Brügge 2025, Tag 3: Markt, Museum Müllemer Bötche

Ihr Lieben,

schon wieder war halligalli in der Nacht. Als wir vom Absacker zum Hotel zurückkehrten, lief in der Kneipe um die Ecke so dermaßen laut Musik, dass der Belfried wackelte. Brügge ist an sich eine sehr laute Stadt. Naja, viele Studierende und viele Touristen, die gerne alle Biere durchprobieren. So müssen sich Anwohner am Brüsseler Platz fühlen. Für Nichtkölner sei erläutert, dass es sich hier um eine typisch rheinische Posse handelt, kann ergoogelt werden.

Otto und Rolf konnten gegen einen kleinen Obolus zu uns zum Frühstück kommen und so ließen wir alles langsam angehen. Zumal es auch noch trübe und nieselig und stürmisch war. Aber als wir beschlossen, zum Wochenmarkt zu gehen, brach der Himmel auf und die Sonne kam durch. Das fanden wir natürlich wunderbar. Aber der Wind bließ mit Sturmstärke trotzdem eisig um unsere Gesichtszinken.

Ich weiß, wir hatten das schon, aber ist DAS nicht einfach nur schön?

Die beiden Junx trennten sich kurz von uns, um ihr Hotelzimmer zu räumen, und wir vier strollten über den – naja, jetzt nicht sehr spannenden – Markt. Klamotten, Wurst, Käse, Hähnchengrillereien. Ich nehme aber an, dass wegen des starken Windes nicht alle Markttreibenden vor Ort waren, es gab doch deutliche Lücken am t’Zand-Platz. Ich erstand wenigstens eine Tüte frisch gebackene Miniwaffeln. Fanden wir alle ganz lecker. Wir liefen wieder Richtung Belfried, als die Damen ein interessantes Modegeschäft fanden. Tja, es gab für meinen Geschmack ohnehin schon zu viele Schaufenster für einen Kurzurlaub mit ihnen, aber dort bissen sie sich fest. Ich konnte immerhin in der Zwischenzeit Pralinen kaufen. Meine Schachteln wurden in einer Tasche versenkt, die selbst wohlwollende Menschen als absolute Geschmacksverirrung bezeichnen würden. Ein gruselig mit Schokolade verschmiertes Kindergesicht. Echt, wer denkt sich sowas aus??? Wir bekamen eine Nachricht, dass Otto und Rolf jetzt zu uns stoßen würden, aber eine Viertelstunde Zeit bräuchten. Wir nutzten das für einen Kaffee bzw. eine heiße Schokolade, die wir in der Eiseskälte auf dem Simon-Stevin-Platz tranken. Der dazugehörige Laden war nebenbei sehr nett. Otto und Rolf wollten übrigens eigentlich auf den Belfried hoch, aber wegen Sturm war der Zugang geschlossen.

Was ich gerade vergaß, war der kurze Besuch in der Sint-Salvator-Kirche. Da wollten wir in die Schatzkammer, aber wir platzten in einen philipinischen Gottesdienst. Der war schon sehr pompös. Wir zündeten nur je eine Kerze an und verließen die Kirche wieder. Meine Kerze wie üblich allen Reisenden zugedacht.

Wir mussten uns nun etwas verfrüht einen Ort zum Mittagessen suchen, da Rolf verständlicherweise stressfrei zum Flughafen kommen wollte; unsere Wahl fiel auf eine kleine Trattoria, wo es Nudeln und Pizza gab. Ich aß nicht alles von meinen leckeren Tagliatelle „Frutti di Mare“ auf, da bemühte sich der Koch persönlich zum Tisch. Er schien dann erleichtert, dass es mir geschmeckt hatte. Die Beschreibung der äußerst tränenreichen, herzzerreissenden Abschiedsszenen vor dem Restaurant erspare ich Euch.

Vom Rest der Truppe war Shopping gewünscht, aber das ist ja im Rudel so gar nicht meins. Eigentlich ist Shopping an sich gar nicht meins, es sei denn, es geht um Kunst oder Essbares. Daher besuchte ich das Groeninge-Museum, kam auf dem Weg dorthin erneut an den vier apoplektischen… äh… anorektischen… MOMENT! apostolischen… hab’s gleich… na, an den Reitern halt vorbei!

Im Museum dann flämische Kunst von – ich glaube – 1400 bis heute. Üppiger Eintrittspreis. Das Museum ist ganz schön, es gibt einige wirkliche Meisterwerke, u.a. von Jan van Eyck und Hieronimus Bosch. Es waren sehr viele Besucher da, für Boschs Gemälde „Das jüngste Gericht“ musste ich mich in eine Schlange einreihen und wurde von den Nachfolgenden nach einer Minute Betrachtung schon tadelnd angehüstelt. Ja, Kunst kann Spaß machen, denn ich ignorierte es und das Hüsteln verstärkte sich. Ich ignorierte weiter. Hihi. Es sei noch angemerkt, ich bin ein großer Bosch-Fan, aber ehrlich, der hatte doch auch einen an der Klatsche, oder?

Wir trafen uns für eine Minipause am Hotel, dann ging es auf zu einer Bootsfahrt. Klar, nicht mit dem aus Mülheim, dass habe ich nur wegen des Stabreims geschrieben! 30 Minuten die Grachten rauf und runter. Das ist schon schön, denn die Flussperspektive bietet viele neue Eindrücke. Hinter uns saß eine größere Gruppe sehr lustiger, älterer Damen aus Costa Rica, mit denen plauderte ich kurz, nachdem ich mit einem halben Dutzend Handys Fotos von ihrer Gruppe machen durfte.

Ruth und ich hatten geplant, noch zum Vismarkt zu gehen, weil dort Künstler ihre Bilder ausstellen, allein, wir waren zu spät. Alle weg. Brügge ist weiterhin ziemlich voll, daher verbrachten wir auch etwas Zeit mit der Suche nach unserer Aperitif-Location. Das war dann eine nette Bar mit einheimischem, etwas gesetzterem Publikum und nicht zu laut. Oh, vergessen, hier noch Bootsbilder:

Rückblende: Während wir vor dem Hotel überlegten, wo der nächstgelegene Bootsanleger sein könnte, bogen wir zur Gracht um die Ecke (ich bin eigentlich gar nicht sicher, ob das in Belgien auch Gracht genannt wird…), und Ruth konstatierte, es sei ja mal nett, in Fußweite zur Unterkunft zu speisen. Brügge ist zwar klein, aber man läuft sich dennoch einen Wolf und sieht trotzdem permanent die gleichen Ecken. Wir schauten auf die Karte des ersten Restaurants, waren uns einig und reservierten. 50 Meter weit vom Hotel.

Und dort, im „De Schilderen“, es hingen van-Eyck-Kopien im Gastraum (Bilder im flämischen = schilderen), speisten wir dann zu Abend. Und es war im schönen Teil des Restaurants auch bumsvoll, daher war das mit der Reservierung eine gute Idee. Spezialität des Hauses war flämisches Kaninchen. Das nahmen Ruth und ich. Leutz, die Soße war ein van-Eyck-Gemälde! Köstlich, mit Backpflaumen und Weintrauben, Estragon und Rotwein spielten auch eine Hauptrolle. Wir waren mehr als angetan. Auch das Essen der anderen war appetitlich. Der gute Eindruck wurde lediglich dadurch getrübt, dass wir nach dem Essen noch gemütlich sitzenbleiben wollten, uns aber durch das Eintreffen der Putzkolonne (um 21 Uhr 15!!!) gestört fühlten. Aber so ist das im Randbezirk. Bürgersteige hochklappen, außer bei der Party vor Gerrys Hotel. 🙂

Ich hoffe, es scheint trotz aller Frotzelei durch, dass ich gerade sehr gerne hier bin. Was für ein schönes Städtchen! Und ich spreche für die anderen mit. Wir mögen die Unterkunft, haben am Essen nichts auszusetzen, haben interessante Orte entdeckt… das Wetter war zwar nicht spitzenklasse, aber immerhin gnädig. Eine tolle Reise.

