Köln-Nizza (5): Rotterdam

Ihr Lieben,

ich glaub’s ja nicht: jetzt haben selbst Kreuzfahrtschiffe schon Verspätung! Auf der Nieuwe Maas herrschte so viel Verkehr, dass wir 30 Minuten später als geplant anlandeten. Anzeige ist raus!!

Das Frühstück war heute als Brunch getarnt. Um 9 Uhr früh konnte man Burger und Steak bestellen! Und einige taten das auch. Was stimmt mit denen nicht? Ich beließ es bei Egg Benedikt. Für den Speck hätte ich allerdings mehr Implantate benötigt. Vielleicht die von Jaws (aka Beißer) aus den Bond-Filmen. Heute wurde auch nicht viel geredet, es waren ausgesprochen muffelige Mitreisende an meinem Tisch. Ob denen nachts das Klo übergelaufen war? Man weiß es nicht.

Um 11:30 Uhr konnte ich vom Schiff runter. Ich ließ Suchmaschinen bestimmen, was ich zu sehen hatte. So führte mich mein erster Weg über die Erasmusbrücke am Leuvehaven vorbei bis zur modernen Markthalle. Große Teile von Rotterdam sind übrigens als modern zu bezeichnen, da die Nazis die Innenstadt 1940 durch Flächenbombardement fast komplett zerstörten. Die Markthalle hat riesige Ausmaße und ist für ihre Deckenmalerei bekannt. Es gibt einige nette Geschäfte dort, unter anderem – laut Eigenwerbung – den ersten Erdnussbuttersupermarkt der Welt. Alles ist aber einen Tacken touristisch und nicht preiswert. In der unteren Etage ist das dann nicht mehr ganz so.

Direkt neben der Markthalle stehen die von Piet Blom geplanten Kubushäuser, die Anfang der 80er Jahre gebaut wurden. Man mag es zwar kaum glauben, aber da leben wirklich Menschen drin. Nur zwei Kuben (eigene Recherche, also nicht verlässlich) sind zugänglich. Ein kleines Kunstprojekt (4 Euro Eintritt) sowie das offizielle Kijk-Kubus-Museum (3,50 Euro). Letzeres gönnte ich mir trotz bzw. wegen kurzer Warteschlange. Innen ist alles etwas abgeranzt, man erahnt es vielleicht auf den Bildern. Und wie Speditionen da einen Flügel reinbekommen sollen, ist mir schleierhaft. Die Treppen sind „Haxenbrecher“!

Auf der anderen Seite der Markthalle befindet sich die Sint-Laurents-Kerk. Die hätte ich gerne als einzig erhaltenes mittelalterliches Zeugnis nach der Bombardierung besichtigt, sie war aber wegen einer Privatfeier für die Öffentlichkeit gesperrt. Die Kirche war damals und ist halt auch heute immer noch käuflich. Und dabei hätte ich so gerne gebetet. Ehrlich! Vor der Kirche dann die Statue des berühmtesten Sohnes der Stadt: Erasmus da Vinci. Scherz. Er wird Fürst der Humanisten genannt, setzte sich kritisch mit Kirche, Adel und Lehre auseinander. Der Gute lag sich auch sehr mit Martin Luther in den Haaren.

Die Einkaufsstraße, die mich den nächsten Zielen näherbringen sollte, ist ein bisschen langweilig, eine Schildergasse gleicht ja der anderen. Nur hier gibt es dann auch mal eine offene „unterirdische“ Passage und man kommt am World Trade Center und an der Börse vorbei. Wenn man dann in den Mauritsweg abbiegt, dort stehen ein paar markante Skulpturen u.a. von Rodin, Laurens oder Wotruba an einem kleinen Wasserlauf, stößt man automatisch auf die Eendrachtsplein. Um diesen Platz zu verschönern, kaufte die Stadt Rotterdam 2001 für 180.000 Euro die sechs Meter hohe Statue „Santa Claus“ des amerikanischen Künstlers Paul McCarthy. Leider sieht der Weihnachtsmann nicht wie ein Weihnachtsmann aus und der Weihnachtsbaum auch nicht wie ein Weihnachtsbaum. Die Einheimischen regten sich ein bisschen auf und tauften das Werk Kabouter Buttplug, frei übersetzt „Zwerg Analstöpsel“. Paul McCarthy stört diese Interpretation angeblich nicht.

Ein paar Schritte weiter findet sich das Art Depot Museum Boijmans Van Beuningen, dahinter der Museumspark. Das Gebäude spiegelt die Umgebung in seiner reflektierenden Fassade. Ein beeindruckender Anblick, der auf meinen Bildern leider nicht so herauskommt, da im Gegenlicht und bei Bewölkung fotografiert. Auch in der Umgebung wieder viel Kunst im öffentlichen Raum.

