Bills Ballhaus in Bilbao
war das schönste auf dem ganzen Kontinent.
Dort gab’s für einen Dollar Krach und Wonne,
und was die Welt ihr Eigen nennt.
Ihr Lieben,
Bills Ballhaus ist ein Fantasieprodukt Bertolt Brechts für das Singspiel Happy End, das er gemeinsam mit Elisabeth Hauptmann und Kurt Weill schuf. Ich fand aber an der Plaza Berria, das ist quasi die Plaza Mayor von Bilbao, eine Cafe Bar Bilbao. Kommt dem ja immerhin schon nahe.

Bilbao heißt auf baskisch übrigens Bilbo. Möglicherweise hatte Tolkien die Inspiration für den Namen des weltbekannten Hobbits hierher. Jener hatte ja beschwerliche Reisen auf sich nehmen müssen, was mich mehr als elegant zur Biskaya-Durchfahrt überleiten lässt. Die Nacht war wunderbar, niemand ist aus dem Bett gefallen, alle Flügel standen noch an ihrem Platz, kein Passagier ging über Bord. Entweder ist der Golf besser als sein Ruf oder aber er war sehr gnädig zu uns.








Das Kreuzfahrtterminal Bilbaos liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Ich musste erst einmal 30 Minuten bis zu einer Metro-Station laufen und dann noch 16 Stationen in die Stadt fahren. Dort stieg ich an der Haltestelle Zazpikaleak aus, was wahrscheinlich Altstadt bedeutet. Die baskische Sprache mutet noch bayrischer an als die katalanische. Ich lief zu einem Platz, den ich fälschlicherweise für die Plaza Nueva hielt, daher verirrte ich mich kurz auf der Suche nach der Kathedrale, bzw. ich hielt eine völlig andere Kirche dafür. Ich startete von vorne und begab mich leise, über Google Maps schimpfend, zum Mercado de la Ribeira.
Ihr Lieben, das wird heute ein Tag der Superlative, schnallt Euch an. Der Erriberako Merkatua ist die mit 10.000 Quadratmetern größte überdachte Markthalle Europas. Behauptet das Internet und das irrt ja nie. Also, es gibt vielleicht kaum größere, aber es gibt definitiv schönere. Zwar ist die Halle im Art Deco-Stil erbaut, aber innendrin leider charmelos. Aber es gibt viiiiele leckere Sachen; wahrscheinlich habe ich noch auf keiner Reise erwähnt, wie sehr ich auf Markthallen stehe.








Ich drehte erneut eine Runde durch die Siete Calles, die sieben Straßen, die den Ursprung des Altstadtviertels bilden und fand die Kathedrale. Die Altstadt ist wirklich sehr hübsch und im Gegensatz zum fast ausgestorbenen Brest auch proppevoll. Allerdings hatten wir auch superschönes Wetter. Die Läden ähneln denen in anderen spanischen Städten, ich verkniff mir, in einem süßen Torrón-Laden wieder 10 Kilo Liebesersatzstoff zu kaufen und erstand auch nur einen (sic!) Kühlschrankmagneten. Auch bunten Socken und lustigen T-Shirts widerstand ich.
Ich hatte zuhause schon ein Ticket für das Guggenheim-Museum gebucht, Einlasszeit 14 Uhr. Ich schicke es vorweg, das hätte ich nicht gemusst, die Kassenschlange war nicht existent, aber ich bin ja, was Einlass-Stopp bei Sehenswürdigkeiten angeht, ein gebranntes Kind. Draußen tummelten sich tausende Menschen, aber denen waren 18 Euro Eintritt vielleicht zu teuer. Abrupter Themenwechsel: Nutzt Ihr KI? Ich mache das zuweilen und fragte sie, was ich denn unbedingt IM Museum sehen müsse. Da gebe es nichts besonderes, das Museum selbst sei der Hit, wurde mir erklärt. Und die Figuren DRAUSSEN. Die Riesenspinne von Louise Bourgeois und der Blumenhund von Jeff Koons. Was soll ich sagen: Die KI ist dumm!
Als Sonderausstellung gab es innen eine – nunja – interessante Klanginstallation von Steve McQueen (Wild is the Wind) und eine große Werkschau von Jasper Johns. Den muss man ja auch mögen. Wirklich spannend finde ich den selten. Aber dann die Sammlung… Basquiat, Baselitz, Kiefer, Twombly, Rothko, Koons… Nichts besonderes? Naja, schenkt mir halt eins von denen.