Die morgigen Pläne machen wir ein bisschen vom Wetter abhängig. Klar ist bisher nur, dass wir am Ende des Tages in Königsdorf, Sürth und Poll sein werden. Die schwarze Kapelle, der Michelangelo, noch mehr Pralinen kauf… eh, Monika, nicht hauen!… alles ist möglich. Schaut einfach morgen nochmal rein. Liebe Grüße, Euer

P.S.: Ich muss es loswerden. Der Reiseführer vom Stadtrundgang fragte die Teilnehmer, wie man „French Fries“ von „Belgium Fries“ unterscheiden könne. „?“. Antwort: Wenn sie schmeckten, kämen sie aus Belgien. Es ist so, dass man zu allem Fritten bekommt. Moules&Frites, Muscheln mit Pommes. Flämisches Stew? Fritten. Königinpastete? Fritten! Steak? Fritten. Eiscreme? Fritten!! Selbst zu Pommes Frites gibt es Fritten! Abends öffnete ich meine Tablettendose, es lagen Fritten drin. Ich kann sie nach drei Tagen jetzt leider nicht mehr sehen. Aber es waren oft sehr gute dabei. Und die Mayo und der Senf oft deutlich schmackhafter als bei uns.

P.P.S: Knackfrische Touristen! Vier Studententickets, bitte.

P.P.P.S.: Das auf der Gabel war ein Bitterballen, sehr lecker.

P.P.P.P.S.: Ich kaufte nach der Bootsfahrt noch ein paar Pralinen. Wusste nicht, ob ich schon welche hatte… *fg*

Brügge 2025, Tag 2: And I would walk 500 miles…

Ihr Lieben!

Das Wichtigste wie immer zuerst: Schlaf und Frühstück. Die Nacht war unglaublich laut, gegenüber ist eine Art College, da fand ein Come-together statt, das sich bis vor meine Fenster zog, die einfachverglast sind. Naja, Ohrstöpsel rein, dann ging’s. Das Frühstück war übersichtlich, es ist ja auch mehr eine Pension, aber sehr lecker. Der Gastgeber macht fast alles selbst, so z.B. die Konfitüre (Pflaume-Mango, der Hammer!) und den Joghurt.

Heute war ja der Stadtrundgang mit Guruwalks angesagt, das sind kostenfreie Führungen, die Führer/innen leben vom Trinkgeld. Ich hatte einen bestimmten Tourguide ausgesucht, da dieser die meisten Stationen anbot. Und so sind wir auch einmal gefühlt um den Globus gelaufen. Leider bei deutlich schlechterem Wetter als gestern. Wir sahen den Markt, den Burgplatz, die Liebfrauenkirche, das Gruuthus, den Fischmarkt, die Bonifatius-Brücke und und und. Unser Führer war sehr lustig und verfügte über enorme Geschichtskenntnisse. Für manche Menschen sind solche Führungen ja ein Graus, gerade wegen der vielen historischen Details. Ich liebe sowas ja. Ich lernte, wie die Praline erfunden wurde, dass Philipp der Gute so gut gar nicht war, warum wir heute die schöne Prinzessin Isabella von Portugal gar nicht so schön fänden, dass es eine unterirdische Bier-Pipeline gibt, dass in Brügge das einzige Werk Michelangelo Buonarottis außerhalb Italiens existiert. Und das Wichtigste: Wie erkennt man einen guten Chocolatier? Und vieles mehr! Das Dollarzeichen kommt aus Brügge! Wer ahnte es?

Die Führung endete am Burgplatz, wo in der schwarzen Kapelle das heilige Blut Christi zu bestaunen ist und wirklich alle baulichen Stilrichtungen der letzten 600 Jahre zu bewundern sind: Gotik, Neugotik, Klassizismus, Renaissance, Barock etc.pp. Ich rief Rolf auf dem Handy an und eine Sekunde später sprach er mit mir. Aber live und in Farbe. Wir waren uns unvermutet über den Weg gelaufen. Wir beschlossen, essen zu gehen und wählten am Walplein den „Siebten Himmel“ aus. Ich hatte Muscheln mit Knoblauch und Weißwein. Viel Knoblauch. Sehr viel Knoblauch. Herrlich!

Wir bekamen mit, dass wir nicht weit vom Beginenhof entfernt waren und machten uns dahin auf. Ich mag diese von sehr weltnahen Ordensfrauen gegründeten Höfe, die es überall in Belgien und teils auch in den Niederlanden gibt, sehr. Der in Brügge ist von Grachten umgeben, es stehen kleine Schlösser, Türme und Brücken pittoresk verteilt in der Umgebung herum. Es gibt auch viele Parks. Leute, es ist eine zauberhafte Stadt. Nur teilweise seeeehr voll. Irgendwo in wahrscheinlich Zeebrügge müssen mehrere Kreuzfahrtschiffe angelegt haben. Mit teilweise geschätzt hundert Personen pro Gruppe zogen Dutzende Reiseleiter mit hochgehaltenem Schirm durch die Stadt. Brügge hat eigentlich nur 20.000 Einwohner. Man hat aber das Gefühl, man sei mitten im Karneval in Köln.

Markus, Monika und Ruth – in alphabetical order – meldeten sich, sie waren nach einer etwas stauigen Fahrt und Wartezeiten bei Parkplatz und Unterkunft in der Stadt angekommen. Wir beschlossen, uns vor der Frauenkirche zu treffen, um die Michelangelo-Skulptur zu besichtigen, die eine sehr turbulente Geschichte aufzuweisen hat. Leider wurde der Eingang von einem unnachgiebigen Zerberus bewacht, sie wollte uns wegen eines Konzertaufbaus nicht hineinlassen. „Kommen sie morgen Nachmittag wieder!“. Mal sehen, Teile der Gruppe könnten es schaffen. Rolf und Otto werden ja gegen Mittag aufbrechen müssen.

Wir liefen zum Belfried, den Otto und ich eigentlich zusammen besteigen wollten. Da aber der Rest der Gruppe nicht wirklich motiviert war und zudem unbedingt das Sint-Jans-Hospital besuchen wollte (das ich schon morgens besichtigt hatte), trennten wir uns und ich kraxelte alleine… oh! Nächster freier Slot in 40 Minuten, teilte mir die Ticketverkaufsmaschine mit. Mist. Die anderen waren schon weg. Ich löste das Ticket, lief zum Eingang und setzte meinen „Bemitleidenswerter-alter-Dackel-Blick“ auf. Ob es denn sehr voll sei? Ich würde soooo gerne nicht soooo lange warten müssen. Man ließ mich ein. Ich mag die Security-Leute. Und dann ging es 366 Stufen hoch. Zuerst noch moderat breit und gangbar. Dann wurde es immer schmaler und schmaler. Am Ende musste man sich quasi auf 10cm-tiefen Stufen an einem dicken Strick hochziehen. PUH! Und bei Gegenverkehr wären Kenntnisse des Kamasutra hilfreich gewesen. Man musste sich schon sehr verrenken. Die Aussicht belohnte die Mühen. Und zu sehen, wie die Carillon-Technik oben rattert und funktioniert war auch interessant.

Das Glockenspiel des Belfried spielt normalerweise vorprogrammierte Musik, die von einer riesigen Trommel mit Zapfen, die die entsprechenden Glockenseile in Bewegung setzen, gesteuert wird. Aber es gibt wohl zwei Musiker, die dreimal die Woche das Carillon manuell spielen. Sie richten sich dabei nach aktuellen Ereignissen. 50 Jahre ABBA? Es gibt ABBA. Tina Turner gestorben? Simply the best. James Earl Jones lebt nicht mehr? Startreck! Peter, mein Reiseführer vom Vormittag scherzte, „…und wenn Du dann Deine eigene Musik vom Belfried hörst, ist es Zeit, Dir Sorgen zu machen.“.

