war ich daher nicht aufgeschlossen genug.
Um 19 Uhr ging es wieder ins Theater, es war Showabend. Und irgendwie musste ich ja die Zeit bis zum Abendessen herumbekommen. Es gibt nämlich Tischzeiten. Die erste um 17.45 Uhr, die zweite angeblich drei Stunden später (zweieinhalb, wie sich später herausstellte). Man hatte mich bei der Buchung wohl im Altersheim verortet und mir ohne Nachfrage die frühe Tischzeit zugeteilt. Herrjeh. Das änderte ich sofort, dann lieber erst nachts speisen. Notfalls könnte man auch jederzeit ins Buffet-Restaurant gehen, wobei das für mich Pingel nur zweite Option wäre.




Aber ich war ja eigentlich bei der Show. Ein Jongleur und eine Handschattenspielerin bespaßten uns knapp 40 Minuten lang. Das war jetzt nicht Celine Dion, aber ganz unterhaltsam. Auch die Kreuzfahrtdirektorin stellte sich in dieser Show vor. Ein bisschen zäh wurden beide Veranstaltungen, da alle Ansagen in fünf Sprachen vorgetragen wurden.
Das Abendessen: Neben den festen Zeiten gibt es auch noch feste Plätze. Das kann Vorteile haben, birgt jedoch auch Gefahren. Aber von acht Gästen waren nur drei am Tisch und meine beiden Mitspeisenden erwiesen sich als sehr nettes, vielgereistes, junges Paar aus Hannover. Das Essen war so lala, dafür war die Weinkellnerin flott.



Zum Absacken versuchte ich, eine ruhige Bar zu finden, allein, man war irgendwie auf Krawall aus. Das ruhigste war ein Schlagerabend, aber wer mich kennt, weiß, was das mit meinen Zehennägeln anrichtet. Ich entschied mich für die Karaoke – Bar, da waren erstaunlich stimmstarke Auftritte dabei. Unter anderem ein junger Alice Cooper, bei dem ich mich fragte, wie der sich auf das Schiff verirrt hatte.
Einmal wechselte ich dann noch ins Foyer, um einem Pianospieler zu lauschen. Gegen Mitternacht fühlte ich mich bettreif, ging noch einmal ins Bad und betätigte die Toilettenspülung. Leider hörte das Wasser danach nicht mehr auf, zu fließen. Und das ist bei Schiffstoiletten ein Problem. Das Klo lief über und flutete mein Bad. Immerhin gibt es einen Abfluss am Boden, der schlimmeres verhinderte. Ich rief die Rezeption mehrmals an, man drückte mich weg. Ich lief hinunter. Eine Rezeptionistin und zwei erregte Klientinnen. Ich drängelte mich vor, es sei ein Notfall. Jaja, es käme jemand vorbei.
Ich wartete 20 Minuten. Es kam niemand. Ich sprach einen Maler an, der Ausbesserungsarbeiten im Flur vornahm. Der organisierte einen Klempner, einen würdigen alten Mann, den ich sofort als englischen Lord für einen Film casten würde, begleitet durch ein weiteres Crew-Mitglied. Der Lord fummelte dann noch einmal 20 Minuten herum, bis das Problem gelöst war. Man verabschiedete sich; dass das Bad noch überflutet war, interessierte keinen. Egal, ich streute Handtücher aus. Gerade, als ich wieder im Bett lag, rief die Rezeptionistin an. Ich möge doch zukünftig anrufen, wenn ich Probleme hätte, und nicht herunterkommen. Sachma!!
Gegen 4 Uhr nachts wurde ich wach, es pfiff durch alle Ritzen und das Schiff krängte, rollte und stampfte. Jaja, Kattegat und Skagerrak haben es faustdick hinter den Ohren! War aber nicht allzu dramatisch.
Das Frühstück nahm ich im Restaurant ein. Man hat reichlich Auswahl aus einer Karte und alles ist von guter Qualität. Am Tisch auch Kanadier, es sind angeblich über 50 Nationen an Bord. Spannend. Die Deutschen stellen aber – so die, Achtung!, „Guest Experience Ambassador für deutschsprachige Gäste“, Monika – 51%. Dä! Die Hunnen kommen!