Natürlich ist die Architektur überwältigend. Außen mehr als innen. Aber definitiv ein Meisterwerk von Frank Gehry. Die Lage am Fluss und die malerische Umgebung tun ein übriges dazu. Ich fotografierte von der Pedro-Arrupe-Brücke, von der Puente de la Salve, von der Zubizuri Zubia aus. Meine Begeisterung ließ mich dann leider über einen herausragenden Kopfstein stolpern und ich legte mich mit 300 km/h hin. Sofort war ich umzingelt von einem Dutzend Leuten von einer Kaffeeterrasse, die mich wieder auf die Beine zerren wollten. Das war zwar sehr nett, in meinem Zustand der Verwirrung und des Schreckens aber nur bedingt hilfreich. Ich glaube der Schrecken war das schlimmste, obwohl meine Schulter gerade entsetzlich schmerzt. Lustig fand ich dann, dass alle Umstehenden den herausragenden Stein beschimpften. Sah zumindest so aus.








Zubizuri Zubia? Nein, das ist nicht den Folgen des Sturzes geschuldet. Das ist baskisch für die vom Stararchitekten Santiago Calatrava entworfene Fußgängerbrücke. Etwas östlich davon befindet sich die Standseilbahn, die auf den Monte Artxanda hinauffährt. Leutz, das war ein Drama. Es gibt, außer der Sperre, an der man sein Ticket scannen soll, keine wie immer geartete Zutrittskontrolle. Ein Gedränge und Geschubse, wie wenn weiland beim C&A im Winterschlussverkauf die Palomino-Parkas für die Hälfte über den Ladentisch gingen. Oben kann man sich dann aber mit dem bekannten Bilbao-Schriftzug selfizifieren. Jaja, das Wort gibt es, steht ja da. Und ich habe es versäumt. Ich bin vielleicht blöd.





Wieder unten, machte ich mich auf den Weg zum Schiff. Allerdings mit einem Zwischenstopp an der ältesten Schwebefähre der Welt. Sachma, hat der Gerry schon wieder sein Getränkepaket ausgereizt? Was soll das denn sein? Haha, Ihr Lieben, das ist eine Fähre, die an Seilen hängend über eine Tragekonstruktion den Fluss quert. Und die ist von 1893. In Köln diskutiert man ja über Tunnel oder Brücken. Da es weltweit keine 10 in Betrieb befindlichen Schwebefähren gibt, wäre das ja auch eine Option! Eine Touristenattroption.
Man kann die Konstruktion mit einem Aufzug hochfahren und dann zu Fuß auf die andere Seite laufen, das kostet schlappe 11 Euro, oder als Fußgänger mit der Fähre knapp über der Wasseroberfläche hinüberschweben, das kostet pro Strecke zur Zeit 60 Eurocent. Wenn das mal nicht ein auch für Familien erschwingliches Urlaubsabenteuer ist! Ich mag so was ja sehr. Also, verkehrstechnische Spielereien. Es gibt übrigens in der Stadt einen grässlichen Betonklotz, der mittels Aufzug die Unter- mit der Oberstadt verband (wie der Elevador de Santa Justa in Lissabon), aber der ist wegen irgendwelcher Rechtsstreits außer Betrieb. Sonst wäre ich natürlich auch mit dem gefahren.

Meine geschundenen Füße hatten inzwischen jeweils die Größe Lapplands angenommen, so war ich froh, dass es nur ein paar Hundert Meter von der Puente de Vizcaya, so heißt das Meisterwerk der Ingenieurskunst, einen Shuttlebus zum Hafen gab. Am Schiff angekommen, stürmte ich die erste Bar und trank die Biervorräte leer. Aber was für ein schöner Tag wieder!
Ich hoffe, unser kleiner Spaziergang durch Bilbao hat Euch genau so viel Spaß bereitet wie mir. Morgen können wir dann wieder bei einem Seetag ausruhen.
Bis denne, alles Liebe, Euer