Ich turnte wieder hinunter und schaute in eine Pop-Up-Galerie hinein, die in den ehemaligen Wolle-Lagern am Belfried (übrigens auch Belfort genannt) Kunstwerke ausstellte. Ich war besonders von Werken eines Künstlers fasziniert, Eddy van Meulebroeck. Es war der letzte Tag der Ausstellung. Ich war hin- und hergerissen und wollte Rat. Ich lief hinaus und rannte unversehens in unsere kleine Truppe. Ruth sprach mir dann gut zu und ich erstand eines der ausgestellten Wesen. Es ist so reisesicher verpackt, ich kann es nicht zeigen, aber ich hatte vorher Fotos von allen gemacht (mit Erlaubnis natürlich). Einer aus der Gruppe, ich nenne keine Namen :-), fand die Skulptur ein wenig zu gruselig, um sie aufzustellen. Ich würde Eddy gerne mal auf den Brauweiler Kunsttagen sehen und habe ihm geraten, sich dort zu bewerben.

Was glaubt Ihr? Ich habe anhand des Gesichts ausgesucht.

Es hatte schon den ganzen Tag lang ab und zu genieselt, jetzt fing es aber an zu regnen. Sehr ungemütlich! Wir begaben uns in den Pub von gestern, der dieses Mal brechend voll war. Wir konnten uns aber mit Glück einen 6er-Tisch zusammenbasteln und nahmen unsere Aperitife. Dann zogen wir etwas früher als geplant in unser gebuchtes Restaurant um, das Diligence. Postkutsche heißt das. Und da war es wirklich nett, das Essen lecker und der Service prima. Kann man hingehen.

Zwischenzeitlich hat es nicht mehr geregnet, sondern gegossen. Es war dann schon sehr usselig, als wir wieder Richtung Pub liefen, der aber völlig überfüllt war. Wir zogen zu einer anderen Bar. Völlig überfüllt. Zu einer dritten. Völlig… ach so, Ihr erkennt das Muster? Ja gut. Wir landeten schlussendlich in einem der Läden am Markt, der aber nicht sooo fancy war, dass er 12 Euro für ein Bier nahm. Zu einigermaßen zivilen Preisen nahmen wir da unsere Absacker und trennten uns dann. Rolf und Otto werden morgen zu uns frühstücken kommen, das hatte ich mit unserem Gastgeber vorher abgeklärt. Das finde ich schön, da können wir den Tag ruhig angehen lassen und auf besseres Wetter hoffen.

Leute, Leute, es ist ja noch so viel mehr passiert und ich habe ja auch noch so viel mehr erfahren, aber das passt ja alles gar nicht mehr auf diese Seite Pergament. Und morgen geht es auch noch weiter. Herrjeh! Aber dennoch hoffe ich, dass Ihr wieder dabei seid. Liebe Grüße, Euer

Wie ich mich wohl als Ordensfrau machen würde?

P.S.: Die Chocolatiers der Gilde erkennt man an der Kakaobohnenplakette. Und man merkt, dass Halloween vor der Tür steht.

Brügge 2025, Tag 1: Brügge sehen und toll finden…

Ihr Lieben,

gestern noch habe ich versucht, irgendwo den erwähnten Film „Brügge sehen und sterben…“ zu streamen. Vergeblich. Selbst gegen Bezahlung war das nicht möglich. „Dieses Video ist in Ihrem Land nicht verfügbar!“ schrie man mir sogar seitens ausländischer Streaming-Dienste entgegen. Naja. Ist dann halt so.

Für 4 Tage war schnell gepackt und da mit der Bahn unterwegs, musste ich mir auch keine Gedanken über Sicherheitskontrollen machen. So schmuggelte ich schon eine Flasche Wein und eine Flasche Wasser ins Gepäck. Im Büro blieb ich nur 4 Stunden, um dann in den Zug um halb 2 Uhr zu steigen. Erleichtert wurde mir die Arbeit zudem durch ein Glas Sekt, das ein lieber Kollege auf seinen Geburtstag ausgab. Noch einmal herzlichen Glückwunsch, mein lieber Christoph!

An Anreisetagen hat man ja in der Regel nicht so viel zu berichten. Was tun? Na, über die Bahn und Mitreisende schimpfen geht ja immer. Der Zug nach Brüssel war zwar pünktlich, aber gerammelt voll. Eine Dame ohne Reservierung forderte mich auf, mich „dorthin“ zu setzen, sie zeigte auf einen anderen reservierten Sitzplatz, damit sie und ihre Freundin zusammensitzen könnten. Ich bestand darauf, meinen Platz zu behalten, da wurde sie ausfallend. Und natürlich waren alle reservierten Plätze dann belegt. Beide schimpften noch 10 Minuten nach Abfahrt, bis ein anderer Fahrgast sie fragte, ob sie sich selbst mal zuhören würden. Da wechselten sie den Waggon. Ich hatte blöderweise einen Vierertisch-Platz, die anderen drei packten sofort eine Wochenration Stullen aus und, sorry dafür, fraßen wie die Schweine. Was ist bloß mit den Leuten los? Der Zug nach Brügge toppte dann alles. Statt 10 Wagen kamen vier. Das könnt Ihr Euch kaum vorstellen. Gottseidank fand ich einen „Sitzplatz“ auf einer Treppe. Sonst hätte ich wegen Platzmangel Anfälle gekriegt. Aber immerhin war dieser Zug auch fast pünktlich.

In Brügge sprang ich vor dem Bahnhof dann in den Bus (Kreditkarte an den Leser halten auch hier!) und kurvte durch die Altstadt bis zu meiner Unterkunft. Meine Bleibe ist privat geführt und der Betreiber schrieb mich schon vorgestern an, er erwarte mich bis 15 Uhr. Ich schrieb zurück, dass ich dies nicht schaffe. Er war dann aber auch um 17 Uhr vor Ort. Er spricht ausgezeichnet deutsch, erklärte mir alles, fragte meine Frühstückszeit ab und brachte mich ins „blaue Zimmer“. Leute, das ist wie Königin Geraldines Separée, antike Möbel, groß, ein wenig – seien wir mal freundlich – vom Leben gezeichnet, aber total charmant. Einzig die hochweißlackierten IKEA-Nachttische fügen sich nicht glücklich in den Gesamteindruck. Aber das ist jetzt Jammern auf sehr hohem Niveau.

Ich wusch mir den Wüstenstaub von der Reise aus dem Gesicht, packte meinen City-Rucksack und erkundigte mich nach dem Verbleib meiner beiden Freunde. Wir trafen uns bei deren Hotel um die Ecke in Joey’s Bar auf einer kleinen Terrasse in einem ruhigen Hinterhof. Sehr netter Kellner, sehr kühles Hoegarden und Stella Artois. Ein guter Auftakt. Mein Gemach liegt an dem anderen Ende der Altstadt und auf dem Weg zum Bier konnte ich schon einiges von Brügge sehen. Leute. Das ist wunderschön hier! Ich war ja schon in Brügge, konnte mich aber kaum, ja, fast eher gar nicht an all das erinnern. Der Marktplatz, der Belfried, die Gassen, die manchmal schiefen und manchmal zinnenbewehrten Giebelhäuser. ENTZÜCKEND!