Ja, was treibt man denn nun an so Seetagen? So gut wie nix. Man gibt sich bordseits redlich Mühe, für jeden Passagier etwas zu finden, um ihn zu unterhlten, aber ich bin da ein schwieriger Kandidat. Cocktailkurse, Brotbackseminare und Weinverkostungen wurden ohnehin nicht angeboten, Puzzlechallenges, Yoga und Tanzkurse sind bekanntlich nicht meins. Also besuchte ich „Spanisch mit Jesús“, aber leider bin ich schon etwas weiter als „Hola, me llamo Gerald“. Eine Dreiviertelstunde später versuchte ich mich in Italienisch, das war dann zum Auffrischen des Basisvokabulars ganz nett. Die Vortragende war zudem sehr humorvoll.
Ansonsten frisst und säuft man, dreht Runden durch das Schiff, bestaunt keifende Ehepaare, ältere, aufgetakelte Damen, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheinen (Nerzstola) und japanische Teenies, die hysterisch kreischen, wenn sie beim Shuffleboard Punkte einfahren. Apropos Teenies. Das Durchschnittsalter an Bord liegt (von der Crew mal abgesehen) gefühlt bei etwa 70 Jahren. Ein bisschen sind Seetage wie Ruhestand bei Regenwetter, nur ohne Einkaufsstress. Um auf dem Oberdeck herumzulungern ist es übrigens heute viel zu kalt und windig.
Nach dem Mittagessen (mit drei australischen Pensionisten am Tisch) gab es einen schaukelnden Mittagsschlaf, dann Kaffee und Kuchen, dann Champagner, dann Abendessen. Heute das gefürchtete Galadinner mit Kapitänsgedöns und „eleganter Garderobe“. Ich fühlte mich in weißer Leinenhose, weißem Leinenhemd und weißen Sneakern elegant genug, auch wenn ich fast aussah, wie ein Guru. Fehlte nur noch die Holzperlenkette.
Bevor ich aber zum Abendessen aufbrach, musste ich noch zum Ausflugsbüro. Man hatte die Bordbesichtigung, die ich gebucht hatte, kurzerhand gesplittet und einen der beiden Teile auf Tage gelegt, an denen ich a) im Guggenheim-Museum bzw. b) in Guimaraes zu verweilen gedachte. „Na, dann nur den ersten Teil“, erklärte mir die Dame am Tresen mit gewinnendem Lächeln. Häh? „Sorry, das ist doof jetzt“, „Oh, wie schade, tut uns leid“? Fehlanzeige. Ich cancelte die ganze Tour. Ob ich bitte eine Bestätigung bekommen könne, wegen der Rückerstattung der Kosten? Das gewinnende Lächeln war längst weg: „Nein, das sehen Sie dann ja irgendwann auf Ihrem Bordkonto.“ Sachma!!
Ich hatte immer noch Schicht 2 beim Abendessen und schaute mir vorher eine kurze Show und ein Grußwort des Capitán im Theater an.



Das Abendessen war wieder sehr nett, wieder fehlten die 5 anderen Gäste, was uns aber nicht störte. Zudem war das Essen sehr gut, einer der Vorteile eines Galaabends, dann ist immer alles sehr erlesen.
Zum Abschluss möchte ich auch noch – ich motze ja oft ein bisschen herum – etwas ausgesprochen positives loswerden: Der Kabinensteward, die Servicekräfte in den Bars und Restaurants (die meisten von den Philippinen, wie auf fast allen Schiffen) und der Großteil der restlichen Belegschaft sind grandiose Menschen.
So, morgen Rotterdam. Da war ich noch nie, soll man es glauben? Das Schiff verkauft teure Karten für einen Shuttlebus ins Zentrum. Naja, das ist 5 Minuten vom Hafen entfernt, das kann man auch selbst bewältigen. Da laufe ich dann fast ziellos rum. Lauft Ihr mit? Würde mich sehr freuen. Liebe Grüße von hoher See, Euer

P.S.: Ich habe jetzt doch ein Internetpaket erstanden. Ich wollte heute viel zu viel ergoogeln und ein bisschen Erreichbarkeit ist ja auch wichtig. Was? Okay, bin ich halt süchtig.
