Ihr Lieben,
gestern sitze ich dumm an meinem Schreibtisch herum, da klingelt um 21 Uhr mein Handy. Nummer aus Innsbruck. Weggedrückt, was habe ich mit Innsbruck zu schaffen? 10 Minuten später: Nummer aus Innsbruck. Ich unwirsch: „WAS???“. „Hotel xyz hier. Wo bleiben Sie, Sie wollten um 17 Uhr einchecken?“. Meine Stornierung war im System nicht vermerkt worden. Es konnte aber aufgeklärt werden, ich hatte die Storno-Bestätigung aufgehoben.
Was inzwischen weltweit bekannt sein dürfte: ich liiiiebe reisen, aber hasse packen! Immerhin habe ich seit 100 Jahren eine Kofferpackliste, so dass ich nichts vergesse. Da stehen merkwürdige Sachen drin, Anzug und Krawatte z.B. Herrjeh. Bräuchte man beim Käpt’ns Dinner, aber da habe ich prinzipiell wenig Lust drauf, das ist mir zu viel Chi-chi. Bleiben also zuhause. Auch sonst gebe ich mir inzwischen wenig Mühe. Koffer unter das Schrankbrett, einmal mit dem Arm alles rauswischen, fertig.
Sonntags um 8:45 Uhr musste ich am Kölner Hauptbahnhof sein, und das am Tag des Köln-Marathons. Puh! Ich stand früh auf und machte mich eine halbe Stunde eher als eigentlich erforderlich auf. Das war gut so, denn es fiel schon die erste Straßenbahn aus. In Deutz stieg ich in die S-Bahn zum Hauptbahnhof um. Vor dem Bahnhof alles gesperrt und voll von Menschen in bunter Funktionskleidung. Tausende! Ich hoffe, alle hatten Spaß beim Rennen.
Ihr Lieben, Ihr wisst, wie gern ich auf der Bahn rumhacke, aber heute geschah ein Wunder. Meine fast 7-stündige Reise verlief ohne jedwedes Problem, ich kam auf die Minute pünktlich in Warnemünde an. Tränen der Rührung wegen der Erinnerung an bessere Zeiten kullerten mir die Wange herunter. Es schienen aber nicht alle so ein Glück gehabt zu haben, denn der Zug war brechend voll von Menschen, deren Züge ausgefallen oder massiv verspätet waren. Die stritten sich dann mit den Menschen, die für den ICE Rügen, so heißt die Verbindung Köln-Rostock, keine Sitzplatz-Reservierung hatten um die wenigen freien Plätze.
Das Hotel macht einen sehr guten ersten Eindruck, ich schaue zwar in den Hinterhof, aber ich wollte ja auch nicht glotzend auf der Bettkante sitzen. Ich schmiss meine Plünnen ins Zimmer und begab mich auf Entdeckungstour. Vor fünf Jahren war ich schon einmal in Warnemünde, daher schlenderte ich entspannt über die pittoreske Alexandrinenstraße zum Strand, zum Teepott, einer Art Kurhaus, die aber eher an die schwangere Auster Berlins als an einen Teepott erinnert, zum Leuchtturm und zu den Leuchtfeuern.









Zurück ging es dann den Alten Strom entlang , wo ich aufschnappte, dass ein Schiffskonvoi die Ausfahrt des Kreuzfahrtschiffes AIDAmar begleiten würde. Das klang doch prima. An Bahnhof und Riesenrad vorbei lief ich zum Ufer vor dem Cruise-Terminal, wo halb Warnemünde versammelt war. Leutz, ich weiß, es ist ökologisch Scheiße, aber ich bin Muschelschubser und liebe das Meer, Boote, Schiffe, ferne Welten. Und als alle um die Wette tuteten, sich das majestätische Schiff und die ganzen Ausflugskutter zu einer Parade formierten, da floss mein Herz über. Morgen, da wird man mir dann zuwinken. Leider ist mein Balkon auf der falschen Seite…







Eine Kollegin riet mir, in Warnemünde das DDR-Schnitzel zu essen. Panierte Jagdwurst mit Spirelli und Tomatensauce. Ich fand es auf keiner Karte der Restaurants am Strom (übrigens angesichts des Gewässers ein etwas hochtrabender Name), daher ließ ich mich auf Fischsuppe und Würzfleisch (ist ja auch eine DDR-Spezialität) nieder und guckte dem Treiben auf der Promenade zu. Als ich ankam, war Warnemünde proppevoll, und auch als die Aida schon lange weg war, gab es genug Publikum aus aller Welt zu bestaunen. Das Essen auf der Terrasse des „Twee“ war übrigens sehr lecker! Es gibt Worcestershiresauce Dresdner Art hier, kein Scherz.




Zwar lag auf meinem Zimmer eine Broschüre einer Discothek, aber ich wollte meinen inneren Travolta nicht wecken. Er schläft schon so lange. Daher zog ich mich ins Hotelzimmer zurück, schrieb Tagebuch und werde jetzt ein bisschen streamen.
Morgen um 13 Uhr ist Einschiffung. Zu sehen an Land gibt es dann erst wieder etwas in zwei Tagen in Rotterdam. Übrigens, ganz wichtige Info für Euch: Meine Kabinennummer ist 11160; solltet ihr gerne einen Obstkorb oder eine Flasche Wein für mich ordern wollen (insbesondere letzteres beflügelt ja mein Dichterherz!).
Also, ich hoffe, wir lesen uns morgen Abend wieder. Kann allerdings sein, dass ich auf See kein Netz habe und der Bericht verspätet kommt.
Liebe Grüße aus Warnemünde, Euer