Nach der Stärkung wollten natürlich auch die beiden anderen etwas von der Stadt sehen, sie waren erst eine Dreiviertelstunde vor mir in ihrem Hotel angekommen. Wir beschränkten uns aufs Altstadtzentrum und suchten uns auch schnell ein Restaurant aus, direkt am Marktplatz und entsprechend (vor allem bei den Getränken) etwas hochpreisiger. Ich meine, ich erwähnte schon auf meinem Trip mit Elke nach Antwerpen, dass Belgien bei Essen und Trinken preislich in der Oberliga mitspielt. Aber das Essen war sehr gut und der Blick war dann auch ein 12-Euro-Bier und einen 22-Euro-Rosé wert.

Wir streunten im Anschluss noch um den Block und gerieten in ein Musikcorps, das auf einem kleineren Platz ein Ständchen gab. Die etwa 20 jungen Blech- und Holzbläser/innen gaben alles. Von „Anton aus Tirol“ über Abba und Gospels. Nicht immer tonal gefestigt, aber mit einer unglaublichen Spielfreude! Das war toll!

Wir beschlossen den Abend in einer laut Google LGBTQIA+-freundlichen Bar (ich muss mal – als Schwulette – fragen, ob dieser Buchstabenbandwurm wirklich not tut), hatten einen leckeren Rosé aus Südafrika und trennten uns um 23 Uhr. Jetzt sitze ich auf einem durchgesessenen Stuhl aus dem 18. Jahrhundert vor einem englischen Sekretär, den ich auf 1880 schätze und freue mich, dass ich hier bin. Sooo schön!

Für morgen habe ich mir einen Stadtrundgang gebucht, der die anderen nicht so interessiert hat. Ich habe ein spätes Frühstück, dass aber nicht sooo spät ist, dass man mir ein dekadentes Lotterleben unterstellen könnte, und werde mir dann zwei Stunden von einem Einheimischen die Geheimnisse der Stadt näherbringen lassen. Danach werden wir wohl wieder zusammenfinden.

Meine Reisebegleiter heute wollen nicht bildlich im Blog erscheinen, aber ich versichere Euch, es sind nicht meine imaginären Freunde von früher, aus der Anstalt 🙂 Morgen kommen dann noch drei Personen dazu und dann geht hier die Post ab. Naja, das Pöstchen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten. Das Pöstchenchen.

Habe ich es schon geschafft, Euer Interesse zu wecken? Dann guckt doch bitte morgen wieder rein! Liebe Grüße, Euer

Mein Gott, so gucken Sie doch einmal normal!

Brügge 2025: Der Prolog

Ihr Lieben!

Wo ich dieses Jahr schon überall war! Barcelona, Berlin, Balkan, Bukarest, im Badischen, Bulgarien, Bonn, Bosnien. Logischerweise geht es daher diesmal nach Brügge in Belgien! Wie kommt es dazu? Meine inzwischen quasi aufgelöste Doppelkopfrunde Nr. 1, die aber in Freundschaften und Kulturtruppe weiterbesteht, hatte schon (mit Partnern) 2019 eine Reise nach Brügge gebucht, die dann aus coronaren Reiseverbotsgründen 2020 nicht angetreten werden konnte. Gottseidank war die Vermieterin der Villa kulant und erstattete die nicht unerhebliche Anzahlung. Noch lange hieß unsere WhatsApp-Gruppe „Wir fahr’n nach Brügge!“ oder so ähnlich. Wir hießen dann ja zwischenzeitlich auch immer wieder anders, z.B. „Merhaba, Ägypten!„, und jetzt sind wir bei Signal und heißen „BAKK-QSKG“. Wer wissen möchte, was das bedeutet, muss 100 Euro in die Vereinskasse zahlen! Denn wir planen weitere Reisen, die wollen ja finanziert sein.

Auf einen Vorschlag im Frühjahr hin, Brügge endlich mal Gestalt annehmen zu lassen, fanden wir überraschend schnell einen gemeinsamen Termin über den Tag der Deutschen Einheit. Wir werden fast alle von Donnerstag bis Sonntag dort sein, aber in unterschiedlichen Konstellationen. Ich werde als einziger drei Nächte bleiben, die anderen jeweils zwei. Alle zusammen sind wir am Freitagabend, da haben wir auch schon einen Tisch reserviert. Da nicht alle mitreisen, sind wir zwar nur zu sechst, aber spontan einen Tisch für sechs an einem Wochenende zu finden…

Die Unterkünfte haben wir einigermaßen zeitig gebucht, dennoch sind wir in verschiedenen Hotels untergebracht. Es ist eben eine sehr touristische Stadt. Dazu der deutsche Feiertag… Die Übernachtungskosten sind entsprechend hoch, haben sich aber seit meiner Buchung z.B. inzwischen verdreifacht. Unglaublich!

Ich war früher schon in Brügge/Brugge/Bruges. Meine Eltern hatten De Haan für sich als Wohlfühlort entdeckt, zeitweilig war ich in deren Urlauben auch dort. Da gehörte ein Ausflug nach Brügge zur Pflicht. Mein letzter Besuch ist allerdings ewig her. Ich erinnere mich noch an die Schokoladenläden, in denen es zu wuchtigen Preisen Köstlichkeiten sondergleichen gab. Ich habe noch die Kanäle vor Augen, den Beginenhof, die Moules&Frites, den berühmten Belfried. Letzterer darf übrigens bis heute nicht durch andere Bauwerke überragt werden. Dieser Glockenturm spielt eine zentrale Rolle in dem sehr skurrilen Film „Brügge sehen… und sterben“. Ich weiß übrigens bis heute – nach dreimaliger Sicht des Films – nicht, was ich von ihm halten soll. Aber immerhin preist das Lexikon des internationalen Films Brügge als grandiosen Schauplatz.

Ja, also, morgen werde ich mich nach der Arbeit in die Bahn setzen und über Brüssel nach Brügge reisen. Donnerstagabend gibt es dann vielleicht den ersten Bericht. Da wir aber an dem Tag als quasi niederländisch-spanisch-deutsches Trio ausgehen, kann ich dafür jetzt nicht garantieren.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr wieder alle mitreist. Und wenn Ihr mal hier nichts lesen könnt, liegt es eher an technischen (oder oben geschilderten) Problemen, als dass ich einem Ruf folgend als Begine den Rest meines Lebens in Keuschheit und … äh… also, technische Probleme halt. Herrjeh!

Ich freue mich auf Euch in Brügge! Euer

P.S.: Man sieht an der Qualität des Vorschaubildes, wie lange meine letzte Reise dorthin her ist. Es muss so zur Zeit von Kaiserin Theophanu gewesen sein.

P.P.S.: Hier noch ein Bild, dass ich bei der Fotorecherche gefunden habe. Da sitze ich 2006 in de Haan mit Idgie und Gwenny auf dem Schoß im Wohnzimmer des Ferienhauses. Die beiden Süßen!!! Da habe ich noch geraucht. Puh!

Feigen-Chutney

Ihr Lieben!

Vor ein paar Tagen waren für einen Spottpreis große, saftige Feigen im Supermarkt erhältlich, die fand ich so lecker, dass ich mir eine ganze Stiege gekauft habe. Zuhause musste ich dann feststellen, dass mit mir was durchgegangen war. Wer sollte die wann alle essen??? Ich putzte und halbierte sie und fror sie ein.

Heute hatte ich mal wenig zu tun, da holte ich sie aus dem Froster wieder raus, um Chutney daraus zu machen. Und das kam auch noch alles rein:

Gewürze: Salz, Pfeffer, Zimt, Curry, Cumin, Rohrzucker (100g). Essig: weißer Balsamico (100 ml). Feigengewicht: 1 kg.

Die Cumin-Samen habe ich bewusst separiert, weil diese noch in einer trockenen Pfanne angeröstet und dann gemörsert werden. Der Ingwer wird gerieben, Zwiebel, Knoblauch und Chili fein gerieben. Für feuriges Chutney belässt man die Kerne der Schote dabei.