Über den Nieuwe Binnenweg (eine nette Multikulti-Läden-Straße) lief ich weiter Richtung Delfshaven. Wie der Name schon sagt, war dieser Ort der Hafen von Delft, den die dortigen Stadtväter anlegten, um Steuerzahlungen an Rotterdam zu umgehen. Apropos Väter: Hier brachen auch die „Pilgerväter“ mit dem Schiff Speedwell nach England auf, um dort auf die Mayflower umzusteigen. Sie selbst nannten sich übrigens nicht selbst Pilgerväter, sondern ganz bescheiden „Saints“, Heilige. Die Kirche des Aufbruchs heißt Pilgervaterkirche und daneben residiert die Brauerei Pelgrim, die einzige ihrer Art in Rotterdam. Ich trank dort ein seeehr süffiges Lager namens Speedwell. Für einen sehr siffigen Preis. Naja, nichts gegen die Preise in Norwegen.

Das entscheidende an Delfshaven ist, dass das Bombardement an ihm vorbeigegangen ist. Daher erlebt man hier einen zauberhaften Stadtteil, mit Grachten, Zugbrücken, Giebel- und Stapelhäusern, mit einer Mühle, Glockenspielen und charmanten Gebäuden. An den Ufern sind Schiffe angetäut, es gibt schöne Außenterrassen. Zauberhaft!, ich erwähnte es bereits. Insgesamt hat mich Rotterdam überrascht. Die Moderne hat sich um Ansehnlichkeit bemüht, das Alte wurde großteils gewürdigt. Dann kommt dazu ja auch noch der Hafen, der größte Seehafen Europas. Und wer mich kennt, weiß, dass Häfen auf mich eine emotionale Wirkung haben. Also, die Stadt ist definitiv eine eigene Reise wert!

Was auf meiner To-Do-List stand war eine Wassertaxi-Fahrt. Die aber sind so begehrt, dass man ohne Vorbuchung in der Wassertaxi-App keine Chance auf einen Transfer hat. Wenn ich in Delfshaven drei Stunden gewartet hätte, hätte mich eins mitgenommen. Und da ich schon vier Stunden gelaufen war (na gut, 30 Minuten Bier-Tasting abziehen), nahm ich die Metro zurück zum Cruise-Terminal. War auch schön! Man geht übrigens mit der Kreditkarte durch die Schranken. Ein System, das ich seit Jahren lobpreise! Und alle zwei Minuten kommt ein Zug. Kann man auch nicht genug lobpreisen!

Das Schöne an Landgängen ist, dass man die Kalorienzufuhr der Seetage zumindest etwas kompensiert. Einmal durch Wegfall der Möglichkeit des Sich-permanent-Vollstopfens, als auch durch die Zahl der Schritte, die man getan. Erwähnte ich eigentlich, dass ich mir zwei neue Paar Sneakers für die Reise geleistet hatte? Und nur diese mithabe? Was wäre ich jetzt dankbar für meine ausgelatschten Treter! Kurz überlegte ich, ob es jemanden störte, wenn ich auf Socken herumliefe.

Als Show-Act gab es heute irgendetwas mit elektronischer Geige. Ich wette, das war ein toller Auftritt, leider finde ich Geige aber per se schwierig, insbesondere, wenn sie elektronisch (oder „rockig“) ist. Daher schenkte ich mir das. David Garrett und Vanessa-Mae verursachen mir z.B. körperliche Schmerzen. Selbst bei Anne-Sofie Mutters Aufführung des 2. Violinkonzerts von Bartok in den 90ern in der Kölner Philharmonie hat es mich schwer geschüttelt. Aber ich schweife schon wieder ab. Statt also auf Suche nach Unterhaltung zu gehen, begann ich mein Tagebuch in einer der Bars zu schreiben, nahm mir dann ein Glas Sekt mit auf die Kabine, setzte mich auf den rauchfreien (yeah!) Balkon und seufzte. Was für ein schöner Tag das heute gewesen ist! Das sagt man sich viel zu selten. Gut, bei mir war das einfach. Gebt dem Gerry das Meer, Gewässer, eine interessante Stadt, ein leckeres Bier und gutes Wetter. Dann ist er… warum redest Du eigentlich in der dritten Person von Dir? Und jetzt in der zweiten? Oooops, sorry, dann bin ich zufrieden!

Nach der Ausfahrt im Rückwärtsgang ging es ins Restaurant. Das Abendessen war wieder völlig in Ordnung (butterzarter Sepia, saftiges Bouef Bourgignon); Marc und Lira kümmern sich toll um uns drei (ja, die anderen 5 Personen bleiben verschollen), und wir bringen ihnen Deutsch bei und sie uns Tagalog. Nicht, dass ich das nicht schon vorher perfekt beherrscht hätte 🙂

Morgen dann wieder ein Seetag, bevor wir in Brest anlanden. Lässt sich ja auch überstehen. Ich werde mich mal ausführlich über das Guggenheim-Museum informieren. Einer der Söhne der australischen Lehrerin i.R., die gestern beim Mittagessen neben mir saß, ist Ressortchef Kultur einer auflagenstarken Zeitung und hat in mehreren berühmten Museen hospitieren dürfen; zwei Monate war er z.B. in Bilbao im Guggenheim. Es gibt schon tolle Jobs (ich musste allerdings an Mr. Bean und das Bildnis von Whistlers Mutter denken)!

Ihr Lieben, wir sehen uns morgen wieder bei einem entspannten Tag ohne Verpflichtungen, wenn Ihr mögt. Bis dahin Euch allen alles Liebe und Gute! Euer

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