Ich habe mich für eine Zubereitung in meinem treuen Auguste entschieden, aber man kann es natürlich auch im Kochtopf machen. Dann muss man halt selbst umrühren. Ich briet Zwiebeln, Knoblauch und Chili in etwas Rapsöl an, fügte die Gewürze und den Ingwer hinzu und briet noch einmal kurz durch. Abgelöscht habe ich dann mit dem Saft einer kleinen Orange sowie einer kleinen Limette. Zucker, Essig und Feigen kamen in den Topf, alles wurde sehr kurz durchpüriert. Dann auch Kochstufe mit Umrühren Stufe 1 bei 100°C für 40 Minuten kochen. Ich habe während des Kochvorgangs noch ein Schnapsglas kubanischen Rum hinzugefügt.

Alles in heiß ausgespülte Gläser füllen, sofort verschließen und auf den Kopf stellen (damit der Deckel heiß wird). Nach ein paar Minuten kann man die Gläser dann wieder richtig herum stellen. Das Chutney sollte sich dunkel und kühl gelagert mindestens ein Jahr halten.

Dürüm-Torte

Ihr Lieben,

eigentlich hätte ich heute zu Elke fahren sollen, aber ich hatte gestern dreieinhalb Stunden auf dem Zahnarztstuhl verbracht und war daher sehr froh, dass die beste Gattin von allen vorausschauend schon Mittwoch anbot, stattdessen hierher zu kommen; ich wisse ja am Besten, wie das nach dem Eingriff mit Essen so wäre. Ich nahm dankend an.

Es musste etwas sein, dass nicht zu sehr mit Abbeißen und wildem Kauen verbunden wäre. Ich dachte an Lasagne, aber die gibt es ja nun weißgott oft genug. Aber wie wäre es, wenn man statt der Nudeln Tortilla nähme? Und das Hackfleisch mit viel Gemüse durchmischte? Und das in einer Springform, quasi als Torte machte?

Ich bin kein großer Fan von Supermarkt-Tortilla, daher entschied ich mich, 25cm-Dürüm-Fladen zu kaufen. Die passen hervorragend in meine 26cm-Springform. Die Hackfleischmasse bereitete ich in einem Kochtopf zu (750 Gramm Rinder-Lamm gemischt), zusammen mit (alles gewürfelt oder kleingehackt) zwei Zwiebeln, einer Zucchini, zwei Tomaten, einem kleinen Bund Petersilie, einer gelben und einer halben grünen Paprika sowie vier Knoblauchzehen. Alles in Olivenöl angebraten und mit Salz, Pfeffer, Chili, Oregano und Paprika gewürzt und mit einer Packung passierter Tomaten verlängert.

Erste Schicht, noch ohne Käse.

Den Boden der Springform legte ich mit Backpapier aus, darauf einen Dürüm. Dann dünn abgetropfte Hackfleischmasse und eine Handvoll geriebenen Edamer. Darauf einen Dürüm usw. 5 Schichten ergab das, die letzte bildet ein Dürüm, der noch einmal mit Käse bestreut wird. Ab in den Ofen und bei 180°C 30 Minuten backen.

Fünfter Dürüm, ohne Hackfleisch, nur mit Käse.

Das bitte alles am Vortag. Viele Aufläufe wie Lasagne, Moussaka, Pasticcio bleiben erst nach Wiederaufbacken in Form, so, dass man sie schneiden kann, am Tag der Zubereitung zerlaufen sie auf dem Teller. Abgesehen davon hat man dann am Tag des Besuchs viel weniger Stress. Wenn der dann da ist, einfach noch einmal gut aufwärmen. Am besten abgedeckt, damit der Käse nicht anbrennt. 45 Minuten müssen das aber schon sein, sonst ist die Torte innen nur lauwarm.

Auch am Vorabend verrührte ich einen 500gr-Becher stichfesten 10%-Joghurt mit einem weiteren kleinen Bund gehackter Petersilie, 3 Knoblauchzehen, Salz, Pfeffer, etwas Zucker und zwei Spritzern Olivenöl. Der wurde zu der Dürüm-Torte gereicht. Dazu ein mit Vinaigrette angemachter Blattsalat mit Tomaten, Zucchini und Zwiebeln.

Elke hat es geschmeckt, mir auch. Und mit dem Gebiss ist auch alles gut gegangen!

P.S.: Einer der letzten Sommertage, wir haben auf dem Balkon gegessen.

P.P.S.: Ganz in Weiß… als hätten wir uns abgesprochen.

Balkan 2025 (Tag 17): …und Abflug

Ihr Lieben!

Das war schon irgendwie eine ganze Menge Eindrücke. Aber interessant bis schön war es!

Zum Flughafen kam ich mittels vorbestelltem Taxi, für die Fahrt muss man schon mindestens 45 Minuten einplanen, es ist viel Verkehr in Pristina. Der Taxifahrer wollte ein bisschen politisieren, ich war da nicht konzentriert genug für und schweifte immer auf Smalltalk ab. Wann ich denn wiederkäme? Dann aber für mindestens 10 Tage! Puh. 15 Euro Festpreis übrigens.

Resümee. Ich würde nur wenig anders machen. Z.B. vielleicht Ohrid und Prisren mit Übernachtung(en) einplanen.

Hier einmal eine Übersicht über meine Reise und die Kosten:

Vor Ort habe ich für alles (Essen, Einkäufe, Eintritte, Steuern, Fahrten, Souvenirs) noch einmal ca. 800 Euro ausgegeben. Klingt teuer, aber inzwischen zahlt man das ja auch fast für zwei Wochen Kanaren.

Die Hotels waren alle in Ordnung bis sehr gut. Datenvolumina habe ich mir über die Airalo-App gekauft. In der Regel 5 bis 8 Euro für eine Woche mit je 1 GB.

Geld, ich erwähnte es, lieber in kleinen Beträgen und nicht am Flughafen wechseln. Vielfach werden Karten akzeptiert. Blöd, wenn man sofort Bus- oder Taxigeld braucht. Man kann aber vorher schon Nahverkehrs- und Taxi-Apps installieren. Uber ist auf dem Balkan kaum vertreten.

Sehr hilfreich ist bei solchen Reisen eine Währungsumrechnungs-App. Auch sollte man sich Offline-Karten aller besuchten Gebiete herunterladen. Die Netzabdeckung ist zwar i.d.R. gut, aber es gibt Lücken und dann steht man da.

Aber wem erzähle ich das alles? Ich weiß von vielen, dass sie selbst ganz ausgebuffte Reisende sind.

So, ich bin zuhause, müde und daher auch ein bisschen schreibfaul. Daher sage ich mal Danke! fürs Mitreisen! Ich hoffe, Ihr hattet etwas Spaß am Miterleben. Wir sehen uns dann Anfang Oktober für ein langes Wochenende in Brügge wieder, wenn Ihr mögt.

Ganz viele liebe Grüße, Euer

Ja, ichhabsenichmehralle

Balkan 2025 (Tag 16): Trödeltag oder wie Gerry einfach mal rumtrö… äh…

Ihr Lieben!

Die klösterliche Pflaume konnte ich gestern Abend nicht auftrinken, die hat mir fast die Speiseröhre verätzt. Fühlte sich nach 98 Umdrehungen an, fand aber keinen Hinweis auf dem Fläschchen. Die Nacht war anfangs sehr laut. Man fährt hier als junger Spund bevorzugt hochmotorisiert und liefert sich ganz offensichtlich gerne Rennen. Da wollte wohl jemand, dass ich mich wie zuhause fühle.

Die kulturelle Hauptstadt (was auch immer das bedeuten mag) des Kosovo ist lt. Lonely-Planet-Reiseführer Prizren. Ich überlegte ja schon gestern, dann mal dort hinzufahren. Aber meine Recherchen beim Frühstück ergaben, dass ich dort eine Festung, eine serbisch-orthodoxe Kirche und eine Moschee vorfinden würde. Und dafür sechs Stunden im Bus sitzen bzw. darauf warten? Och nö… Dann doch nicht.

Ich beschloss, heute einfach mal einen auf ganz gemütlich zu machen. Ich hatte hier noch keinen Markt besucht, das machte ich dann als erstes heute. Hier ein paar Impressionen (man achte auf die Trauben aus meiner Geburtsstadt!):

Die Gegend war dann auch ganz interessant. Viele Cafés, in denen nur Männer abhingen (ohne Gay Pride Flagge), Barbershops (ich war fast versucht), eine Brautmodenstraße, unglaublich viele Juweliere. Kitsch wird hier hoch angesehen. Man kann preiswert Klamotten kaufen, aber über die Qualität kann ich natürlich nichts sagen. Apropos: Mein weißes Original-Armani-Shirt habe ich schon mit einer Tomatenscheibe veredelt. Mist. Ich weiß schon, warum ich grundsätzlich keine weißen Oberteile mag.

Es sollte einen archäologischen Park geben. Naja, da war irgendwas, aber das war geschlossen. Ich schlenderte stattdessen zum Stadtpark, in dem ich zu meiner großen Freude ein entzückendes Gartencafé vorfand. Ich bestellte einen Macchiato und plauderte mit dem Inhaber des kleinen Verkaufshäuschens. Auf deutsch natürlich. Es ist wirklich erstaunlich, wie verbreitet das hier ist. Vielleicht sollte ich hier als Lehrer arbeiten, wenn ich in Rente bin.

Auch an Schlendrian-Tagen vergeht die Zeit, Nickerchen im Hotel war angesagt. Danach zur Soma Book Station. Laut Reiseführer der angesagteste Ausgehspot Pristinas. Schon etwas besonderes, aber nicht besonders voll. Touristen sind halt noch sehr rar. Der Aperol-Spritz ist dafür aber hochpreisig und mit ca. 20 Eiswürfeln gestreckt.

Ich wanderte noch einmal den Mutter-Theresa-Boulevard rauf und runter, ließ mir Parfüm in einem Laden mischen, Note „Orientalische Nächte“ mit etwas Himbeere im Abgang, und begab mich frisch eingedieselt zu meiner Bierterrasse des ersten Tages. Ich war diesmal der einzige Gast. Während ich da so saß, kamen ein paar seltsam gewandete Männer an mir vorbei. Was das wohl wieder zu bedeuten hatte!? Überhaupt ist es die perfekte Glotz-Location.

Bevor ich essen gehe, noch etwas Plauderei. In den 70er Jahren war ein Rotwein namens Amselfelder sehr beliebt. War jetzt nicht der Brüller, sehr „lieblich“. Aber ging weg wie warme Semmeln. Ja, und dieses Amselfeld liegt bei Pristina. Der Wein kam allerdings von etwas weiter weg. Der Name Kosovo leitet sich möglicherweise von der Amsel ab, da gibt es einen populären Mythos zur Schlacht auf dem Amselfeld, Ende des 14. Jahrhunderts. Getötete Kämpfer der serbischen Streitmacht hätten sich in Amseln verwandelt. Ob’s stimmt? Naja, ich war nicht dabei. So, Bildungsauftrag für heute beendet.

Um die Ecke gibt es ein albanisches Restaurant, Albanezi, im Netz höchstgelobt. Da ließ ich mir Rippchen empfehlen und Wein aus der Gegend. Nein, war keine rote Plörre vom Schlachtfeld… Sehr leckerer Weißer. Der Kellner, Ihr ahnt es schon… Familie in Dortmund, Magdeburg und Stuttgart. Aber wir sprachen dann doch englisch, weil sein Deutsch noch in Kinderschuhen steckte. War sehr lecker, das Essen.

Es ging ans Packen. Ich lebte nun schon 16 Tage aus dem Koffer. Entsprechend musste ich mal aufräumen. Wo wohnen eigentlich die Hempels jetzt? Danach noch ein paar Bilder hier hochladen und dann zum Abschied leise Servus schluchzen. Naja, war schon bisserl anstrengend, daher ist jetzt auch gut. Freue mich auf meine vier Wände.

Morgen gibt es noch ein Resümee mit ein paar Tipps, falls Ihr auch mal über den Balkan lustwandeln wollt.

Gute Nacht, wir sehen uns in Deutschland! Euer

P.S.: Der Klosterwein ist grauenvoller Essig! Ich musste gerade noch mal in den Supermarkt!

Balkan 2025 (Tag 15): Klosterleben oder wie Gerry quasi wieder in Serbien war

Ihr Lieben!

Mein Hotel hat eine Frühstückskarte, so wie das in Belgrad. Tja. Wie J.W.G. schon klagte: „Zwei Frühstückseier köcheln, ach!, in meiner Brust!“. Einerseits wird einem alles gebracht, aber man hat dann eben nicht von allem etwas. Aber es war ein sehr liebevoll geschlagenes Omelette/Rührei. Das Ayvar war superscharf und superklasse! Da der Kaffee auch einzeln für jeden Frühstücksgast gebrüht wurde, schaute der Kellner etwas gequält bei meinem dritten.

Ich versuchte, mich mit dem Nahverkehr in Pristina auseinanderzusetzen, darüber vergingen drei Jahre. Aber immerhin bin ich jetzt schlauer als Google Maps. Pristina hat jetzt nicht so viel für Touristen an Programm zu bieten, da beschloss ich, nach Graçanicë zu fahren. Dort gibt es ein Kloster aus dem 14. Jahrhundert. Ich fuhr mit der Linie 7 (Jaha, Maps, so geht das! Dä!) wieder nah an den Busbahnhof, lief noch den einen Kilometer und erkundigte mich nach einer passenden Abfahrt. Ich musste zwar 30 Minuten warten, aber kam dann bequem für einen (!) Euro in das 10 Kilometer entfernte Örtchen. Am Busbahnhof sprach mich ein junger Mann auf albanisch an. Ich erwiderte auf englisch, ich könne ihn leider nicht verstehen. Ob ich Amerikaner sei? No, I am German. Da plapperte der in sehr gutem Deutsch los, wie es mir gehe, ob es mir im Kosovo gefalle, was ich denn hier mache? Und schüttelte mir vehement die Hand und wünschte mir einen schönen Urlaub. Toll!

In Graçanicë fühlte ich mich nach Serbien zurückversetzt. Als erstes stolperte ich über eine Gruppe serbischer Soldaten. Häh? Oder waren die nur verkleidet? Überall war serbisch geflaggt, was insbesondere merkwürdig anmutet, weil nur eine einzige einsame kosovarische Flagge, die am Polizeigebäude, zu sehen war. Auf einem Schulgelände (siehe auch weiter unten) gibt es eine Gedenktafel zweier getöteter Geschwister, „Opfer der NATO-Agressoren“. Man kann in Denar zahlen und man spricht und schreibt serbisch. Ihr könnt ja sagen, was Ihr wollt, aber hier brodelt es immer noch mehr als gewaltig. Die Bevölkerungsstruktur lt. Wikipedia ist quasi ein Patt zwischen Albanern und Serben. Die Roma und Ashkali haben zahlenmäßig nix zu melden. Die Stadtverwaltung will aber scheinbar heim ins Reich. Der Bürgermeister gehört zur serbischen Volksgruppe.

Das Kloster ist ummauert, man tritt durch eine kleine Pforte, wo -sorry – aggressive Bettlerinnen Spalier stehen. Dahinter eine wirklich schöne Anlage, in deren Zentrum eine prächtige Kirche steht. Ein kleiner Brunnen, ein kleiner Friedhof, Nebengebäude. Man darf nicht alles ansehen und vor allem darf man in der Kirche, die wegen ihrer einzigartigen Fresken berühmt ist, nicht fotografieren. Ihr werdet mir wahrscheinlich nicht glauben, aber ich platzte in eine Taufe (Ich kann doch auch nichts dafür!). Aber immerhin gibt es noch etwas anderes zwischen Heirat und Begräbnis. Und da die ganze Festgemeinschaft drauflosknipste, fiel ich nicht weiter auf, als ich auch fröhlich Mazeltov rufend Bilder machte. Nein, habe ich natürlich nicht gerufen. Leute!

Es gibt, wie Ihr seht, ein paar sehr… äh… interessante Fresken zu entdecken. In einem kleinen Spezialitätenshop erwarb ich eine Flasche Kloster-Rosé sowie ein Minifläschchen Kloster-Pflaumenbrand. Einen heiligen Geist sozusagen. Das Kloster ist übrigens im palaiologischen Renaissance-Stil errichtet. Falls Ihr das mal bei Günter Jauch benötigt. Aber sicher wusstet Ihr das schon.

Die Bushaltestelle für die Rückfahrt ist an der kleinen Touristeninformation, die aber geschlossen hatte. Die Internetseite Gjirafa informiert zuverlässig über Überlandfahrten und teilte mir mit, ich müsse hier noch 40 Minuten warten. Die Zeit nutzte ich, um das „Mosaik der Königin“ und das „Irgendwas des Königs“ zu suchen. Schilder wiesen darauf hin, dass diese Attraktionen quasi um die Ecke seien. Ich fand kein Mosaik, dafür aber auf dem Gelände der örtlichen Schule die Statue von Stefan Milutin, dem Stifter des Klosters und ein bedeutender Fürst seiner Zeit. Ach, unseren alten Freund Tesla habe ich auch wiedergesehen. Der steht in einem Mini-Park mit Minikapelle und Gedenkstein an den ersten Weltkrieg.

Obwohl der Bus aus Gjilan kam, war er auf die Minute pünktlich. Ich lief vom Busbahnhof in Pristina zu meiner vertrauten Haltestelle und setzte mich. Und wartete. Es kam die Linie 3a. Es kam die Linie 6. Es kam die Linie 1. Es kam die olympische Staffellaufmannschaft des Kosovo. Es kam das Fliwatüt. Nur die Linien 7 oder 7a, die ich gebraucht hätte kamen nicht. Und ich musste immer dringender. Ich mache es kurz, nach etwa 50 Minuten war ich im Hotel, unglücksfrei. Puh! Das war alles etwas stressig und so musste ich erst einmal ein Stündchen Siesta machen.

Pristina war gefühlt ja irgendwie fast abgegrast. Ich lief zum Madeleine-Albright-Denkmal am gleichnamigen Platz. Sie war unglaublich engagiert im Balkankonflikt, sie war gebürtige Tschechin. Nebenbei, auch Clinton hat eine Statue und einen Boulevard hier. „Newborn“ ist ein großer Schriftzug, der an ein Zitat von Albright erinnert, „Let us pledge that in Kosovo there will be a new birth of freedom, based on tolerance, law and respect for every human life.“, er steht vor dem Jugendsportzentrum. Gegenüber eine Installation aus mehr als 20.000 Medaillen, die an das Leid geschändeter, getöteter Frauen im Kosovo-Konflikt erinnert. Ein trauriges und wütend machendes Denkmal.

Natürlich gibt es auch hier eine Nationalgalerie, da bin ich anschließend hin. Sie ist leider wegen Bauarbeiten auf dem Gelände bis auf Weiteres geschlossen. In dem Bezirk buhlen aber auch auf kleinem Raum drei Moscheen um die Gläubigen. Die größte davon ist die Sultan-Mehmed-al-Fatih-Moschee, die besuchte ich dann auch von innen. Wieder sehr schlicht. Aber sehr nett angelegt, mit Brunnen und Teestube draußen.

Es war nun tatsächlich schon sehr spät und ich musste mal an Abendessen denken. Vorher nahm ich einen Aperitif auf der Dachterrasse des Sirius-Hotels. Den Signature-Cocktail. War lecker. Wäre ja auch doof, wenn ausgerechnet der Haus-Cocktail nicht schmeckt. Sonnenuntergang inklusive. Ich lief in die kleine Fressgasse, sucht mir ein Wine&Dine aus. Ich bestellte Weißwein. Haben wir nicht. Darf es ein roter sein? Hallo? Wine&Dine? Ich ging drei Häuser zurück, ich hatte im Hinterkopf, dass das Pishat ganz gute Bewertungen hatte. Man sitzt sehr nett dort. Ich bekam Weißwein, Salat, Brot und ein albanisches Gericht namens Tavë Elbasani, Fleisch und Pilze in einer gestockten Eier-Joghurt-Masse. Fand ich gut, hätte schärfer und mit mehr Knoblauch sein können. Der Kellner wollte wissen, woher ich komme und listete nach Preisgabe ein Dutzend norddeutsche Städte auf. Kiel gut! war sein Fazit. Jo, da kann man ja unterschiedlicher Auffassung sein. Der Cognac aufs Haus war samt und seidig. Mit 21 Euro war ich dabei.

Nun ist wieder Hotelzeit. Das Schöne in meinem Alter ist ja, dass der Arzt mir Tanzen verboten hat und ich daher nach 21 Uhr nicht mehr ausgehen darf. Der liest übrigens wahrscheinlich nicht mit.

Heute Abend hat es sich ganz schön zugezogen. Morgen ist mein letzter Tag, denn am Dienstag werde ich nur noch mit der Heimreise beschäftigt sein. Hm, was tun? Die kulturelle Hauptstadt des Kosovo soll ja Prizren sein. Leider nicht um die Ecke. Soll ich?

Habt einen schönen Restsonntag! Euer

Balkan 2025 (Tag 14): Pristina oder wie Gerry fast in einer Busschleife gefangen gewesen wäre

Ihr Lieben!

Heute ging es mal mit dem Bus weiter, vom zentralen Busbahnhof aus. Man schickte mich nach Zahlung einer Busbahnhofssteuer (?) zur Haltestelle 3. Als ich dort ankam, warteten schon Dutzende Menschen, die scheinbar ihren ganzen Hausrat dabei hatten. Und wirklich ausnahmslos jede/r (na gut, genau 2 Personen außer mir nicht und das waren Touristen) hat ununterbrochen geraucht. Schwangere, Greise, Kinder. Schwangere Greisinnen mit Kindern. Alle. Entsprechend stank es wie hulle. Ein winziger Minibus erschien, alles balgte sich um die Plätze. Als der Bus schon aus allen Nähten platzte, teilte mir der Fahrer mit, er könne mein Ticket nicht akzeptieren. Mit mir betraf das 6 weitere Personen. Drei wollten „nur“ einen Tagesausflug nach Pristina machen und blieben entspannt, wir vier anderen mussten ja irgendwie dahin und waren entsprechend schwer angepieselt. Ich schrieb der Travel-Agentur Gjirafa eine Mail, die immerhin sofort antwortete. Man versuche, das Problem mit dem Anbieter Amalfi-Tour zu lösen.

Der Fahrer des rollenden Aschenbechers telefonierte derweil auch mit irgendwem und schrieb mir dann 12.30 Uhr auf mein Ticket. Ein Mann aus der Gruppe meinte sarkastisch, der kommt wahrscheinlich auch nicht oder ist dann voll. Ich ging erst einmal einen Kaffee trinken. Um 11.30 Uhr lief ich aber wieder nervös zum Bussteig. Was ein Glücksfall war, denn da stand ein großer, nur zu einem Viertel besetzter Reisebus nach Pristina. Die „Amalfitour“isten durften sich beim Fahrer direkt ein Ticket für 8 Euro kaufen und um 11.45 Uhr ging es los.

Eine richtige Grenzkontrolle. An einer richtigen Grenze, nicht an irgendeinem Flughafen. Hatte ich lang nicht mehr. Das hielt uns ein bißchen auf, zumal auch noch eine Frau aussteigen musste, aber die Fahrt durch mazedonische und kosovarische Landschaften war ansonsten sehr nett. Die extra kontrollierte Passagierin war auch wieder an Bord. Wir kamen in Pristinas Zentralbusbahnhof an, von dem aus ich keinen Bus in die Stadt fand. Google riet mir, einen Kilometer zu laufen, da könne ich in die Linie 1. Hah! Die gab es zwar, aber die fuhr ganz woanders hin. Oh, flötete Google, dann steig doch da aus und nimm diese Linie. Fast war ich deswegen wieder am Busbahnhof. Also, wieder eine andere Linie. Und als die falsch abbog, sprang ich bei nächster Gelegenheit raus und ging die restlichen 1500 Meter zu Fuß. Immerhin kostet eine Fahrt nur 50 Cent. Es gibt Ticketverkäufer im Bus, die rumlaufen.

Das Hotel ist klein, das Zimmer ganz okay. Nur der versprochene Kühlschrank fehlte. Ob ich umziehen wolle, das Zimmer mit Kühlschrank sei aber recht klein. Wir einigten uns dann darauf, dass ich den Frühstücksraum-Kühlschrank mitbenutze, der 10 Meter entfernt steht.

Ich war zwar ein bisschen hinüber, aber es galt ja, die Stadt zu erkunden. Der zentrale Mutter-Theresa-Boulevard ist eine Parallelstraße weiter, es ist die Einkaufs- und Ausgehstraße Pristinas. Ich lief zuerst nach Süden, zur Mutter-Theresa-Kathedrale. Ja, man hat definitiv einen Kult um sie in Albanien, Mazedonien und im Kosovo aufgebaut. Die Kathedrale befindet sich zur Zeit inmitten einer riesigen Baustelle, kann aber besucht werden. Recht schmucklos ist sie, was ein wenig verwundert. Und sie sieht auf den ersten Blick recht neu aus, Baubeginn war 2007, aber sie bröckelt hier und da schon. Ups. Ob ich den Turm hinauf möge?, fragte mich ein Wärter. Och nee, ich bin ein bisschen schlapp. Es gäbe einen Aufzug. Nein! Doch! Ooh! Zwei Euro später hatte ich einen famosen Ausblick auf die Stadt.

Ich lief den Boulevard nach Norden, bis zum Denkmal von Skanderbeg bzw. Skënderbeu, wie er auf albanisch heißt. Kommt wem der Name bekannt vor? Na, kein Wunder, gab es den doch auch in Tirana. Auf dem Weg dorthin kam ich am staatlichen Rundfunk vorbei, dem RTK-Gebäude im post-, ach was, im mittendrinsozialistischen Stil. Grauslich! Kurz davor befindet sich die Bibliothek des Kosovo, benannt nach dem Autor Pjetër Bogdan. Das Gebäude als speziell zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Es ist ein metallverkleidetes Konstrukt mit 99 Kuppeln. Auf jeden Fall ein Hingucker.

Am Skanderbeg-Platz war alles für eine Großveranstaltung vorbereitet: Bühne, Stuhlreihen, Beschallung. „Zeit für Pristina“ stand auf Fahnen (also auf albanisch). Rechterhand das Nationaltheater, das eingerüstet war, die Statue des Ibrahim Rugova, erstem Präsidenten des Kosovo, links der Nationalheld aus dem 15. Jahrhundert. Dazu noch Nena Tereze (die Nonne), Zahir Pajaziti (Freiheitskämpfer) und zahlreiche andere Statuen. Das Parlamentsgebäude habe ich auch gesehen, das sieht fast erfrischenderweise wie ein deutsches Provinz-Rathaus aus den 70ern aus.

Es war Zeit für Einkäufe und Bier. Zuerst suchte ich einen Supermarkt auf, das war nicht so schwierig. Dann suchte ich eine Terrasse, die nicht zugequalmt war (na, was ist des Kosovaren liebstes Hobby???) und auf der es zusätzlich auch noch Alkohol gibt. Das war schon komplizierter. Die Republik Kosovo ist zwar säkulär, aber die führende Religion ist der Islam (93 %). Ich persönlich hätte mir vom Propheten ja gewünscht, dass er beim Alkohol nicht so streng, dafür beim Rauchen aber unerbittlich gewesen wäre. Aber ich fand eine fast leere Bar-Terrasse, während alle Cafés um uns herum überquollen. Für mich perfekt. Auf dem Boulevard begann die erste abendliche Passeggiata. Man spazierte herum und zeigte sich.

Es wurde Zeit, mir ein nettes Plätzchen zum Abendessen zu suchen. Das Shpija e Vjetër machte von Außen einen total gemütlichen Eindruck, also rein. Sollte mich hinsetzen, wo ich wollte. Okay. Hierhin. Sofort von Rauchern umzingelt, die vorher nicht da waren (ungelogen!). Aber man hatte einen NR-Bereich. Ich zog um und saß sogar noch schöner. Man brachte mir die Speisekarte. Oh, Burger und Salat, prima. Der Kellner kam. Ob ich denn auch die Getränkekarte sehen dürfe. Gebe es nicht. Nur Cocktails und Weine. Äh ja, dann einen Rosé. Gebe es nicht. Weiß oder rot. Aha. Dann weiß bitte. Und den Burger mit Salat. Gebe es nur bis 17 Uhr. Puh! Dann die Pizza Meeresfrüchte. Und die und der Wein waren dann gut. Beschallt wurde ich mit Ergüssen des Buena Vista Social Club, also auch am Musikgeschmack gab es nichts auszusetzen.

Ich hatte keinen Reinigungsservice seit Belgrad gefunden und wollte jetzt nicht am Dienstag einen Flugzeugabsturz riskieren, weil Pilot und erster Offizier ohnmächtig wurden. Ich glaube, eine balkanweite Waschsalon-Kette könnte Erfolg haben. Gibt’s hier irgendwie nicht. Daher kaufte ich in einem Laden noch original Boss- und Armani-Shirts für je 15 Euro. Sie da, Sie haben eine Anmerkung? Wie bitte? Jahaaaa! ORIGINAL!!! Ja, und dann Tagebuch und Schluss für heute. Schlaft gut! Ich hoffe, wir sehen uns morgen wieder, Euer

P.S.: Gjirafa-Travel erstattet mir immerhin den zuhause bezahlten Ticketpreis.

P.P.S.: Die Preise sind hier gefühlt bisher am niedrigsten. Das Hotel kostet mich 50 Euro die Nacht mit Frühstück, das Abendessen schlug mit 13 Euro zu Buche. Zwei sehr gut gefüllte Gläser Wein, eine kleine Flasche Wasser und die Frutti-Pizza. Bier auf dem Boulevard 3 Euro, war aber auch ein „gehobenes“ Etablissement. Zigaretten gibt es hier ab 1 Euro die Packung. Marlboro dann 1,75 oder so.

P.P.P.S.: Der erste Eindruck? Ja, ich werde es hier aushalten. Hier sind die Menschen sehr nett, das Wetter ist gut, alles ist bezahlbar. Aber blitzverliebt bin ich nicht. Bisher konnte ich auch nichts Charmantes entdecken.

„Kikiriki“ kann man in Skopje überall kaufen, aber selbst am letzten Tag habe ich mich nicht getraut.

P.P.P.P.S.: Der Vorteil des Restaurant-Kühlschranks ist, dass der Wein wirklich kalt ist! Yeah!